mini|Mary Gawthorpe Mary Eleanor Gawthorpe (* 12. Januar 1881 in Woodhouse, Leeds, Vereinigtes KönigreichInternational Women’s Day and Suffrage in Leeds Artikel auf secretlibraryleeds.com vom 14. März 2014 (engl.), aufgerufen am 8. März 2015; † 12. März 1973 in Whitestone (Queens), New York, Vereinigte StaatenBiografie auf dlib.nyu.edu (engl.), aufgerufen am 8. März 2015) war eine britisch-amerikanische Sozialistin, Gewerkschafterin und Suffragette. Sie gehörte zu den führenden Persönlichkeiten im Kampf für das Wahlrecht für Frauen im Großbritannien des beginnenden 20. Jahrhunderts. Nach ihrer Emigration in die Vereinigten Staaten 1916 war sie auch dort in Interessensverbänden der Arbeiter- und der Frauenrechtsbewegung aktiv.
Familie Die Eltern Gawthorpes Mutter, Annie Eliza Gawthorpe, geborene Mountain, kam um 1857 in Yorkshire zur Welt.Erfassung von Annie E. Gawthorpe im Zensus 1901 auf ancestry.co.uk (engl.), aufgerufen am 8. März 2015 Sie erwies sich als gute Schülerin, jedoch war die Familie zu arm, um ihr einen längeren Schulbesuch zu ermöglichen. Bereits mit zehn Jahren musste sie anfangen, in der örtlichen Textilfabrik zu arbeiten. Ihren Traum, Lehrerin zu werden, konnte sie sich folglich nie erfüllen; es war ihr daher sehr wichtig, ihren Kindern eine umfassende Schulbildung zu ermöglichen.Biografie auf spartacus-educational.com (engl.), aufgerufen am 8. März 2015
Vor der Heirat mit Gawthorpes Vater, John Gawthorpe, verließ sie die Textilfabrik und arbeitete zu Hause, wo sie ihre Schwester beim Nähen von Kleidern unterstützte.Sandra Holton: Suffrage Days : Stories from the Women’s Suffrage Movement. Routledge, London 1996, S. 115 (online) Nach der Hochzeit arbeitete sie gelegentlich wieder in der Textilfabrik und als Wäscherin, um die Familie zu unterstützen.
Gawthorpes Vater wurde um 1854 wie die Mutter in Yorkshire geboren.Erfassung von John Gawthorpe im Zensus 1901 auf ancestry.co.uk (engl.), aufgerufen am 8. März 2015 Er war sehr vielseitig tätig, so arbeitete er in einer Gerberei und war Laienprediger in der Kirche. Daneben leitete er die Sonntagsschule sowie einen Chor und war Kapitän eines örtlichen Cricketteams. Obendrein engagierte er sich in der Conservative Party und war politischer Assistent des Parlamentsabgeordneten seines Bezirks. Kurzzeitig hatte er Pläne, ebenfalls für das House of Commons zu kandidieren, welche er aber schon bald verwarf.
Des Weiteren liebte er es zu lesen und war auch selbst schriftstellerisch tätig. Er gewann einige lokale Literaturwettbewerbe. Mary Gawthorpe schätzte ihn später als Opfer seines sozialen Umfeldes ein; ihrer Meinung nach hätte er sich in einer intellektuellen Umgebung deutlich besser entfalten können, als es ihm als Angehörigem der Arbeiterschicht möglich war.
Familienleben Gawthorpe hatte vier Geschwister, von denen jedoch nur zwei, ihre Schwester Annie Gatenby und ihr Bruder James Arthur, das Erwachsenenalter erreichten. Den frühen Tod ihrer beiden anderen Schwestern innerhalb eines Jahres führte Gawthorpe später auf die mangelnde Hygiene in ihrem Wohnumfeld zurück. So befand sich etwa der Abort außerhalb der Wohnung und wurde von mehreren Familien gemeinschaftlich benutzt. Andererseits waren derartige Wohnverhältnisse für die Arbeiterschicht dieser Zeit durchaus nicht unüblich.Sandra Holton: Suffrage Days : Stories from the Women’s Suffrage Movement. Routledge, London 1996, S. 116 (online)
Die Stimmung in der Familie war oft gereizt. Ein Grund hierfür war die schwierige finanzielle Situation, da die beiden früh verstorbenen Kinder teure Medikamente benötigt hatten. Hinzu kam, dass auch die Mutter in dieser Zeit schwer erkrankte. Ein weiterer Grund war die politische Aktivität des Vaters. Annie Gawthorpe konnte mit den neuen Bekanntschaften, die die Familie dadurch machte, nie wirklich warm werden, was ihr bei den selbigen den Spitznamen Die Puritanerin einbrachte.
Die Situation in der Familie verschärfte sich zunehmend, als der Vater zu trinken begann, was schließlich dazu führte, dass Annie Gawthorpe immer häufiger statt im gemeinsamen Ehebett im Bett der Tochter übernachtete.Sandra Holton: Suffrage Days : Stories from the Women’s Suffrage Movement. Routledge, London 1996, S. 117 (online) Auch plünderte er wiederholt die Familienkasse, was um das Jahr 1902 fast dazu führte, dass man das Klavier, das sich in Familienbesitz befand, verkaufen musste. Dieses war jedoch die Arbeitsgrundlage für James Arthur, dem jüngeren Bruder Marys, der eine Anstellung in einem Musikgeschäft gefunden hatte. Dieses Ereignis war der Auslöser dafür, dass sich die Mutter, Mary und ihre beiden Geschwister dazu entschlossen, den Vater zu verlassen und aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Keiner der vier hielt anschließend noch Kontakt zu John Gawthorpe.Sandra Holton: Suffrage Days : Stories from the Women’s Suffrage Movement. Routledge, London 1996, S. 118 (online)
In Großbritannien Frühe Jahre Die junge Mary Gawthorpe erwies sich als gute Schülerin und fand für ihre schulischen Bemühungen viel Unterstützung von ihren Eltern. Jedoch kam auch sie, aufgrund der Schulden ihrer Eltern, nicht umhin, neben der Schule zu arbeiten, um die Familie zu unterstützen. Sie handelte mit gebrauchten Büchern und half ihrem Vater beim Betrieb einer kleinen Nachrichtenagentur. Hier unterstützte sie vor allem die Sportberichterstattung, wobei es ihre Aufgabe war, die neu geschriebenen Berichte von den diversen Sportplätzen der Umgebung einzusammeln und zu den Büros der Zeitungen zu bringen.
Als sie die Schule im Alter von 13 Jahren abschloss, wurde sie von ihrem Schulleiter für eine Prüfung angemeldet, die ihr ein Stipendium für eine weiterführende Schule ermöglichen sollte. Sie bestand die Prüfung, doch die Geldsorgen innerhalb der Familie ließen es nicht zu, dass sie sich ausschließlich der Schule widmete. Stattdessen arrangierte der Vater für sie eine Einstellung als Pupil-Teacher, also als Aushilfslehrerin, an ihrer alten Schule.
In der Folgezeit arbeitete Gawthorpe hart; tagsüber unterrichtete sie und nachts lernte sie, sodass sie die weiterführenden Prüfungen auf dem Weg zu einer voll qualifizierten Lehrerin meisterte. Sie erhielt ein weiteres Stipendium, welches sie allerdings abermals nicht antrat, um ihre Mutter nicht vollständig vom unsicheren Einkommen des Vaters abhängig zu machen. Dennoch schaffte sie es unter großer Anstrengung, auch ihre letzten Examen zu bestehen und ihre Ausbildung zur zertifizierten Grundschullehrerin mit BestnotenElisabeth Crawford: The women’s suffrage movement : a reference guide 1866-1928. UCL Press, London 1999, S. 242 (online) abzuschließen. In ihrer Kindheit hatte sie sich vorgenommen, beruflich einmal auf eigenen Beinen zu stehen. Dieses Ziel hatte sie nun mit knapp 21 Jahren erreicht.
Beginn der politischen Aktivität Gawthorpe fuhr damit fort, sich weiterzubilden. Sie nahm Gesangsstunden und besuchte die Leeds School of Music, wo sie sich als begabte Mezzosopranistin hervortat. Des Weiteren begann sie mit dem Klavierspiel, besuchte Rhetorikkurse und strebte sogar einen Universitätsabschluss an. Schon bald fand sie auch privates Glück und verlobte sich mit einem Schriftsetzer bei der Yorkshire Post namens T. B. Garrs. Über ihn fand sie auch ersten Zugang zu den sozialistischen Kreisen ihrer Umgebung. Sie besuchte regelmäßig die Labour Church, in der sie auch erste öffentliche Reden hielt, und bald schon gestaltete sie die Frauenseite in der lokalen Kirchenzeitschrift Labour News.Sandra Holton: Suffrage Days : Stories from the Women’s Suffrage Movement. Routledge, London 1996, S. 119 (online)
Über einen Arbeitskollegen Garrs erhielt das Paar auch Eingang in den Leeds Arts Club des Intellektuellen Alfred Richard Orage, in dem zu jener Zeit auch Edward Carpenter und George Bernard Shaw verkehrten. Gawthorpe übernahm Ämter in diversen Vorläufern und Splittergruppen der frühen Labour Party und wurde beispielsweise Vizepräsidentin der Independent Labour Party in Leeds. Sie engagierte sich außerdem in den Lehrergewerkschaften National Union of Teachers und National Federation of Assistant Teachers, wo sie sich besonders für ein staatlich subventioniertes Schulessen einsetzte, ein Thema, welches vor allem im Winter 1904/1905 durch eine hohe vorherrschende Arbeitslosigkeit in den öffentlichen Fokus rückte.
Engagement in der Suffragettenbewegung Erste Schritte Mit der Suffragettenbewegung ihrer Zeit kam Gawthorpe zum ersten Mal in Kontakt, als sie eine Rede Christabel Pankhursts in der Labour Church hörte. Selbst aktiv wurde sie im Oktober 1905, als sie von der Verhaftung Pankhursts und Annie Kenneys in der Free Trade Hall in Manchester erfuhr. Die Pionierin der Frauenrechtsbewegung in Leeds, Alice Scatcherd, war zu dieser Zeit bereits nicht mehr politisch aktiv, und so war Gawthorpe im Wesentlichen auf sich alleine gestellt, als sie damit begann, politische Veranstaltungen zu stören und Politiker gezielt zu schikanieren. Da die militante Women’s Social and Political Union (WSPU) von Emmeline und Christabel Pankhurst zu dieser Zeit fast ausschließlich in London und Leicester tätig war, trat sie stattdessen der gemäßigteren National Union of Women’s Suffrage Societies (NUWSS) bei, die in Leeds von der Gewerkschafterin Isabella Ford geleitet wurde.Sandra Holton: Suffrage Days : Stories from the Women’s Suffrage Movement. Routledge, London 1996, S. 120 (online)
In der NUWSS traf Gawthorpe bald schon auf ihre ehemalige Schulkameradin Ethel Annakin und über Ford lernte sie auch Millicent Garrett Fawcett kennen. Die erste Jahreshälfte 1906 war von zahlreichen Auftritten geprägt, auf denen Gawthorpe Reden für die Suffragetten, die Gewerkschaften, die Lehrerverbände oder die Sozialisten hielt. Sie machte sich hierdurch auch über die Stadtgrenzen Leeds hinaus einen Namen, sodass sich ihr Tätigkeitsradius rasch vergrößerte.Sandra Holton: Suffrage Days : Stories from the Women’s Suffrage Movement. Routledge, London 1996, S. 121 (online)
Zwischen März und Juni 1906 gab Gawthorpe ihre Tätigkeit als Lehrerin auf und half Mitte des Jahres dabei, in Leeds einen Ableger der Women’s Labour League (WLL) zu etablieren. Diese Organisation war in London von Margaret MacDonald, der Ehefrau James Ramsay MacDonalds, gegründet worden, über welche Mary Gawthorpe noch im selben Jahr ersten Kontakt zu Kabinettsministern aufnehmen konnte.Sandra Holton: Suffrage Days : Stories from the Women’s Suffrage Movement. Routledge, London 1996, S. 122 (online)Sandra Holton: Suffrage Days : Stories from the Women’s Suffrage Movement. Routledge, London 1996, S. 123 (online)
Ein wesentlicher Unterschied im politischen Ansatz von WSPU auf der einen und NUWSS beziehungsweise WLL auf der anderen Seite lag in dieser Zeit darin, dass die WSPU vorrangig Politik gegen die regierende Liberal Party betrieb und die beiden letzteren Organisationen Kampagnen für die Labour Party organisierten, die der Sache der Suffragetten am wohlwollendsten gegenüberstand. Dies führte teilweise zu Interessenskonflikten, wenn die Anti-Liberal-Politik der WSPU der Conservative Party anstelle von Labour entgegenkam. Dies war auch im August 1906 der Fall, als die WSPU bei der Nachwahl im Wahlbezirk Cockermouth den Labour-Kandidaten Robert Smillie nicht mehr unterstützte. Gawthorpe, die im Auftrag der WLL eine Wahlkampagne für Smillie leitete, sollte zum Übertritt in die militantere Organisation der Pankhursts bewegt werden, hielt der WLL aber vorerst noch die Treue. Kurze Zeit später jedoch, nachdem sie in London auch Emmeline Pankhurst kennengelernt hatte, akzeptierte sie ein Angebot der WSPU und trat der Union als Organisatorin bei.Sandra Holton: Suffrage Days : Stories from the Women’s Suffrage Movement. Routledge, London 1996, S. 125 (online)
Organisatorin in der WSPU