Abū ʿAlī Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb al-Dschubbā'ī (; geboren 849 in Dschubbā in Chuzistan; gestorben 916 in ʿAskar Mukram bei Ahwāz) war einer der wichtigsten Theoretiker der Muʿtazila und gleichzeitig einer der bedeutendsten Vertreter des Kalām um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert. Wie Ibn an-Nadīm vermerkt, kam ihm zu seiner Zeit die Führung der Muʿtaziliten von Basra zu.Vgl. Ibn an-Nadīm: al-Fihrist. Ed. Ibrāhīm Ramaḍān. Dār al-Maʿrifa, Beirut, 1997. S. 213. (Online-Version). Unter den zahlreichen von ihm diktierten Werken befand sich auch ein Korankommentar. Dieser hat sich zwar nicht eigenständig erhalten, ist jedoch anhand von Zitaten in späteren Werken teilweise rekonstruiert worden.

Al-Dschubbā'īs Lehre hatte vor allem in ChuzistanVgl. al-Baġdādī: Al-Farq baina l-firaq 161. und unter den Eliten von FarsVgl. Ibn Ḥauqal: Kitāb Ṣūrat al-Arḍ. 2. Band. Brill, Leiden, 1939. S. 292. viele Anhänger. Zu seinen zahlreichen Schülern gehörte auch der bekannte Theologe Abū l-Hasan al-Aschʿarī. Er wandte sich allerdings später von ihm ab und gründete eine eigene theologische Schule, die Aschʿarīya genannt wird.

Leben Erster Lebensabschnitt Abū ʿAlī al-Dschubbā'ī wurde in Dschubbā geboren, einem Ort zwischen Basra und Ahvaz am Dudschail-Fluss, in dem Zuckerrohr angebaut wurde.Vgl. Guy Le Strange: The Lands of the Eastern Caliphate. Cambridge, 1905. S. 243. Digitalisat. Er war der Nachfahre eines Klienten von ʿUthmān ibn ʿAffān namens Humrān ibn Abān.Vgl. Ibn Ḫallikān: Wafayāt al-aʿyān. Bd. IV, S. 267. - Engl. Übers. Bd. II, S. 670. Über seine Kindheit ist kaum etwas bekannt, außer dass man ihn einmal vor dem Tode rettete, als er beim Wasserholen vom Wasser des Flusses fortgerissen wurde.Vgl. ʿAbd al-Ǧabbār: Faḍl al-iʿtizāl. 1974, S. 287. Als er in jungen Jahren nach Basra kam, stieß er dort auf den Muʿtaziliten Abū Yaʿqūb Yūsuf ibn ʿAbdallāh asch-Schahhām, einen Gefährten des Abū l-Hudhail, und ging bei ihm in die Lehre. Es heißt, er habe gerne bei den Diskussionen der Kalām-Gelehrten zugehört und hinterher asch-Schahhām den genauen Verlauf der Diskussionen nacherzählt. Schon in diesen frühen Jahren war er für seine argumentative Stärke (qūwat al-ǧadal) bekannt.Vgl. Ibn al-Murtaḍā: Ṭabaqāt al-Muʿtazila. 1961, S. 80. Bei einzelnen Diskussionen, an denen man ihn teilnehmen ließ, trieb er seine Gegner in die Enge.

Aufenthalt in Bagdad ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad berichtet, dass al-Dschubbā'ī von seinem Vater genügend Vermögen hatte, um davon zu leben.Vgl. ʿAbd al-Ǧabbār: Faḍl al-iʿtizāl. 1974, S. 295. Zwischen 870 und 872 verließ er Basra und lebte eine Zeitlang in Bagdad. Über seinen Aufhalt in Bagdad ist so gut wie nichts bekannt,Vgl. Gwynne: The tafsīr of Abū 'Alī al-Jubbā'ī. 1982, S. 10. außer dass hier der bekannte muʿtazilitische Gelehrte Abū l-Qāsim al-Balchī seinen Unterricht besuchte.Vgl. Gwynne: The tafsīr of Abū 'Alī al-Jubbā'ī. 1982, S. 11.

Aus einer Passage in al-Aschʿarīs doxographischem Werk Maqālāt al-islāmīyīn geht hervor, dass sich al-Dschubbā'ī allerdings in Bagdad in seiner religiösen Gedankenfreiheit beeinträchtigt sah. In dieser Passage wird berichtet, dass al-Dschubbā'ī grundsätzlich zwischen zwei Arten von geographischen Gebieten unterschied, dem „Haus des Unglaubens“ (dār al-kufr) und dem „Haus des Glaubens“ (dār al-īmān). „Haus des Unglaubens“ war für ihn „jedes Gebiet, das man nicht passieren kann oder in dem man sich nicht aufhalten kann, ohne eine Form des Unglaubens oder des Einverständnisses mit dem Unglauben zu zeigen.“ Auch Bagdad hielt al-Dschubbā'ī in diesem Sinne für ein „Haus des Unglaubens“, weil man sich dort nicht aufhalten könne, ohne Unglauben vorzugeben. Das, was er als Unglauben betrachtete, waren die sunnitischen Dogmen wie die Lehre von Unerschaffenheit des Korans und die Erschaffung der Sünden durch Gott.Vgl. al-Ašʿarī: Maqālāt al-islāmīyīn. S. 464.

Als führender Theologe der Muʿtazila in ʿAskar Mukram Um 890 zog al-Dschubbā'ī von Bagdad nach ʿAskar Mukram nordöstlich von Ahwāz um. In dieser kleinen Stadt, die auf Grund des in der Gegend betriebenen Zuckerrohranbaus sehr wohlhabend war,Vgl. Ḥudūd al-ʿĀlam. Ed. V. Minorsky. London 1937. S. 130. blieb er bis zum Ende seines Lebens wohnen und versammelte einen Kreis von Schülern um sich. Unter ihnen befanden sich bekannte Persönlichkeiten wie ʿAbd al-Wāhid ibn Muhammad al-Husainī, Muhammad ibn Zaid al-Wāsitī, Abū l-Fadl al-Hudschandī und Mūsā ibn Rabāh und Abū l-Hasan al-Aschʿarī. Auch aus Chorasan und Transoxanien reiste man zu ihm, um seinen theologischen Diskussionen zuzuhören.Vgl. ʿAbd al-Ǧabbār: Faḍl al-iʿtizāl. 1974, S. 290. Eine besonders herausgehobene Position unter seinen Anhängern nahm Abū ʿAbdallāh Muhammad ibn ʿUmar as-Saimarī (gest. 927) ein, der fast gleich so alt wie al-Dschubbā'ī war und vorher bei den Muʿtaziliten in Bagdad, insbesondere al-Chaiyāt, studiert hatte. Al-Dschubbā'ī sprach von ihm angesichts seines Alters als „unser Meister“ (šaiḫu-nā), um ihm damit Respekt zu erweisen.Vgl. Heemskerk: Suffering in the Muʿtazilite theology. 2000, S. 23.

Unter denjenigen, die bei al-Dschubbā'ī studierten, waren auch seine Tochter und sein Sohn. Seine Tochter verbreitete die muʿtazilitischen Lehren unter den Frauen der Umgebung.Vgl. Ibn al-Murtaḍā: Ṭabaqāt al-Muʿtazila. 1961, S. 109. Eines der Werke al-Dschubbā'īs bestand aus allein aus Antworten auf ihre Fragen.Vgl. Gimaret: „Matériaux pour une bibliographie des Jubbaʾi“ 1976, Nr. 14. Mit seinem Sohn Abū Hāschim hatte al-Dschubbā'ī zahlreiche theologische Auseinandersetzungen. Diese führten in manchen Fällen dazu, dass er sich dessen Meinung anschloss.Vgl. Heemskerk: Suffering in the Muʿtazilite theology. 2000, S. 24.

Al-Dschubbā'ī soll nur sehr selten Bücher zur Hand genommen haben. ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad zieht seine Gefährten mit der Aussage, sie hätten insgesamt nur zwei Mal Bücher in seiner Hand gesehen. Das erste sei der Zīdsch von al-Chwarizmi gewesen, das zweite al-Ǧāmiʿ al-kabīr von asch-Schaibānī.

Den Ort ʿAskar Mukram verließ al-Dschubbā'ī nur noch, wenn er in benachbarten Städten Diskussionsrunden beiwohnen oder finanzielle Angelegenheiten regeln wollte.Vgl. Gwynne: The tafsīr of Abū 'Alī al-Jubbā'ī. 1982, S. 11. So reiste er regelmäßig einmal im Jahr nach Ahwāz, wenn dort die Grundsteuer (ḫarāǧ) eingesammelt wurde, um den ihm zustehenden Anteil davon abzuholen. Diesen verteilte er dann unter seinen bedürftigen Schülern und den Armen der Umgebung. Abū ʿAlī at-Tanūchī (gest. 994) überliefert einen längeren Bericht darüber, wie al-Dschubbā'ī dem Chef der Finanzbehörde (ṣāḥib ad-dīwān) von Ahwāz, mit dem er befreundet war, seine Verantwortung für die Unrechtstaten seiner Beamten ins Gedächtnis rief und ihn dazu brachte, reumütig umzukehren und sein Amt aufzugeben.Vgl. at-Tanūḫī: Nišwār al-muḥāḍara wa-aḫbār al-muḏākara. Ed. ʿAbbūd Šālǧī. Dār Ṣādir, Beirut, 1995. Bd. I, S. 221–224. Außerdem wird berichtet, dass Dschubbā'ī einmal im Sūq von Ahwāz eine Disputation mit dem chorasanischen Muʿtaziliten al-Hārith al-Warrāq hatte.Vgl. Fück: „Neue Materialien zum Fihrist“. 1936, S. 303f.

Der Bruch mit al-Aschʿarī Ein sehr bekannter Schüler al-Dschubbā'īs war Abū l-Hasan al-Aschʿarī. Er wandte sich aber, nachdem er die Werke des basrischen Traditionariers Zakarīyā ibn Yahyā ad-Dabbī (gest. 920) kennengelernt hatte,Vgl. al-Baġdādī: Al-Milal wa-n-niḥal. 1970, S. 128f. von ihm ab und wurde Sunnit.Vgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. 1986. Bd. XVI, S. 183. Die beiden Theologen al-Aschʿarī bekämpften sich fortan auch gegenseitig in ihren Schriften (siehe unten).

Auslöser für al-Aschʿarīs Abkehr von seinem Lehrer war nach einer bekannten Anekdote die Erörterung des Problems der drei Brüder, auf das al-Dschubbā'ī keine Antwort wusste. Bei diesem Problem wird angenommen, dass es drei Brüder gibt, von denen der eine gläubig, tugendhaft und fromm war, der zweite ein von Gott verworfener Ungläubiger und Wüstling und der dritte ein Kind. Al-Aschʿarī wollte wissen, wie das Schicksal der drei im Jenseits aussieht, wenn sie sterben. Al-Dschubbā'ī antwortete darauf: „Der tugendhafte Bruder hat eine hohe Stellung im Paradies, der Ungläubige ist in den Tiefen der Hölle, und das Kind ist unter denjenigen, die Rettung erlangt haben.“ – „Wenn nun der Bruder, der als Kind gestorben ist, die gleiche Stellung haben möchte, wie der tugendhafte Bruder, ist dies möglich?“ Al-Dschubbā'ī verneinte und begründete das damit, dass der tugendhafte Bruder in seinem Leben mehr verdienstvolle Werke erworben hatte als das Kind. Als al-Aschʿarī dagegen einwandte, dass der als Kind gestorbene Bruder durch seinen frühen Tod gar nicht die Gelegenheit gehabt habe, verdienstvolle Werke zu erwerben, versuchte al-Dschubbā'ī seinen frühen Tod damit zu erklären, dass Gott wusste, dass er im Falle des Weiterlebens sündig geworden wäre. Hierauf erwiderte al-Aschʿarī, dass in diesem Fall auch der Bruder, der zum Sünder geworden war, Anrecht auf einen frühen Tod gehabt hätte. Al-Dschubbā'ī konnte darauf nicht antworten. Daraufhin verließ al-Aschʿarī seinen Lehrer, und beide empfanden eine tiefe Aversion gegeneinander. So weit die Anekdote in der Form, wie sie Ibn Challikān erzählt. Allerdings hat Rosalind Gwynne nachgewiesen, dass diese Erzählung ursprünglich ohne Namen überliefert wurde und erst nachträglich mit al-Dschubbā'ī und al-Aschʿarī in Verbindung gebracht wurde, um die Überlegenheit der aschʿaritischen Lehrposition herauszustellen.Gwynne: „al-Jubbāʾī, al-Ashʿarī and the Three Brothers: The Uses of Fiction“. 1985, S. 132, 161.

Ibn Challikān erzählt noch weiter, al-Aschʿarī habe einmal al-Dschubbā'īs Unterricht in versteckter Weise besucht und eine Frau, die diesem Unterricht beiwohnte, dazu angestiftet, wiederholt Fragen zu stellen, die al-Dschubbā'ī nicht beantworten konnte. Nach as-Safadī (gest. 1363) bestand zwischen al-Aschʿārī und al-Dschubbā'ī eine Stiefbeziehung, dadurch dass letzterer al-Aschʿarīs Mutter geheiratet hatte,Vgl. aṣ-Ṣafadī: al-Wāfī bi-l-wafāyāt. 1974, S. 74. doch wird diese Aussage durch keine andere Quelle bestätigt.Vgl. Gwynne: The tafsīr of Abū 'Alī al-Jubbā'ī. 1982, S. 13.

Tod und Begräbnis Seinem Sohn Abū Hāschim trug er auf, ihn nach dem Tode auch in ʿAskar Mukram zu begraben und nicht von dort wegzuverlegen. Als er im Schaʿbān 303 (= Februar/März 916) dort starb, sprachen die Bewohner von ʿAskar Mukram das Totengebet für ihn. Abū Hāschim bestand jedoch darauf, den Leichnam seines Vaters nach Dschubbā zu verbringen und an dem Ort zu begraben, an dem auch seine Mutter und die Mutter Abū Hāschims lagen, in einer Ecke des Gartens von al-Dschubbā'ī.

Werke Das, was Abū ʿAlī al-Dschubbā'ī diktiert hat, soll nach dem Zeugnis seines Bagdader Kollegen Abū l-Husain al-Chaiyāt (gest. 913) allein 150.000 Blatt gefüllt haben.Vgl. Ibn al-Murtaḍā: Ṭabaqāt al-Muʿtazila 1961, S. 82. Ibn an-Nadīm führte in seinem Fihrist 70 Bücher von ihm auf,Vgl. Fück: „Neue Materialien zum Fihrist“. 1936, S. 303f. doch hat sich keines dieser Bücher eigenständig erhalten. Was sich in späteren Texten an Information über al-Dschubbā'īs Werke finden lässt, hat Daniel Gimaret in einer Bibliographie, die insgesamt 42 Werke umfasst, zusammengeführt.Vgl. Gimaret: Matériaux pour une bibliographie des Jubbaʾi. 1976 und 1984.

Sein Korankommentar