Die Literarisch-artistische Abteilung des Österreichischen Lloyd war ein in Triest arbeitender Verlag mit angeschlossener Druckerei, der am 21. Juni 1849 als Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 50.000 Gulden seine Geschäftstätigkeit aufgenommen hatte. Die „Literarisch-artistische Abtheilung“ bildete neben den 1833 und 1836 gegründeten Sektionen für Informationsbeschaffung über Seefahrt und -handel (I.) bzw. für die Verfrachtung (II., Dampfschiffahrtgesellschaft) die III. Sektion des Österreichischen Lloyd. Ihr offizieller italienischer Name lautete Sezione letterario-artistica del Lloyd Austriaco.
Das Verlagsprogramm knüpfte an das zuvor von den anderen beiden Sektionen herausgegebene Schrifttum an und ging schließlich weit über eine bloße Dienstleistung für die übrigen Geschäftszweige des Österreichischen Lloyd hinaus. Es umfasste vor allem die Edition vielfältiger Periodika, nautischer, wissenschaftlich-technischer Werke, Reiseführer und -literatur, klassischer und belletristischer Literatur sowie künstlerischer Werke von zum Teil namhaften Autoren der damaligen Zeit, die vor allem in italienischer und deutscher Sprache publizierten.
Das Unternehmen setzte seine Tätigkeit auch nach dem Ersten Weltkrieg fort, als der Österreichische Lloyd durch Aktienerwerb in das Eigentum der Banca Commerciale Italiana überging und 1921 in Lloyd Triestino umbenannt wurde. Es wurde erst im März 1928 geschlossen; seine Maschinen und Anlagen wurden schließlich 1931 von der Società Editoriale Libraria in Trieste übernommen.
Unternehmensgeschichte mini|x150px|Giornale del Lloyd Austriaco, Zeitungskopf vom 30. Januar 1835 mini|x425px|Teil des Briefbogens der Redaktion des Journals des Österreichischen Lloyd (1847) mini|x150px|Journal des oesterreichischen Lloyd, Zeitungskopf vom 2. Januar 1839
Vorgeschichte Bereits am 30. Januar 1835, also noch vor der Gründung der Dampfschifffahrtsgesellschaft im Jahre 1936, wurde vom Österreichischen Lloyd als zunächst zweimal, kurze Zeit später dreimal und schließlich fünfmal wöchentlich erscheinendes Informationsbulletin für Handel und Seefahrt, der Giornale del Lloyd Austriaco di notizie commerciali e marittime, begründet.Die Zeitung wurde zunächst von Enrico Helmpacher, später von Ferdinando Lazzarich und Pacifico Valussi geleitet.Ausgaben von 1836 bis 1845 ÖNB-Digitalisat. Ende desselben Jahres folgte eine deutsche Ausgabe als Journal des österreichischen Lloyd.Jahrgang 1836 als ÖNB-Digitalisat1839 bis 1846: Die deutsche Ausgabe wurde zunächst von Paul Frisch herausgegeben, dessen Tätigkeit allerdings in einem Eklat endete. In einer Abhandlung in Korrespondenzform hatte er Anfang 1837, zwar ironisch gemeint, aber doch in einem eher herabwürdigenden Ton, die vermeintlichen Schwächen der Triester Bürgerschaft in der Leipziger Zeitung für die elegante Welt ausgebreitet.Vergleiche den Artikel in der „Zeitung für die elegante Welt“ vom am 18. März 1837, S. 219 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Dadurch wurde ihm von der Lloyd-Direktion ein Missbrauch der Gastfreundschaft vorgeworfen, und er musste seinen Redakteursposten zugunsten von Ignaz Papsch räumen, der sich dabei ganz außerordentlich profilieren konnte. Nach dem ihm folgenden Jakob LöwenthalSeine biografischen Daten können dem Österreichischen Biographischen Lexikon 1815–1950 (online) entnommen werden. übernahm dann 1844 Ernst von SchwarzerSiehe zu seiner Biografie: Wikisource und das Österreichische Biographische Lexikon 1815–1950 die Redaktionsführung, die er in den Märztagen 1848 wieder abgab, um ein Ministeramt in Wien zu übernehmen. Danach redigierte Friedrich von Bodenstedt kurze Zeit das Blatt. Denn schon am 24. September 1848 erschien die letzte Triester Nummer, bevor das wirtschaftlich erfolglose Blatt auf Initiative von Graf StadionVergleiche die Biografie von und Karl Ludwig Bruck nach Wien verlegt wird. Dort sollte es nach einem Wechsel in der Herausgeberschaft als neues regierungsnahes politisches Sprachrohr fungieren. In den Jahren 1837 und 1838 waren an Stelle des Journals die Handels- und Seeberichte des Österreichischen Lloyd erschienen, vielleicht ein, letztlich erfolgloser, Versuch, mit einem neuen Namen eine deutlich größere Leserschaft anzuziehen.1837 und 1838:
Nachdem bereits 1838 in der Direktion des Lloyd erste Überlegungen zur Gründung eines Verlags, der die vielfältigen Druckerzeugnisse des Lloyd in eigener Regie bereitstellen sollte, ventiliert worden warenBruno Astori, Giuseppe Stefani: Il Lloyd Triestino. Contributo alla storia Italiana della navigazione marittima. [Milano] MCMXXXVIII – ANNO XVI , Officine grafiche A. Mondadori, S. 167, hatte der Lloyd dann 1842 Ignaz Papsch mit der Gründung einer Druckerei beauftragt, die dann unter dem Namen I. Papsch & Co. Tipografia del Lloyd – eingerichtet mit einem Gesamtkostenaufwand von 12 000 Gulden – tätig wurde. Sie war Verlagsstätte für eine Vielzahl von Periodika und anderen Druckerzeugnissen, die dann auch typisch für die spätere Verlagstätigkeit der Literarisch-artistischen Abteilung werden sollten. U.a. erschienen hier auch die offiziellen Regierungsanzeiger von Wien, Budapest und Triest sowie 1846 und 1847 die von Pietro Kandler herausgegebene Zeitung L'Istria (Istrien).Vergleiche die Nummern vom 3. Januar bis 26. Dezember 1846 (Nr. I/1-2 bis 88-89 Doppelnr.) und vom 2. Januar bis 25. Dezember 1847 (Nr. II/1-2 bis 81) online.
Am 29. Januar 1848 ging die Drucklizenz von Papsch auf den Österreichischen Lloyd über; das Unternehmen firmierte nun als Tipografia del Lloyd Austriaco. In dieser Zeit wurden unter anderem Il telegrafo della sera (Der Abendtelegraf, geleitet von Vincenzo Dal Torso)Ausgaben von der Nr. 1 vom 13. Juli 1848 bis zur Nr. 159 vom 19. Dezember 1848 (Google-Digitalisat) gegründet. 1849 wurde die Produktion von Stahlstich-Tafeln aufgenommen, die auf einer bis dahin in Italien unbekannten, aus Stuttgart (vielleicht von Carl Ludwig Frommel) importierten Maschine hergestellt wurden. Die Druckerei verfügte nun über vier Abteilungen: eine journalistische, eine wissenschaftlich-technische, eine künstlerische und eine literarische.
mini|hochkant|Brief der Direktion der 3. Sektion des ÖL an den Historiker Agostino Sagredo (27. März 1857), mit Angabe der Unternehmensteile und der publizierten Periodika
Gründung und Geschäftsentwicklung der Literarisch-artistischen Abteilung des Österreichischen Lloyd Schließlich wurden die bisher bei den schon bestehenden beiden Sektionen des Lloyd angesiedelten Verlagsaktivitäten, vor allem die Zeitungsunternehmungen und die Druckerei ausgegliedert und der am 21. Juni 1849 gegründeten III. Sektion rechtlich und wirtschaftlich übertragen. Von den 50 Aktien des neuen Unternehmens zu je 1000 Gulden übernahm die Dampfschifffahrtsgesellschaft des Österreichischen Lloyd 26Fünfundsiebzig Jahre österreichischer Lloyd 1836–1911. Österreichischer Lloyd, Triest 1911, S. 38 und übte damit den entscheidenden Einfluss auf die weitere Geschäftstätigkeit der AG aus.Publizistisches Bureau des Österreichischen Lloyd (Hrsg.): Fünfundsiebzig Jahre österreichischer Lloyd 1836–1911. S. 38 Die übrigen Aktien lagen in der Hand der I. Sektion. Der Unternehmenszweck der Ausgründung sollte ausweislich von Artikel 1 ihrer Statuten „die Beschaffung und Bekanntmachung von dem Handel, der Schifffahrt, der Industrie und den Künsten dienlich Nachrichten und Kenntnissen, sowie die Herstellung und den Vertrieb literarischer und artistischer Werke“ sein. Laut Artikel 5 der Statuten war auch die „Errichtung eines artistischen Unternehmensgebäudes für Metall- und Holzsticharbeiten“ vorgesehen.Autorenkollektiv: Der Lloyd in Triest gestern – heute – morgen. Vom Österreichischen Lloyd zum Lloyd Triestino. Lloyd Triestino di Navigazione, Triest 1987, S. 65 ff.
Die weitere Entwicklung der Literarisch-artistischen Abteilung ging weit über die ursprünglich geplante Rolle einer für die Tätigkeit der anderen beiden Sektionen lediglich ergänzenden Druck- und Verlagstätigkeit hinaus. Es wurden nicht nur nautische oder Publikationen zu Fragen von Handel und Gewerbe aufgelegt, sondern sie erweiterte ihr Tätigkeitsfeld auch auf den Verlag und Druck von klassischer und belletristischer sowie kunstwissenschaftlicher Literatur sowie von historischen und philosophischen Texten. Auf höchstem Niveau führte sie auch künstlerische Drucke verschiedenster Genres in Stahl- oder Holzstich aus. Daneben wurden auch mit mehr oder weniger wirtschaftlichem Erfolg Tageszeitungen und weitere Periodika auf den Markt gebracht.
1861 stellte die Literarisch-artistische Abteilung des Österreichischen Lloyd ihre bis Januar 1861 erschienene Verlagsproduktion von über 100 Titeln in einem vierzehnseitigen „Verlags-Katalog“ zusammen, der in 3 Abteilungen gegliedert war: Bücher und Zeitschriften (I), Kunstsachen und Porträts (II) sowie Karten und Pläne (III). Er beleuchtete auch die Lieferpraxis des Verlags, die ein Gratisexemplar beim Bezug von 12 gleichen Artikeln vorsah. Die „Preise [waren] in österreichischer Währung und Preußischen Thalern“ angegeben.
Vorwiegend im Firmennamen fand der nach dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich erfolgte Eintritt Ungarns in die Muttergesellschaft, aus der 1872 damit der Lloyd Austro-Ungarico bzw. Österreichisch-Ungarischer Lloyd wurde, seinen Niederschlag. Es finden sich bis 1891, als Ungarn aus dem gemeinsamen Lloyd-Unternehmen wieder ausschied, weder ungarischsprachige Titel noch Übersetzungen ungarischer Autoren im bisher bekannten Verlagsverzeichnis.Vergleiche die Publikationsliste der III. Sektion in: Dall'Adriatico al mondo. mostro del centocinquantenario. Trieste 1986, S. 352–366 (Annali della Tipografia del lloyd [ital.]).
Buchdruckerei und Fotografisches Studio Ihren Sitz hatte die bereits 1843 gegründete Tipografia im Mezzanin-Geschoss des Palazzo del Tergesteo (Tergesteum). Dort befanden sich auch die Lesesäle des Lloyd, in denen nationale und internationale Periodika auslagen. Dieser Standort wurde auch nach dem Umzug der übrigen Verwaltung des Österreichischen Lloyd in den im Herbst 1883 eröffneten Lloydpalast (Palazzo del Lloyd Austriaco), der von Heinrich von Ferstel entworfen worden war, beibehalten. Die Druckerei beschäftigte ca. 150 Mitarbeiter, die an 7 Schnellpressen und 12 Handpressen arbeiteten. Die 8500 Gulden teure drucktechnische Erstausstattung war bei der Prager Druckerei Haase beschafft worden. Zusätzlich wurde bei der Fa. Strudthoff in Triest eine Schnellpresse neuester Bauart in Auftrag gegeben. Auf dem Gelände des Lloyd-Arsenals richtete die Druckerei eine Werkstatt zur Produktion von Drucktypen ein. Bei der Buchdruckerei wurden neben den Verlagsprodukten der III. Sektion und den vielfältigen Geschäfts- und Werbematerialien der I. und II. Lloyd-Sektion auch Akzidenzdrucke für die Stadt Triest, wie des Bollettino Sanitario, mit dem täglich über den für die Passagierschifffahrt wichtigen Cholera-Status Triests unterrichtet wurde, hergestellt.
Im Tergesteum wurde auch das erste Fotostudio Triests ab 1857 betrieben, nachdem es zunächst Ende 1854 von der III. Sektion unter der Leitung des aus Frankfurt zugewanderten Wilhelm Friedrich Engel (1824–1891) in der Via dei Forni gegründet worden war. Dem Studio waren zwei Hauptgeschäftsgebiete zugedacht: die Aufnahme von Ansichten (Landschaften, Ortschaften, Bauwerke) und Genreszenen, auf deren Grundlage anschließend die Stahlstiche für die Verlagsproduktion des Lloyd gestochen wurden, und die Anfertigung von Porträtaufnahmen.
Bücher Schriften für den Triester Hafen, die Seefahrt und den Seehandel sowie die Geschäftstätigkeit des Österreichischen Lloyd Mit einer Vielzahl von nautischen Fachbüchern, die zumeist in Italienisch, der Dienstsprache des Lloyd, verfasst wurden, sollten zunächst dem Personal der 2. Sektion (Reederei) Hilfsmittel für die Dienstdurchführung an die Hand gegeben werden.