Kutusowo (, deutsch Schirwindt, litauisch Širvinta, polnisch Szyrwinta) ist eine Siedlung (russisch: possjolok) in der russischen Oblast Kaliningrad, die allerdings nur militärischen Zwecken dient. Sie gehört zur kommunalen Selbstverwaltungseinheit Munizipalkreis Krasnosnamensk im Rajon Krasnosnamensk. Es handelt sich dabei um die Ortsstelle der ehemaligen Stadt Schirwindt. Ihre Wahrzeichen waren die doppeltürmige Immanuelkirche und die größte jemals gebaute Windmühle.Bild der Windmühle (GenWiki)
Lage Die Ortschaft liegt an der Ostgrenze der historischen Region Ostpreußen am linken Ufer der Scheschuppe, wenig unterhalb der Einmündung des Nebenflusses Schirwindt, etwa 50 km nordöstlich von Gussew (Gumbinnen) und 70 km südöstlich von Sowetsk (Tilsit). Die Schirwindt und die Scheschuppe unterhalb der Einmündung bilden hier die Grenze zu Litauen. Gegenüber, am rechten Ufer der Schirwindt, liegt die litauische Kleinstadt Kudirkos Naumiestis (Neustadt). Die nächstgelegene Stadt in der Oblast Kaliningrad ist Nesterow (Stallupönen/Ebenrode) im Südwesten in einer Entfernung von etwa 25 km.
Zeittafel 2500 v. Chr.: Prähistorische Funde zeugen von der Besiedlung. 1000 n. Chr.: Schirwindt führt den Namen Svienita = heiliger Ort. 1283: Der Machtbereich des Deutschen Ordens erstreckt sich bis Schirwindt. 1422: Im Frieden von Melnosee Festlegung der Ostgrenze Ostpreußens, die damit zur zweitältesten Grenze innerhalb Europas wird. Schirwindt wird Grenzort, später östlichste Stadt Preußens und des Deutschen Reiches. 1546/49: Bau der ersten Kirche in Schirwindt (abgebrannt 1640 oder 1641). 1656: Tatareneinfall, unter anderem auch über Schirwindt und Pillkallen nach Ragnit: schwere Verwüstungen und Gewalttaten. 1695–1710: Neubau der Schirwindter Kirche. 1709/10: Große Pest (Preußen). Dezimierung der Bevölkerung und Verödung des Landes. Später Ansetzung von Neusiedlern aus dem Deutschen Reichsgebiet durch König Friedrich Wilhelm I. (Preußen). 1725: Verleihung der Stadtrechte durch König Friedrich Wilhelm I. 1732: Einwanderung der Salzburger Exulanten: 1744 werden in Schirwindt 7 Familien mit 24 Personen registriert. 1757–1762: Im Siebenjährigen Krieg steht Ostpreußen unter russischer Herrschaft. 1807: Der französische General Michel Ney quartiert sich mit 30.000 Soldaten in Schirwindt ein. Plünderungen. Auflage von 17.000 Talern Kriegssteuern. 1813: Ostpreußische Landwehr 1813, viele Kriegsfreiwillige aus Schirwindt. 1845: Erster Besuch von Friedrich Wilhelm IV. in Schirwindt. Stiftung einer neuen Kirche. 1854: Zweiter Besuch des Königs. 1856: Einweihung der 56 m hohen, nach den Plänen Stülers in Angleichung an den Kölner Dom errichteten Immanuelkirche durch König Friedrich Wilhelm IV. 1900/01: Bau der Pillkaller Kleinbahn nach Schirwindt. 1914/15: Dreimalige Russeneinfälle mit Plünderungen, Brandschatzungen und vollständiger Zerstörung der Stadt. Starke Beschädigung der Kirche. 1916: Der Bremer Kriegshilfsverein übernimmt Patenschaft für den Wiederaufbau Schirwindts. 1925: 200-Jahr-Feier der Stadtrechte. Beendigung des geglückten Wiederaufbaus. 1944: Nach Bombardierung Räumung der Stadt vor der Roten Armee. 1957–1974: Stadt nach der Totalvernichtung nicht wieder aufgebaut. Die Umgebung wird zum großen Truppenübungsplatz. Umbenennung in Kutosowo.Dr. Barbara Loeffke-Eggert: Zeittafel der Geschichte von Schirwindt. Schloßberger Heimatbrief, Nr. 12, Weihnachten 1974
Geschichte mini|Schirwindt am Ostrand Ostpreußens (1908) Das Flüsschen Surwinte (Schirwindt), nach dem die Ortschaft benannt wurde, hatte schon zur Zeit des Deutschordensstaats die Bedeutung eines Grenzflusses.
Frühe Neuzeit und 19. Jahrhundert Während der Nordischen Kriege wurde das preußische Grenzdorf Schirwindt vorübergehend von den Schweden besetzt und von Tataren verwüstet. Die Grenzstadt Schirwindt wurde 1724 vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. gegründet und 1725 erbaut.
Ab 1818 gehörte Schirwindt zum Kreis Pillkallen (1938–1945 Landkreis Schloßberg) im Regierungsbezirk Gumbinnen der Provinz Ostpreußen. Mit der Deutschen Reichsgründung wurde Schirwindt die östlichste Stadt Deutschlands. Mit nur wenig mehr als tausend Einwohnern war sie auch die kleinste Stadt der Provinz.
Schirwindt war durch die schmalspurige Pillkaller Kleinbahn über Grumbkowkeiten (1928–1945 Grumkowsfelde, russisch: Prawdino) mit der Kreisstadt Pillkallen (1938–1945 Schloßberg, russisch: Dobrowolsk) verbunden. Der Grenzübergang hatte vor allem regionale Bedeutung.
Frühe Neuzeit und 20. Jahrhundert Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Stadt eine gotische evangelische Kirche, eine Synagoge, eine Reichsbanknebenstelle, ein Nebenzollamt, einen Betrieb für Flachsverarbeitung sowie Flachs- und Getreidehandel.
Der Erste Weltkrieg brachte der Stadt – wie der litauischen Neustadt – schwere Not. Nach der Schlacht bei Gumbinnen flüchteten die Bewohner vor den vorrückenden russischen Truppen. Diese plünderten die Stadt und brannten sie anschließend nieder.Holger H. Herwig: The First World War. Germany and Austria-Hungary, 1914–1918. Arnold, London 1996, ISBN 0-340-67753-8, S. 131. Verschont blieben nur die Kirche, zwei Wirtschaftsgebäude und zwei Wohnhäuser. Man wollte Schirwindt an anderer Stelle aufbauen und die Trümmer als ein Denkmal der Russenzeit erhalten. Unter dem Vorsitzenden Leopold Biermann sorgte der Kriegshilfsverein Bremen für Schirwindt (Ostpreußen) e. V. für den raschen Wiederaufbau der „toten Stadt“. Kurt Frick war der verantwortliche Architekt. Wegen ihrer Abgelegenheit wuchs die Stadt in den Folgejahren jedoch nur unwesentlich.
Im Jahr 1945 gehörte die Stadt Schirwindt zum Landkreis Schloßberg im Regierungsbezirk Gumbinnen des Deutschen Reichs.
Der Zweite Weltkrieg brachte die neuerliche Zerstörung der Stadt. Bereits im Oktober 1944 wurde Schirwindt als erste deutsche Stadt durch die Rote Armee erobert, die hier erstmals das Deutsche Reich erreichte. Anders als Pillkallen und Goldap wurde Schirwindt von der Wehrmacht nicht zurückerobert.
Nachdem Schirwindt im Sommer 1945 unter sowjetische Verwaltung gekommen war, wurde das Stadtrecht entzogen. Für Schirwindt wurde 1947 die Ortsbezeichnung Kutusowo eingeführt, benannt nach dem russischen General Michail Illarionowitsch Kutusow; gleichzeitig wurde der Ort in den Dorfsowjet Pobedinski selski Sowet im Rajon Krasnosnamensk eingeordnet,Durch den Указ Президиума Верховного Совета РСФСР от 17 ноября 1947 г. «О переименовании населённых пунктов Калининградской области» (Verordnung des Präsidiums des Obersten Rats der RSFSR „Über die Umbenennung der Orte des Gebiets Kaliningrad“ vom 17. November 1947). jedoch 1978 aus dem Ortsregister gestrichen.Information auf gako2006.narod.ru. Er war damit auch offiziell nur noch ein Militärposten. Durch einen Beschluss der Oblastduma vom 22. Mai 1997 bekam Kutusowo wieder den Status einer Siedlung und gehörte dem Dorfbezirk Dobrowolski selski okrug an.Nr. 38: Об упорядочении учета сельских населенных пунктов области. Von 2008 bis 2015 gehörte Kutusowo zur Landgemeinde Dobrowolskoje selskoje posselenije, von 2016 bis 2021 zum Stadtkreis Krasnosnamensk und seither zum Munizipalkreis Krasnosnamensk.
Nur ein Teil der alten Schule ist noch erhalten und dient als Kaserne für die Grenzsoldaten. Von der Immanuelkirche ist noch das Fundament zu erkennen.
Bevölkerungsentwicklung Jahr Einwohner Anmerkungen 1782 1230 ohne die Garnison (eine Schwadron Husaren)Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preussen. Teil I: Topographie von Ost-Preussen. Königsberg/Leipzig 1785, S. 30, Ziffer 7). 1802 1331 Alexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 5: T–Z, Halle 1823, S. 370–371, Ziffer 631. 1810 1208 1816 1139 davon 1109 Evangelische und 30 Katholiken (keine Juden) 1821 1078 1831 1075 August Eduard Preuß: Preußische Landes- und Volkskunde oder Beschreibung von Preußen. Ein Handbuch für die Volksschullehrer der Provinz Preußen, so wie für alle Freunde des Vaterlandes. Gebrüder Bornträger, Königsberg 1835, S. 519, Nr. 121. 1905 1302 meist EvangelischeMeyers Großes Konversations-Lexikon. Band 17, Leipzig und Wien 1909, S. 812 1933 1179 1939 1090 1984 ~ 10 Sowjetische Topographische Karte 100k--n34-046 2002 18 Allrussische Volkszählung von 2002 2010 0 Allrussische Volkszählung von 2010 2021 0 Allrussische Volkszählung von 2021
Wappen hochkant=0.8|mini|Schirwindts Wappen Bis 1945 war Schirwindt diejenige deutsche Stadt, die den Sonnenaufgang zuerst erlebte. Er liegt um 31 Minuten vor der Mitteleuropäischen Zeit.Der redliche Ostpreuße. Ein Kalenderbuch für 1984, 35. Jahrgang. Rautenberg, Leer 1984. ISBN 3-7921-0278-1. An ihn erinnert das Wappen, das Friedrich Wilhelm IV. am 3. August 1846 der Stadt verlieh. Es zeigt die aufgehende Sonne im blauen Hintergrund eines offenen, mit Zinnen gezierten Tores, ihre Strahlen durch dasselbe und gleichsam in die Stadt hineinwerfend. Über ihr schwebt unter einem gotischen Spitzbogen und dem herabhängenden eisernen Fallgitter der ausgebreitete alte preußische Adler, geziert mit Krone, goldenen Waffen und Kleestängeln. Auf der Brust trägt er das königliche Monogramm .für Fridericus Rex Die rechte Kralle hält das Zepter, die linke den Reichsapfel. Über dem Schild ruht eine silberne Mauerkrone mit drei Zinnen.Zitiert aus: Der Redliche Preuße und Deutsche. 1936.
Amtsbezirk Schirwindt (1874–1945) Der Amtsbezirk Schirwindt wurde 1874 im Kreis Pillkallen eingerichtet. Ihm gehörten zunächst zwölf Landgemeinden (LG) und drei Gutsbezirke (GB) an.
Name Änderungsname von 1938 Russischer Name nach 1945 Bemerkungen Augstupönen (LG) Hochweiler (Ostpr.) Baltruschen (LG) Sorgenfelde Birkenfelde (LG) Dwarischken (GB) Löbelshorst 1928 zur LG Schilleningken Gettkanten (LG) Goberischken (LG) Goben Jodupönen (LG) Naßfelde Maurutschatschen (LG) Grenzfelde (1928) Paplienen (LG)Ksp. Schirwindt Moormühle Parschen (LG) Paszuiszen (LG) 1923 zur LG Baltruschen Samelucken (GB) 1928 zur LG Grenzfelde (ex Maurutschatschen) Schilleningken (LG)Ksp. Schirwindt Ostdorf (Ostpr.) Warupönen (LG) Lindenhof (1928) Fjodorowka Warupönen (GB) 1928 zur LG Warupönen
1935 wurden die Landgemeinden in Gemeinden umbenannt. Im Oktober 1944 umfasste der Amtsbezirk Schirwindt die elf Gemeinden Birkenfelde, Gettkanten, Goben, Grenzfelde, Hochweiler (Ostpr.), Lindenhof, Moormühle, Naßfelde, Ostdorf (Ostpr.), Parschen und Sorgenfelde. Diese sind alle verlassen.
Schirwindter Kirche Kirchengebäude Nach Aufzeichnungen von Pfarrer Färber und Studienassessor WeberSchloßberger Heimatbrief, Nr. 12, Weihnachten 1974
Als 1525 Albrecht von Preußen zum evangelischen Glauben übergetreten war, erließ er einen Befehl, dass überall, wo es angängig wäre, evangelische Kirchen gebaut werden sollten. In Schirwindt, dem am weitesten nach Osten vorgeschobenen Punkte, wurde im Jahre 1546 mit dem Kirchenbau begonnen. 1559 stand es fertig da, ein kleines Kirchlein, auf dem späteren Schulplatz. Armselig mag es gewesen sein, aus dem einfachsten Material aufgeführt, im Innern notdürftig ausgestattet mit Altar, Kanzel und einer Nebenkanzel für die Tolken, die die Predigt des Pfarrers Satz für Satz während des Gottesdienstes ins Litauische zu übersetzen hatten, eine Einrichtung, die der Feierlichkeit des Gottesdienstes sicherlich viel Abbruch tat. 1640 oder 1641 wurde dieses erste Kirchlein durch eine Feuersbrunst zerstört.