mini|hochkant=1.6|Oberdeutscher Sprachraum nach 1945: blau: Bairisch-österreichische Dialekte
Als Bairisch, oft auch Bairisch-Österreichisch (in Bayern Boarisch oder Bairisch; in Österreich nach Orten und Regionen benannt, z. B. Weanarisch in Wien oder Steirisch in der Steiermark; in Südtirol Südtirolerisch), wird in der germanistischen Linguistik aufgrund gemeinsamer Sprachmerkmale die südöstliche Dialektgruppe im deutschen Sprachraum bezeichnet. Zusammen mit dem im Westen angrenzenden Alemannischen und Ostfränkischen zählt die bairische Dialektgruppe zu den oberdeutschen und damit auch zu den hochdeutschen Dialekten.
Mit einer Fläche von etwa 125.000 km² stellt das Sprachgebiet der bairischen Dialekte das größte deutsche Dialektgebiet dar; gesprochen werden die bairischen Dialekte hier von insgesamt etwa zwölf Millionen Menschen im deutschen Freistaat Bayern (vor allem Altbayern, aber auch Schwaben östlich des Lech, östliches Oberfranken, südöstliches Mittelfranken), dem größten Teil der Republik Österreich (ohne Vorarlberg) sowie der zu Italien gehörenden Region Südtirol.Rowley (2011), S. 299f; Oberösterreich im bairischen Sprachraum. Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich, abgerufen am 17. November 2019.
Die bairische Dialektgruppe wird von der Internationalen Organisation für Normung als eigenständige Einzelsprache klassifiziert (der Sprachcode nach der Norm ISO 639-3 ist bar)Scope of denotation for language identifiers. und 639 Identifier Documentation: bar und von der UNESCO seit 2009 im Atlas der gefährdeten Sprachen aufgelistet.Rowley (2011), S. 300; Mit einer bis zum älteren bairischen Stammesherzogtum zurückreichendenGünther Koch: Bairisch in Deutschland. In: Joachim Herrgen, Jürgen Erich Schmidt (Hrsg.): Sprache und Raum. Ein internationales Handbuch der Sprachvariation. Walter de Gruyter Verlag, Berlin/Boston 2019, ISBN 978-3-11-026129-5, S. 280. über 1000-jährigen GeschichteHans Ulrich Schmid: Bairisch: Das Wichtigste in Kürze. C.H.Beck Verlag, 2012, Vorwort. ist Bairisch also ein historisch entstandener, eigenständiger Dialektverbund der deutschen Sprache (wie Alemannisch), der jedoch nie standardisiert wurde. Bairisch ist kein Dialekt der standardhochdeutschen Schriftsprache, die sich erst deutlich später als künstliche Ausgleichssprache entwickelt hat und ebenfalls einen Dialekt der deutschen Sprache darstellt.Loester: The Pluricentric Borders of Bavaria. S. 96; Sprachpfleger klärt auf: „Bairisch ist das echte Hochdeutsch“. In: merkur.de, 9. April 2018, abgerufen am 17. November 2019, 19:05; Mark Lückermann Darmstadt: Die Hannoveraner spricht das reinste Deutsch: Stimmt's? In: zeit.de, 8. Juni 2000, abgerufen am 17. November 2019, 19:13; Wolfgang Walter Menzel: Vernakuläre Wissenschaft. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1996, S. 47; Harald Wiederschein: Forscher bestätigt: Dialekte machen schlau. In: focus.de, 18. Juni 2016, abgerufen am 22. Jänner 2020. Der Unterschied zwischen Bairisch und Standardhochdeutsch ist z. B. größer als der zwischen Dänisch und Norwegisch oder zwischen Tschechisch und Slowakisch.
Da die bairisch-österreichischen Dialekte im Osten des oberdeutschen Sprachraums gesprochen werden, werden sie auch als Ostoberdeutsch bezeichnet. Nicht zu verwechseln ist die Schreibweise Bairisch, die den Sprachraum der bairisch-österreichischen Dialekte bezeichnet, mit der Schreibweise Bayerisch bzw. Bayrisch, die sich auf das Staatsgebiet des Landes Bayern bezieht. Ebenfalls nicht zu verwechseln ist das Bairisch-Österreichische mit dem Österreichischen Hochdeutsch, das – wie Bundesdeutsches Hochdeutsch in Deutschland und Schweizer Hochdeutsch in der Schweiz – die österreichische Standardvarietät des Standardhochdeutschen darstellt.
Namensherkunft Etymologie
mini|Keltische Tonscherbe aus Manching mit Inschrift „BOIOS“ oder „BAIOS“
Das Wort Bairisch ist ein dialektologischer Begriff, der sich aus der Bezeichnung der bajuwarischen Besiedler und ihres Stammesdialektes ableitet. Es ist zu trennen von dem Wort bayerisch, einem geographisch-politischen Begriff, der sich auf den Freistaat Bayern bezieht, wo auch nichtbairische Dialekte verbreitet sind.
Die Herkunft des Namens der Bajuwaren ist umstritten. Die am weitesten verbreitete Theorie besagt, er komme von dem mutmaßlichen germanischen Kompositum *Bajowarjōz (Plural). Überliefert ist dieser Name als althochdeutsch Beiara, Peigira, latinisiert Baiovarii.Ludwig Rübekeil, Der Name ‚Baiovarii‘ und seine typologische Nachbarschaft, in: Die Anfänge Bayerns. Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria. St. Ottilien, Universität Zurich 2012, S. 152. online Es wird angenommen, dass es sich dabei um ein Endonym handelt. Hinter dem Erstglied Baio steckt das Ethnikon des zuvorbewohnenden keltischen Stammes der Boier, der auch im althochdeutschen Landschaftsnamen Bēheima ‚Böhmen‘ (germanisch *Bajohaimaz ‚Heim der Boier‘, spätlateinisch dann Boiohaemum) und in onomastischen Anknüpfungspunkten (Baias, Bainaib usw.)Ludwig Rübekeil, Diachrone Studien, S. 337 f. erhalten ist.
Das Bestimmungswort geht auf das Gebiet Böhmens zurück, das seinen Namen dem keltischen Volk der Boier verdankt. Das Zweitglied -ware bzw. -varii der Bewohnerbezeichnung Bajuwaren stammt aus urgermanisch *warjaz ‚Bewohner‘ (vgl. altnordisch Rómverjar ‚Römer‘, altenglisch burhware ‚Stadtbewohner‘),Vladimir Orel, A Handbook of Germanic Etymology. Leiden, Brill 2003, S. 449. das zu wehren (urgermanisch *warjana-) gehört (vgl. auch walisisch gwerin ‚Menschenmenge‘). Der Name ‚Baiern‘ wird deshalb als ‚Bewohner Böhmens‘ gedeutet. Eine allgemeinere Deutung, die die Herkunft aus Böhmen nicht impliziert, ist die als „Menschen des Landes Baja“.Brigitte Haas-Gebhard: Die Baiuvaren: Archäologie und Geschichte. Regensburg 2013, ISBN 3-7917-2482-7. S. 192
Es wird angenommen, dass sich das keltische Volk der Boier mit der römischen Restbevölkerung und Einwanderern vermischte und der Name auf das gesamte neu entstandene Volk überging. Der älteste Schriftfund auf deutschem Boden ist eine Tonscherbe mit der Inschrift „Baios“ oder „Boios“ und wurde im keltischen Oppidum von Manching (bei Ingolstadt an der Donau) gefunden. Dieser Fund kann auch ein schriftlicher Beweis für die Wanderungsbewegung der Boier nach Altbayern sein. Die lautlichen Übereinstimmungen sind offensichtlich, werden jedoch von manchen Wissenschaftlern abgelehnt. In der Wissenschaft gilt es zurzeit als relativ gesichert, dass die Bajuwaren nicht in einer großen Wanderung, sondern in einzelnen Schüben in das Land zwischen Donau und Alpen vordrangen und dieses Gebiet gemeinsam mit den bereits ansässigen Römern und Kelten besiedelten. Dort wuchsen die verschiedenen Zuwanderer zu ebendiesen Bajuwaren zusammen, die Jordanis 551 in seiner Gotengeschichte beschrieb.
Vermutlich haben sich die Bajuwaren aus verschiedenen Volksgruppen gebildet: aus Resten der keltischen Bevölkerung (Vindeliker) aus einheimischen Römern aus mehreren elb- und ostgermanischen Stämmen (u. a. Markomannen, Rugier, Varisker, Quaden) aus alemannischen, fränkischen bzw. thüringischen, ostgotischen und langobardischen Volksgruppen aus Nachkommen der Söldner der römischen Grenztruppen
In der modernen Forschung ist von einer geschlossenen Einwanderung und Landeinnahme eines fertig ausgebildeten Volkes keine Rede mehr. Es wird von einer Stammesbildung der Bajuwaren im eigenen Land, also dem Land zwischen Donau und Alpen ausgegangen.
Die älteste schriftliche Überlieferung des Bairischen ist die Gesetzessammlung der Lex Baiuvariorum aus dem Frühmittelalter. Das hauptsächlich in Latein verfasste Werk enthält bairische Alltagswörter und Fragmente als Ergänzung.
Bairisch und Bayern In der Sprachwissenschaft wird bevorzugt die Schreibweise Bairisch und bairisches Sprachgebiet verwendet. Im Unterschied dazu bezeichnet das Wort Bayerisch keine Sprachdialekte, sondern bezieht sich auf ein politisches Territorium, den Freistaat Bayern. Die unterschiedlichen Schreibweisen wurden eingeführt, weil einerseits in Bayern außer den bairischen (in Altbayern) auch ost- und südfränkische sowie alemannische und westmitteldeutsche (in Franken und Bayerisch-Schwaben) Mundarten gesprochen werden, andererseits die bairischen Dialekte sich nicht auf Bayern beschränken, sondern auch in Österreich, Südtirol und in einigen isolierten Sprachinseln der oberitalienischen Provinz Trentino sowie in einem Dorf im Schweizer Kanton Graubünden (Samnaun) gesprochen werden. Die historische Schreibweise Baiern für das gewachsene bayerische Staatsgebilde wurde mit Anordnung vom 20. Oktober 1825 durch König Ludwig I. durch die Schreibweise Bayern, also mit dem Buchstaben y, ersetzt.Ludwig Zehetner: Das bairische Dialektbuch. Verlag C. H. Beck, München 1985, ISBN 3-406-30562-8, S. 16. Auch die Schreibung Bayrisch-Österreichisch findet sich gelegentlich in der Fachliteratur.z. B. Karl Meisen: Altdeutsche Grammatik I Lautlehre. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1961, S. 10 Hermann Gelhaus: Der Streit um Luthers Bibelverdeutschung im 16. und 17. Jahrhundert. Teil 1: Mit der Identifizierung Friedrich Traubs. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1989, S. 259
Ausbreitung und Abgrenzung Das Bairische verbreitete sich im Zuge von Wanderungsbewegungen der Menschen über das heutige Südbayern östlich des Lechs hinaus und im Laufe des Mittelalters über das heutige Österreich östlich des Arlbergs, Südtirols und einigen Gebieten in Westungarn (heutiges Burgenland), Italiens, sowie Teile des heutigen Sloweniens und Tschechiens. In dieser Zeit vermischten sich auch Teile des Bairischen (im heutigen Süd- und Ostösterreich) mit slawischen und rätoromanischen Sprachelementen. Anschaulich wird dies bei bestimmten Ortsnamen und in einigen Dialektausdrücken.
Die bairischen Dialektgebiete sind Teil eines Dialektkontinuums, die sich durch geographische Isolation und damit Ausprägung der örtlichen Kommunikation entwickelt haben. Der südbairische Dialektraum in Tirol umfasst die Gebiete der alten Grafschaft Tirol, zu der nicht das Tiroler Unterland und das Außerfern gehörten. Kärnten wurde 976 von Baiern abgetrennt (genauso wie 1180 die Steiermark) und von Kaiser Ludwig dem Bayern 1335 an Österreich angeschlossen. Mit den nordbairischen Dialekten verhält es sich ähnlich, weil sich auch die Machtverhältnisse vor allem in der Oberpfalz im Laufe der Zeit änderten. Die Mischgebiete zwischen dem Mittel- und Südbairischen lassen sich durch die Zugehörigkeit zum Herzogtum Österreich (Tiroler Unterland zu Tirol und Steiermark zu Österreich) und durch Wanderbewegungen wie z. B. im damaligen Bistum Salzburg zurückführen.
Mit mehr als 13 Millionen Sprechern bildet das Bairische das größte zusammenhängende Dialektgebiet im mitteleuropäischen Sprachraum. Der bairische Sprachraum umfasst insgesamt an die 150.000 km². Zum Bairischen gehören die Mundarten folgender Gebiete:
Im Freistaat Bayern die Regierungsbezirke Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz, Teile von Oberfranken, Teile von Mittelfranken sowie der Landkreis Aichach-Friedberg und Teile der Landkreise Augsburg und Donau-Ries des Regierungsbezirks Schwaben, die das sogenannte Altbayern bilden. Die Republik Österreich mit Ausnahme von Vorarlberg sowie dem Nordteil des Tiroler Außerfern (Reutte). die deutschsprachige Bevölkerung Südtirols. Samnaun im Kanton Graubünden (Schweiz) das südliche Vogtland in Sachsen, südlich von Tetterweinbach und Eisenbach. die Sieben Gemeinden, die Dreizehn Gemeinden und Lusern (siehe auch Zimbern), das Fersental, Sappada (Bladen), Sauris (Zahre), Timau (Tischelwang) und das Kanaltal in Oberitalien, in denen sich wegen der jahrhundertelangen Isolation der Ortschaften alt- und mittelhochdeutsche Elemente des Bairischen in mehreren lokalen Varianten erhalten haben. die Mundarten der deutschsprachigen Bevölkerung in Süd- und Westböhmen, Südmähren und dem Egerland die Mundarten der deutschsprachigen Bevölkerung in Westungarn