Blu (* Anfang der 1980er Jahre in Senigallia) ist der Künstlername eines italienischen Graffiti-, Streetart- und Videokünstlers, der seine Identität verbirgt. Bekannt ist, dass er in Bologna lebt. Das Goethe-Institut Madrid bezeichnet Blu als einen der international bedeutendsten und kritischsten Street-Artists des Muralismus.Goethe-Institut Madrid: Street-Art to go. Madrid Río Blu. Stand: 2015.

Blu betreibt Urban-Art seit Mitte der 1990er Jahre. Werke Blus finden sich in mehreren europäischen Ländern, im Westjordanland und in Nord-, Mittel- und Südamerika. Auf einer Amerika-Reise im Jahr 2006 drehte der Regisseur Lorenzo Fonda den Dokumentarfilm MEGUNICA, eine Mischung aus Künstlerportrait und Roadmovie über Blus Arbeit. In Deutschland ist Blu vor allem durch die großflächigen Cuvry-Graffiti in Berlin-Kreuzberg bekannt, die 2014 mit seinem Einverständnis eingeschwärzt wurden. Im Jahr 2006 nahm er in Wuppertal am Outsides-Projekt teil, einem von Red Bull gesponserten Streetart-Projekt. In Österreich war er mit der Bemalung eines Getreidespeichers im Wiener Alberner Hafen vertreten. Zu seinen Werken gehören zahlreiche digitale Animationen und Videos, die unter anderem die Entstehung der Wandbilder als Making-of dokumentieren. Das Animations-Video Muto („Stumm“), das Blu während eines Aufenthaltes in Buenos Aires 2007/2008 aufnahm, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Auf seiner Homepage, gefasst als Sketch Note-Book und Teil seiner Kunst, veröffentlicht Blu in der Art eines Tagebuchs regelmäßig Teile seiner Skizzenbücher und gibt Einblicke in die Werke und Prozesse seiner Arbeitsweise.

Seine sozialkritischen Bilder, als oft episch ausladend charakterisiert, wurden auf verschiedenen Ausstellungen vorgestellt, darunter 2009 Urban-Art – Werke aus der Sammlung Reinking im Bremer Weserburg Museum für moderne Kunst. Eine Gemeinschaftsarbeit Blus mit den brasilianischen Brüdern Os Gêmeos im Rahmen des Lissaboner Crono-Projekts 2010 wählte der Guardian unter die zehn besten Streetart-Werke weltweit.

mini|Ein Geschäftsmann, bekrönt mit den Emblemen internationaler Ölkonzerne, hält die Erde in der Hand und saugt sie mit einem Strohhalm aus. Blus Anteil an der Gemeinschaftsarbeit mit den Brüdern Os Gêmeos, Lissabon 2010. Laut Guardian eins der zehn besten Streetart-Werke weltweit.

Künstlerischer Werdegang Abgesehen von seinem Geburtsort Senigallia und seinem Wohnort Bologna ist über das Leben Blus kaum etwas bekannt. Nach Angabe des ArtBooom Festivals in Krakau und wie er selbst in einem Interview zu verstehen gab, wurde er Anfang der 1980er Jahre geboren.Mirka Bałazy, Francesca di Marzo: Blu. In: ArtBoom Festival (Archiv), Krakau, 14. Mai 2011 (englisch).Caleb Nilon: Bucket of Blu. S. 88. In den Jahren 2013 und 2014 wohnte und arbeitete er in einem besetzten ehemaligen Militärgebäude in Rom, das er in zweijähriger Arbeit mit seinem bislang größten Wandbild ausstattete.Homepage Blus: Sketch Note-book. Eintrag im Blog, Roma 1, November 2014 (englisch). Ansonsten hält sich Blu hinsichtlich seiner Biografie/Person gezielt bedeckt und will sich ausschließlich durch seine Kunst ausdrücken. Anlässlich der Urban-Art Ausstellung 2009 konnte das Weserburg Museum für moderne Kunst im Begleitband zur Biografie Blus lediglich mitteilen: „Antibiografische Anmerkung: Blu ist das Pseudonym eines italienischen Künstlers. Wenn er es nur könnte, würde er auf seinen Namen verzichten. Sein Leben ist nebensächlich.“Urban Art. Werke aus der Sammlung Reinking. S. 186.

Graffiti und Wandbilder mini|Frühes Werk Blus aus dem Jahr 2001 an der Brücke der Via Stalingrado in Bologna

Blu begann seine künstlerische Karriere Mitte der 1990er Jahre im Alter von 15 Jahren in der Universitätsstadt Bologna. In einem Interview teilte er mit, dass es zu dieser Zeit in Italien einen großen Graffiti-Boom gab, von dem er sich inspirieren ließ. Seine ersten Arbeiten bestanden aus Graffiti, die er in der Altstadt und den Vororten Bolognas mit Sprühdosen, dem typischen Handwerkszeug der Graffiti-Kultur, sprayte. Ab 2001 wandte er sich großflächigen Wandbildern zu, wobei er die Fassadenfarben mit Rollen, die auf Teleskopstöcken montiert waren, auftrug. Blu hat sich in diesen Jahren sowohl technisch als auch inhaltlich vom Graffiti-Stil entfernt. Eine deutliche Konturierung und das schnelle, spontane Auftragen der Farbe sind Elemente, die noch an Blus Graffiti erinnern. Das Großformat, das Überwiegen des Bildteils und die gesellschaftskritischen Aussagen hingegen sind typische Merkmale der Street Art. Blu hat sich dazu in einem Interview folgendermaßen geäußert: „[...] taking what I had learned from graffiti writing, I have tried to move backwards, removing all the parts that I did not need.“Neelon, Caleb: Bucket of Blu, in: Swindle Magazine 2007, S.88. Interview mit Blu. Abgerufen am 2. September 2015. Sarkastisch und dramatisch dargestellte, surreale Figuren, die an Comics und Arcade-Spiele erinnerten, erschienen auf den Hauswänden Bolognas,Christoph Zang: Eine Analyse sozialkritischer Elemente in BLU’s Street Art & Animation „MUTO“. S. 5 f.Elisa della Barba: In: Swide.com, 21. November 2012 (englisch). aufgetragen in der Regel in weißer Farbe. Die unbunte Farbe Weiß bevorzugt Blu für seine Werke bis heute (Stand 2015), weil helle Wandbilder in der Dunkelheit am besten sichtbar sind.Travel Diary. In: MEGUNICA (englisch). Tagebuch der MEGUNICA-Reise, siehe Eintrag am 16. Dezember 2006. Im Jahr 2004 wurden erste Kunstgalerien auf Blus Bildsprache und Stil aufmerksam und luden ihn zu Ausstellungen ein. Da er weiterhin lieber im Verborgenen arbeiten und sich mit Bildern und nicht mit Worten ausdrücken wollte, nahm er die Einladungen selten an.

Etwa zur gleichen Zeit begann Blu eine intensive Zusammenarbeit mit Künstlern wie Dem, Sweza, Run und vor allem Ericailcane, mit dem er sich künstlerisch ergänzte. Während Blu seine charakteristischen menschlichen Figuren kreierte, malte Ericailcane die für ihn typischen Tiere, wie beispielsweise noch auf dem Nuart Festival in Stavanger 2010 (siehe unten). Ab 2005 unternahm Blu ausgedehnte Reisen, insbesondere nach Amerika und in Europa. Die Werke auf seinen oft langjährigen Auslandsaufenthalten entstanden teils in Zusammenarbeit mit international renommierten Street-Art-Künstlern, darunter Banksy, Os Gêmeos und JR. Spätestens als er sich anlässlich seines Werkes Hombre Banano 2005 in Managua mit der Sandinistischen Revolution auseinandersetzte, gewannen seine Bilder deutlich sozialkritische Inhalte. Der Bananenmann thematisierte den Protest der Arbeiter auf den Bananenplantagen Nicaraguas. In: Hechomagazine (englisch). Blus Maltechnik und Bildaussagen seit dieser Zeit werden mit dem Muralismo, insbesondere mit dem mexikanischen und südamerikanischen Muralismo, verglichen.Karin Cruciata: L'arte di Banksy: […]. S. 42.

MEGUNICA-Filmprojekt

Ende 2006 bereiste Blu im Rahmen des MEGUNICA-Filmprojekts Süd- und Zentralamerika. MEGUNICA ist ein Dokumentarfilm des italienischen Regisseurs Lorenzo Fonda aus dem Jahr 2008. Der Filmtitel MEGUNICA ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der bereisten Länder Mexiko, Guatemala, Nicaragua, Costa Rica und Argentinien. In einer Mischung aus Künstlerportrait und Roadmovie folgt der Film Blus Reise und zeigt ihn bei der Arbeit und bei seinen Begegnungen. Das Ziel des Projekts bestand darin, zu erforschen und zu dokumentieren, ob und inwieweit die unterschiedlichen Umfelder und sozialen Bedingungen der bereisten Länder Blus kreative Prozesse beeinflussen und sich über eine veränderte Wahrnehmung in seinen Wandmalereien, Zeichnungen und Animationen niederschlagen. Blu stimmte dem Projekt nur unter der Bedingung zu, dass sein Gesicht kein einziges Mal gezeigt wird.James Gaddy: Yo soy grafitero. […]. S. 102 Der 80-minütige Film wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Animationen, Videos und Sketch Note-Book mini|Das Logo Blus

Zur Kunst Blus gehören neben seinem eigentlichen Medium, der Wandmalerei, zahlreiche Videos und das Sketch Note-Book auf seiner Webseite. Mit der digitalen Animation begann Blu spätestens im Jahr 2001. Von den zehn Animationsfilmen, die Blu bis 2013 produzierte, sind einige Kooperationen mit anderen bildenden Künstlern und Musikern. Die Animation COMBO entstand beispielsweise auf dem Fame-Festival 2009 im italienischen Grottaglie in Zusammenarbeit mit dem in New York lebenden David Ellis. Fünf dieser Filme stehen im Zusammenhang mit den Wandmalereien (wall-painted animations). Darüber hinaus dokumentieren vierzehn Making-of-Videos (bis 2013) die Entstehungsprozesse seiner Wandmalereien. Das Animations-Video Muto („Stille“), das Blu während seines Aufenthaltes in Buenos Aires 2007/2008 aufnahm, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Seit 2000 dokumentiert Blu seine Animationen und Wandmalereien auf seiner Webseite, dem Sketch Note-Book, das er in der Art eines Tagebuchs regelmäßig ergänzt. Hier veröffentlicht er zudem Teile seiner Skizzenbücher in digitalisierter Form und gibt somit Einblicke in verschiedene Prozesse seiner Arbeitsweise. Einige Werke Blus sind als Siebdruck und in einer zusammenfassenden DVD erschienen. In Buchform liegt unter anderem die Bild-Sammlung Blu. 2004–2007 vor, die außer Danksagungen keinen Text enthält.

Blus Animationsvideos haben sich im Laufe der Zeit inhaltlich und technisch weiterentwickelt. Seine ersten Animationsvideos entstanden auf Papier, während Wände im Freien den Hintergrund späterer Videos wie Muto und Big Bang Big Boom bilden. Oft integriert er Gegenstände, die er auf der Straße findet, wie in Big Bang Big Boom. Die Entwicklung verdeutlicht Blu dadurch, dass er seine Videos nun "wall-painted animations" nennt. In den "wall-painted animations" greift er die Architektur der Stadt, ihre Umgebung und Landschaften auf und integriert sie in seine Wandmalereien. Seine späteren Animationsvideos haben außerdem oft eine erkennbare Handlung, so ist Big Bang Big Boom Blus Interpretation der Evolution.Chris Pallant (Hg.): Animated Landscapes: History, Form and Function. Bloomsbury Publishing, London 2015, ISBN 978-1-62892-349-0, S. 36.

Blu stellt seine Videos und Animationen unter freien Lizenzen bei YouTube oder Vimeo ein. Die Werke können somit als freie Inhalte kostenlos genutzt und weiterverbreitet werden. Im Gegensatz zu anderen Künstlern der Urban-Art, die den Kunstmarkt mit Prints und Leinwänden inzwischen „gnadenlos fluten“ würden, stellte der Kunstsammler Rik Reinking 2009 im Interview mit Alain Bieber zu Blu fest:

Rezeption und Sozialkritik im Werk Blus