Die Generative Textproduktion ist eine von Gerlind Belke entwickelteGerlind Belke (1. Aufl. 1999, 4. Aufl. 2008): Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht. Sprachspiele, Spracherwerb und Sprachvermittlung. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren.Gerlind Belke (2012): Mehr Sprache(n) für alle. Sprachunterricht in einer vielsprachigen Gesellschaft. 5. grundlegend überarbeitete und inhaltlich erweiterte Auflage des 1999 erstmals erschienenen Buches „Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht“. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren. methodische Grundlage für den Deutschunterricht in mehrsprachigen Lerngruppen.

Methodik Auf der Basis vorgegebener poetischer Texte generieren die Kinder eigene Texte. Die Textstruktur wird durch die Ersetzung (Substitution) einzelner Elemente so variiert, dass neue Texte entstehen. Die zu ersetzenden Elemente werden gemeinsam erarbeitet und anschließend von den Kindern als Bausteine für ihre eigene, individuelle Textproduktion genutzt. Auf diese Weise können Kinder mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen nicht nur grammatisch richtige, sondern meist auch fantasievolle und ästhetisch ansprechende Texte produzieren und dabei ihre eigene Erfahrungs- und Erlebniswelt einbringen:

Text 1: Susanne Stöcklin-MeierGerlind Belke: Mit Sprache(n) spielen. Kinderreime, Gedichte und Geschichten für Kinder zum Mitmachen und Selbermachen. Schülerband – Textsammlung. Schneider-Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2007 (5. Auflage 2014), S. 82.

Ein Huhn, das fraß, man glaubt es kaum, ein Blatt von einem Gummibaum. Dann ging es in den Hühnerstall und legte einen Gummiball.

Text 2: Ursula WölfelGerlind Belke (2007, 5. Aufl. 2014): Mit Sprache(n) spielen. Kinderreime, Gedichte und Geschichten für Kinder zum Mitmachen und Selbermachen. Schülerband - Textsammlung. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren. S. 80.

Komm, wir kehren die Straße mit dem großen Besen. Dann finden wir sieben Sachen:

Einen alten Fahrschein, einen krummen Nagel, eine Vogelfeder,

einen grünen Pfennig, ein Bonbonpapier, eine Spiegelscherbe, und vielleicht, und vielleicht einen goldenen Knopf für deine Jacke!

Text 1a: SchülervarianteGerlind Belke (2013): ‚Elementare Literatur‘ als Medium sprachlicher Bildung im Kontext einer Didaktik der Mehrsprachigkeit. In: kultuRRevolution. Nr. 65, November 2013 (= Heft 2, 2013). S. 65.

Ein Hund, der fraß, man glaubt es kaum, einen Knochen von einem Knochenbaum Dann ging er in die Hundehütte und nagte an dem Hundeknochen.

Text 2b: Schülervariante (unveröffentlicht):

Komm, wir kehren das Fußballstadion mit dem großen Besen. Dann finden wir sieben Sachen:

Eine zersplitterte Flasche, einen ausgeschlagenen Zahn, ein großes Fußballbuch

ein zerfetztes Trikot, eine ölige Chipstüte ein rotes Fankissen und vielleicht, und vielleicht schießt Totti einen neuen schönen Ball zu mir!

Die grammatischen Phänomene in den Texten werden nicht explizit thematisiert, sondern implizit erworben, indem die sprachlichen Mittel für den zu schreibenden Text bereitgestellt und genutzt werden und indem sowohl die Basistexte als auch die von den Kindern entwickelten Texte häufig wiederholt werdenHendrike Frieg u. a. (2014): Dschungeltanz und Monsterboogie. Lieder zur systematischen Sprachvermittlung im Vor- und Grundschulalter (Begleitkommentar). Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren.: Sie werden vorgelesen, im Chor gesprochen, gesungen, auswendig gelernt und vorgetragen, ggf. auch aufgeschrieben und in Textsammlungen veröffentlicht. Mit Text 1 wird die Beziehung zwischen dem bestimmten und unbestimmten Artikel und die Ersetzung des Nomens durch das zugehörige Pronomen, mit Text 2 die Deklination der Nominalgruppe (Artikel, Adjektiv, Nomen) im Akkusativ geübt.

Die Methode der generativen Textproduktion verbindet die für alle Kinder notwendigen Übungen zum Erwerb der Schriftsprache mit zwei weiteren Bereichen des Deutschunterrichts, dem produktiven Umgang mit Literatur und dem kreativen Schreiben. Mit der generativen Textproduktion wird die übliche Trennung zwischen Sprach- und Literaturunterricht, zwischen Deutsch als Muttersprache und Deutsch als Zweit- und Fremdsprache überwunden. Die Methode wurde Anfang der 1980er Jahre entwickelt, als mehrsprachige Kinder unabhängig von ihren Kenntnissen in der Landessprache Deutsch in Regelklassen beschult wurden und der Sprachunterricht so gestaltet werden musste, dass er für Minderheits- und Mehrheitskinder gleichermaßen ansprechend und sinnvoll war. Zudem galt es zu klären, wie man die von den Kindern mitgebrachten sprachlichen Kompetenzen in ihren verschiedenen Herkunftssprachen in den gemeinsamen Sprachunterricht einbeziehen konnte (vgl. dazu 1.3 in diesem Artikel).

Theoretische Grundlagen Generative Grammatik und generative Texttheorie

Die Generative Transformationsgrammatik basiert auf der Beobachtung, dass Menschen auf der Basis einer begrenzten Zahl von Regeln und Satzbauplänen durch Substitutionen (Ersetzung einzelner Elemente bei gleichbleibender Satzstruktur) und Transformationen (Umformulierung bei gleichbleibender Bedeutung) unendlich viele Äußerungen „generieren“ können. Der Literaturwissenschaftler Jürgen Link greift Chomskys Ansatz in seiner „generativen Texttheorie“ auf: Sie „entstand aus folgender Überlegung: wenn es Chomsky gelang, die Produktionsregeln für Sätze natürlicher Sprachen … zu formulieren (und dadurch entsprechende Sätze simulierbar zu machen), dann ist es vielleicht nicht ausgeschlossen, auch für literarische Texte ein solches Produktionsregelsystem zu entwickeln“.Jürgen Link (1983): Elementare Literatur und generative Diskursanalyse. München: Wilhelm Fink Verlag. S. 164. Die Fähigkeit, auf der Grundlage einer vorgegebenen auch den Hörern vertrauten poetischen Struktur aus dem „Stegreif“ einen eigenen Text zu erfinden, ist in allen Kulturen sehr verbreitet. In der Stegreifdichtung werden ohne Vorbereitung aus dem Augenblick heraus prägnante Kommentare zu aktuellen Ereignissen gedichtet, indem vorgegebene poetische Muster immer wieder abgewandelt werden. Diese weitgehend im Mündlichen entstandene und überlieferte Dichtung hat eine lange Tradition. Schon in der Skaldendichtung der Wikinger und im Minnesang haben sich rhythmisch-metrisch höchst komplexe Strophenformen entwickelt, die sprachübergreifend für verschiedene Inhalte genutzt wurden. In der heute weitgehend durch die Schriftkultur geprägten Literatur hat die Stegreifdichtung nur noch in folkloristischen Randbereichen überlebt, so in der im Alpenraum verbreiteten Kunst des Gstanzl-Singens. Kinder und Jugendliche haben bis heute die Fähigkeit bewahrt, Kinderlieder, Gedichte, Werbesprüche und andere mehr oder weniger poetische Vorgaben umzudichten.Gerlind Belke (2007, 3. Korrigierte Aufl. 2012): Poesie und Grammatik. Kreativer Umgang mit Texten im Deutschunterricht mehrsprachiger Lerngruppen. Lehrerband – Textkommentar. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren. Kapitel 30.

Literatur als Medium der Sprachvermittlung Aus didaktischer Sicht hat Harald Weinrich schon in den 1980er Jahren auf die ästhetische Funktion der Sprache beim Erwerb und bei der Vermittlung einer Sprache hingewiesenHarald Weinrich (1988): Von der Langeweile des Sprachunterrichts. In: Harald Weinrich (1988): Wege der Sprachkultur. München: dtv 4486, S. 236.:

Poetische Texte besitzen eine Reihe von Eigenschaften, die sie als Medium der Sprachvermittlung geeigneter erscheinen lassen als eine an realen Situationen, Inhalten und Kommunikationsbedürfnissen orientierte funktionale AlltagsspracheGerlind Belke (2011): Literarische Sprachspiele als Mittel des Spracherwerbs. In: Fremdsprache Deutsch, Heft 44/2011. Themenheft „Fremdsprache Literatur“. Hueber. S. 15–21.Gerlind Belke (2013): ‚Elementare Literatur‘ als Medium sprachlicher Bildung im Kontext einer Didaktik der Mehrsprachigkeit. In: kultuRRevolution. Nr. 65, November 2013 (= Heft 2, 2013): Sie lenken die Aufmerksamkeit der Lernenden auf die Sprache und schärfen dadurch das Wahrnehmungsvermögen für die verwendeten sprachlichen Mittel. Reim und Rhythmus verhindern, dass wichtige sprachliche Elemente (Endungen und Funktionswörter) weggelassen werden. Durch die mnemotechnischen Mittel (Reim, Rhythmus, Parallelismen, Bildlichkeit) prägen sich die in poetischen Texten enthaltenen sprachlichen Strukturen in nachhaltigerer Weise ein, als das bei den primär an alltäglichen Inhalten orientierten Texten und beim Umgang mit Fachsprachen der Fall ist. Kennzeichnend für die Poesie ist die Gruppierung von inhaltlich zusammengehörigen Wörtern (paradigmatische Beziehungen) in Sätzen und Texten (syntagmatische Beziehungen). Deshalb können mit poetischen Texten sowohl Satzbaupläne, d. h. häufig miteinander auftretende Wörter (Syntagmen), als auch grammatische Muster (Paradigmen), z. B. die Nominalflexion und die Verbkonjugation implizit erworben werden. In der Kinderliteratur gibt es eine auffallende Fülle von „Was-wäre-wenn-Texten“. Offenbar ist das Fiktionale, Hypothetische viel interessanter als die platte Realität!Gerlind Belke: Mit Sprache(n) spielen. Kinderreime, Gedichte und Geschichten für Kinder zum Mitmachen und Selbermachen. Schülerband - Textsammlung. (5. Aufl. 2014) Schneider-Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2007.Gerlind Belke (2007, 3. Korrigierte Aufl. 2012): Poesie und Grammatik. Kreativer Umgang mit Texten im Deutschunterricht mehrsprachiger Lerngruppen. Lehrerband – Textkommentar, Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren. Kap. 29. Mit solchen Texten können der Konjunktiv sowie Konjunktiv-Indikativ-Transformationen gezielt in den Blick genommen werden. Literatur fördert den Erwerb „symbolischer Kompetenz“ („symbolic competence“).Claire Kramsch (2006): From communicative competence to symbolic competence. In: The Modern Language Journal 90. S. 249–252.Claire Kramsch (2011): Symbolische Kompetenz durch literarische Texte. In: Fremdsprache Deutsch, Heft 44/2011. Themenheft „Fremdsprache Literatur“. Hueber. S. 35–40. Die Vermittlung differenzierter und komplexer Bedeutungen in der neuen Sprache ist mit literarischen Texten sehr viel effizienter möglich als beim Wortschatzerwerb durch Vokabelgleichungen.

Verschiedene Sprachen – gemeinsames Spiel „Sprachspiele sind mehr oder weniger standardisierte Texte, die von Kindern in spielerischer und nicht primär instrumentell-kommunikativer Absicht geäußert werden“.Gerlind Belke (1. Aufl. 1999, 4. Aufl. 2008): Mehrsprachigkeit im Deutschunterricht. Sprachspiele, Spracherwerb und Sprachvermittlung. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, S. 45 Der spielerisch-poetische Umgang mit den Elementen der Sprache und den Beziehungen zwischen diesen Elementen, z. B. in Zaubersprüchen, Abzählversen, Zungenbrechern, Mitmachtexten auf dem Schulhof, Witzen und Scherzfragen ist Teil einer universalen „Naturpoesie“, die Jacob Grimm zufolge „von selbst entstanden und überall bekannt ist“Hermann Bausinger (1968): Formen der „Volkspoesie“. Berlin: Ernst Schmidt Verlag. S. 19. Klang, Rhythmus und Reim entfalten ihre Faszination über Sprachgrenzen hinweg und schlagen Brücken zwischen den verschiedenen Sprachen in unseren Kindergärten und Schulklassen.