mini|Prospekt der „Sonnenorgel“ der Peterskirche in Görlitz von Eugenio Casparini (1703) mit 17 Sonnen Die Orgellandschaft Sachsen umfasst den historisch gewachsenen Orgelbestand der Kulturlandschaft Sachsen. Ihre Ursprünge reichen bis in die spätgotische Zeit zurück. Aber erst im 17. Jahrhundert entstand eine eigenständige sächsische Orgellandschaft. Der Kulturraum war in der Geschichte wechselnden Einflüssen benachbarter Orgellandschaften unterworfen, was dadurch begünstigt wurde, dass sich die Gebietsgrenzen im Verlauf der Jahrhunderte mehrfach änderten.Friedrich, Froesch: Orgeln in Sachsen. 2012, S. 7. Von den insgesamt etwa 2500 Orgeln der sächsischen Kulturregion sind mehr als 130 historische Instrumente vom 17. bis 19. Jahrhundert vollständig oder größtenteils erhalten.Dähnert: Historische Orgeln in Sachsen. 1980, S. 10. Die Region ist nachhaltig durch das Wirken von Gottfried Silbermann und seiner Schule geprägt. In der Moderne zeichnet sich die Orgellandschaft durch zahlreiche Restaurierungen und Rekonstruktionen historischer Instrumente aus, die durch einige überregional bedeutende Neubauten unterschiedlicher Stilrichtungen ergänzt werden.

Der Artikel befasst sich mit der Geschichte des Orgelbaus und den erhaltenen Orgeln in Sachsen. Weiterführende Informationen zu einzelnen Instrumenten sind in der Liste von Orgeln in Sachsen und in der Liste der Orgeln in Dresden zu finden.

Gotik und Renaissance Bedeutende Orgelbauer und ihre Werke mini|hochkant|Lange-Orgel (1598) in der Leipziger Nikolaikirche, Aquarell von Carl Benjamin Schwarz, 1785 mini|hochkant|Die Frietzsch-Orgel der Dresdner Schlosskapelle (1614) soll rekonstruiert werden. mini|Älteste erhaltene Orgel in Sachsen: Richter-Orgel in Pomßen (1671) Die älteste Orgel Sachsens ist für das Jahr 1298 in der Görlitzer Peterskirche nachweisbar.Greß: Die Orgellandschaft Sachsen. 2006, S. 81. Im Meißner Dom ist 1362, im Bautzener Dom St. Petri 1372, in der Zwickauer St.-Marien-KircheHüttel: Orgeln und Orgelbauer im südwestlichen Sachsen. 1994, S. 9. 1383 und in der Leipziger ThomaskircheWolff, Zepf: Die Orgeln J. S. Bachs. 2006, S. 70. 1384 ein Orgelwerk erstmals belegt. Das Zeitalter der Gotik wurde von international tätigen Orgelbauern beherrscht, was europaweit zu einem recht einheitlichen Baustil führte.Balz: Göttliche Musik. 2008, S. 16. Der Bautzener Dom erhielt im Jahr 1502 eine neue Orgel des Orgelbauers Burkhard Dinstlinger aus Südtirol, der süddeutsch-österreichische Einflüsse auf das sächsische Kurfürstentum vermittelte.Dähnert: Historische Orgeln in Sachsen. 1980, S. 12. Sein Schüler Blasius Lehmann eröffnete eine Werkstatt in Bautzen und schuf Instrumente für die Thomaskirche in Leipzig und die Dresdner Kreuzkirche. Er war zugleich Hoforganist des brandenburgischen Kurfürsten Joachim I. und hielt sich von 1516 bis 1519 an dessen Hof auf.Orgellandschaft Brandenburg, abgerufen am 8. Mai 2019. Lehmanns Wirkungsbereich erstreckte sich bis nach Danzig. In vorreformatorischer Zeit verfügten die großen Stadtkirchen in Meißen (1372), Dresden (1389), Zwickau (1445), Leipzig (1489) und Görlitz (1507) bereits über zwei Orgeln, eine große Hauptorgel auf der Westempore oder im südlichen Querschiff und ein kleines Instrument in Altarnähe im Chor.Dähnert: Historische Orgeln in Sachsen. 1980, S. 28, 77, 184, 203.

In der Oberlausitz, die bis 1635 zum Königreich Böhmen gehörte, war ein starker Einfluss böhmischer Orgelbauer zu verzeichnen. Albrecht Rudner aus Budweis setzte 1570 die Orgel der Zittauer Johanniskirche instand und erweiterte ihre Disposition. Ähnliche Arbeiten führte er 1577 an der Görlitzer Orgel von Dinstlinger (1503–1505) aus. Im albertinischen Sachsen galt Johann Lange in Kamenz in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als führender Orgelbauer.Wolff, Zepf: Die Orgeln J. S. Bachs. 2006, S. 167. Der mutmaßliche Schüler von Hans Scherer dem Älteren (Hamburg) verwendete die Schleiflade und führte zahlreiche Neuerungen ein. Ebenso wie der zeitgleich wirkende Niederländer Hermann Raphael Rodensteen, der sich 1559 in Zwickau niedergelassen hatte,Ernst Flade: Hermann Raphael Rottenstein-Pock. Ein niederländischer Orgelbauer des 16. Jahrhunderts in Zwickau. In: Zeitschrift für Musikwissenschaft. 15. Jg., 1932, S. 1–24, hier: S. 2. brachte Lange die hoch entwickelte brabantische Orgelbaukunst nach Sachsen. Aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg sind keine Orgeln erhalten. Der Joachimsthaler Orgelbauer Jacob Schedlich baute im 17. Jahrhundert zahlreiche Orgeln in Böhmen und im Erzgebirge,Rudolf Quoika: Der Orgelmacher Jacob Schedlich. In: Archiv für Musikwissenschaft. 18, 1961/1962, S. 141–154 (). zeitgleich mit dem deutsch-böhmischen Orgelbauer Matthias Tretzscher.

Einer der innovativsten deutschen Orgelbauer des frühen 17. Jahrhunderts war Gottfried Fritzsche (Frietzsch). Er wurde 1578 in Meißen geboren und wirkte dort bis 1612. Um 1614 wurde er kurfürstlich-sächsischer Hoforgelbauer in Dresden, wo er bis 1619 eine Werkstatt führte.Pape: Lexikon norddeutscher Orgelbauer. Bd. 1. 2009, S. 81. Er entwickelte den brabantischen Orgelbau weiter. Beispiele seiner zahlreichen Neuerungen waren neue Zungenregister, ungewöhnliche Fußtonlagen (Tonhöhen) und neue Neben- und Effektregister. Seine berühmte Orgel für die Schlosskapelle Dresden (1610–1614) entstand im Zusammenwirken mit Hans Leo Hassler. Sie verfügte über 33 Register, darunter zwei in Ein-Fuß-Lage (im Brustwerk und Pedal) und zwei zweifache Zimbeln sowie drei Tremulanten, Zimbelstern, „Vogelsang“ und „Heer Trummel“.Dähnert: Historische Orgeln in Sachsen. 1980, S. 83 f. Die Schlossorgel ist ebenso wie die beiden Frietzsch-Orgeln in Meißen nicht erhalten, soll aber originalgetreu rekonstruiert werden.Frank-Harald Greß: Die Gottfried-Fritzsche-Orgel der Dresdner Schlosskapelle und ihre Rekonstruktion. (= Sächsische Studien zur älteren Musikgeschichte; 3). In: Matthias Herrmann (Hrsg.): Die Musikpflege in der evangelischen Schlosskapelle Dresden zur Schütz-Zeit. Kamprad, Altenburg 2009, ISBN 978-3-930550-55-5, S. 141–157; Frank-Harald Greß: Die Gottfried-Fritzsche-Orgel der Dresdner Schloßkapelle. Untersuchungen zur Rekonstruktion ihres Klangbildes. In: Acta Organologica. Bd. 23, 1993, S. 67–112. Die Disposition ist in der Organographia von Michael Praetorius (1619) überliefert.

Die ältesten erhaltenen sächsischen Orgeln stammen aus dem 17. Jahrhundert. Sie verfügen über ein Manual und ein kleines, aber selbstständiges Pedalwerk. Die Orgel in der Alten Kirche von Coswig, welche im Jahre 1615 oder 1624 erbaut wurde, stammt von Frietzsch oder vom sächsischen Hoforgelbauer Tobias Weller. In den 1620er Jahren baute ein unbekannter Orgelbauer in der Wehrgangkirche Lauterbach ein kleines Instrument, das 1957 unter Einbeziehung der erhaltenen Teile fast vollständig neu gebaut wurde.Dähnert: Historische Orgeln in Sachsen. 1980, S. 175 f. Die ältesten Teile der Orgel in der Dorfkirche Rossau wurden um 1660 gefertigt. Die älteste weitgehend erhaltene Orgel Sachsens steht in der Wehrkirche Pomßen. Das Werk von Gottfried Richter (1670–1671) hat ein historisierendes Gehäuse im Stil der Spätrenaissance mit Flügeltüren in Grisaille und drei bossierte Pfeifen im Prospekt mit gedrehten Füßen. Aus der Zeit um 1670 stammt die Orgel eines unbekannten Erbauers in der Dorfkirche Lippersdorf (eventuell ebenfalls von Richter).

Kennzeichen und Funktion Im Zeitalter der Gotik war der Orgelbau europaweit weitgehend vereinheitlicht. Erst im 17. Jahrhundert bildeten sich regional unterschiedliche Orgellandschaften heraus. Die gotischen Orgeln waren Blockwerke, deren Register nur im vollen Werk, aber nicht einzeln anzuspielen waren. Mit Hilfe von Sperrventilladen konnten einzelne Teilwerke separat genutzt werden, so um 1500 bei den Orgeln auf Schloss Altenburg und in der Leipziger Paulinerkirche. Erst die Erfindung der Schleiflade und der Springlade ermöglichte es, einzelne Pfeifenreihen getrennt zu bedienen, was die Klangmöglichkeiten multiplizierte. Diese Technik setzte sich in Sachsen im Laufe des 15. Jahrhunderts durch. Über Details der Orgeln vor 1500 ist allerdings nichts bekannt. Ab etwa 1500 kam als erste Zungenstimme das Regal-Register zum Einsatz. Das 16. Jahrhundert brachte technische und klangliche Verbesserungen mit sich. Auf der Grundlage der Schleifladenkonstruktion wurden im Zeitalter der Renaissance zahlreiche neue Register erfunden.

Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts erfüllte die Orgel liturgische Zwecke, wurde aber nicht zur Begleitung des Gemeindegesangs eingesetzt. Im Rahmen der Alternatimpraxis übernahm sie im Wechsel mit dem Chor, der Gemeinde oder einzelnen Sängern einzelne Teile der Messe und der kirchlichen Tageszeiten. Die Orgeln der Renaissance waren stark am zeitgenössischen Consortstil orientiert, in dem Flöten, Trompeten, Streichinstrumente und verschiedene Holzblasinstrumente imitiert wurden und die Orgel auf diese Weise das gesamte Orchester der damaligen Zeit abbildete. Entsprechend waren die gemischten Stimmen vergleichsweise milde konzipiert. Die Orgel wurde solistisch verwendet (für Kompositionen, Improvisationen und Intabulierungen) und zum Ensemblespiel eingesetzt, entweder als Continuoinstrument oder dass sie selbst die verschiedenen Instrumente nachahmte.Hans Musch: Die Orgel in der Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts. In: Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.): Silbermann. Geschichte und Legende einer Orgelbauerfamilie. Badisches Landesmuseum, Karlsruhe 2006, ISBN 978-3-7995-0218-4, S. 77–80, hier: S. 78 f.

Barock Bedeutende Orgelbauer und ihre Werke mini|Orgel in Störmthal (1723) von Hildebrandt, Schüler und Konkurrent Silbermanns mini|Die Orgel der Burgkapelle Schönfels (um 1730) verwendet ausschließlich Holzpfeifen. mini|Barocker Orgelprospekt von Johann Gottlieb Tamitius in Oybin (1754) Die politisch-wirtschaftliche und kulturell-kirchliche Blütezeit Sachsens im Zeitalter der Renaissance und des Barock brachte überregional bedeutende Orgelbauer hervor.Felix Friedrich: Der Orgelbauer Heinrich Gottfried Trost. Leben – Werk – Leistung. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1989, ISBN 3-370-00287-6, S. 65. Der Prospekt der sogenannten Sonnenorgel in der Görlitzer Peterskirche von Eugenio Casparini ist ein Unikum. Casparini wanderte mit 17 Jahren nach Italien aus und kehrte 1697 mit 74 Jahren in seine Heimat zurück. Zusammen mit seinem Sohn Adam Horatio vollendete er nach sechs Jahren Bauzeit die Orgel im Jahr 1703 und ließ dabei seine reichen Erfahrungen einfließen.Schäfer: Laudatio Organi. 1982, S. 206. Der Görlitzer Bildhauer Johann Conrad Buchau besetzte den 14,40 Meter hohen und 10,30 Meter breiten Prospekt mit 17 Pfeifenkränzen, die wie Strahlen aus den vergoldeten Sonnengesichtern ausgehen. Zwölf dieser Sonnen haben je zwölf klingende Pfeifen und gehören zu einer zwölffachen Pedalmixtur. Außer der Unda maris ist kein weiteres Register von Casparini erhalten.