Eine Kanzeluhr, auch Predigtuhr genannt, ist eine an der Kanzel angebrachte Uhr, die dazu dient, die Dauer der Predigt vorzugeben.
Formen und Verwendung mini|Kanzeluhr von 1776 im Volkskundemuseum Erfurt Eine Kanzeluhr war „gewöhnlich eine Sanduhr auf der Kanzel, nach welcher sich die Prediger in Ansehung der Länge ihrer Predigt richten können“.Joachim Heinrich Campe: Wörterbuch der deutschen Sprache, Bd. 2: F bis K. Braunschweig 1808, S. 885. So konnten der Pfarrer seine Predigtzeit einhalten und zugleich seine Zuhörer abschätzen, wie lange die Predigt voraussichtlich noch dauern würde. In der Regel war die Kanzeluhr eine sogenannte „Predigtsanduhr“: Sie bestand aus zumeist vier nebeneinander angebrachten Sanduhren, deshalb auch „viergläsrige Sanduhr“ genannt. (Gelegentlich hatte sie auch zwei, drei oder sechs Gläser.) Dabei gab es zum einen Kanzeluhren, die in je einer Viertelstunde durchliefen.Gudrun Tabbert: Eine letzte Erinnerung an die alte Sanduhr der evangelischen Kirche in Neutomischel, abgerufen am 3. März 2015. Bei Predigtbeginn drehte der Küster die Sanduhr um. Der erste Abschnitt der Predigt, die Hinführung zur Predigtperikope, dauerte ein Glas lang, also 15 Minuten. Nach dem Verlesen des biblischen Textes wurde das zweite Glas umgedreht: Die Hauptpredigt begann, die gewöhnlich aus drei je ein Glas dauernden Teilen bestand, so „daß erst mit dem letzten verrinnenden Körnlein das oft lang ersehnte Amen erfolgte“.Heinrich Alt: Der christliche Cultus nach seinen verschiedenen Entwickelungsformen und seinen einzelnen Theilen historisch dargestellt. G.W.F. Müller, Berlin 1843, Kapitel 7: „Das Gotteshaus und seine innere Einrichtung“, Absatz 4: „Die Sanduhr“, S. 98–99, Zitat S. 98 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Bei anderen Modellen wurde die viergläsrige Sanduhr zu Predigtbeginn als Ganze gedreht.Günter Kuschnik: Sanduhr bestimmt Länge der Predigt. In: Nordwest-Zeitung online, 15. März 2006 (über eine Kanzeluhr im Schiffahrtsmuseum der oldenburgischen Unterweser). In diesem Fall unterschieden sich die Gläser in der Durchlaufgeschwindigkeit des Sandes: z. B. 15, 30, 45 und 60 MinutenIn welcher Kirche gibt es noch eine Kanzeluhr? (zu einem Beitrag in der Sendereihe „Außenseiter Spitzenreiter“, ausgestrahlt vom MDR am 11. November 2011), abgerufen am 3. März 2015. oder 15, 20, 25 und 30 Minuten.Rosl Schäfer: Georg-Christophorus-Jodokus-Kirche Stellichte. Walsrode 2008, S. 15.
mini|Kanzeluhr in der Evangelisch-lutherischen Stadtpfarrkirche St. Nikolai in Marktbreit Seltener und in der Regel erst seit dem 18. Jahrhundert wurden mechanische Uhren als Kanzeluhr verwendet, so etwa in der Peterskirche in Görlitz und in der St.-Martini-Kirche in Stadthagen. Die einfachste, nur in wenigen Fällen erhaltene Form der Kanzeluhr ist eine Kerze, die in einem an der Kanzel befestigten Glas niederbrennt.
Zweck Insofern Prediger heutzutage darauf achten, nicht zu lange zu predigen, wird häufig angenommen, dass Kanzeluhren vor allem vor übermäßiger Predigtdauer bewahren sollten. „Nun war der Sand durch die Uhr gelaufen, die Predigt selbst geschlossen“, heißt es im Roman Vor dem Sturm von Theodor Fontane.Theodor Fontane: Werke in fünf Bänden, Bd. 1: Vor dem Sturm. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1974, S. 37 (über die „dreigeteilte“ Predigt von Pastor Seidentopf in Hohen-Vietz). Die 1717 für die Johanniskirche in Werben an der Elbe angeschaffte (mechanische) Kanzeluhr „schlug alle Viertelstunden an, nach einer Stunde aber sehr laut und stark als Mahnung für den Prediger fini sermonem“ (auf Deutsch: beende die Predigt!).Deutsches Pfarrerblatt, Jg. 1932, S. 427. In der Zeit der Aufklärung war die Obrigkeit darauf bedacht, dass das Volk nicht zu viel Zeit auf „unproduktive Tätigkeiten“ verwandte, sondern gefälligst arbeitete.uhrenlexikon.de: Geschichte der Sanduhr In der Gefürsteten Grafschaft Nassau-Weilburg verfügte der Fürst im Jahre 1749:Zitiert nach Peter Wasem: , abgerufen am 4. März 2015.
Ältere Kirchenordnungen gaben eher eine Mindestpredigtdauer vor. Insofern dienten Kanzeluhren ebenso dazu, zu überwachen, dass der Prediger „sein Soll, für das er bezahlt wurde, auch einhielt“.
Gelegentlich nutzten die Prediger die Kanzeluhr bei den in der Barockzeit häufigen „Memento mori“- und „Vanitas“-Predigten, um den Zuhörern zu veranschaulichen, wie ihre Lebenszeit unaufhaltsam verrinnt.
Geschichte mini|Kanzeluhr in der Reformierten Kirche in Kopenhagen. Die vier Gläser sind beschriftet: 1/4, 2/4, 3/4 und 4/4 Stunde. Eine sehr alte, angeblich aus dem Jahre 1439 stammende Kanzeluhr befindet sich im Bestand der Priesterhäuser in Zwickau., abgerufen am 3. März 2015. Die älteste bekannte Abbildung eines Kircheninnenraumes, die eine Kanzeluhr zeigt, stammt aus dem Jahre 1520.Sanduhren – Kirchenuhren, abgerufen am 5. März 2015.
Weil die Predigt den größten (längsten) Teil des lutherischen Sonntagsgottesdienstes ausmachte und erst recht im reformierten Gottesdienst, waren Kanzeluhren vor allem in protestantischen Kirchen im 17. und im 18. Jahrhundert in Gebrauch, in manchen Landeskirchen schon seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In einigen Landeskirchen war die Kanzeluhr vorgeschrieben, in anderen empfohlen.Dorothee Reimann: Die Sanduhr in St. Marien zu Torgau. In: Monumente, Jg. 2005, Heft 11/12, S. 22–23, hier S. 22. Eine Kirchen- und Schulordnung von 1565 schreibt vor: „Die Morgend- wie auch alle anderen Predigten sollen durchaus nicht über eine Stunde dauern, deshalb auf jeder Kanzel eine richtige Sanduhr angeschaffet … die bei Betretung umgewendet werden soll.“Zitiert in: Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Werden, Ausgabe 03/2008.
In der katholischen Sonntagsmesse steht die Predigt nicht an erster Stelle. Kanzeluhren sind deshalb in katholischen Kirchen unüblich.
Der Großteil der Kanzeluhren wurde im 19. und im 20. Jahrhundert als „nicht mehr zeitgemäß“ im Zuge von Renovierungen aus den Kirchen entfernt, wie etwa bei der „Ausweißung“ der Kirche in Kemnitz 1856.Cornelius Gurlitt: Amtshauptmannschaft Löbau (= Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen, Bd. 34). C. C. Meinhold, Dresden 1910, S. 232. Im besten Fall wurden die abgebauten Kanzeluhren Heimatmuseen oder regionalen kulturgeschichtlichen Museen überlassen.
Erhaltene Kanzeluhren in Kirchen Unter anderem in folgenden Kirchen ist die Kanzeluhr erhalten:
In Deutschland Baden-Württemberg in der Heiligkreuzkirche in Erlach bei Schwäbisch Hall
Bayern in der Kirche St. Oswald in Großwalbur in der evangelischen Spitalkirche in Hersbruck in der St.-Nikolai-Kirche in Marktbreit in der evangelischen Neupfarrkirche in Regensburg in der evangelischen St.-Bartholomäus-Kirche in Sommerhausen
Berlin in der Dorfkirche Alt-Staaken
Brandenburg in der Kirche in Ahrensdorf bei Ludwigsfelde in der Dorfkirche in Kleinmachnow in der evangelisch-lutherischen Kirche in Lebusa in der Dorfkirche in Meseberg bei Gransee in der Gutskirche in Tornow bei Wusterhausen an der Dosse
mini|hochkant|Kanzeluhr St. Michaelis Hamburg von 1763(Foto von 1901)
Hamburg in der Hauptkirche Sankt Michaelis
Hessen in der Stadtkirche Lauterbach in Lauterbach in der evangelischen Kirche in Sachsenberg, Gemeinde Lichtenfels
Mecklenburg-Vorpommern in der Dorfkirche in Demern in der Sankt-Jacobs-Kirche in Kasnevitz auf Rügen in der Fachwerkkirche in Matzlow in der Seemannskirche in Prerow in der St.-Johannis-Kirche in Rerik
Niedersachsen in der reformierten Kirche St. Willehad in Accum bei Schortens in der St.-Johannis-Kirche in Arenshorst bei Bohmte in der St.-Ansgari-Kirche in Hage in der Kirche im St. Nicolaihof in Bardowick bei Lüneburg in der St.-Martini-Kirche in Stadthagen in der St.-Georg-Christophorus-Jodokus-Kirche in Stellichte bei Walsrode in der St.-Johannis-Kirche in Wolfenbüttel
Nordrhein-Westfalen in der evangelischen Kirche in Lünern bei Unna (nur der Rahmen erhalten)
Rheinland-Pfalz in der Bergkirche in Bad Bergzabern in der Friedenskirche in Grünstadt in der Paulskirche in Kirchheimbolanden
Sachsen in der Kirche in Burkersdorf bei Frauenstein in der Chorturmkirche in Döben bei Grimma im Dom St. Marien in Freiberg in der Peterskirche in Görlitz in der Kirche Leubnitz-Neuostra in Dresden in der Pfarrkirche in Ludwigsdorf bei Görlitz in der Dorfkirche in Pfaffroda in der Stadtkirche Sankt Marien in Torgau im Dom St. Marien in Wurzen in der Kirche in Zuschendorf bei Pirna In der St.-Bartholomäus-Kirche in Röhrsdorf in Sachsen wurde im Jahr 2014 ein Nachbau der 1912 entfernten Kanzeluhr angebracht. S. 12.
Sachsen-Anhalt in der Kirche St. Arnold in Breitungen im Südharz im Dom zu Halberstadt in der Kirche in Labrun bei Annaburg in der Patronatskirche in Meisdorf bei Falkenstein/Harz in der Kirche St. Marien und Willebrord in Schönhausen in der Johanniskirche in Werben an der Elbe in der Dorfkirche in Wust
Schleswig-Holstein in der Dorfkirche Behlendorf in Behlendorf im Kreis Herzogtum Lauenburg in der Petrikirche in Bosau in der St.-Andreas-Kirche in Brodersby in der Kirche St. Marien-Magdalenen in Erfde in der Marienkirche in Flensburg in der St.-Katharinen-Kirche in Gelting in der St.-Laurentius-Kirche in Langenhorn (Nordfriesland) in der St.-Johannes-Kirche in Neukirchen (Nordfriesland) in der St.-Marien-Kirche in Sörup in der St.-Niels-Kirche in Westerland auf Sylt
Thüringen in der St.-Georgen-Kapelle in Arnstadt in der Kirche Zum Heiligen Kreuz in Bettenhausen in der Kirche St. Bonifatius in Blankenburg in der Kirche in Friesau in der evangelischen Kirche in Großneundorf in der Dorfkirche in Helmershausen in der Kirche St. Markus in Oschitz bei Schleiz in der Bergkirche St. Marien in Schleiz in der Kirche St. Christophorus in Tiefurt bei Weimar in der Dorfkirche Weischwitz bei Kaulsdorf
In weiteren Ländern Dänemark in der Christianskirche in Kopenhagen in der Reformert Kirke in Kopenhagen in der Sankt Johannes Kirke auf Kegnæs (Alsen) in der Ny Kirke auf Bornholm
Finnland in der Kirche St. Laurentius in Eckerö (Åland) in der Heiligkreuzkirche von Hattula
Niederlande in der Nicolaaskerk in Haren in der Jacobuskerk in Renesse in der Maartenskerk in Wemeldinge
Norwegen in der Kirche von Trondenes bei Harstad
Schweiz im Berner Münster in der Kirche in Wimmis, Kanton Bern
Schweden in der Deutschen Kirche in Stockholm in der Kirche von Gammelgarn auf Gotland in der Kirche von Habo in der Kirche von Stenkyrka auf Gotland im Dom zu Visby auf Gotland in der „Alten Kapelle“ auf der Insel Ulvön in Ångermanland in der Kirche von Stora Skedvi in Dalarna
Kanzeluhren in Museen Kanzeluhren finden sich unter anderem in folgenden Museen: im Deutschen Hugenottenmuseum in Bad KarlshafenDeutsches Hugenottenmuseum: Hugenottische Gottesdienste, abgerufen am 3. September 2023. im Schiffahrtsmuseum der oldenburgischen Unterweser in Brake in der Uhrensammlung des Mathematisch-Physikalischen Salons in Dresden im Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt im Stiftskirchenmuseum in Himmelkron im Museum Schnütgen in Köln im Schloss Ludwigslust im Stadtmuseum Meißen in Museum am Lindenbühl in Mühlhausen im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg im Fränkischen Museum in Feuchtwangen im Burgmuseum in Querfurt im Saarländischen Uhrenmuseum in Püttlingen-Köllerbach im Salzlandmuseum in Schönebeck (Elbe) im Staatlichen Museum in Schwerin im Grafschaftsmuseum in Wertheim im Museum Kirche in Franken in Bad Windsheim im Lutherhaus in Wittenberg in den Kunstsammlungen Zwickau im Uhrenmuseum L. U. Ceum – Spuren der Zeit in Fleurier, Schweiz im Science Museum in London
Literatur Reiner Dieckhoff: Zu einer neuerworbenen Kanzeluhr im Schnütgen-Museum. In: Bulletin der Museen der Stadt Köln, Jg. 1978.