The Kraken, deutsch Der Krake, ist ein Gedicht von Alfred Tennyson (1809–1892). Es erschien zuerst 1830 in seinen Poems, Chiefly Lyrical.
Das nur 15 Verse zählende, formal einem Sonett ähnelnde Werk hat ausweislich seines Titels ein Seeungeheuer zum Thema, den sagenumwobenen „Kraken“ des Nordmeeres. Die eigentümliche Wortwahl des Dichters und mehr oder minder explizite intertextuelle Anspielungen auf die Offenbarung des Johannes und Percy Bysshe Shelleys Versdrama Prometheus Unbound weisen jedoch über dieses märchenhaft-folkloristische (also typisch romantische) Sujet hinaus und haben zu vielfältigen Spekulationen über die religiösen oder weltanschaulichen Hintergedanken des Dichters Anlass gegeben. mini|Alfred Tennyson. Porträtzeichnung von Samuel Laurence, um 1840.
Text Im Folgenden der Text des Gedichts in der Fassung letzter Hand (1872)Text gemäß Tennyson: Selected Edition. 2., revidierte Ausgabe. Hrsg. von Christopher Ricks. Pearson Longmen, Harlow / New York 2007, S. 17–18, und identisch mit dem Abdruck in Tennysons Juvenilia von 1872. und eine von Werner von Koppenfels besorgte Übertragung ins Deutsche (2000):Werner von Koppenfels, Manfred Pfister (Hrsg.): Englische und amerikanische Dichtung. Band 2: Von Dryden bis Tennyson. C.H. Beck, München 2000, ISBN 3-406-46458-0, S. 392.
Below the thunders of the upper deep; Far far beneath in the abysmal sea, His ancient, dreamless, uninvaded sleep The Kraken sleepeth: faintest sunlights flee About his shadowy sides; above him swell Huge sponges of millennial growth and height; And far away into the sickly light, From many a wondrous grot and secret cell Unnumber'd and enormous polypi Winnow with giant arms the slumbering green. There hath he lain for ages, and will lie Battening upon huge seaworms in his sleep, Until the latter fire shall heat the deep; Then once by man and angels to be seen, In roaring he shall rise and on the surface die.Unter dem Donner hoher Meeresflut Zuunterst in bodenloser Tiefe In uralt traumlos ungebrochener Ruh Schläft, schläft der Krake. Schattenlichter spielen Um seine dunklen Flanken; über ihm Schwillt tausendjähriger Wust von Riesenschwämmen; Und aus der Ferne in den blassen Dämmer, Aus Wundergrotten und Verliesen schwingt Unzählige Schar gewaltiger Polypen Schläfrigen Tang in ihren mächtigen Händen. Hier liegt er seit Äonen, wird er liegen, Wird schlafend schlingen riesiges Seegewürm, Bis einst der letzte Brand den Abgrund wärmt; Dann steigt er, unter Mensch- und Engelsblicken, Brüllend hinauf, um droben zu verenden.
Bis auf zwei geringfügige Änderungen ist der Text identisch mit dem des Erstabdrucks von 1830: die altertümliche Schreibweise ‚antient‘ ersetzte Tennyson durch ‚ancient‘, das Wort ‚fins‘ („Flossen“) durch ‚arms‘ („Arme,“ bei Koppenfels „Hände“).
Form Das Gedicht lässt sich als ein aus den Fugen geratenes Sonett beschreiben;Robert Pattison bezeichnet es als „Quasi-Sonett“, in: Robert Pattison: Tennyson and Tradition. Harvard University Press, Cambridge MA 1979, S. 41. es zählt 15 statt der 14 üblichen Verse und folgt in seinem Verlauf einem zunehmend eigenwilligen Reimschema:Philip V. Allingham: Annotationen zu The Kraken im Victorian Web
Auffällig ist vor allem der überzählige Schlussvers, zumal er als einziger kein iambischer Fünfheber, sondern ein Sechsheber ist, genauer gesagt ein Alexandriner.Christopher Ricks: Annotationen zu The Kraken. In: Alfred Lord Tennyson: Selected Poetry. Penguin, London / New York 2008, S. 303. Doch auch wenn man von dieser ungewöhnlichen Zugabe absieht, lässt sich der Aufbau des Gedichts weder mit den Vorgaben des Shakespeare-Sonetts noch des Petrarca-Sonetts vereinbaren. An ersteres lassen zunächst die beiden ersten, noch halbwegs regelkonformen Quartette denken, die zu einer Terzine gefassten Folgeverse dagegen an das italienische Vorbild, wobei jedoch die inhaltliche Zäsur oder Klimax – hier also der Übergang von der Beschreibung der Tiefsee zur Endzeitprophetie – noch nicht wie gewöhnlich nach dem achten, sondern erst nach dem zehnten Vers eintritt.Morton Luce: A Handbook to the Works of Alfred Lord Tennyson. G. Morton, London 1905, S. 82.
Ein mehr oder minder liederlicher Umgang mit formalen Vorgaben zeichnet mehrere frühe Werke Tennysons aus und brachte ihm 1833 einen Rüffel von keinem Geringeren als Samuel Taylor Coleridge ein, der ihm eine unbefriedigende Note in Metrik ausstellte und ihm empfahl, sich einstweilen auf eine, höchstens zwei der klassischen lyrischen Formen zu beschränken, bis er zumindest diese gemeistert habe.Henry Nelson Coleridge (Hrsg.): Specimens of the Table Talk of the Late Samuel Taylor Coleridge. Volume II, John Murray, London 1835, S. 164 f.: „The misfortune is, that he has begun to write verses without very well understanding what metre is. Even if you write in a known and approved metre, the odds are, if you are not a metrist yourself, that you will not write harmonious verses; but to deal in new metres without considering what metre means and requires, is preposterous. What I would, with many wishes for success, prescribe to Tennyson,–indeed without it he can never be a poet in act,–is to write for the next two or three years in none but one or two well-known and strictly defined metres, such as the heroic couplet, the octave stanza, or the octo-syllabic measure of the Allegro and Penseroso.“ (GBS) Hinter Tennysons vermeintlichen Handwerksfehlern darf man indes durchaus Vorsatz vermuten, eine vorsichtige Rebellion gegen ebendie Formstrenge, die Coleridge einforderte. So finden sich gerade in den Poems, Chiefly Lyrical von 1830 zwar auch einige vorschriftsgemäß ausgeführte Sonette, doch 50 Jahre später gab Tennyson, nunmehr der berühmteste Dichter des Landes, zu erkennen, was er tatsächlich von dieser Gedichtform hielt: „I hate the perfect sonnet with a perfect hatred“ (zu Deutsch in etwa: „Ich hasse das vollkommene Sonett mit vollkommenem Hass“).Zitiert in: Christopher Decker: Tennyson’s Limitations. In: Robert Douglas-Fairhurst, Seamus Perry: Tennyson Among the Poets: Bicentenary Essays. Oxford University Press, New York 2009, S. 66. Zumindest im Falle von The Kraken lassen sich die Verstöße gegen die dichterische Konvention auch inhaltlich-funktional rechtfertigen, häufen sich doch die Merkwürdigkeiten gerade in den Zeilen, die die Apokalypse zum Gegenstand haben, also den Anbruch eines neuen göttlichen Zeitalters, in dem mutmaßlich auch die Gesetze der Verslehre neu geschrieben werden.Robert Pattison: Tennyson and Tradition. Harvard University Press, Cambridge MA 1979, S. 41–42.
Um eine der biblischen Thematik dieser letzten Verse entsprechende Bedeutungsschwere schon von Beginn an zu suggerieren, setzt Tennyson eine Satzfigur mit einer besonders altehrwürdigen Tradition ein: die beiden ersten, fast sinngleichen Verse stellen einen synonymen Parallelismus dar, wie er vor allem aus den poetischen Texten des Alten Testaments (und deren Übersetzung in der King-James-Bibel) bekannt ist. Sie etablieren zudem ein auffälliges syntaktisches Muster. Ortsbestimmungen, also Adverbien oder Präpositionalphrasen (‚From many a wondrous grot‘), gehen den Aussagesätzen zumeist voran und verleihen der geschilderten Szene eine statische Qualität, ganz als würde ein Gemälde beschrieben.James Donald Welch: Tennyson’s Landscapes of Time and a Reading of "The Kraken". S. 201–202. Die Monotonie der Unterwasserwelt unterstreichen Assonanzen wie in see / flee / green / seen und light / height / lie / polypi, Tautologien wie His […] sleep / The Kraken sleepeth, und am sinnfälligsten die Wiederholung ausgerechnet des ersten Reimpaars deep / sleep in den Versen 12–13.Christopher Ricks: Tennyson. 2. Auflage. University of California Press, Berkeley CA 1989, S. 41; Seamus Perry: Alfred Tennyson. Northcote, Horndon 2005, S. 42–43.
Quellen, Themen und Motive Seemannsgarn mini|hochkant=1.5|Seeungeheuer des Nordmeers auf der Carta Marina von Olaus Magnus (1539) The Kraken ist trotz seiner Kürze ein ausgesprochen vieldeutiges Werk, in dem mythische, christliche und naturwissenschaftliche Motive und Begrifflichkeiten nebeneinander bestehen. In der deutschen Übersetzung tritt diese grundlegende Ambivalenz schon im Titel zutage, da „Krake“ im Deutschen heute zwei Bedeutungen hat. Der heute dominante Wortsinn „Achtarmiger Tintenfisch, Oktopus“ ist erst seit den Arbeiten des Naturforschers Lorenz Oken (1779–1851) geläufig, im Englischen ist er unbekannt. Hier wird das Wort nur in seiner ursprünglichen Bedeutung gebraucht, nämlich als Bezeichnung eines sagenhaften Seeungeheuers, das im Nordmeer sein Unwesen treiben soll.
Mit Kraken ist bei Tennyson mithin zunächst ausschließlich das Fabelwesen gemeint. In einer knappen Anmerkung zum Gedicht verwies er 1872 auf die Beschreibung, die der norwegische Bischof Erik Pontoppidan der Jüngere (1698–1764) davon lieferte. Pontoppidan zufolge erreicht der Kraken eine Länge von mehr als einer Meile, so dass mancher Kapitän ihn schon für eine Insel gehalten und so verhängnisvollerweise versucht habe, an ihm zu ankern. Taucht er ab, verursacht er gewaltige Meeresstrudel, in denen schon so manches Schiff versunken ist, andere wurden von seinen riesigen Armen umklammert und in die Tiefe gezogen. Pontoppidans Darstellung war Tennyson wohl aus knappen Zusammenfassungen in der Biographie Universelle und der English Encyclopaedia bekannt. Weitere wahrscheinliche Quellen sind die Beschreibungen des Kraken in Thomas Crofton Crokers Fairy Legends and Traditions of the South of Ireland (1825–1827) und in Walter Scotts Roman The Pirate (1821).Herausgebernotiz von Christopher Ricks in: Tennyson: Selected Edition. 2., revidierte Ausgabe. Pearson Longmen, Harlow / New York 2007, S. 17. Isobel Armstrong verweist außerdem auf die Beschreibung einer dem Kraken entsprechenden Seeschlange in Olaus Magnus’ Historia de gentibus septentrionalibus (1555), die Scott in einer Fußnote seiner Minstrelsy of the Scottish Border (1803) zitiert und in der dieses Seeungeheuer wenn nicht mit dem Weltuntergang, so doch mit einer Erschütterung der weltlichen Ordnung in Verbindung gebracht wird,Isobel Armstrong: Victorian Poetry. S. 52–53. denn sein Erscheinen kündet vom Nahen „eines wunderbaren Wandels im Königreich; nämlich, dass alle Fürsten sterben oder verbannt werden; oder dass furchtbare Kriege toben werden.“Walter Scott: Minstrelsy of the Scottish Border. 2. Auflage. Edinburgh, 1802, Band III, S. 320: ‚They who in Works of Navigation, on the Coasts of Norway, employ themselves in fishing or Merchandise, do all agree in this strange story, that there is a Serpent there which is of a vast magnitude, namely 200 foot long, and more –– over 20 feet thick; and is wont to live in Rocks and Caves toward the Sea-coast about Berge: which will go alone from his holes in a clear night, in Summer, and devour Calves, Lambs, and Hogs, or else he goes into the Sea to feed on Polypus, Locusts, and all sorts of Sea-Crabs. He hath commonly hair hanging from his neck a Cubit long, and sharp Scales, and is black, and he hath flaming shining eyes. This Snake disquiets the Shippers, and he puts up his head on high like a pillar, and catcheth away men, and he devours them; and this hapneth not, but it signifies some wonderful change of the Kingdom near at hand; namely that the Princes shall die, or be banished; or some Tumultuous Wars shall presently follow.‘