Martin Lichtmesz, in Abwandlung seines bürgerlichen Namens Martin SemlitschHelmut Kellershohn: Die jungkonservative Neue Rechte zwischen Realpolitik und politischem Existenzialismus. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 63 (2015) 9, S. 721–740, hier: S. 732. (* 1976 in Wien), ist ein österreichischer Publizist, Übersetzer und Aktivist der Neuen Rechten.

Leben Martin Semlitsch wurde 1976 in Wien geboren. Unter dem Pseudonym Martin Lichtmesz gehört er zu den AutorenGürcan Kökgiran, Kristina Nottbohm: Semiologische Guerilla von rechts? Diskursive Aneignungs- und Umdeutungsstrategien der Identitären Bewegung Deutschland. In: Gudrun Hentges, Christina Nottbohm, Mechtild M. Jansen, Jamila Adamou (Hrsg.): Sprache – Macht – Rassismus. Metropol, Berlin 2014, ISBN 978-3-86331-121-6, S. 327–348, hier: S. 331. im Umfeld des vom Landesverfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuften Instituts für Staatspolitik.Spiegel Online: Kubitscheks Denkfabrik als „rechtsextreme Gruppierung“ eingestuft, Artikel vom 5. Oktober 2021, aufgerufen am 5. Oktober 2021 Er tritt dabei als Autor, Übersetzer und Herausgeber des als rechtsextremer Verdachtsfall geführten Verlags Antaios sowie der neurechten Zeitschrift Sezession auf. Nach eigenen Angaben hat er an einer deutschen Filmakademie studiert und lebt inzwischen, nach mehreren Jahren in Berlin-Kreuzberg, wieder in Wien.Clemens Riha: Auf dem Rittergut. Eine Begegnung mit Deutschlands Neuen Rechten. Kulturzeit (3sat), 15. August 2011.

Martin Lichtmesz schrieb in der Vergangenheit u. a. für die rechtsextremen und neurechten Zeitschriften Neue Ordnung und eigentümlich frei.Gudrun Hentges, Gürcan Kökgiran, Kristina Nottbohm: Die Identitäre Bewegung Deutschland (IBD) – Bewegung oder virtuelles Phänomen?. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Supplement zu Heft 3/2014, S. 13. Er ist außerdem Autor und Regisseur des Kurzfilms Der Wald (2002), für den die Wiener Band Novy Svet die Musik beisteuerte.

Darüber hinaus war er in der Schwarzen Szene aktivSiehe Kurzbiografien: Alexander Nym (Hrsg.): Schillerndes Dunkel. Geschichte, Entwicklung und Themen der Gothic-Szene. Plöttner Verlag, Leipzig 2010, ISBN 978-3-941848-16-0, S. 425. (ein „Neofolk-Szenegänger“Fabian Peltsch, Ralf Niemczyk: Soundtrack eines rechten Gefühls. In: Die Welt, 6. August 2016, Nr. 183, S. 8.). Er hat der Szene den Rücken gekehrt, da er bedauert, dass die „große Zeit und Möglichkeit einer aus Neofolk erwachsenden rechten Bewegung nicht zuletzt durch den Druck von links gescheitert“ sei und sich somit keine rechte Subkultur habe durchsetzen können.

Politische Positionen und Aktivitäten Gudrun Hentges, Gürcan Kökgiran und Kristina Nottbohm zählen Martin Lichtmesz mit Götz Kubitschek, Felix Menzel und Johannes Schüller zu den zentralen Figuren der Identitären Bewegung in Deutschland.Ähnlich Noch bevor die Bewegung in Deutschland bekannt wurde, hätten die Verantwortlichen die Konzeption der französischen Bewegung übernommen, so die Beobachter.Gürcan Kökgiran, Kristina Nottbohm: Semiologische Guerilla von rechts? Diskursive Aneignungs- und Umdeutungsstrategien der Identitären Bewegung Deutschland. In: Gudrun Hentges, Christina Nottbohm, Mechtild M. Jansen, Jamila Adamou (Hrsg.): Sprache – Macht – Rassismus. Metropol, Berlin 2014, ISBN 978-3-86331-121-6, S. 330 f. Nach Kellershohn verstehe sich Lichtmesz gar als „Sprachrohr der sog. ‚Identitären Bewegung‘“.Helmut Kellershohn: Das Institut für Staatspolitik und das jungkonservative Hegemonieprojekt. In: Stephan Braun, Alexander Geisler, Martin Gerster (Hrsg.): Strategien der extremen Rechten: Hintergründe – Analysen – Antworten. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-01983-9, S. 459. In Sachen Zuwanderung zeichne er ein „apokalyptische[s] Bild“. Der „ideologische[] Stichwortgeber“ Lichtmesz sei der Identitären Bewegung Österreichs (IBÖ), die als rechtsextremVgl. DÖW: Identitäre Bewegung Österreich (IBÖ). In: döw.de. Abgerufen am 4. Februar 2017; Edma Ajanovic, Stefanie Mayer, Birgit Sauer: Umkämpfte Räume. Antipluralismus in rechtsextremen Diskursen in Österreich. In: Austrian Journal of Political Science 44 (2015) 2, S. 75–85, hier: S. 76; Sieglinde Rosenberger, Miriam Haselbacher: Populistischer Protest. Mobilisierung gegen Asylunterkünfte in oberösterreichischen Gemeinden. In: SWS-Rundschau 56 (2016) 3, S. 399–421, hier: S. 407. eingestuft wird, verbunden.Helmut Kellershohn: "Es geht um Einfluss auf die Köpfe" – Das Institut für Staatspolitik. Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Rechtsextremismus, 7. Juli 2016, Fn. 28. Er und Kubitschek suchten die „Zusammenarbeit“ mit den „Identitären“, wie Kellershohn formulierte.Volker Weiß: Identitäre im Blindflug. In: Jungle World, Nr. 24, 16. Juni 2016.

Lichtmesz unterhält außerdem enge Kontakte zu rechten Akteuren im Ausland, so zum Beispiel zur Identitären Bewegung in Österreich, etwa zu Martin Sellner,Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl: Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa. Unrast, Münster 2014, ISBN 978-3-89771-549-3, S. 9. zu Vertretern der amerikanischen Alt-Right wie Jared Taylor und anderen rechtsextremen Vereinigungen in Nord- und Osteuropa. 2012 besuchte er gemeinsam mit Götz Kubitschek den „Convent internationale“ des Bloc identitaire in Orange, Frankreich.Helmut Kellershohn: Götz Kubitschek und das Institut für Staatspolitik. In: Helmut Kellershohn, Wolfgang Kastrup (Hrsg.): Kulturkampf von rechts. AfD, Pegida und die Neue Rechte (= Edition DISS. Band 38). Unrast, Münster 2016, ISBN 978-3-89771-767-1, S. 92–106, hier: S. 102, Fn. 27. Am 30. März 2019 trat Martin Lichtmesz als Redner auf dem rechtsextremistischen „Scandza Forum“ in Stockholm auf, wo auch die Ukrainerin Olena Semenyaka vom rechtsextremen Regiment Asow, die zuvor mit Hakenkreuz und Hitlergruß posierte, sprach.

Simone Rafael und Johannes Baldauf von der Amadeu Antonio Stiftung werfen Lichtmesz vor, auf dem Weblog der Sezession die Taten des Terroristen Anders Behring Breivik zu entschuldigen und implizites Verständnis dafür zu äußern.Simone Rafael, Johannes Baldauf: Attentate von Norwegen. Das rechte Gewalttäter-Spektrum wird erweitert. Netz gegen Nazis/Amadeu Antonio Stiftung, 25. Juli 2011. Lichtmesz würde den Täter „zum Opfer der Gesellschaft“ umdeuten und damit einen angeblichen „Zivilisationsverfall“ der Gesellschaft für das Attentat Anders Behring Breiviks mitverantwortlich machen. Gemeinsam mit Manfred Kleine-Hartlage hat Lichtmesz 2011 den Sammelband Europa verteidigen mit Essays des norwegischen Bloggers Fjordman herausgegeben, auf den sich der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik berief.Alexander Häusler, Rainer Roeser: Geliebter Feind? Islamismus als Mobilisierungsressource der extremen Rechten. In: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.): Salafismus in Deutschland : Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung. transcript, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-8376-2711-4, S. 305.

Ines Aftenberger attestiert Martin Lichtmesz, gegen den Begriff der Menschenwürde zu polemisieren. Sie bezieht sich dabei auf Lichtmesz’ Aussagen, dass die „Annahme, dass das Postulat der unbedingten Menschenwürde des Einzelnen voraussetzt, dass alle Menschen ‚gleichwertig‘ seien“, ein „Irrtum“ sei. Daher sei es laut Lichtmesz „problematisch, von der Menschenwürde zu sprechen, als sei sie eine voraussetzungslose Gegebenheit“. „Der Himmel selbst“ sei „hierarchisch geordnet und keineswegs eine Ansammlung von Gleichen“.Ines Aftenberger: „Die ‚identitäre‘ Beseitigung des Anderen. Der gar nicht mehr so neue Neorassismus der ‚Identitären‘.“ In: Judith Goetz, Joseph Maria Sedlacek, Alexander Winkler (Hrsg.): Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘. Marta Press, Hamburg 2018 (2. Aufl.), S. 207.

Lichtmesz tritt auch als Übersetzer „französische[r] Schlüsselwerke der identitären Literatur“ (Volker Weiß) hervor, etwa von Werken von Jean Raspail und Renaud Camus; Weiß rechnet ihn zu den österreichischen Identitären.

Volker Weiß befand 2012 hinsichtlich des Sammelbands Europa verteidigen, dass „Lichtmesz und [...] Kleine-Hartlage als Verfechter der ‚konservativen Revolution‘ in Deutschland in einschlägigen Zirkeln zwischen den Zeitschriften ‚Junge Freiheit‘, ‚Sezession‘ und der Pro-Bewegung präsent“ verkehrten. Beide teilten die „politische Agenda“ des Bloggers Fjordman und bemühten sich in ihren Kommentierungen um dessen „Rettung“.Volker Weiß: , publikative.org, 27. August 2012. Überdies sei für Lichtmesz 1945 mit dem Sieg der Alliierten eine „Krankheit“ nach Europa eingedrungen, als Symptome nenne er Geburtenrückgang, Geschichtsverlust, Finanzmärkte sowie Verschwinden von Familienwerten und gewachsenen Strukturen und mache dafür jene verantwortlich, die nach seinen Worten „heute die Regierungen der Welt kontrollieren und vor sich hertreiben“. Lichtmesz kritisiere daher auch eine Islamfeindschaft wie von Michael Stürzenberger, da diese seiner Ansicht nach nur zu „Surrogat-Identitäten wie die liberalen Allgemeinheiten oder blindes USA- oder Israel-Partisanentum“ führe. Aufgrund dieser Ansichten attestiert Volker Weiß Martin Lichtmesz deshalb eine „antiuniversalistische Ideologie mitsamt ihren Unterformen Antimarxismus, Antiliberalismus und Antisemitismus“. Überdies habe Lichtmesz „eine ausgesprochene Schwäche für [...] einen antizivilisatorischen Hypermaskulinismus“.Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, S. 222, 233.

Der Rechtsextremismusforscher Helmut Kellershohn vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) rechnet ihn dem „jungkonservativen Lager“ zu.Helmut Kellershohn: Die jungkonservative Neue Rechte zwischen Realpolitik und politischem Existenzialismus. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 63 (2015) 9, S. 721–740, hier: S. 732.

Antisemitismus 2012 behauptete er, dass die NSU-Mordserie als eine Art Druckmittel zu einem „Microholocaust“ aufgebauscht werde.Christoph Wolf: „»Am Liberalismus gehen die Völker zugrunde« Zur Bedeutung des Antisemitismus in der Neuen Rechten: Perspektiven für die politische Bildungsarbeit.“ In: Stefan Garsztecki, Thomas Laux, Marian Nebelin (Hrsg.): Brennpunkte der »neuen« Rechten. Globale Entwicklungen und die Lage in Sachsen. transcript, Bielefeld 2023, S. 179–198, hier S. 185

2015 sprach Lichtmesz von einer „Holocaust-Zivilreligion“ und „nationalem Selbsthaß[sic!]“

Laut Volker Weiß warf Martin Lichtmesz der jüdischen Leiterin der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane, vor, „Deutschland ‚umrassen, umvolken‘ zu wollen, als diese die geringe Diversität im Straßenbild der ehemaligen DDR thematisierte. Im Verlauf der Auseinandersetzung sprach er ihr ab, eine ‚Weiße‘ zu sein, und schrieb, Kahane zähle sich ‚zu einer anderen Mischpoke‘. Damit griff er das seit dem 19. Jahrhundert bekannte Motiv des Juden als ‚weißen N*‘ [sic!] auf, wie es durch den Antisemiten Bruno Bauer vertreten wurde.“

Rezeption

Kann nur ein Gott uns retten? 2015 nannte der Redakteur Gerhard Lechner (Wiener Zeitung) sein Buch Kann nur ein Gott uns retten? ein „aufrichtiges, ein schönes, ein großartiges Buch“. Es sei „über weite Strecken ein Klagelied über ein Europa, das sich selbst aufgibt, das den Kontakt zu seinen kulturellen und spirituellen Wurzeln verloren hat“.Gerhard Lechner: Klagelied über Europa. In: Wiener Zeitung. 173, 8. September 2015, S. 24. In einer späteren Ausgabe kritisierte Elisabeth Litwak – im Namen einer Wiener Gruppierung der Antifa – die Rezension Lechners, weil Lichtmesz ein „amtsbekannter Rechtsextremer“ sei.Elisabeth Litwak: Zur Buchrezension von Gerhard Lechner, 8. September…. In: Wiener Zeitung 178, 15. September 2015, S. 32.

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