mini|Gedenkstein auf dem Hauptfriedhof Chemnitz: 4.000 Tote am 5. März 1945 (andere Quelle: 2.100)

Die Luftangriffe auf Chemnitz während des Zweiten Weltkrieges fügten der sächsischen Industriestadt Chemnitz schwere Schäden zu. Vom 6. Februar bis zum 11. April 1945 flogen Einheiten von Royal Air Force (RAF) und United States Army Air Forces (USAAF) insgesamt zehn Luftangriffe auf die Stadt. Daran beteiligt waren 2.880 schwere viermotorige Bombenflugzeuge, welche über 7.700 Tonnen Sprengmittel und Brandsätze abwarfen. Davon entstammten etwa 55 % dem Bomber Command der britischen RAF und der kanadischen RCAF, sowie 45 % der amerikanischen 8th Air Force.Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Akademie-Verlag, Berlin 1990, ISBN 3-05-000612-9, S. 449. Im Chemnitzer Stadtgebiet kamen dabei wohl 4.000 Menschen ums Leben, davon 2.100 allein in der Nacht vom 5. auf den 6. März 1945. Die Innenstadt wurde zu 80 % vernichtet. 27.000 Wohnungen (ein Viertel des Gesamtbestandes), 167 Fabriken, 84 öffentliche Gebäude und zahlreiche Kulturbauten im Stadtgebiet waren völlig zerstört. Von den Alliierten wurde Chemnitz als „weitere tote Stadt“ abgeschrieben.Heinrich Magirius: Karl-Marx-Stadt. Ehemals Chemnitz. In: Götz Eckardt (Hrsg.): Schicksale deutscher Baudenkmale im Zweiten Weltkrieg. Band 2: Bezirke Halle, Leipzig, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Erfurt, Gera, Suhl. Henschel-Verlag, Berlin 1978, , S. 452–460.

Angriffsplanungen Im Deutschen Reich des Jahres 1939 stand Chemnitz mit über 337.000 Einwohnern auf Rang 20 der Liste der größten deutschen Städte, wobei Breslau, Königsberg und Wien mit berücksichtigt sind. Das dicht besiedelte Chemnitz hatte eine leistungsfähige Maschinenbau- und Fahrzeugindustrie. Mit der Aufrüstung der Wehrmacht in den 1930er Jahren wurden die Werke der Auto Union AG, Presto, Reinecker, Wanderer und Wetzel-Union zu Rüstungsbetrieben. Die Stadt war daher bereits seit September 1941 unter dem Codenamen „Blackfin“ („Tintenfisch“, zoologisch korrekt aber ein Thunfisch) ein strategisches Ziel in den Planungen der Royal Air Force. Der Stellvertreter von Arthur Harris, Oberbefehlshaber des RAF Bomber Command, war Air Vice-Marshal Robert Saundby und versah als begeisterter Angler alle in Auswahl kommenden deutschen Städte mit einem „Fish code“.Fish code names, (britisches Original, PDF; 292 kB), deutsche Übersetzung (PDF; 214 kB), Auf: bunkermuseum.de (Bunkermuseum Emden), abgerufen am 2. Oktober 2017 Chemnitz war vorgesehen für Flächenangriffe im Rahmen der morale-bombing-Strategie zum Brechen der Abwehrmoral der Zivilbevölkerung, auch als Ziel im mitteldeutschen „Kleinen Ruhrgebiet“, später zur „Störung deutscher Truppenbewegungen und Flüchtlingstransporte“ und weil es „noch größere unzerstörte Areale“ aufwies.Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Akademie-Verlag, Berlin 1990, ISBN 3-05-000612-9, S. 22, 35, 62, 179, 332, 383, 385, 389. Uwe Fiedler, der Direktor des Schlossbergmuseums Chemnitz, und bester Kenner der Luftkriegsgeschichte der Stadt, schreibt 2005Uwe Fiedler: Bomben auf Chemnitz. 2005, S. 21: „Die großflächige Zerstörung der Chemnitzer Innenstadt war nicht, wie lange Zeit angenommen, lediglich ein Begleiteffekt von Angriffen, die in erster Linie den Betrieben der Rüstungsindustrie galten, sondern bereits seit 1942 angestrebtes Ziel der britischen Luftkriegsplanungen.“ Chemnitz lag jedoch zunächst außerhalb der Reichweite britischer Bomber. Erst mit der verstärkten Indienststellung schwerer viermotoriger Maschinen vom Typ Stirling, Halifax und Lancaster bei der RAF änderte sich dies. Mitte 1943 begann die Combined Bomber Offensive, der Einsatz der US-Luftwaffe mit ihren B-17 („Flying Fortress“) und B-24 („Liberator“) im Luftkrieg über Europa, der ab Anfang 1944 mit dem Einsatz von Langstrecken-Begleitjägern zu seinem Höhepunkt kam.

Chemnitz hatte im Frühjahr 1945 keinen Flakschutz mehr, da die schweren Batterien zu den mitteldeutschen Treibstoffzentren verlegt worden waren.

Frühe Angriffe mini|Chemnitzer Innenstadt (Luftschiff-Foto 1910) vor ihrer Zerstörung 1945 17. August 1940 In der Nacht vom 17. August 1940 fiel eine einzelne britische Fliegerbombe auf Chemnitzer Stadtgebiet.

12. Mai 1944 Nach mehreren Jahren Ruhe wurde am 12. Mai 1944 mittags Rabenstein von elf US-Bombern vom Typ B-17 mit 26 Tonnen Bombenlast angegriffen,Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Akademie-Verlag, Berlin 1990, ISBN 3-05-000612-9, S. 227. es starb ein Säugling als erster Bombentoter im Raum Chemnitz.

29. Juni 1944 Auf dem Rückflug von einem Angriff auf das BRABAG-Hydrierwerk Böhlen warfen am frühen Vormittag 15 B-17 der USAAF am 29. Juni 1944 ihre noch vorhandenen Bomben auf Chemnitz als „Target of opportunity“ (Gelegenheitsziel) ab, es gab drei Tote. Besonders Borna und Rabenstein waren betroffen.

11. September 1944 An diesem Tag erfolgte von 11.30 bis 13.25 Uhr ein gezielter Angriff der USAAF auf das Werk Siegmar (früher Wanderer) der Auto Union AG, das zu der Zeit die Hälfte aller Maybach-HL-230-Motoren für die Panzer Tiger und Panther baute. 74 B-17-Bomber, begleitet von 20 Mustang-Jägern, warfen 450 Spreng- und viele Brandbomben auf Industrieanlagen und Wohnhäuser. Im Auto-Union-Werk kamen 85 Menschen, darunter 41 Zwangsarbeiter, ums Leben. Im Wohngebiet von Siegmar starben 21 Einwohner. Erstausgabe 2007, erste Aktualisierung 2013.

Die Angriffe 1945 mini|US-amerikanische Boeing B-17 („Flying Fortress“) mini|Handley Page Halifax der RAF mini|Britische Avro Lancaster beim Abwurf eines Blockbusters und von Brandbomben 6. Februar 1945 474 amerikanische Bomber vom Typ B-17 warfen ab 10.50 Uhr über 3.000 Sprengbomben und rund 600 Splitterbomben, insgesamt 1.132 Tonnen Bombenlast, über dem Stadtgebiet von Chemnitz ab. Der Schaden war erheblich. Das Hauptziel, der Bahnhof Chemnitz-Hilbersdorf, wurde nicht getroffen.

14./15. Februar 1945 Anglo-amerikanischer „Doppelschlag“. Chemnitz wurde zunächst am 14. Februar zur Mittagszeit (11.45 – 13.55 Uhr) durch die USAAF mit 294 (306) Bombenflugzeugen B-17 und 718 (747) Tonnen Bombenlast angegriffen, begleitet von einer großen Zahl Jagdflugzeuge P-51.Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Akademie-Verlag, Berlin 1990, ISBN 3-05-000612-9, S. 423.

Zwei darauffolgende Nachtangriffe von 20.35 bis 22.00 Uhr und von 23.55 bis 1.20 Uhr führten britische und kanadische Bomberbesatzungen durch, die am Vortag den ersten Angriff auf Dresden geflogen hatten. Das auch für Chemnitz geplante Inferno einschließlich Feuersturm misslang, witterungsbedingt wurde nicht das Stadtzentrum getroffen, sondern Vororte im Süden der Stadt. Von 717 Flugzeugen gingen 13 verloren. 789 Tonnen Spreng- und 1320 Tonnen Brandbomben wurden abgeworfen.Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Akademie-Verlag, Berlin 1990, ISBN 3-05-000612-9, S. 422 Die alliierte Wirkungsaufklärung meldete: Chemnitz angeschlagen, aber noch nicht vernichtet.

2. März 1945 Am Vormittag erfolgte von 10.00 bis 12.15 Uhr ein Großangriff der USAAF. 255 B-17 Bomber der 1st Air Division warfen 594 Tonnen Bombenlast ab. Es entstanden erhebliche Schäden in der Innenstadt. Unter den vielen Toten waren auch zahlreiche Kinder eines Städtischen Kinderheims. Hinter dem Bahnhof Siegmar stadtwärts wurde ein voll besetzter Eisenbahnzug mit Flüchtlingen aus dem Osten getroffen: in ihm gab es 75 Tote, darunter 30 Kinder, und 250 Verletzte. Wichtige Industriebetriebe, so die Reinecker AG, wurden dem Erdboden gleichgemacht.

3. März 1945 An diesem Tag wurde Chemnitz von 10.00 bis 12.30 Uhr als Sekundärziel von 166 amerikanischen B-17 angegriffen. Angegebenes Ziel waren die Bahnanlagen, der Rangierbahnhof Hilbersdorf wurde verfehlt. Auf die schwer getroffene Innenstadt gingen 400 Tonnen Bomben nieder. Bei beiden Angriffen zusammen (2. und 3. März) kamen 540 Menschen ums Leben, darunter 39 Kinder.

5./6. März 1945 Anglo-amerikanischer „Double Strike“. Am Vormittag flogen die USAAF von 9.45 bis 12.10 Uhr ihren üblichen Tagesangriff mit 233 B-17, die 563 Tonnen Bomben abwarfen, und Langstrecken-Begleitjägern. Wieder nicht getroffen wurde das Hauptziel Bahnhof Hilbersdorf, in der Stadt wurden jedoch viele weitere Zerstörungen angerichtet.

Am Abend heulten ab 20.30 Uhr die Sirenen. Die britische RAF und die kanadische RCAF griffen an, eine erste Welle von 20.37 Uhr bis 21.08 Uhr, die zweite Welle von 22.30 Uhr bis nach Mitternacht. Die Stadt wurde durch „Christbäume“ sehr gut ausgeleuchtet. 683 schwere viermotorige Bomber der Typen Halifax und Lancaster warfen zunächst 413 Minenbomben (rund 800 Tonnen) ab, dann 859 Tonnen Brandbomben und schließlich 1.112 Tonnen Sprengbomben. 22 Maschinen gingen verloren. 2.105 Tote gab es allein in dieser Nacht in Chemnitz. Die Stadt war glühend rot erleuchtet, „der Feuersturm war schlimm, aber nicht so wie in Dresden“. Noch zwei Tage später waren nicht alle Brände gelöscht. Von 117.000 Wohnungen waren 42.000 zerstört. 75 % der Stadtfläche und 140 km Frontbebauung lagen „in Schutt und Asche“. Die überlebende Bevölkerung floh in die Umgebung. Die alliierte Luftaufklärung registrierte Chemnitz als „weitere tote Stadt“.

11. April 1945 Der letzte Bombenangriff auf Chemnitz erfolgte zur Nachtzeit durch die RAF, mit 20 Flugzeugen und 16 Tonnen Bomben. Unter anderem wurden die Gießereien der Firma Krautheim in Borna getroffen.

Ab 13. April besetzte die 4. US-Panzerdivision Siegmar und die westlichen Vororte von Chemnitz. Entsprechend ihrer Direktive verblieb sie dort und unternahm nur zeitweise Vorstöße ins Stadtgebiet. Die Bevölkerung hatte unter Tieffliegerangriffen und zweiwöchigem Artilleriebeschuss bis Anfang Mai zu leiden, was noch einmal zahlreiche Todesopfer forderte. Vollständiger Artikel in Vergeblich bat die Stadt um Besetzung durch die Amerikaner, gemäß alliierter Vereinbarungen wurde die Rote Armee ab 8. Mai 1945 Besatzungsmacht. Am 6./7. Mai zogen die Reste der Wehrmacht aus Chemnitz ab.

Die RAF vermisste nach den Angriffen auf Chemnitz insgesamt 31, die USAAF zwei schwere BomberUwe Fiedler: Bomben auf Chemnitz. 2005. S. 17

Todesopfer mini|Denkmal für Chemnitzer Bombenopfer auf Städtischem Friedhof Bei den Luftangriffen auf Chemnitz (damaliges Stadtgebiet) kamen etwa 4.000 Menschen ums Leben, 2.105 davon in der Nacht vom 5./6. März 1945.Uwe Fiedler: Bomben auf Chemnitz. Verlag Heimatland Sachsen GmbH, Chemnitz 2005. S. 19, 21. Der Luftkriegshistoriker Olaf Groehler allerdings gibt allein für diese Nacht 3.700 getötete Einwohner an. Verluste der Wehrmacht sind in diesen Zahlen nicht enthalten. Verlässliche Angaben über Vermisste und Verwundete sind schwer zu finden.

Auf dem Städtischen Friedhof Chemnitz (Karl-Marx-Stadt) wurde zur DDR-Zeit ein Gedenkstein mit folgender Inschrift aufgestellt: „Zum Gedenken an 4000 Opfer anglo-amerikanischen Bombenterrors auf Chemnitz am 5. März 1945. Hier fanden 1224 Bombenopfer ihre letzte Ruhestätte“. Hinter dem Gedenkstein befinden sich die Massengräber unter Rasenflächen.

Auf der anderen Seite des Gräberfeldes steht ein großes Denkmal – ebenfalls aus der frühen DDR-Zeit – mit einer trauernden Frau, die ein totes Kind in den Armen hält. 675 Kinder verloren ihr Leben bei den Bombenangriffen auf Chemnitz. Uwe Fiedler auf Tagung „Das Kriegsende in Sachsen. Militärische Gewalt – Vertreibung – Neubeginn“. TU Chemnitz, 10. Juli 2015. Auf dem Mahnmal findet sich auch ein Gedicht von Louis Fürnberg: „Es werden sich die Wunden schließen, die furchtbar der Barbar der Menschheit schlug, und leuchtend wird das Frührot sich ergießen über die Erden – Neuland unterm Pflug“. Das Denkmal stammt von dem Chemnitzer Bildhauer Hanns Diettrich. Es war 1992 stark verwittert, als es von Frank Diettrich, dem Sohn des Künstlers, restauriert wurde.

Materielle Verluste