Le cinesi (deutsch: „Die chinesischen Mädchen“) ist ein Libretto zu einem componimento drammatico in einem Akt von Pietro Metastasio. Erstmals aufgeführt wurde es in der Vertonung von Antonio Caldara in der Karnevalsaison 1735 in den Privatgemächern der kaiserlichen Residenz der Favorita in Wien als Einleitung zu einem „Ballo cinese“ von Georg Reutter. Die Ausführenden waren die jugendlichen Erzherzoginnen Maria Theresia und Maria Anna sowie eine Hofdame., abgerufen am 14. Oktober 2014.
1786 veröffentlichte der Komponist und Musikschriftsteller Johann Adam Hiller in seinem Buch Ueber Metastasio und seine Werke: nebst einigen ins Deutsche übersetzten Stücken desselben eine deutsche Übersetzung unter dem Titel Die Chinesischen Mädchen.
Handlung
Die folgende Inhaltsangabe basiert auf der Übersetzung von Johann Adam Hiller.
Ein Zimmer im chinesischen Stil mit einem Tisch und vier Stühlen im Haus Lisingas
Lisinga und ihre beiden Freundinnen Sivene und Tangia sitzen gelangweilt am Tisch, trinken Tee und denken darüber nach, wie sie sich die Zeit vertreiben könnten. Lisingas Bruder Silango kommt unbemerkt hinzu und horcht eine Weile durch eine nicht ganz geschlossene Tür. Als er schließlich das Zimmer betritt, sind die Mädchen schockiert, weil er damit ein chinesisches Verbot gebrochen hat. Silango weiß das, hat aber auf seiner Europareise bemerkt, dass man dort überall über diese Sitte lacht. Aus Sorge um ihren Ruf bitten ihn die Mädchen, zu gehen. Er verabschiedet sich auch, wird aber von ihnen zurückgehalten. Nach seiner Versicherung, dass ihn niemand gesehen habe, entscheidet Lisinga, dass er erst nach Einbruch der Dunkelheit gehen solle.
Nachdem das geklärt ist, schlägt Lisinga vor, zum Zeitvertreib eine Theaterszene zu spielen. Silango stimmt zu und erklärt, dass diese Kunst bisher nur in den europäischen Ländern geübt werde und in China völlig unbekannt sei. Er schlägt vor, ein in Europa übliches Sujet zu wählen. Da jeder andere Vorlieben hat, gibt es schließlich drei kleine Szenen.
Lisinga wählt ein heroisches Thema über Andromache, der Witwe Hektors. Diese wird von Pyrrhus (Neoptolemos) bedrängt, der damit droht, ihren Sohn Astyanax zu töten, falls sie ihn nicht erhören will.
Sivene entscheidet sich für ein Pastoral über die schöne Schäferin Licoris, die über die Tränen ihres unglücklichen Verehrers Thyrsis lacht, weil sie die Liebe nicht kennt. Silango übernimmt dabei die Rolle des Schäfers.
Tangia hat sich für eine Komödie entschieden. Sie hat Silangos Schwärmerei für Sivene bemerkt und will sich über ihn lustig machen. In ihrer Szene spielt sie daher einen „gezierten“ jungen Mann, der von einer Reise zurückgekehrt ist. Er sitzt vor einem Spiegel, macht sich zurecht und lästert dabei über die hiesige Lebensart, die so gar nichts mit dem zu tun hat, was er in Paris kennengelernt hat.
Nun wollen sie entscheiden, welche Dichtungsart die beste ist. Sivene gefällt die Tragödie am besten, aber diese eignet sich nicht zum bloßen Zeitvertreib. Silango schlägt das Schäferspiel vor, in dem Tangia aber die Abwechslung vermisst. Sie empfiehlt die Komödie. Lisinga befürchtet jedoch, dass sich dadurch jemand beleidigt fühlen könne. Als Lösung schlägt Silango schließlich vor, Musiker kommen zu lassen und ein Ballett aufzuführen.
Geschichte
Im Jahr 1735 schrieb Metastasio neben seinem Oratorium Gioas re di Giuda gleich vier Gelegenheitswerke: Le cinesi, Le grazie vendicate, Il palladio conservato und Il sogno di Scipione. Bis auf das letzte waren sie für Amateur-Aufführungen bestimmt, die von den Erzherzoginnen Maria Theresia und Maria Anna sowie einer Hofdame ausgeführt wurden – die Erstfassung von Le cinesi enthielt lediglich die drei weiblichen Charaktere. Der Auftrag zu dem Werk kam von Kaiserin Elisabeth Christine. Es war als Einleitung zu einem chinesischen Ballett von Georg Reutter bestimmt. In einem seiner Briefe erinnerte sich Metastasio, wie zufrieden er über die materielle und künstlerische Qualität der Aufführung war. Die Erzherzoginnen hätten „rezitiert und gesungen wie Engel“ („Esse hanno recitato et cantato come angeli“).Pietro Metastasio: Kritische Ausgabe, Band III, 1. 90, S. 121. Zitiert nach Jacques Joly: Les fêtes théâtrales de Métastase à la cour de Vienne, 1731–1767. Pu Blaise Pascal, 1978, ISBN 978-2-84516-019-4, S. 137. Im Gegensatz zu Metastasios bisherigen Werken hat Le cinesi weder einen mythologischen noch einen rein höfischen Charakter. Die Rolle der Lisinga ist auf die Thronerbin Maria Theresia zugeschnitten. Sie ist ernsthafter als die anderen Charaktere und die eigentliche Handlungsträgerin. Zudem ist sie weder verliebt wie Sivene noch oberflächlich wie Tangia.
Der Charakter der Tangia ist eine der gelungensten Schöpfungen Metastasios. Durch ihre Naivität und Schlagfertigkeit erinnert sie an die Figur der Silvia in seinem späteren Werk L’isola disabitata, die wie sie von den Männern sowohl erschrocken als auch angezogen wird. Ihre Wünsche werden regelmäßig durch die Autorität ihrer Schwestern und ihre eigene Unerfahrenheit vereitelt. Ihre Eifersucht gab Metastasio die Möglichkeit, die Leidenschaft Sivenes für Silango ironisch zu verarbeiten.
1749 wurde Metastasio von seinem Freund, dem Sänger Farinelli, gebeten, den Text zu überarbeiten und eine Männerrolle hinzuzufügen. Diese Fassung wurde mit neuer Musik von Nicola Conforto erstmals 1750 aufgeführt, abgerufen am 26. Februar 2015. und in den folgenden Jahren in anderen Städten wiederholt. Obwohl der Inhalt des Werks durch den neuen Charakter Silango nicht wesentlich verändert wurde, erhielt der Text durch seine unerwartete Ankunft im Zimmer der Frauen eine neue dramatische Dimension. Silango übernimmt nun gemeinsam mit Lisinga die Initiative für die Handlung. Insbesondere ist er es, der am Schluss den Vorschlag macht, ein Ballett aufzuführen – dies war ursprünglich eine Idee Lisingas.
Die heute am häufigsten aufgeführte Vertonung stammt von Christoph Willibald Gluck. Sie entstand 1754 zum Anlass einer Einladung Maria Theresias durch den Prinzen von Sachsen-Hildburghausen auf sein Landgut Schloss Hof, wo ein mehrtägiges Fest gefeiert wurde (→ Le cinesi (Gluck)).
2010 bearbeitete der Komponist Karsten Gundermann Glucks Vertonung und ergänzte sie um Intermezzi im Stil der Peking-Oper des 18. Jahrhunderts. Diese Fassung wurde bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci und in Peking aufgeführt., abgerufen am 1. März 2015.
Vertonungen
Folgende Komponisten vertonten dieses Libretto:
Komponist Uraufführung Aufführungsort AnmerkungenAntonio CaldaraKarneval 1735, Privatgemächer der kaiserlichen Residenz der Favorita, abgerufen am 26. Februar 2015. Wien „componimento drammatico“ 80pxNicola ConfortoFrühling 1750, Teatro Regio Ducale Mailand „azione drammatica“; auch 1751 als La festa cinese im königlichen Palast in Aranjuez; 1753 in einem Landsitz des Prinzen von Sachsen-HildburghausenChristoph Willibald Gluck → Le cinesi (Gluck)24. September 1754, Schloss Hof, abgerufen am 26. Februar 2015.. Wien „azione teatrale“; auch 1761 im Teatro del Giardino della Corte in Sankt Petersburg 80pxIgnaz HolzbauerFrühling 1756, Hoftheater, abgerufen am 26. Februar 2015., abgerufen am 29. September 2014. Mannheim „componimento drammatico“; möglicherweise auch im Mai 1756 in Schwetzingen; Libretto möglicherweise bearbeitet von Mattia VeraziLuis Misón1757 Madrid „composición drammatica“ Fiesta chinesa bzw. Festa cinesePietro Pompeo SalesJanuar 1757, corte vescovo d’Augusta, abgerufen am 26. Februar 2015. Augsburg „componimento drammatico“Niccolò Jommelli1765, Herzogliches HoftheaterLe cinesi (Niccolò Jommelli) bei Opening Night! Opera & Oratorio Premieres, Stanford University, abgerufen am 18. Dezember 2020. LudwigsburgDavide Perez1769, Palazzo Queluz, abgerufen am 26. Februar 2015.. Lissabon „componimento drammatico“ 80pxGennaro Astarita13. Juni 1773, Teatro dell’Accademia degli Ingegnosi, abgerufen am 26. Februar 2015.Libretto (italienisch) der Serenata von Gennaro Astarita, Florenz 1773 als Digitalisat im Internet Archive. Florenz „componimento drammatico“; zusammen mit L’isola disabitata aufgeführt 80pxGiuseppe Colla1781 Anton, König von Sachsen27. Februar 1784Anton, König von Sachsen – Le Cinesi. Bibliotheksdatensatz im Répertoire International des Sources Musicales, abgerufen am 26. Februar 2015. „componimento drammatico“ zum Geburtstag der Prinzessin Maria Anna von Sachsen (1761–1820)Giovanni Battista Cedronio13. November 1789Le Cinesi (Cedronio). Bibliotheksdatensatz auf WorldCat, abgerufen am 2. März 2015. NeapelGiuseppe Millicovermutlich in den 1780er Jahren, königlicher Palast, abgerufen am 26. Februar 2015. Neapel?Manuel García1831, PrivataufführungLe cinesi (Manuel García) bei Opening Night! Opera & Oratorio Premieres, Stanford University, abgerufen am 18. Dezember 2020., abgerufen am 10. März 2015. London für seine Gesangsschüler komponiert
Aufnahmen und Aufführungen in neuerer Zeit
Nicola Conforto, La festa cinese: 2005: Konzertante Aufführung in Montpellier. Europa Galante, Leitung: Fabio Biondi. Sänger: Marta Almajano (Lisinga), Maria Grazia Schiavo (Sivene), Silvia Tro Santafé (Tangia), Lucia Cirillo (Silango).Nicola Conforto. In: Andreas Ommer: Verzeichnis aller Operngesamtaufnahmen, Zeno.org, Band 20, S. 3108. Manuel García: 2015: Aufführung einer Produktion der Amics de l’Òpera de Sarrià am Teatre de Sarrià in Barcelona (Leitung: Raúl Giménez) und beim Festival Rossini in Wildbad (Leitung: Michele D’Elia). Regie: Jochen Schönleber. Sänger: Sara Bañeras (Lisinga), Silvia Aurea De Stefano (Sivene), Ana Victoria Pitts (Tangìa), César Arrieta (Silango).Thomas Molke: Komödie gegen Tragödie und Schäferspiel. Rezension im Online Musik Magazin, abgerufen am 10. August 2015. Christoph Willibald Gluck: 1963: Konzertante Aufführung in Rom. Orchestra della RAI di Roma, Leitung: Luciano Bettarini. Sänger: Genia Las (Lisinga), Renata Mattioli (Sivene), Rosina Cavicchioli (Tangia), Renato Ercolani (Silango).Christoph Willibald Gluck. In: Andreas Ommer: Verzeichnis aller Operngesamtaufnahmen. Zeno.org, Band 20, S. 5485 ff. 1973: Aufführung an der Scala Mailand (Piccola Scala). Leitung: Giampiero Taverna. Sänger: Biancamaria Casoni (Lisinga), Carmen Lavani (Sivene), Lucia Valentini Terrani (Tangia), Carlo Gaifa (Silango).Contrasti ad „Amore e Psiche“. In: Corriere della Sera, März 1973. 1983/1989/1995: CD. Münchener Rundfunkorchester, Leitung: Lamberto Gardelli. Sänger: Alexandrina Milcheva-Nonova (Lisinga), Kaaren Erickson (Sivene), Marga Schiml (Tangia), Thomas Moser (Silango).Christoph Willibald Gluck: Le Cinesi – Lamberto Gardelli. CD-Informationen bei Allmusic, abgerufen am 1. März 2015. 1985/1990: CD. Schola Cantorum Basiliensis, Leitung: René Jacobs. Sänger: Anne Sofie von Otter (Lisinga), Isabelle Poulenard (Sivene), Gloria Banditelli (Tangia), Guy de Mey (Silango).Christoph Willibald Gluck: Le Cinesi – René Jacobs, Isabelle Poulenard. CD-Informationen bei Allmusic, abgerufen am 1. März 2015. 1987: Video-Aufnahme aus Schwetzingen. Concerto Köln, Leitung: René Jacobs, Inszenierung: Herbert Wernicke. Sänger: Christina Högman (Lisinga), Sophie Boulin (Sivene), Eva Maria Tersson (Tangia), Kurt Streit (Silango). 2010/2012: Aufführung der Bearbeitung von Karsten Gundermann bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci und im Mei Lanfang Grand Theatre in Peking. Ensemble L’Arte del mondo, China National Peking Opera Company, Leitung: Werner Ehrhardt. Sänger: Kremena Dilcheva (Lisinga), Barbara Emilia Schedel (Sivene), Milena Storti (Tangia) und Krystian Adam (Silango). 2012: Aufführung und Video der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Leitung: Felix Pätzold, Regie: Stephan Krautwald, Bühne: Monika Diensthuber, Kostüme: Annika Lohmann. Sänger: Katerina Fridland, Masanori Hatsuse, Ulrike Scholz und Julia Skripnik.Informationen und Video der Produktion in Hamburg 2026, abgerufen am 2. September 2026.