mini|Das Humberghaus

Das Humberghaus in der Hohen Straße 1 in Hamminkeln-Dingden (Landkreis Wesel) war ein Wohn- und Geschäftshaus, das heute als Museum dient. Es erinnert an die jüdische Familie Humberg, die hier eine Metzgerei und einen Manufakturwarenladen betrieb und bis 1941 in Dingden wohnte. Seit 2012 ist der „Geschichtsort Humberghaus Dingden“ der Öffentlichkeit zugänglich.

Geschichte Bis 1941 Der Vorgängerbau des Humberghauses wurde um das Jahr 1700 von Jacob Nienhaus aus Rhede (* ca. 1645; † 3. Oktober 1730) erbaut, dessen vermutlicher Bruder Johann in das Nachbarhaus, das heutige St. Josef-Altenpflegeheim, einheiratete. Jacobs Enkelin heiratete den aus dem Nachbarhaus stammenden Henrich Wilhelm Nienhaus (~ 20. Februar 1711; † 15. Oktober 1793), nach dem Tode von dessen Sohn 1797 bezog eine andere Familie das Haus. 1820 bezog der erste jüdische Einwohner Dingdens, der Kleinhändler Simon Cohen, das Haus.Er zog hierher von Caßlau. Die Juden in Dingden, Website Reinhard Tenhumberg, hier datiert auf 1808 17 Jahre später brannte das Haus ab und Simon Cohen begann mit einem Neubau, in den das alte Pflaster, das auf Niehaus hinwies, einbezogen wurde. Er übernahm sich dabei aber offenbar finanziell, so dass der noch nicht ganz fertige Neubau zwangsverkauft wurde. Die neuen Bewohner waren David Plaat und seine Familie, später dessen Bruder Philipp mit seiner Frau Aleida. Als diese verwitwet war, nahm sie ihre Nichte Rosalia Landau, danach verheiratete Humberg, bei sich auf.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, lebten hier noch Rosalia Humberg und ihr Sohn Leopold. Als das Haus 1938 von SA-Männern verwüstet wurde, war Rosalia schon nicht mehr am Leben. Das Haus wurde beschlagnahmt, Leopold 1941 vertrieben.

21. Jahrhundert Im Jahr 2001 mietete der Heimatvereins Dingden das Haus, um die Ausstellungsfläche des Heimatmuseums zu vergrößern. Als Mitglieder des Heimatvereins das Haus entrümpelten und instand setzten, wurden zahlreiche Spuren aus dem Leben der Familie entdeckt, darunter eine private Mikwe. Daraufhin beschloss der Verein, die Funde für eine Ausstellung zur jüdischen Geschichte des Dorfes aufzubereiten. 2008 konnte der Heimatverein das Haus kaufen. Fachlich waren bei der Wiederherstellung des Hauses zwei Ämter im Landschaftsverband Rheinland beteiligt, das Amt für Denkmalpflege und das für Bodendenkmalpflege. Ihre Gutachten führten zur Unterschutzstellung im Denkmalschutz und einer dementsprechenden Förderung. 2010 wurde die Renovierung abgeschlossen. Seither zeigt das Haus den Zustand um 1940.Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW: Gedenkstätten im Portrait: Der Geschichtsort Humberghaus in Hamminkeln-Dingden Seit 2012 erinnert der in einem restaurierten Wohnhaus eingerichtete Geschichtsort über das Leben und Schicksal der Familie Humberg. Abgerufen am 8. Juni 2022.

2012 wurde der „Geschichtsort Humberghaus Dingden“ in Anwesenheit einiger Nachfahren der Familie Humberg eröffnet. Aus Kanada kamen die Enkelin Ruth, verheiratete Muscovitch, und ihre Tochter Susan, ebenso die Urenkel Marvin und Leonard (Lennart) Terhoch aus der Familie eines Bruders.Ruth und ihre Tochter Susan Muscovitch in Winnipeg, in der Synagoge Etz Chaim, 2019 (englisch). Seit 2014 ist das Humberghaus Mitglied im Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW.Arbeitskreis NS-Gedenkstätten tagt in Dingden. humberghaus.de, abgerufen am 8. Juni 2022.

Spuren der Vergangenheit Spuren des Vorgängerbaus des Humberghauses zeigen sich im Feldsteinpflaster, einem Kieselmosaik mit schwarzen und weißen Steinen, die auf ihrer Schmalseite stehen: Die Initialen „J N“ weisen auf den Erbauer des Hauses hin, der Jakob Nienhaus hieß.Zur regionalen Verbreitung der Technik vgl. Hanne Buschmann: Kieselmosaik-Fußböden. Zeugnisse einer uralten Tradition. In: Jahrbuch Kreis Wesel, Jg. 1992, S. 83–90.

Weil die Nutzer des Hauses nach der Deportation der Familie Humberg nur wenig daran veränderten, blieben aber auch viele Spuren des regionalen Landjudentums im Humberghaus erhalten. So ist im Außenputz neben der Eingangstür der Umriss eines kleinen ovalen Firmenschilds zu erkennen, das bereits am Tag der Machtübergabe 1933 von SA-Leuten abgeschlagen worden war. Es trug früher die Inschrift „Abraham Humberg. Viehhandel“.Ausstellung, abgerufen am 8. Juni 2022. Außer der Mikwe fanden sich auch noch Spuren einer Mesusa an den Türrahmen. Unter dem Dielenboden wurde eine steinerne Darre gefunden, die wahrscheinlich dem ersten jüdischen Hausbesitzer gehörte.

Räume Im Humberghaus wurde seit 1840 eine koschere Metzgerei betrieben. Sie hatte einst der Familie Plaat gehört.1887 wurde, noch in Dingden, der Sohn Louis Plaat geboren. Er wurde ein Opfer des Holocaust. Gedenkbuch, Bundesarchiv und Jüdisches Erinnerungsbuch, in Niederländisch. Louis wurde in Sobibor 1943 ermordet. 1882 übernahm Abraham Humberg das Geschäft. Später wurde die Metzgerei bis 1938 von seinen Söhnen Leopold und Siegmund weitergeführt. Sie befand sich in einem fünfeckigen Eckraum im Erdgeschoss. Aus hygienischen Gründen waren die Wände bis zu einer gewissen Höhe gestrichen; dieser grüne Anstrich samt einer Hängevorrichtung, an der die Tiere ausbluten konnten, wurden ebenso wie Reste von Dekormalereien rekonstruiert.Die hölzerne Hängevorrichtung geht über 2 Etagen, im oberen Geschoss befand sich die handgetriebene Zugvorrichtung mittels eines Seils, welches auf eine Trommel aufgerollt wurde. Bei dieser hängenden „Entblutung“ wurde das zuvor betäubte Rind im Erdgeschoss an einem Hinterfuß, mittels einer an einem Haken befestigten Kette angeschlungen und dann mit dem Seil hochgezogen. Hinter diesem Raum befand sich eine Küche, in der Fleisch- und Wurstwaren zubereitet wurden. Sie war mit einer Handwasserpumpe und einer Spüle ausgestattet, damit das Fleisch von Blutresten gereinigt werden konnte. Wahrscheinlich enthielt sie auch einen Kessel zur Wurstherstellung. Das Haus wurde am 23. März 1945 von einer Bombe getroffen. Spuren dieses Ereignisses sind geborstene Deckenbalken sowie ein gebrochener Plattenbelag in der Küche.

Neben dieser beruflich genutzten Küche befand sich auf der Rückseite des Hauses die Essküche der Familie. Der originale Fliesenboden ist erhalten geblieben, ebenso vom Herdrauch geschwärzte Deckenbalken. An die Essküche schließt sich die sogenannte Upkamer an, ein Raum, der über dem gewölbten Keller des Hauses, drei Stufen erhöht, liegt. Diese Upkamer (niederländisch für „erhöhter Raum“) gestattete einen Blick in den Flur zwischen der Metzgerei und dem Manufakturwarenladen. In letzterem wurden Textilien aller Art verkauft und zur Verarbeitung als Kleidung angeboten, es gab also eine Schneiderei und entsprechende Angestellte. Ein Schwerpunkt lag auf Aussteuerware. Zur Zeit der Familie Humberg war die Upkamer mit einem Sofa ausgestattet und diente hauptsächlich als Aufenthaltsraum der Familie.

In dem Eckraum neben der Upkamer befindet sich die Mikwe, die als wertvollstes Zeugnis des jüdischen Lebens in Dingden gilt. Dass Privathäuser mit Mikwen ausgestattet waren, kam nur selten vor. Im Fall des Humberghauses ist die Einrichtung wohl auf das Metzgerhandwerk der Männer in der Familie Humberg zurückzuführen. Ulrich Hermanns vermutet, dass die Familie die private Mikwe einrichtete, nachdem die Mikwe in der Bocholter Synagoge nicht mehr zur Verfügung stand.Ulrich Hermanns: Das Humberghaus in Dingden – ein außergewöhnlicher Geschichtsort, auf: www.yadvashem.org, abgerufen am 8. Juni 2022. Diese Mikwe wurde von Regenwasser gespeist und hatte keinen Abfluss.Die Dingdener Mikwe wird beschrieben in Udo Mainzer, Elfi Pracht: Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Bd. 5: Regierungsbezirk Arnsberg. J. P. Bachem, Köln 2005, S. 40. Zu diesem Zeitpunkt noch als „vermutlich“ klassifiziert.

Das Eckzimmer neben diesem Raum dürfte als Wohnzimmer gedient haben. Daneben lag Rosalia Humbergs Manufakturwarenladen. Er besaß einen dunkelgrünen Wandanstrich mit Kassettenfeldern, der fragmentarisch erhalten geblieben ist. Zwischen dem Manufakturwarenladen und der Metzgerei lag die Eingangstür des Hauses, durch die man einen Flur betrat, der geradeaus auf die Upkammer zuführte. Von diesem Flur aus führte auch eine Treppe ins Obergeschoss, in dem sich wahrscheinlich die Privaträume der Familie befanden. Ein Teil dieser Zimmer wird heute für Ausstellungen zur Geschichte Dingdens im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit sowie über Emigration genutzt; außerdem sind im Obergeschoss Büro und Bibliothek untergebracht.

Ausstellungsstücke Im Humberghaus werden authentische Erinnerungsstücke an die Personen, die das Haus bis 1940 bewohnten, ausgestellt. Unter anderem übergab das Jüdische Museum Amsterdam dem Heimatverein Dingden den Nachlass Leopold Humbergs als Leihgabe. Ruth Muscovitch steuerte das Fahrrad ihres Vaters Ernst Humberg bei, das dieser auf der Flucht benutzt und dann bis nach Kanada mitgenommen hatte.Das Fahrrad als herausragendes Symbol: „Mehr als man kennt, näher als man denkt.“ Objektgeschichten aus Gedenkstätten in NRW. Herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen und vom Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW, Düsseldorf 2020, S. 38f, auch online, abgerufen am 8. Juni 2022.

Einstige Bekannte übergaben dem Heimatverein weitere Gegenstände, die in die Ausstellung aufgenommen wurden. Das Uhrwerk einer französischen Kaminuhr aus der Zeit um 1900 stammt aus dem Besitz von Ernst und Hilde Humberg. Ernst Humberg floh in der Reichspogromnacht zu Nachbarn und später weiter über die nahe niederländische Grenze; seine Frau Hilde ließ später die Reste ihres Besitzes von der Schreinerei Klein-Wiele aus ihrem Haus in Brünen holen und, soweit möglich, reparieren. Die Kaminuhr von der Firma S. Marti war außen zerschlagen worden. Das intakte Uhrwerk schenkte Hilde einem der Mitarbeiter in der Schreinerei, Johann van Stegen. Hilde folgte ihrem Mann in die Niederlande und wanderte dann mit ihm nach Kanada aus. Van Stegens Nachfahren übergaben das Uhrwerk 70 Jahre später dem Humberghaus.Französisches Uhrwerk: Neues Exponat im Humberghaus, humberghaus.de, abgerufen am 8. Juni 2022.

Aus Leopolds Besitz stammt ein blauer Steinzeugkrug aus dem Westerwald, der ebenfalls um 1900 hergestellt wurde. Er übergab ihn einer Nachbarin, Adelheid Bußkönning, zum Dank dafür, dass sie ihm bei seinem alten Freund Johann Kruse einen Rucksack besorgte, als er im Juli 1941 gezwungen wurde, seine Wohnung binnen weniger Stunden zu verlassen.Historischer Krug: Neues Exponat im Humberghaus, humberghaus.de, abgerufen am 8. Juni 2022. Eine Nachfahrin übergab den Krug dem Museum.

Eine Passagierliste des Schiffs Duchess of Bedford der Canadian Pacific Navigation Company vom 31. März 1939 verzeichnet die Flucht von Adolf Terhoch, seiner Frau Frieda und ihrer Zwillinge, ebenfalls nach Kanada. Auch die Passagierliste von Ernsts Familie ist vorhanden.

Zur Metzgerei gehörte ein Rinderspalter, ein sehr langes Messer mit breiter Klinge. Ein Exemplar der Zeit ist ausgestellt, es stammt aus dem verschwägerten Betrieb in Velen-Ramsdorf.Rinderspalter sind zwischen 81 und 86 cm lang, wobei das Blatt (die Klinge) 35–40 cm lang ist. Dieses Spezialmesser wird zum Zerlegen des ganzen Tieres oder großer Körperteile benötigt.

Die Familien Humberg, Terhoch, Frank, Muscovitch Abraham Humberg wurde 1852 geboren. Er stammte aus Klein Reken, war Kaufmann, Metzger und Viehhändler, kämpfte im Deutsch-Französischen Krieg, wurde Mitglied im Dingdener Kriegerverein und heiratete 1882 Rosalia Landau. Im selben Jahr übernahm er die Metzgerei. 1894 wird er in Bocholt im „Verzeichnis der zum hiesigen israelitischen Männer-Verein gehörenden Mitglieder“ aufgeführt. Bocholter Quellen und Beiträge, 13. Stadt Bocholt, 2012 Abraham Humberg starb im August 1932.