mini|Rengha Rodewill Rengha Rodewill (* 11. Oktober 1948 in Hagen, Westfalen) ist eine deutsche Fotografin, Autorin, Publizistin, Malerin, Objektkünstlerin, Grafikerin und Tänzerin.

Leben und Werk

Tanz, Malerei und Objektkunst Rengha Rodewill ist in Hagen aufgewachsen, dort studierte sie Bühnentanz bei Ingeburg Schubert Neumann (1933–2008)Künstlerin Rengha Rodewill auf der Suche nach Harmonie, HagenBuch 2009, S. 125–128, ardenkuverlag, Hagen ISBN 978-3-932070-87-7. vormals Primaballerina an der Sächsischen Staatsoper Dresden sowie Malerei bei dem Kunstprofessor Will D. Nagel.Kurzvita. Website von Rengha Rodewill. Schubert Neumann gründete 1962 in Hagen eine Ballettschule, eine staatlich genehmigte Fachschule für Bühnentanz, sie war Ballettmeisterin und Choreografin.Westfälische Rundschau. Generationen von Tanzbegeisterten schätzten diese Frau. Abgerufen am 8. April 2020. Durch einen Tanzunfall konnte Rodewill ihre Bühnenkarriere nicht weiter fortsetzen und hat danach ihre Energien in die Bildende Kunst als Grafikerin und Malerin einfließen lassen. Nach Studienaufenthalten in Italien und Spanien zog Rodewill 1978 von Hagen nach Berlin, wo sie als Grafikerin tätig war. Ihr erstes Atelier eröffnete sie in Zehlendorf und 1998 in Potsdam-Babelsberg in der Domstraße,Zehn Jahre Atelier in Babelsberg. Pressemitteilung auf openPR, 14. Mai 2008. Abgerufen am 30. Januar 2020. um hauptsächlich als Malerin und in der Objektkunst zu arbeiten.

Das Babelsberger Atelier befand sich in einer Baracke, auf einem Grundstück mit Landhaus, in dem die Galerie Bauscher ihren Sitz hatte. Das Haus ließen die jüdischen Möbelfabrikanten Norbert und Paul Wiener zwischen 1923 und 1926 vom Architekten Jean Krämer errichten, die Adresse der Villa Wiener war Augustastraße 41 in Neu-Babelsberg, (heute: Rosa-Luxemburg-Straße 40). In den ersten Wochen und Monaten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verließen vor allem Juden aus Angst vor Repressalien und Verfolgung Deutschland. Die Familie Wiener emigrierte 1933 nach England. Konrad Adenauer hielt sich von 1934 bis 1935 in dem Anwesen auf, dort wurde er 1934 im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch von der Gestapo festgenommen und nach zwei Tagen ohne weitere Erklärungen freigelassen.Politisches Bildungsforum Brandenburg. Konrad-Adenauer-Stiftung. Abgerufen am 30. Januar 2020. Die Forstverwaltung des DDR-Bezirks Potsdam war bis zur politischen Wende 1989 in der Baracke und im Landhaus untergebracht.Brandenburgisches Landeshauptarchiv (blha). Rep. 514 VVB Forstwirtschaft Potsdam; 1957–1975. Abgerufen am 30. Januar 2020.

Während ihrer Schaffensphase in Babelsberg entwickelte Rodewill mit der Potsdamer Kunsthistorikerin Renate Bergerhoff das Dance Painting, das als Tanz um die Leinwand beschrieben wurde. Rodewill arbeitete hauptsächlich an großformatigen Werken in der Kunstrichtung des Action Painting, das innerhalb des abstrakten Expressionismus so bezeichnet wird, wobei sie die auf dem Boden liegende Leinwand bei rasantem Tempo umtanzte und in Drip Painting Technik in einem exzessiven Malprozess bearbeitete. Ein tranceartiger Zustand ermöglichte es ihr, sich dem Malvorgang völlig hinzugeben und alle Emotionen freizusetzen, bis zur Erschöpfung arbeitend. Rodewill lässt sich nicht in das Schubfach des abstrakten Expressionismus einordnen. Für ihre Malerei ist entscheidend, dass sie untrennbar mit Musik und Tanz verbunden ist.

Mit dem Hagener Maler Emil Schumacher, dem prominenten Vertreter des Informel, stand Rodewill in einem künstlerischen Briefkontakt. Schumacher nannte Rodewill in seinen Briefen Liebes Hagener Kind. Rodewills Einladung 1998 zu ihrer Vernissage movement two,Veranstaltungen. Website von Agentur Wort und Kunst. im Künstlerklub Die Möwe,Der Tagesspiegel. Die Möwe macht Wind. Abgerufen am 21. August 2020. Palais am Festungsgraben in Berlin-Mitte, musste Schumacher aus Altersgründen absagen. Emil Schumacher verstarb 1999 in seinem Ferienhaus auf Ibiza. Die Begrüßungsrede hielt die Schauspielerin Renate Heymer, verheiratet mit dem Filmregisseur Gunter Friedrich. Rodewills Kunsthistorikerin Renate Bergerhoff übernahm die Einführung in die Ausstellung. Vorsitzender des Künstlerklub Die Möwe e. V., war in der Zeit von 2002 bis 2010 der Literaturwissenschaftler und Kulturmanager Paul Werner Wagner.

Rengha Rodewills Materialcollagen und Installationen sind zeitkritisch. Die Künstlerin schuf mehrere Großobjekte und Installationen. Anlässlich einer Hommage zum 100. Geburtstag der Dichterin Mascha Kaléko beklebte Rodewill den weiblichen Körper einer Figurine, die auf einer quadratischen Plinthe steht, mit mehr als 2600 Textzitaten aus den Büchern der Kaléko; sie nennt das Werk Ein Leben verkleben.Georg Kolbe Museum. Rengha Rodewill und Mascha Kaléko (Hommage zum 100. Geburtstag der Dichterin). In: YouTube. Abgerufen am 24. August 2020Onomatopeya de lo Indecible. Objeto artístico con Mascha Kaléko como tema, de la artista berlinesa Rengha Rodewill. Abgerufen am 24. August 2020 Der Körper verschwindet vollständig hinter seiner Funktion. Er dient gleichzeitig als Bildgrund, als Träger von Zeichen, als Projektionsfläche. Die Künstlerin bedient sich des Korpus, um dem Werk Gewicht zu verleihen – um sich Raum zu verschaffen. Rodewill verarbeitet Materialien wie Montageschaum und gleichzeitig wird mit heftigen und makaberen Chiffren aus dem Judentum, Holocaust und Nazi-Deutschland gearbeitet. Stereotype Puppengesichter, Tora, Kippa, Gasmaske und Hitlers Porträt, die in einer drastischen Zeichensprache nebeneinander angeordnet sind. Die Künstlerin setzt auf markante Gegensätze. In Rodewills Objektkunst spiegelt sich auch die künstlerische Richtung des Dadaismus wider, wie auf der Rückseite der Kaléko-Figur, mit einem typografischen Sprung einer großen 6 auf dem Gesäß, wie die Dadaisten ihn liebten. Rodewill geht es dabei um Das sechste Leben, einem Gedicht von Mascha Kaléko, zum anderen um Erotik und Liebe und um den Verlust von Chemjo Vinaver, Kalékos zweitem Ehemann, der 1973 in Tel Aviv verstarb. Kaléko verstarb 1975, sie wurde auf dem Friedhof Oberer Friesenberg in Zürich bestattet. Zum 50. Todestag der Dichterin finden 2025 zahlreiche Veranstaltungen statt, die an Mascha Kalékos Leben und ihre Gedichte erinnern.

Der amerikanische Künstler Edward Kienholz suchte auf Flohmärkten und in Trödelläden nach Gegenständen und verwendete diese Materialien als Ausdruck zeitgenössischer Unkultur. Infolge der bezüglich der Materialien ähnlichen Installationen und Objekten von Rodewill wurde diese gerne mit Kienholz verglichen. Rodewills zeitkritische Materialcollage Dear-Love-Me-Tender.comBTrachtungsweisen. Rengha Rodewill – Ausstellung in der Friedrich-Naumann-Stiftung Potsdam. In: YouTube, 24. August 2020. wird provokativ mit Versatzstücken aus der Welt der Computer und des Cyberspace kombiniert, wodurch ein bizarres Objekt entsteht, auch die Collage Quo vadis? Deutschland, die mit bedeutungsvollen Symbolen aufgeladen ist. Objekte und Installationen sollen die Betrachter herausfordern und zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema anregen.

Rodewills Kunstwerke sind in vielen Sammlungen enthalten.

Nach Abriss des Babelsberger Ateliers verlegte Rodewill ihren Arbeitsmittelpunkt wieder nach Berlin. Fortan setzte sie ihren künstlerischen Schwerpunkt auf die Fotografie, wobei sie auch als Autorin und Publizistin tätig ist.

mini|Eva Strittmatter und Rengha Rodewill mini|Rengha Rodewill und Horst Bosetzky

Literatur und Fotografie Im Zentrum von Rengha Rodewills literarisch-fotografischer Arbeit steht wiederholt die Auseinandersetzung mit Leben und Werk der Dichterin Eva Strittmatter. Von 2000 bis zu Strittmatters Tod 2011 bestand zwischen beiden ein künstlerischer Austausch. Gedichte Strittmatters waren bereits Bestandteil von Rodewills erster Buchveröffentlichung Zwischenspiel – Lyrik, Fotografie (2010), in der Lyrik und Fotografie dialogisch miteinander verbunden wurden. Im Mai 2003 las Eva Strittmatter in Potsdam-Babelsberg im Ateliergarten von Rodewill ihre Gedichte auf einer Open-Air-Vernissage. Die Lesung wurde durch ein heftiges Maigewitter unterbrochen und später von Tom de Toys als DonnerdichtungDonnerdichtung. Streitschrift-Satire für Eva Strittmatter statt Eva Erb. In: Poemie, 18. Mai 2003. bezeichnet. Die Dichterin verstarb am 3. Januar 2011 in Berlin. Am 8. Januar wurde sie auf dem Friedhof in Schulzenhof neben ihrem Mann Erwin Strittmatter beigesetzt.

Die Buchpremiere Zwischenspiel und Ausstellung der Fotografien von Rodewill war Oktober 2010 in der Deutschen Oper Berlin,Deutsche Oper Berlin. Rengha Rodewill und Eva Strittmatter. In: YouTube 24. Mai 2015. kuratiert von Andreas K. W. Meyer Chefdramaturg, die Eröffnungsrede hielt die Intendantin Kirsten Harms. Eva Schrittmatters Gedichte wurden gelesen von der Schauspielerin Barbara Schnitzler, Tochter von Inge Keller und Karl-Eduard von Schnitzler.

Am 8. Februar 2011 veranstaltete der Plöttner Verlag in der Alten Handelsbörse Leipzig eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 81. Geburtstages zu Ehren der Dichterin.Eva Strittmatter Abend. Gespräch mit Rengha Rodewill und Jonas Plöttner, Alte Handelsbörse (Leipzig). In: vimeo, Februar 2011. Eingeladen waren Rengha Rodewill, die über das Buch Zwischenspiel und ihre Verbindung zur Dichterin erzählte, die Journalistin und Autorin Irmtraud Gutschke und die Schauspielerin Jutta Hoffmann, die Gedichte von Eva Strittmatter vortrug. Die Moderation übernahm Michael HametnerEva Strittmatter Abend. Einleitung durch Michael Hametner, Alte Handelsbörse (Leipzig), In: vimeo, Februar 2011. vom Mitteldeutschen Rundfunk MDR Figaro.

Mit dem Buch Eva Strittmatter – Spuren (2025) legte Rengha Rodewill eine eigenständige fotografisch-literarische Annäherung an Eva Strittmatter vor. Der Band verbindet zeitgenössische Fotografien zentraler Lebens- und Erinnerungsorte der Dichterin – darunter Neuruppin, Schulzenhof und weitere Stationen in Brandenburg – mit essayistischen Texten sowie paraphrasierenden Annäherungen an Motive ihrer Lyrik. Ziel der Publikation ist keine biografische Gesamtdarstellung, sondern eine dokumentarisch-poetische Spurensuche, die Strittmatters Werk im Spannungsfeld von Landschaft, Erinnerung und Sprache verortet.

Im September 2013 präsentierte Rodewill unter der Veranstaltungsreihe Perspektiven, im dbb Beamtenbund Berlin, ihren Bildband: Bautzen II – Dokumentarische Erkundung in Fotos mit Zeitzeugenberichten und einem Vorwort von Gesine Schwan. Der ZDF-Fernsehjournalist Christhard Läpple moderierte die Veranstaltung, Läpple hat sich in seinen Arbeiten und Publikationen oft mit dem Thema DDR-Staatssicherheit auseinandergesetzt. Eingeladen waren Markus Meckel von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, sowie die Zeitzeugin Sigrid Grünewald, die wegen versuchten staatsfeindlichen Menschenhandels 1981 zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt und in die Stasi-Sonderhaftanstalt Bautzen II überstellt wurde. Grünewald erzählte von ihrer Verhaftung bis zum Freikauf 1982 durch die Bundesrepublik Deutschland. In Rodewills Dokumentation werden acht Schicksale ehemaliger Häftlinge aufgezeichnet. Darunter der Dramaturg und Verleger Walter Janka, Hartmut Richter, ein ehemaliger DDR-Flüchtling und Fluchthelfer, sowie der Journalist und Altkommunist Heinz Zöger.