Auf der Halbinsel Krim lebte und lebt auch heute noch eine italienischsprachige Volksgruppe, die meisten davon in Kertsch.

Geschichte mini|Das Römische Reich 117 n. Chr. Vorfahren der Italiener besiedelten seit der Zeit des Römischen Reiches und der Republiken Venedig und Genua einige Gebiete der Ukraine und der Krim.

Mittelalter Die venezianischen Handelskolonien mini|Die Krim im 15. Jahrhundert Nach den mittelalterlichen Kreuzzügen entdeckten Kaufleute aus Genua und Venedig die Krim als günstigen Posten für ihre nach Asien reichenden Handelsmissionen. Sie gründeten an der Südküste die bis heute bestehenden Städte Cembalo, Caulita, Lusta, Soldaia, Caffa und Vosporo als Niederlassungen.

In Soldaia landete 1253 der Franziskaner Wilhelm von Rubruk, um von dort aus seine Reise in den Fernen Osten Asiens zu beginnenWilhelm Heyd: Die italienischen Handelscolonien am schwarzen Meer (1. Artikel) in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 18 (S. 655), und 1260 besuchten die Brüder Maffeo Polo und Niccolò Polo, Vater des berühmten mittelalterlichen Chinareisenden Marco Polo, auf ihrer ersten Handelsreise ins Mongolenreich ihren Bruder Marco der Ältere im venezianischen Soldaia, wo dieser ein Kontor betrieb.Sophus Ruge: Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen, Salzwasser-Verlag GmbH, Paderborn (S. 53)

1340 bot Toloktomur, der damalige Emir von Solgat (Krim), den Venezianern die Stadt Vosporo (auch: Bosporus, das heutige Kertsch) mit ihrem Hafen und einem dazu gehörigem Gebiet an, sodass sie ebenso vollkommen Herrn darin wären wie die Genuesen in Caffa.Wilhelm Heyd: Die italienischen Handelscolonien am schwarzen Meer, (2. Artikel) in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft Bd. 19 (S. 163)

Die genuesischen Handelskolonien mini|Carlo Bossoli: Feodossija (1856) Nachdem Genueser Mitte des 13. Jahrhunderts vom Khan der Goldenen Horde die Erlaubnis zur Gründung einer Niederlassung bekommen hatten, gründeten sie 1266 eine Kolonie in der Siedlung Kafa (italienisch Caffa), in der Nähe des heutigen Feodossija.

1289 rief der aus Genua stammende Konsul von Caffa, Paolino Doria, die Kaufleute und Bürger der Stadt zusammen, um den in Bedrängnis geratenen 'Brüdern' in der genuesischen Hauptniederlassung in Tripoli zu helfen.Wilhelm Heyd: Die italienischen Handelscolonien am schwarzen Meer, (1. Artikel) in: Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft, Bd. 18, 1862 (S. 662) Die Stadt war von dem Mamelukensultan Qalawun erobert, entvölkert und zerstört worden.

Im Jahr 1316 wurde der Konsul von Caffa angewiesen, den Armeniern, Griechen und andern nichtgenuesischen Christen einen gewissen Platz außerhalb der Stadtmauern gegen Zins zu überlassen.Wilhelm Heyd: Die italienischen Handelscolonien am schwarzen Meer, (1. Artikel) in: Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft, Bd. 18, 1862 (S. 677)

Während sich mit der Zeit die Besitzungen Genuas auf der Krim von Caffa westwärts bis Cembalo ausdehnten, erweiterten sie sich im Osten von Kaffa durch die Erwerbung von Vosporo (Datum unbekannt).Wilhelm Heyd: Die italienischen Handelscolonien am schwarzen Meer, (2. Artikel) in: Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft Bd. 19, 1863 (S. 184) Vosporo, die eine bevölkerte und reiche Stadt war, wurde 1332 von Papst Johannes XXII. zur Metropole erhoben und ihr als geistlichen Hirten den Dominikaner Franz von Camerino vorgesetzt. Die früheste Erwähnung eines genuesischen Konsulats in Vosporo fällt in das Jahr 1456.

Die Eroberung der Krim durch das Osmanische Reich bedeutete das Ende der italienischen Handelskolonien. Nach der Einnahme von Caffa wurden die dort lebenden Italiener am 12. Juli 1475 mit all ihrer noch übrigen Habe nach Konstantinopel übersiedelt. Einem Teil derselben gelang es auf der Überfahrt die osmanische Bemannung ihres Schiffes zu überwältigen und sich mit dem Schiff nach Moncastro zu retten; da sie aber bei der Verteilung der reichen Beute, die sich im Schiff befand, Streit bekamen, bemächtigte sich der Herr von Moncastro der Beute und jagte die Italiener davon. Die anderen gelangten nach Konstantinopel, bevölkerten eine bis dahin menschenleere Region der Stadt und zahlten dem Sultan die Kopfsteuer.Wilhelm Heyd: Die italienischen Handelscolonien am schwarzen Meer, (2. Artikel) in: Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft Bd. 19, 1863 (S. 208)

Neuzeit mini|Königreich beider Sizilien in Italien 1815 Eine erneute Präsenz von Italienern in Feodossija mit Nachnamen wie Amoretti, Bianchi-Scoccimarro, Criscola, Durante, Gallera, Lagorio, Scassi und Spinelli ist aus der Zeit um 1800 überliefert. Die Zuwanderer kamen hauptsächlich aus GenuaElena Dundovich, Francesca Gori, Emanuela Guercetti: Gulag. Storia e memoria, Feltrinelli, Mailand (pg. 188), und die Italienische und Genuesische Straße waren zwei der wichtigsten Straßen in der Stadt.Stefano Mensurati, Giulia Giacchetti Boico, Il genocidio dimenticato. Gli italiani di Crimea, Libreria Editrice Goriziana (S. 4)

19. Jahrhundert Anfang des 19. Jahrhunderts siedelten Italiener aus verschiedenen Regionen (Ligurien, Kampanien, Apulien) Italiens auch in den Küstenstädten des Schwarzen Meeres und des Asowschen Meeres (OdessaBereits 1797 gab es etwa 800 Italiener in Odessa, was 10 % der Gesamtbevölkerung entsprach., Nikolajew, Sewastopol, Mariupol, Berdjansk, Taganrog).

Anwerbung und Auswanderung Nach dem Wiener Kongress von 1815 wurden zur Rekrutierung von Kolonisten Emissäre des Zaren Alexander I. ins Königreich beider Sizilien geschickt. Erfolgreich waren sie hauptsächlich in der Provinz Terra di Bari. Angelockt durch Versprechen guter Verdienste, Fischreichtum, fruchtbarem Boden auf Kronsland (30 Desjatine = ~ 33 ha) und Steuerfreiheit bis zu 10 Jahren wanderten 1820 hauptsächlich Seeleute (Fischer, Bootsleute, Steuermänner, Werftarbeiter, Kapitäne), aber auch Bauern (Obstzüchter, Gemüsegärtner) mit besonderer Kenntnis im Oliven- und Weinanbau überwiegend aus den apulischen Städten Trani, Bisceglie, Molfetta und Bari nach Russland aus, wo sie sich hauptsächlich auf der Halbinsel Kertsch im Nordwesten der gleichnamigen Stadt niederließen. Mitgenommen wurden aus der Heimat vor allem eine Fleischtomate, die heute Black Krim-Tomate genannt wird, die Rispentomate Regina di Torre Canne und Weinreben. 1895 zählte man 20.000 Weinreben.

Bald folgten den Auswanderern Lehrer, Notare, Ärzte, Ingenieure, Architekten, Kaufleute und Künstler. Zu nennen sind der Kaufmann Raffaele Scassi, der 1821 die Erlaubnis erhielt, den Hafen von Kertsch zu bauen und die Architekten Alexander Digby und Giorgio Torricelli, auf die die römisch-katholische Kirche, die wichtigsten historischen Gebäude der Innenstadt und das Museumsgebäude auf dem Berg Mithridates in Kertsch zurückgehen.

Unter den Einwanderern waren viele Eigentümer von Wasserfahrzeugen, mit denen sie Waren in die Häfen des Asowschen Meeres (Taganrog, Berdjansk, Mariupol) und des Schwarzen Meeres (Feodosija, Simferopol, Odessa, Cherson, Nikolajew) transportierten. Andere wiederum arbeiteten als Arbeitnehmer auf russischen Schiffen.

Im Gegensatz zu den Bauern, die fast alle ihre ursprünglichen Staatsangehörigkeiten (Königreich Sardinien, Königreich beider Sizilien) behielten, nahmen die auf russischen Schiffen Arbeitenden zuerst die russisch-zaristische und dann die sowjetische Staatsbürgerschaft an, da Artikel 48 des Gesetzbuches der Handelsmarine Ausländern untersagte, auf russischen Schiffen zu arbeiten.

Die Italiener lebten sich schnell in der lokalen Gesellschaft ein, und die Gemeinde vergrößerte sich schnell. Kertsch zählte 1855 13.106Extrablatt zur Rigaschen Zeitung Nr. 123 vom 1. Juni 1855 (S. 6) und 1870 zirka 30.000 Einwohner. 1884 lebten in der italienischen Kolonie über 1.000 Personen, von denen die meisten von der Adriaküste kamen und sich mit der Küstenschifffahrt beschäftigten oder als Seeleute und als Eigentümer ihren Lebensunterhalt verdingten.

Bald konnten die Italiener in Kertsch ihren Lebensstandard verbessern, kauften neues Land und Wasserfahrzeuge und eröffneten kleine Geschäfte. Manche zogen nach Feodossija, Simferopol, Odessa, Nikolaew, Mariupol, Berdjansk und in einige andere Häfen des Schwarzen Meeres, wie Batumi und Noworossijsk.

1870 kam es zu einer weiteren Auswanderungswelle aus Apulien nach Kertsch. Es waren Verwandte und Bekannte der Auswanderer von 1820 (s. o.), die durch vorteilhafte Angebote von Grundstücken, die der Zar zu einem guten Preis verkaufte, angelockt wurden, wonach die landwirtschaftliche Bevölkerung in Kertsch überwog.

Nach 1870 kam die Auswanderung ins Stocken. Wer sich ein Vermögen geschaffen hatte, kehrte nach Italien zurück.

1893 berichtete Alessandro De Goyzueta di Marchesi, italienischer Konsul von Odessa, dass die Kolonie Kertsch mit 86 italienischen Familien die größte der italienischen Kolonien wäre, aber wenn man diejenigen berücksichtigt, die wegen des Handels die russische Staatsbürgerschaft angenommen haben, kommt man auf zirka 1.500 Einwohner. Nach einer Volkszählung aus dem Jahr 1897 waren in der Provinz Kertsch 1,8 % der Bevölkerung Italiener, ein Prozentsatz, der bis zum Jahr 1921 auf 2 % anstieg, was einer Einwohnerzahl von ungefähr 2.000 Personen entspricht.

20. Jahrhundert mini|Kertsch um 1902 1914 gab es in Kertsch eine italienische Grundschule, eine Bibliothek und eine Genossenschaft. Die lokale Zeitung Kerčenskij Rabocij veröffentlichte damals regelmäßig Artikel in anderen Sprachen, darunter auch Italienisch.

Mit der Oktoberrevolution von 1917, mit der das Zarenreich zur Sowjetunion wurde, begann eine bittere Zeit für die Minderheiten in Russland. Über Jahre waren die politischen Verhältnisse im Schwarzmeergebiet instabil. Einige der Italiener, hauptsächlich wohlhabende Bauern, die ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft beibehalten hatten, beschlossen nach Italien zurückzukehren.

Das Königreich Italien stellte die diplomatischen Beziehungen mit Russland ein und berief die in Russland lebenden Italiener zurück; so auch die Kertschitaliener. Am 18. März 1918 informierte der italienische königliche Agent von Feodossija den Minister, dass die Rückwanderung durch den militärischen Einmarsch von Truppen des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns in Odessa (Operation Faustschlag) eingestellt werden musste.

1919, während des russischen Bürgerkrieges, legten in Sewastopol zwei italienische Kreuzer an, die insgesamt 100–150 Italiener an Bord nahmen, die meisten aus der Krim.Elena Dundovich, Francesca Gori, Emanuela Guercetti: Gulag. Storia e memoria, Feltrinelli, Mailand (S. 187) Pjotr Wrangel, General der Weißen Armee, half zwischen April und November 1920, rund 150.000 Personen nach Konstantinopel zu fliehen. Unter ihnen auch zahlreiche italienische Familien aus Kertsch, die wegen bürokratischer Probleme zum Teil bis zu zwei Jahre auf ihre Einreisegenehmigung nach Italien warten mussten.

Kollektivierung Von den rund 2.000 Personen italienischer Abstammung, die 1922 in Kertsch lebten, waren 650 „Untertanen des Italienischen Königreiches“. Diejenigen, die zuerst die russisch-zaristische und dann die sowjetische Staatsbürgerschaft angenommen hatten, waren diejenigen, die als Ausländer nach Artikel 48 des Gesetzbuches der Handelsmarine (s. o.) nicht in der Kriegs- oder Handelsmarine arbeiten durften.Elena Dundovich, Francesca Gori, Emanuela Guercetti: Gulag. Storia e memoria, Feltrinelli, Mailand, 2004 (S. 186)