Fall Blau oder Unternehmen Blau war der Deckname für den am 28. Juni 1942 beginnenden ersten Teil der Sommeroffensive der Wehrmacht während des Deutsch-Sowjetischen Krieges. Diese Offensive wurde zunächst auf Woronesch angesetzt, dann über den Sewerski Donez zum Don-Bogen weitergeführt und erreichte Mitte September mit dem deutschen Vorstoß im Kaukasus und an die untere Wolga ihren Höhepunkt.

Das Oberkommando des Heeres (OKH) gab der geplanten Sommeroffensive am 5. März 1942 zunächst den Tarnnamen Siegfried, der am 7. April 1942 in Blau und schließlich am 30. Juni 1942 in Braunschweig geändert wurde.Operation Siegfried.- Vergabe des Decknamens für die Frühsommer-Offensive an der Ostfront. Archivale im Bundesarchiv. Die Folgeplanung unter den Namen Blau II und Blau III erhielt die Decknamen Unternehmen Clausewitz und Unternehmen Dampfhammer.Schramm, 1942, Teilband 1, S. 460.

In der Weisung Nr. 45 für die Kriegführung (Fortsetzung der Operation „Braunschweig“) vom 23. Juli 1942Walther Hubatsch (Hrsg.): Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939–1945. Dokumente des Oberkommandos der Wehrmacht. Bernard & Graefe 1962. Taschenbuchausgabe 1964, S. 218. prussia.online (PDF; 2,2 MB). änderte Adolf Hitler die Ziele des ursprünglichen Falls Blau. Ziel war nun der gleichzeitige Vormarsch der deutschen Truppen sowohl in Richtung Kaukasus (Unternehmen Edelweiß) als auch in Richtung Stalingrad (Unternehmen Fischreiher).Schramm, 1942, Teilband 1, S. 520.Schramm, 1942, Teilband 2, S. 1420.

Hitler hatte persönlich in die Planung des Unternehmens eingegriffen und eine Aufteilung der Heeresgruppe Süd befohlen. Diese Zersplitterung der Kräfte – vor der Hitler von seiner Generalität mehrfach gewarnt worden war – gilt heute allgemein als wesentliche Ursache für den Untergang der 6. Armee in Stalingrad.„Fall Blau“ – der Weg nach Stalingrad. Welt Online; abgerufen am 16. Juni 2023. Hitler hatte für sein Beharren kriegswirtschaftliche Gründe wie Eroberung der kaukasischen Ölquellen und Abschneiden sowjetischer Gütertransporte über den Verkehrsknoten Stalingrad geltend gemacht.

Vorgeschichte mini|links|Deutsche Infanterie auf Schützenpanzerwagen im Sommer 1942 in Süd-Russland

Nachdem der Überfall auf die Sowjetunion 1941 nicht zum erwarteten Zusammenbruch der Sowjetunion geführt hatte und die deutschen Angriffskeile vor Leningrad, Moskau und Sewastopol zum Stehen gekommen waren, sah sich die Wehrmacht im Winter 1941/42 mit der Winteroffensive der Roten Armee konfrontiert.

Als Reaktion darauf ernannte Hitler sich im Dezember 1941 selbst zum Oberbefehlshaber des Heeres und gab den Befehl zum Halten der Frontlinie, was zwar größere Gebietsverluste verhinderte, jedoch auch wichtige Ressourcen aufbrauchte, die für die nächsten Unternehmen dringend benötigt worden wären.

Dennoch wollte Hitler im Sommer 1942, wie schon in der Augustkrise ein Jahr zuvor, eine Offensive am südlichen Frontabschnitt starten, um Deutschland die kriegswichtigen Ölfelder von Maikop, Grosny und Baku zu sichern. Gleichzeitig sollte die Sowjetunion von dieser lebenswichtigen Ressource abgeschnitten und so ein Zusammenbruch herbeigeführt werden. Ähnliche Gedanken waren bereits 1940 vom britischen und französischen Generalstab angestellt worden, die mit der in der Operation Pike geplanten Bombardierung der sowjetischen Erdölfelder einen der damals noch mit Deutschland verbündeten Sowjetunion herbeiführen wollten.Bernd Wegner: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. In: MGFA (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Stuttgart 1990, Band 6, S. 1095.

Der Chef des OKW Wilhelm Keitel äußerte auf einer Lagebesprechung im Mai 1942 gegenüber Georg Thomas, .Wegner: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. S. 783. Die Seekriegsleitung hielt die Eroberung von Maikop für notwendig, da die dünne Treibstoffdecke für die Kriegsmarine bis zum Zerreißen gespannt war, denn das Unternehmen Barbarossa verschlang das für sie vorgesehene rumänische Öl. Im April 1942 waren ihre Reservebestände fast völlig aufgebraucht und Erich Raeder musste an Hitler melden, dass sämtliche heizölverbrauchenden leichten und schweren Schiffe nur noch Notoperationen unter Rückgriff auf den Noteinsatzbestand durchführen können. Nur die U-Boote erfuhren keine Einschränkung.Wilhelm Meier-Dörnberg: Ölversorgung der Kriegsmarine 1935 bis 1945. Freiburg 1973, S. 57 ff.

Der Volkskommissar für Verteidigung Semjon Konstantinowitsch Timoschenko erklärte Ende 1941 vor dem Staatlichen Verteidigungskomitee der UdSSR, dass der Verlust Moskaus zwar eine Enttäuschung, aber nicht kriegsentscheidend sein werde. Das , und es müsse alles getan werden, den deutschen Verbrauch zu erhöhen und den Kaukasus zu halten.Zit. n.: Felix Rehschuh: Aufstieg zur Energiemacht. Der sowjetische Weg ins Erdölzeitalter 1930er bis 1950er Jahre. Köln 2018, S. 113.

Mit diesem Entschluss legte Hitler den Schwerpunkt auf den östlichen Kriegsschauplatz und suchte wie im Jahr 1941 die strategische Entscheidung im Osten.Zit. n. Wegner: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. S. 762. notierte Generalstabschef Halder am 28. März 1942 in seinem Kriegstagebuch. Entsprechend legte Hitlers Befehl für die „Rüstung 1942“ vom 10. Januar 1942 den Rüstungsschwerpunkt eindeutig auf das Heer.Klaus Reinhardt: Die Wende vor Moskau. Stuttgart 1972, S. 268. Damit war nach Dietrich Eichholtz das Göring-Programm zum Kampf gegen die Westmächte .Dietrich Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft. Berlin 1985, Band 2, S. 45.

Dem stand entgegen, dass die Teile des deutschen Heeres, die gegen die Sowjetunion eingesetzt wurden, vom 22. Juni 1941 (Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion) bis Frühjahr 1942 bereits über 35 Prozent ihrer durchschnittlichen Gesamtstärke von 3,2 Millionen Mann als Verluste (Gefallene, Verwundete, Vermisste) eingebüßt hatten. Der infanteristische Kampfkraftverlust wurde auf 50 % bei der Heeresgruppe Süd und 65 % bei den anderen beiden Heeresgruppen beziffert.Wegner: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. S. 778 f.

Für den Fall, dass die sowjetische Seite der deutschen Sommeroffensive nicht standhalten würde, plante Franklin D. Roosevelt mit der Operation Sledgehammer eine Landung in Europa im Herbst 1942 zur Unterstützung. Laut Warren F. Kimball beweisen Roosevelts Pläne, dass er den Kampf der Roten Armee als unabdingbar für den Sieg über Deutschland ansah, obwohl er dies nicht öffentlich äußerte. Bereits Mitte 1941 hatte der amerikanische Generalstab darauf hingewiesen, dass ein deutscher Sieg über Russland dieses machen würde.Warren F. Kimball: Stalingrad und das Dilemma der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen. In: Jürgen Förster (Hrsg.): Stalingrad. Ereignis – Wirkung – Symbol. München 1992, S. 329 f.

Einschätzung des Gegners Erst nach Abflauen der sowjetischen Winteroffensiven wurden erstmals systematische Versuche unternommen, die sowjetische Mannstärke zu bestimmen. Man kam zu dem Schluss, dass der Gegner so umfangreiche Reserven wie im Winter 1941 nicht mehr in die Entscheidung werfen könne.Wegner: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. S. 798 ff. Insgesamt unterschätzte die deutsche Generalität den Gegner damit nach wie vor erheblich.

Generalstabschef Franz Halder berichtete in einem Vortrag Mitte 1942 über die Rüstungskapazitäten der Feindstaaten, in dem er für die UdSSR die monatliche Produktion von 1.200 Panzern angab, woraufhin sich Hitler wütend zeigte, dass Deutschland als größter Industriestaat mit der größten Industrieorganisation der Welt nur 600 Panzer je Monat produziere und es unmöglich sei, dass ein anderes Land mehr schaffe.Hermann Teske: Wenn Gegenwart Geschichte wird … Neckargemünd 1974, S. 83.

Das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt im OKW schätzte die sowjetische Panzerproduktion für das Jahr 1942 auf 6.000 und die Abteilung Fremde Heere Ost auf 11.000.Wegner: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. S. 811. Tatsächlich lag sie bei 24.690.Steven J. Zaloga, Leland S. Ness: Red Army Handbook 1939–1945. Sparkford 2003, S. 180. An Geschützen wurde mit einer Produktion von höchstens 7.800 Geschützen über 7,6 cm Kaliber, einschließlich PaK (Panzerabwehrkanonen) und Flak, gerechnet, tatsächlich waren es 33.000.Wegner: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. S. 812. Die sowjetische Flugzeugproduktion erreichte mit 25.000 Stück das dreifache der deutschen Prognose.Wegner: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. S. 813.

Diese unrealistischen Einschätzungen prägten nach Bernd Wegner in hohem Maße das Meinungsbild des über die zu erwartende Widerstandskraft der Sowjetunion und trugen zu einem Optimismus bei, dessen Brüchigkeit sich erst auf den Schlachtfeldern erweisen sollte.Wegner: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. S. 814.

Adam Tooze sieht ein echtes »Rüstungswunder« für 1942 nicht in Deutschland, sondern in den Rüstungsfabriken im Ural. Obwohl das Land schwer umkämpft war und es große Zerstörungen und Territorialverluste erlitten hatte, konnte die Sowjetunion in fast jeder Waffengattung die Rüstungsproduktion des „Dritten Reiches“ übertreffen. Diese industrielle Überlegenheit ermöglichte ihr die zweite deutsche Großoffensive abzuwehren und im November zu vernichtenden Gegenoffensiven überzugehen.Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. München 2007, S. 674.

Halder behauptete in seiner 1949 erschienenen Studie Hitler als Feldherr, der Generalstab des Heeres habe und des deutschen Kräftemangels Hitler widersprochen und die strategische Defensive befürwortet.Franz Halder: Hitler als Feldherr. München 1949, S. 48 f. Wegner nannte dies eine von Halder geschaffene und in die Nachkriegsliteratur eingegangene Legende ohne Rückhalt in den Akten.Wegner: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. S. 774.

Planung mini|Deutsche Artillerie im August 1942 Im Entwurf des Generalstabschefs Franz Halder für die Weisung Nr. 41, den er Hitler am 28. März 1942 vortrug, hatte das Kennwort für das Unternehmen noch „Siegfried“ gelautet. Es wurde, nachdem Hitler den Entwurf nochmals überarbeitet und wesentliche Teile hinzugefügt hatte, am 5. April 1942 durch den Decknamen Fall Blau ersetzt.P. E. Schramm: Kriegstagebuch des OKW, Teilband 1/1942, S. 316.

In der Weisung Nr. 41 vom 5. April 1942 legte Hitler die Ziele des Unternehmens fest, welche die drei Heeresgruppen im Sommer umsetzen sollten. Der Heeresgruppe Süd unter Generalfeldmarschall Fedor von Bock fiel hierbei die Hauptaufgabe der eigentlichen Sommeroffensive zu. Zunächst sollte vom nördlichen Flügel der Heeresgruppe in einer Zangenbewegung die Großstadt Woronesch am Don eingenommen werden (Blau I), um sodann südlich entlang des Don zu marschieren, um im Zusammenwirken mit einem zweiten Vorstoß aus dem Raum Charkow starke Feindkräfte einzukesseln (Blau II). Im dritten Teil des Unternehmens (Blau III) sollte im Zusammenwirken mit dem östlich vorgehenden südlichen Flügel der Heeresgruppe der Vorstoß zur Wolga nach Stalingrad erfolgen, um dieses einzunehmen oder zumindest in Reichweite der eigenen Artillerie zu bringen. Das Ziel war die Absperrung der Wolga für den russischen Nachschub. Die in der Weisung nur angedeutete vierte Phase beinhaltete den Vormarsch nach Süden über den Don zur Inbesitznahme der kaukasischen Ölfelder bei Maikop und Grosny sowie von Baku am Kaspischen Meer. Die lange Nordflanke der Heeresgruppe entlang des Don sollte während dieses Unternehmens vorrangig von den Armeen der Verbündeten (Ungarn, Italien und Rumänien) verteidigt werden, denen zur Stabilisierung einzelne deutsche Verbände beigegeben werden sollten.

Die Weisung Nr. 41 enthielt ferner weitere strategische Ziele, darunter die vollständige Inbesitznahme der Halbinsel Krim sowie im Norden der Ostfront die Einnahme Leningrads und die Herstellung einer Landverbindung zur finnischen Armee.