Tödliche Pillen ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2004 von Erich Schütz und Detlev Koßmann. Der Film ist der erste Teil der vom SWR ausgestrahlten 3-teiligen Serie „Die Gesundheitsfalle“. Anlässlich neuer Todeszahlen, die aus Wechsel- und Nebenwirkungen handelsüblicher Medikamente resultieren, ermittelt der Film anhand der interviewten Angehörigen und Betroffenen – ergänzt durch Interviews mit verschreibenden und kritischen Ärzten, sonstigen Kritikern und Pharmavertretern – die Hintergründe eines perfiden Systems. Subtile industrielle Einflussnahme und Bestechung, Überforderung und auch Vertuschung seitens behandelnder Ärzte münden in beispielhaft dokumentierten Fällen schwerster gesundheitlicher Schädigung oder Tod, die in keiner Statistik dokumentiert werden.

Filminhalt Zahlen und Erfahrungen Jürgen C. Frölich, damals Leiter der Pharmakologie der MHH Hannover, berichtet von 58.000 Toten, die jährlich in Deutschland durch „unerwünschte Arzneimittelwirkungen“ (UAW) ums Leben kämen. Diese Zahl beziehe sich jedoch nur auf die „internistischen Abteilungen“ und sei deshalb „ein kleiner Teil von allen Krankenhausaufnahmen, die stattfinden“ und weiterhin „ein kleiner Teil von allen Todesfällen, die durch Arzneimittel tatsächlich stattfinden“.J.U. Schnurrer, J. C. Frölich: Zur Häufigkeit und Vermeidbarkeit von tödlichen unerwünschten Arzneimittelwirkungen. In: Der Internist, 2003, 44(7), S. 889–895, PMID 14631585. Außerdem sei es so und bedrücke ihn, dass es dazu noch „sehr viele Schädigungen durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen“ gebe, die unter Umständen den Patienten „lebenslang, lebenslang schwer beschädigen“ würden. Obwohl Frölichs Zahlen bei Ärztekollegen „Unwohlsein“, bisweilen gleich einem „lästigen Magengrimmen“ verursachen würden, halte dieser unbeirrt an seinen Zahlen fest. Er kenne die Statistiken der Krankenhäuser aufgrund verschiedener Untersuchungen. So sind lt. Frölich „zehn Prozent der Krankenhausliegezeit durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen bedingt“, Krankenhausaufnahmen ebenfalls zu fünf Prozent, und in den Abteilungen mit älteren Patienten seien sogar „fünfzehn Prozent der Krankenhausaufnahmen bedingt durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen.“ Daher sei dies „die häufigste Krankheit die es gibt“. Frölich mache diese ganzen Zahlen „an den Todesfällen fest“ und könne „zahlreiche Todesfälle durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen aufzeigen“ und „individuelle Patienten benennen“ – wie die Autoren dann auch berichten.

Beispielhafte Fälle Ein solcher Fall, den Frölich benennt, sei beispielhaft jener von Hilde Schellhorn, deren Witwer Siegmar Schellhorn aus Hennef sich in seiner Not an ihn gewandt habe, berichtet das Filmteam. Man reist zu Siegmar Schellhorn und interviewt diesen. Herr Schellhorn berichtet – ergänzt durch die berichteten Angaben von Frölich – dass seine verstorbene Frau als Chemotherapeutikum hochdosiert Methotrexat erhalten habe, um einen vermeintlichen Tumor im Gehirn zu zerstören. Bei dieser Gabe habe man aber nicht nur die Methotrexat-Gabe für ihr Lebensalter viel zu hoch dosiert, sondern auch das (aufgrund der hohen Giftigkeit und Knochenmark zerstörenden Wirkung des Medikaments) unbedingt erforderliche Gegenmittel Leukovorin nicht genügend früh und nicht genügend lange verabreicht („Leukovorin Rescue“ = „Leukovorin Rettung“). Zunächst bleiben weitere Details zur diagnostizierten „Tumorerkrankung“ von Frau Schellhorn offen. Gerade im Alter über 65 Jahre sei die Entgiftungsfunktion stark reduziert, Leber und Nieren würden reduziert arbeiten, darum werde gerade auch bei Älteren nicht selten überdosiert – wie es auch in diesem Fall so gewesen sei. Sorgfältig müsse etwa die Nierenfunktion bestimmt werden, berichtet Frölich. „Anonym“ würden solche arzneimittelgeschädigten Patienten an Wechsel- und Nebenwirkungen versterben – und in keiner Statistik gezählt.

Es wird ein Interview mit dem Arzt Dirk Stichtenoth (MHH) geführt, auf Basis eines akuten Vergiftungsfalls in der medizinischen Hochschule Hannover. Dort waren einem im Film interviewten Patienten Captohexal- und Kalinor-Tabletten zusammen verabreicht worden. Sein Puls fiel auf 27, er wurde zum Notfall und im Resultat voraussichtlich zeitlebens dialysepflichtig. Der Dialysekatheter war bereits gelegt worden.

Weitere Fallbeispiele und erste Hintergründe Das sei kein Einzelfall: „Täglich“ werde „Arzneimittelpfusch vertuscht“, wie Frölich anhand einer beispielhaften Untersuchung an der Universitätsklinik in Magdeburg (Notaufnahme) gezeigt habe. Nach Frölichs Untersuchung „mussten von 44 Patienten wegen falscher Verordnung 6 lebenslang zur Dialyse, 2 davon starben“. Man bemüht sich seitens der Filmteams diesbezüglich um ein Interview bei der Magdeburger Klinik, ein Sprecher befürchtet jedoch Klagen und weist ab. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg erklärt dem Filmteam dazu, dass man „ohne konkreten Fall nicht ermitteln“ würde.

Man berichtet die Hintergründe im Zusammenhang des Interviews mit Dirk Stichtenoth: Alleine das Arzneimittelverzeichnis „Rote Liste“ enthalte „mehr als 10.000 Präparate von 500 Pharmaunternehmen in 13.000 Darreichungsformen und 35 Preisangaben“. Die klinische Pharmakologie aber sei als Fachbereich im Medizinstudium „nebensächlich“. „Vor lauter Arzneien“ sehe man „kein Medikament mehr“ – was Stichtenoth als Hintergrund der Problematik so bejaht. Medikamentöse Therapie werde – im Gegensatz zur Chirurgie – stark unterschätzt. Die Gefahr sei dort jedoch „genauso groß“.

Die Hintergründe – Beteiligung der Pharmaunternehmen Die Beteiligung der Pharmaindustrie an der genannt hohen Zahl an Todesfällen wird im Film kritisch hinterfragt. Berichtet wird einerseits die o. g. Überfrachtung des Marktes mit Medikamenten, welche den Arzt – insbesondere junge, unerfahrene Ärzte – stark überfordern würden. Zu „60.000 Medikamenten“ kämen jedes Jahr 60 neue hinzu, höchstens 6 davon seien tatsächlich neu – auch deshalb habe sich „der Pharmamarkt in den vergangenen 10 Jahren verdoppelt“. Andererseits aber sei es – in wenig gewinnträchtigen Bereichen – genau umgekehrt: So entwickle die Pharmaindustrie dort, wo die Umsätze zu gering seien, viel zu wenige Medikamente (siehe auch Orphan-Arzneimittel). Es seien selbst herkömmliche Präparate in der Dosierung für Kinder nicht verfügbar, berichtet der Kinderkardiologe Martin Hulpke-Wette. Die Ärztin Vera Regitz-Zagrosek (Deutsches Herzzentrum Berlin) berichtet, dass die Verstoffwechselung von Medikamenten bei Frauen – unter anderem hormonell und enzymatisch und hinsichtlich des Körperfettanteils bedingt – anders ablaufe. Deshalb sei auch die Verträglichkeit von Alkohol bei Frauen herabgesetzt. Die Studien für z. B. Herzmedikamente aber würden vorwiegend an Männern durchgeführt, etwa weil der Hormonhaushalt der Frau vergleichsweise „kompliziert“ sei. Dies gelte bereits für die Grundlagenforschung im Tierversuch, weshalb zumeist „männliche Daten“ zugrunde liegen würden. Insgesamt hätten „Alte und Kinder (…) und auch Frauen“ bei der Pharmaindustrie „das Nachsehen“, so die Autoren. Walter Köberle von Pfizer Deutschland argumentiert, dass man mit Kindern keine Studien durchführen könne und dies bei Frauen – wegen einer möglichen unerkannten Schwangerschaft – ebenfalls problematisch sei. Die Frage der Autoren, ob es nicht ein Widerspruch sei, dass auf dem Gesundheitsmarkt „nach Profitgedanken gehandelt“ werde, kommentierte der Apotheker Matthias Bohn (Uni Göttingen) grinsend mit: „Da sage ich jetzt nichts zu“.

Ärzte im Visier der Pharmaindustrie, untätige Staatsanwaltschaft Interviewt wird auch der Arzt Winfried Beck, auf den man durch einen Leserbrief im Arzneitelegramm aufmerksam wurde. Dieser berichtet, es habe „immer wieder Bestechungsversuche“ gegeben, das sei vor 3 Jahren geschehen, im Jahr 2001. So seien ihm damals „Tausend Mark“ für die „Behandlung von fünf Patienten mit einem neuen Arzneimittel“ angeboten worden. „Seriös verpackt“ sei dies gewesen, als „Anwendungsbeobachtung“ und mit „Aufwandsentschädigung“ als Lohn. Das sei eine „unverhältnismäßig hohe Summe“ für das, was er zu leisten gehabt hätte. Dementsprechend werde auch „was erwartet“. Weiterhin würden „Reisen inkl. Ehefrau“ von den Pharmaunternehmen beispielsweise ebenso bezahlt wie „Computerzuschüsse“ in der Arztpraxis. Danach werde dann im Resultat „von Kollegen auch gezielt gefragt“, „inklusive Gegenleistung“. Außerdem benutze man Kollegen, um Kollegen anzusprechen, „weil das natürlich auch eine viel kollegialere Ebene“ sei. Es handle sich dabei um Mediziner-Kollegen. In seinem Buch Nicht standesgemäß berichte Beck weitere Details. Auch an die Staatsanwaltschaft habe Beck sich gewandt, diese aber hätte abgewinkt: „Frei praktizierende Ärzte kann man nicht bestechen“, sei die Antwort gewesen. Der Arzt müsse „von einem Medikament unter Tausenden überzeugt werden“, dann verschreibe er es, lassen die Autoren erfahren. Dadurch erkläre sich, dass die Ärzte angesichts der enormen Zahl an Pharmaunternehmen und daraus folgend der o. g. Überfrachtung des Marktes mit Medikamenten „im Visier der Pharmaindustrie“ seien und von derselben „mit großem Aufwand umworben“ würden.

Über den Arzt Beck wurde das Filmteam auf einen für die Firma Wyeth tätigen „Pressekommunikationsservice“ aufmerksam, den Herr Beck vermeintlich für Mediziner-Kollegen gehalten hatte. Man besucht diesen, wird jedoch abgewiesen. Prompt beschwert man sich seitens des „Service“ bei Vorgesetzten des WDR über den unwillkommenen Besuch. Das Filmteam interviewt deren Auftraggeber, die Firma Wyeth. Berichtet wird, dass es zum „Lohn für die Anwendungsbeobachtung“ auch eine Einladung in ein „vornehmes Hotel“ (im Bild Intercontinental) bei „noblem Essen“ gegeben habe. Man berichtet von einem „gemeinsamen Empfang“ zwischen Ärzten und Pharmavertretern: Die „Ärzteschaft lädt ein“, die Pharmaindustrie zahle die Spesen. Interviewt werden dort unter anderem Gisela Dahl von der Ärzteschaft Stuttgart und Kollegen sowie Klaus-Peter Emig von der Firma Merck. Man sei seitens der Pharmaindustrie „am längeren Hebel“, da man „sich einig“ sei, ist seitens der Ärzte zu hören. Emig argumentiert, der Arzt „sei ja schliesslich Akademiker“ und daher „nicht entmündigt“. Dabei handle es sich nur um „ein Vorurteil“, so Emig. Tatsächlich aber seien die Ärzte davon teilweise „selbst nicht so überzeugt“, so die Autoren. Wolfgang Becker-Brüser hält besonders „Experten, die als Meinungsbildner fungieren“ aber „durch Firmen finanziert“ würden, für problematisch. Meinungen solcher „Experten“, die „als Professor soundso“ tatsächlich „Marketing-Geklüngel“ verbreiten würden, würden niedergelassene Ärzte häufig „vertrauen und denen auch glauben“.

Abschließendes zum 1. Fallbeispiel Abschließend erfährt der Zuschauer nähere Details zum Tod von Hilde Schellhorn. Ihr Witwer berichtet, es habe nach dem Tod eine „Obduktion gegeben“, wo sich der „Anfangsverdacht erhärtet“ habe: Man habe „nur ein Hämatom“ im Gehirn obduzieren können und „keine Anzeichen oder Hinweise für Tumorzellen“ gefunden. Stattdessen aber sei „kein verwertbares Knochenmark mehr“ bei ihr auffindbar gewesen (zerstört durch Methotrexat). Offensichtlich sei „ein Bluterguss mit einer Hochdosis Methotrexat behandelt worden“, kommentiert die Redaktion, die Klage des Herrn Schellhorn laufe nun „seit fünf Jahren“.

Erstausstrahlung und Sendetermine Do, 15. Juli 2004 um 20.15 auf Phoenix.

Interviewpartner Jürgen C. Frölich (Prof. Dr. med., damals Leiter der Klinischen Pharmakologie der MHH) Lebenslauf auf dem IPO Netzwerk für Kompetenz, internationale-praevention-organisation.org, abgerufen am 24. Februar 2015 Wolfgang Becker-Brüser (Herausgeber Arzneitelegramm) Siegmar Schellhorn (Witwer, Hennef) Dirk Stichtenoth (Dr. med., MHH, Hannover)Dirk Stichtenoth auf der Website der MHH, abgerufen am 24. Februar 2015 Martin Hulpke-Wette (Dr. med., Kinderkardiologe) Katharina Gruber (Mutter) Matthias Bohn (Dr., Apotheker, Uni Göttingen) Gisela Dahl (Dr. med., Ärzteschaft Stuttgart)