Abū ʿAbd al-Rahmān Baqī ibn Machlad al-Qurtubī (; geb. 817 in Córdoba; gest. 29. Oktober 889 ebenda) war ein islamischer Hadith-Gelehrter und Koranexeget, der unter den umayyadischen Emiren Muhammad und al-Mundhir eine führende Position unter der Gelehrtenschaft von Córdoba einnahm. Ihm wird eine Schlüsselrolle bei der Einführung der Hadith-Gelehrsamkeit in al-Andalus zugeschrieben. Die von ihm verbreiteten Überlieferungen und Lehren riefen allerdings bei der mālikitischen Gelehrtenschaft von Córdoba zunächst heftigen Widerstand hervor und führten dazu, dass er der Häresie beschuldigt wurde.

Leben Herkunft und frühe Jahre Baqī wurde im Ramadan 201 (März/April 817) geborenVgl. Ibn al-Faraḍī: Taʾrīḫ al-ʿulamāʾ wa-r-ruwāt. 1954, Bd. I, S. 109. und war der Nachkomme eines Maulā einer Frau aus Jaén. Sein Vater Machlad ibn Zaid war in der Zeit von Abd ar-Rahman II. (reg. 822–852) Qādī von Reyyo und war wie viele seiner Zeitgenossen auf der Suche nach Wissen in den Orient gereist.Vgl. Marín: "Baqī b. Majlad". 1980, S. 173.

Er arbeitete zunächst eine Zeitlang im Tuchhandel im Suq von Córdoba. Zwei Mal soll er für den Laden, in dem er arbeitete, die Steuerzahlung an den Herrscher überbracht haben. Da dies ihm Gewissensprobleme bereitete, spendete er einen Betrag in der gleichen Höhe an Bedürftige.Vgl. den Textauszug aus al-Ḫušanī bei Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 331f. Später studierte er bei Muhammad ibn ʿĪsā al-Aʿschā und dem bekannten Mālik-Schüler Yahyā ibn Yahyā Ibn Abī ʿĪsā al-Laithī (gest. 849).Vgl. Werkmeister: Quellenuntersuchungen. 1983. S. 267.

Reisen im Orient Ab 833 unternahm er ausgedehnte Reisen in den Orient.Vgl. Jarrar: Die Prophetenbiographie im islamischen Spanien. 1989, S. 88. Auf diesen Reisen hörte er bei zahlreichen namhaften Traditionariern und Rechtsgelehrten wie Sahnūn ibn Saʿīd in Ifrīqiya,Vgl. Ibn al-Faraḍī: Taʾrīḫ al-ʿulamāʾ wa-r-ruwāt. 1954, Bd. I, S. 107. Yahyā ibn Bukair (gest. 844) in Ägypten, Hischām ibn ʿAmmār (gest. 859) in Damaskus, Abū Musʿab az-Zuhrī (gest. 856) in Medina, sowie Ahmad ibn Hanbal und Ahmad ibn Ibrāhīm ad-Dauraqī (gest. 860) in Bagdad, Chalīfa ibn Chaiyāt (gest. 854) in Basra und Ibn Abī Schaiba in Kufa.Vgl. Werkmeister: Quellenuntersuchungen. 1983. S. 267. Bei ad-Dauraqī studierte er ein Werk mit Berichten über den Kalifen ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz, das er auch selbst kopierte.Vgl. Raisuddin: "Baqī b. Makhlad al-Qurtubī". 1988, S. 161. Insgesamt soll er auf seinen Reisen 284 Gelehrte aus verschiedenen Ländern getroffen und von ihnen Hadith gehört haben.Vgl. Ibn al-Faraḍī: Taʾrīḫ al-ʿulamāʾ wa-r-ruwāt. 1954, Bd. I, S. 107f. Die meisten von ihnen traf er im Irak, in den Städten Basra, Kufa, Bagdad und Wāsit.Vgl. Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 331f. Eine annotierte Liste der Meister von Baqī hat 1985 M.L Ávila erstellt.Vgl. Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 341–367.

Nach einem längeren Bericht, der auf Baqīs Enkel ʿAbd ad-Rahmān ibn Ahmad zurückgeführt wird, begab sich Baqī nach Bagdad mit dem dezidierten Ziel, bei Ahmad ibn Hanbal Hadith zu hören. Er traf dort zunächst mit dem Traditionarier Yahyā ibn Maʿīn (gest. 847) zusammen und suchte dann Ahmad ibn Hanbal in seinem Hause auf. Da Ahmad ibn Hanbal wegen der Mihna Lehrverbot hatte, besuchte ihn Baqī täglich in Gestalt eines Bettlers und ließ sich von ihm zwei, drei Hadithe diktieren. Auf diese Weise konnte er im Laufe der Zeit ungefähr 300 Hadithe von Ahmad ibn Hanbal sammeln. Auch soll ihn Ahmad ibn Hanbal, als er einmal erkrankt war, zusammen mit Schülern in seinem Gasthaus (funduq) besucht haben.Vgl. den Textauszug aus al-Ḫušanī bei Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 326. Ähnlich spricht Ibn Hazm davon, dass Baqī in einem besonders engen Verhältnis zu Ahmad ibn Hanbal gestanden habe.Vgl. Ibn Ḥazm: Risāla fī Faḍl al-Andalus wa-ḏikr riǧāli-hā. 1987, S. 179. Adh-Dhahabī bezweifelte dagegen, dass Baqī bei Ahmad ibn Hanbal Hadith gehört hat, da Baqīs eigene Hadith-Sammlung, von der er zwei Bände selbst in Augenschein nehmen konnte, keinen einzigen Hadith enthielt, in dessen Überliefererkette Ahmad ibn Hanbal erschien. Außerdem argumentierte er damit, dass Ahmad ibn Hanbal den Hadith-Unterricht bereits im Jahre 228 (= 842/43 n. Chr.) abgebrochen habe, Baqī aber erst im Jahre 230 (= 844/45 n. Chr.) zu ihm gestoßen sei.Vgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. Bd. XIII, S. 294. Er vermutete deshalb, dass Baqī von Ahmad ibn Hanbal nur Lehren (fawāʾid) und Antworten zu Streitfragen (masāʾil) erhalten habe, nicht jedoch Hadithe.Vgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. Bd. XIII, S. 285f.

Wie lange sich Baqī im Orient aufhielt, ist nicht ganz klar. Der andalusische Gelehrte Ibn al-Hārith al- al-Chuschanī (gest. 971) spricht davon, dass er zwei Reisen in den Orient unternommen habe. Die erste Reise soll zehn Jahre lang gedauert haben, die zweite 25 Jahre.Vgl. den Textauszug bei Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 325. Das passt allerdings nicht zu der Angabe bei dem andalusischen Geschichtsschreiber Ibn Haiyān (gest. 1076), der zufolge Baqī bereits zu Anfang der Herrschaft von Muhammad ibn ʿAbd ar-Rahmān (reg. 852–886) zurück in Córdoba war.Vgl. Fierro Bello: La Heterodoxia en Al-Andalus. 1987, S. 85.

Während seiner Zeit im Orient reiste Baqī jedes Jahr zur Wallfahrt nach Mekka.Vgl. Yāqūt ar-Rūmī: Kitāb Iršād al-arīb ilā maʿrifat al-adīb. Bd. II, S. 369. Er selbst beschrieb die Zeit seines Studiums als sehr entbehrungsreich. An manchen Tagen hatte er nur weggeworfene Kohlblätter (waraq kurunb) zu essen. Die Reisen zu seinen verschiedenen Lehrern legte er alle zu Fuß zurück.Vgl. aḏ-Ḏahabī: Tāʾrīḫ al-islām. S. 317. Auf dem Rückweg nach al-Andalus besuchte er erneut seine früheren Lehrer Yahyā ibn Bukair in Ägypten und Sahnūn in Ifrīqiya, die nun ihrerseits ihn neu gehörte Hadithe vortragen ließen.Vgl. Raisuddin: Baqī b. Makhlad al-Qurtubī. 1988, S. 162.

Zu den Büchern, die Baqī aus dem Orient mitbrachte, gehörten ein Exemplar der Mudauwana von Sahnūn,Vgl. den Textauszug aus al-Ḫušanī bei Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 331. der Muṣannaf von Ibn Abī Schaiba, das große Fiqh-Buch von asch-Schāfiʿī (adh-Dhahabī vermutete, dass sich dahinter asch-Schāfiʿīs Kitāb al-Umm verbirgt),Vgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. Bd. XIII, S. 287. das Geschichtswerk und das Tabaqāt-Werk von al-Chalīfa ibn ChaiyātVgl. Ibn al-Faraḍī: Taʾrīḫ al-ʿulamāʾ wa-r-ruwāt. 1954, Bd. I, S. 108f. sowie zwei Werke von Ahmad ibn Ibrāhīm ad-Dauraqī (gest. 860).Vgl. Werkmeister: Quellenuntersuchungen. 1983. S. 269.

Häresie-Prozess Nach seiner Rückkehr nach al-Andalus ließ sich Baqī in Córdoba nieder und lehrte dort in seiner Moschee.Zu Baqīs Moschee vgl. den Textauszug aus al-Ḫušanī bei Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 334. die im Orient erworbenen Kenntnisse auf den Gebieten des Hadith und des Rechts. Die malikitischen Gelehrten der Stadt nahmen allerdings daran Anstoß, dass er Überlieferungen bei ihnen einführte, die im Widerspruch zu ihrer Lehrauffassung standen und trachteten nach seinem Tod.Vgl. den Textauszug aus al-Ḫušanī bei Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 333. Insbesondere verabscheuten sie den von Baqī im Unterricht verwendeten Muṣannaf von Ibn Abī Schaiba, weil er viele Informationen zum Dissens der Rechtsgelehrten enthielt. So hetzten sie die Volksmasse gegen ihn auf und hinderten ihn daran, das Buch im Unterricht zu benutzen.Vgl. Ibn Ḥazm: Risāla fī Faḍl al-Andalus wa-ḏikr riǧāli-hā. 1987, S. 192f. Sie warfen ihm vor, der Bidʿa verfallen zu sein, beschuldigten ihn der Ketzerei (zandaqa) und Häresie (ilḥād)Vgl. Ibn ʿIḏārī: al-Bayān al-muġrib. Bd. II, S. 112. und sammelten Zeugenaussagen darüber, dass er „verwerfliche Lehren“ (manākīr) verbreite.Vgl. den Textauszug aus al-Ḫušanī bei Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 334.

Der hauptverantwortliche Gelehrte hinter diesen Aktionen gegen Baqī war ʿAbdallāh ibn Chālid, das Oberhaupt der Malikiten in Córdoba. Ihm schlossen sich Muhammad ibn Hārith, der Leiter des öffentlichen Gebets und der Polizei, der Malikit Abū Zaid ʿAbd ar-Rahmān ibn Ibrāhīm sowie ʿUbaidallāh, der Sohn von Baqīs früherem Lehrer Ibn Abī ʿĪsā, an.Vgl. Fierro Bello: La Heterodoxia en Al-Andalus. 1987, S. 81–83. Muhammad ibn Hārith ließ jeden, der zu Baqī in die Moschee kam, ins Gefängnis werfen. Der Hadith-Gelehrte Muhammad ibn Waddāh, der eigentlich die gleichen Ansichten vertrat wie Baqī, ließ sich durch Drohungen von ʿAbdallāh ibn Chālid ebenfalls dazu bewegen, gegen Baqī auszusagen. Schließlich überbrachten sie die gesammelten Zeugenaussagen dem Qādī al-dschamāʿa ʿAmr ibn ʿAbdallāh, der die Beweise für ausreichend befand, um Baqī verhaften zu lassen.Vgl. den Textauszug aus al-Ḫušanī bei Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 334. Ibn ʿIdhārī berichtet, dass die Gelehrten auch den Emir Muhammad angingen, Baqīs Hinrichtung forderten und ihn zu einer schnellen Fällung des Urteils drängten.Vgl. Ibn ʿIḏārī: al-Bayān al-muġrib. Bd. II, S. 112.

Baqī, der um sein Leben fürchtete, versteckte sich und entwickelte Pläne zur Flucht aus al-Andalus.Vgl. Ibn ʿIḏārī: al-Bayān al-muġrib. Bd. II, S. 112. Schließlich wandte er sich an Hāschim ibn ʿAbd al-ʿAzīz (gest. 886), den General und Wesir des Emirs, mit der Bitte um Hilfe. Er selbst kam eine Zeitlang bei der Mutter von Hāschims Bruder al-Aslam unter.Vgl. den Textauszug aus al-Ḫušanī bei Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 336. Der Wesir bat den Emir um Sicherheit für das Leben von Baqī und schlug ihm vor, ihn und seine Gegner zu einem offenen Disput an seinen Hof zu laden. Der Emir ging auf diesen Vorschlag ein.Vgl. Fierro Bello: La Heterodoxia en Al-Andalus. 1987, S. 85. Bei der Disputation gingen die Anwesenden den Musannaf von Ibn Abī Schaiba Kapitel für Kapitel bis zum Ende durch. Während die Gegner Baqīs die Erwartung hegten, dass der Emir ihnen in ihrer Ablehnung des Buches zustimmen würde, war er von dem Buch entzückt, ließ seinen Bibliothekar (ḫāzin al-kutub) rufen und gab ihm den Auftrag, das Buch abschreiben zu lassen.Vgl. Ibn Ḥazm: Risāla fī Faḍl al-Andalus wa-ḏikr riǧāli-hā. 1987, S. 193. Der Qādī ʿAmr ibn ʿAbdallāh, der zuvor Baqīs Verhaftung angeordnet hatte, wurde im Zusammenhang mit dieser Affäre abgesetzt.Vgl. Fierro Bello: La Heterodoxia en Al-Andalus. 1987, S. 85.

Nach Ibn al-Hārith al-Chuschanī verbreitete sich die Nachricht über diesen „hässlichen Vorfall“ (nāzila šanʿāʾ) in den fernen Ländern, so dass die Menschen in den verschiedenen Städten darüber sprachen.Vgl. den Textauszug aus al-Ḫušanī bei Ávila: Nuevos datos. 1985, S. 333.

Beziehung zu den Emiren und Gelehrten Der Emir Muhammad soll Baqī im Anschluss an die öffentliche Disputation den Auftrag gegeben haben, sein Wissen zu verbreiten und unter die Leute zu bringen, während er umgekehrt seinen Gegnern verbot, sich ihm weiter entgegenzustellen,Vgl. Ibn Ḥazm: Risāla fī Faḍl al-Andalus wa-ḏikr riǧāli-hā. 1987, S. 193. und sie öffentlich erniedrigte. Alle, die vorher gegen Baqī ausgesagt hatten, mussten sich bei ihm entschuldigen.Vgl. Fierro Bello: La Heterodoxia en Al-Andalus. 1987, S. 85. Ibn ʿIdhārī berichtet, dass der Emir befahl, Baqī in die Gruppe der Rechtsgelehrten aufzunehmen und seinen Rang zu erhöhen, so dass er den "Gipfel des Wissens bestieg" (fa-ʿtalā ḏarwat ʿilmi-hī) und bei den Menschen und bei dem Emir bis zu dessen Tod in höchstem Ansehen stand.Vgl. Ibn ʿIḏārī: al-Bayān al-muġrib. Bd. II, S. 113.