mini|Katschurowskys Unterschrift Igor Kaczurowskyj (, wiss. transl. ; * 1. September 1918 in Nischyn, Russisches Kaiserreich (heute Ukraine); † 18. Juli 2013 in München) war ein ukrainischer Dichter, Schriftsteller, Literaturtheoretiker und Rundfunk-Journalist. Er schrieb, vorwiegend auf Ukrainisch, aber auch Russisch und, seltener, Spanisch, Lyrik, Prosa, Abhandlungen, Kinderbücher und Parodien, manchmal unter einem der Pseudonyme: Andrij Veresen'; Chvedosij Čyčka; Françoise d'Erville. In seinen Gedichten vertrat er den Neoklassizismus, jene Richtung, die auch als der „ukrainische Parnaß“ bekannt ist und sich durch das Festhalten an den althergebrachten, klassischen Normen der Dichtkunst auszeichnet.
Biographie und Lehrtätigkeit Igor Kaczurowskyj (Schreibweise in verschiedenen Nachschlagewerken, fremdsprachigen Schriften usw.) wurde am 1. September 1918 in der Familie zweier Absolventen der Kiewer Universität geboren. Sein Vater war Jurist, der sich auch den Wirtschaftswissenschaften widmete und eine Zeitlang den Posten eines Assistenten des Staatssekretärs des Ukrainischen Zentralrates (Zentralna Rada) innehatte. Seine Mutter hatte Geschichtskunde an der Universität Kiew studiert.
Bis zu seinem 12. Lebensjahr lebte Igor in Kruty (Rajon Nischyn der Oblast Tschernihiw). 1932 siedelte sich die Familie in Kursk (Russland) an, um den Verfolgungen zu entkommen, die das Sowjetregime gegen alle Nicht-Proletarier betrieb. Dort studierte er am sog. Pädagogischen Institut, das er 1941 absolvierte. Zu seinen Professoren zählten Petro Odartschenko, und vor allem Boris Jarcho, der bekannte Forscher der mittelalterlichen Literatur. 1942 kehrte die Familie in die Ukraine zurück und begab sich im Folgejahr nach dem Westen, zunächst in die Slowakei; ab 1945 lebte Katschurowsky in Österreich.
Seine literarische Tätigkeit nahm er im Jahre 1946 mit der Kurzgeschichte „Der Pass“ auf, die mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Er war einer der Redakteure der Zeitschrift „Litavry“ und einer der Begründer des Vereins Ukrainischer Gelehrter, Literaten und Künstler in Salzburg.
1948 emigrierte Kaczurowskyj nach Argentinien; dort lebte er in der nächsten Umgebung der Hauptstadt Buenos Aires und beschäftigte sich als gewöhnlicher Hafenarbeiter, redigierte aber gleichzeitig, als Chefredakteur, die Zeitschrift „Porohy“ (Dnipro-Stromschnellen), beteiligte sich am kulturellen Leben der ukrainischen Intellektuellen in Argentinien, war Mitarbeiter der Periodika „Novi Dni“ (Neue Tage), „Ovyd“ (Der Horizont), des humoristischen Blattes „Mitla“ (Der Besen) und schrieb daneben Gedichte, Prosawerke und Lehrbücher. Nachdem er sich ausreichende Spanischkenntnisse angeeignet hatte, nahm er die argentinische Staatsbürgerschaft an, besuchte 1958–1962 das Instituto Grafotécnico (ein Literaturinstitut) und leitete 1963 bis 1964 einen Lehrgang für Altukrainische Literatur an der Katholischen Universität; 1968 las er einen Kursus über Russische Literatur an der Universidad „El Salvador“, beide in Buenos Aires.
1969 siedelte er nach München um, blieb aber weiterhin argentinischer Staatsbürger. In München bekleidete er jahrelang den Posten eines Programmgestalters für Literatur- und Kulturfragen an der ukrainischen Redaktion des Senders Radio Free Europe/Radio Liberty, wo er zwischen 1970 und 1980 an die 2000 Skripte verfasste und im Rundfunk las. An der Ukrainischen Freien Universität München (UFU) promovierte er 1973 zum Dr. phil. mit seiner Dissertation Davni slovjanski viruvannja ta jich zvj’azok z indo-irans’kymy relihijamy (Altslawische Glaubensbekenntnisse und deren Verbindung mit den indo-iranischen Religionen).
Von 1973 an hielt er alljährlich Vorlesungen, ab 1982 als ordentlicher Professor, über Theorie der Literatur (Verslehre, Stilistik, Werkaufbau und -Gattungslehre), Geschichte der ukrainischen Literatur der 1920er-30er Jahre, Geschichte der europäischen mittelalterlichen Literatur u. ä. an der UFU (Philosophische Fakultät). Daneben übernahm er zeitweise Vorlesungen in anderen Städten, z. B. in Buenos Aires, bei den Padri Basiliani in Rom und, nach dem Zerfall der Sowjetunion, mehrfach in der Ukraine (Kiew, Nischyn, Poltawa und Charkiw).
Er war Mitglied des ukrainischen Schriftstellervereins Slovo (Das Wort), des argentinischen Vereins SADE (Sociedad Argentina de Escritores)Diccionario de escritores argentinos del siglo XX (Lexikon der argentinischen Schriftsteller des 20. Jh.), Buenos Aires 2000, S. 70. und, ab 1992, des ukrainischen Schriftstellerverbandes Spilka pys’mennykiv Ukrajiny.
Igor Kaczurowskyj verstarb am 18. Juli 2013 in München und wurde, auf seinen eigenen Wunsch, in seinem Heimatort Kruty beigesetzt. Die feierliche Bestattungszeremonie fand am 22. November 2013 unter Mitwirkung des Erzbischofs von Nischyn und Tschernihiw statt.
Kaczurowskyjs Nachlass wird im Archiv der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen aufbewahrt. Er beinhaltet sein neben seinem Werk auch Korrespondenzen und Fotografien.
Dichterische Tätigkeit Lyrik Er ist der Autor folgender Gedichtbände:
„Nad svitlym džerelom“ (An der lichten Quelle), Salzburg 1948. „V dalekij havani“ (Im fernen Hafen), Buenos Aires 1956. „Pisnja pro bilyj parus“ (Das Lied vom weißen Segel), München 1971. „Svičada vičnosty“ (Spiegel der Ewigkeit), München 1990. Ein Sammelband erschien kurz vor seinem Tod mit dem Titel „Liryka“, Lwiw 2013. Die 1960 in Neu-Ulm erschienene epische Dichtung „Selo“ (Das Dorf) wurde in Kiew 2000 und 2001 zusammen mit der Gedichtsammlung „Osinni piznjocvity“ *(Herbstzeitlosen) in einem Band herausgegeben, zuletzt 2006 mit dem Titel „Selo v bezodni“ (Das Dorf im Abgrund).
Als Lyriker war Igor Kaczurowskyj ein überzeugter Verfechter der Theorien und Postulate des von Mykola Serow und seinem poetischen Kreis ins Leben gerufenen Neoklassizismus und ein Anhänger und ein Meister der sog. „Poesie der zweiten Stufe“, nach seinen eigenen Worten, der „transpositiven Lyrik“, deren Objekte Kunstwerke verschiedener Gattungen sein können, jener Kulturpoesie, die nach Meinung von Dmytro Nalyvajko zu den Hauptattributen des Klassizismus als einer Grundform des künstlerischen Denkens zählt (der Abschnitt „Stara Evropa“ [Das alte Europa] in der Gedichtsammlung „Spiegel der Ewigkeit“). Gleichzeitig war er der Verfasser fein empfundener Liebeslyrik („Das Lied vom weißen Segel“) sowie einer seltenen Naturverehrung, in der sich zum ersten Mal in der ukrainischen Literatur das Reich der Pilze zum Gegenstand einer tief empfundenen Lyrik gestaltet (das Kapitel „Hrybna mistyka“ [Die Mystik der Pilze], ebenfalls in „Spiegel der Ewigkeit“). Allgemein betrachtet ist Katschurowskys Lyrik gekennzeichnet durch eine schmerzhafte Diskrepanz zwischen der Zuwendung an die ewige Natur und an die hohen künstlerischen Errungenschaften vergangener Jahrhunderte einerseits und der Verneinung des ihnen kontrastierenden geistigen Verfalls der gegenwärtigen Zivilisation.
Seine Dichtung „Das Dorf“ ist gleichsam eine epische Leinwand mit der Darstellung der Hungersnot von 1932 bis 1933.
Die Hauptmerkmale seiner Lyrik sind der Hang zu einer neoklassizistischen Transparenz, erreicht durch die Anwendung offener Metaphern, eine erlesene Wortwahl, frei von jeglicher Vulgarität, sowie die absolute Gewährung des Vorrechts an die klassischen Versmaße (vorwiegend romanischen Ursprungs).
Seine Parodien, humoristische Etüden, literarische Scherze u. dgl. erschienen unter dem Pseudonym Chvedosij Čyčka, zuletzt „Parodiarium Chvedosija Čyky“, Drohobytsch, 2013.
Für Kinder schrieb er die Dichtung „Pan Koc’kyj“ (Der Herr von Kotskyj), Kiew 1992, mit einigen Illustrationen des bekannten ukrainischen Malers Boris Kriukow. Im Jahr 2016 erschien „Pan Koc'kyj“ (Der Herr von Kotskyj) in einer von der Deutschen Botschaft in Kiew geförderten Neuauflage, mit allen hinterlassenen Illustrationen, begleitet von einer deutschsprachigen Nachdichtung in Versen von Wilhelm Steinbüchler.
„U svynyachomu tsarstvi“ (Im Reich der Wildschweine), München, 1997.
Prosa Šljach nevidomoho. (Der Weg eines Unbekannten), München 1956, ins Englische übertragen von Yuri Tkach und erschienen mit dem Titel Because Deserters Are Immortal, Doncaster (Australien) 1979, ins Deutsche übertragen von Lidia Kriukow, "Der Weg eines Unbekannten", Frankfurt am Main 2018. Zaliznyj kurkul’. (Der eiserne Großbauer), München 1959 und Poltawa 2005. Dim nad kručeju. (Das Haus am Abhang), München 1966.
Seine Kurzgeschichte Po toj bik bezodni (Jenseits des Abgrunds), NOVI DNI (Januar 1978, Nr. 335) erschien in englischer Übertragung in der indischen Zeitschrift URANIA (A JOURNAL OF CREATIVE WRITING AND LITERARY STUDIES), Kanpur, U. P., Vol. 1, No. 1, 1987 mit dem Titel Beyond the Abyss, a Modern Ukrainian Gothic Story.
Seine Prosawerke, zusammen mit den Kurzgeschichten Oči Atosa (Athos’ Augen), Krynycja bez vahadla (Grube ohne Pendel), Cybuljane vesillja (Die Zwiebelhochzeit) u. a. erschienen in einem Sammelband mit dem Titel Šljach nevidomoho, Kiew 2006.
Einige seiner Erinnerungen wurden im Band Kruty moho dytynstva (Das Kruty meiner Kindheit), Nischyn 2007, veröffentlicht. Die vollständige Sammlung seiner Memoiren wurde mit dem Titel Spomyny i postati (Erinnerungen und Gestalten), Kiew 2018, postum veröffentlicht.
Übersetzungen Seine Gedichtübertragungen erschienen im Laufe der Jahrzehnte in den einzelnen Gedichtbänden. Als gesonderte Ausgaben sind zu erwähnen:
„Francesco Petrarca. Vybrane. Poesie scelte“ (ca. 50 Sonette aus dem Canzoniere), ZWEISPRACHIG, München 1982. „Zolota haluzka. La rama de oro“ (Der grüne Zweig), aus dem Spanischen, Katalanischen, Portugiesischen, Buenos Aires – München 1991. „Stežka kriz’bezmir. Ein Pfad durchs Unermeßliche“, ZWEISPRACHIG, 100 deutsche Gedichte, 750–1950. Paris–Lwiw–Zwickau 2000. „Čoven bez rybalky. La barca sin pescador“ (Das Boot ohne Fischer). Ein Theaterstück von Alejandro Casona. Buenos Aires 2000. „Okno v ukrainskuju poeziju“ (Ein Fenster zur ukrainischen Lyrik). Ukrainische Dichter in russischen Übersetzungen. München–Charkiw–Nischyn 2000. „Pisnja pro Roljanda“ (Das Rolandslied). Vollständige Ausgabe. Aus dem Altfranzösischen unter Beibehaltung des originalen syllabischen Versmaßes, Lwiw 2008.
Eine Zusammenfassung seiner Gedichtübertragungen (etwa 670 Gedichte bzw. Dichtungsfragmente von etwa 350 Autoren, aus etwa 23 alten und neuen Sprachen) erschien mit dem Titel „Kruh ponadzemnyj“ (Der überirdische Kreis), Kiew 2007.
In seinen Übersetzungen vertrat Katschurowsky die Schule Mykola Serows, d. h. Streben nach der maximalen Genauigkeit gegenüber dem jeweiligen Original, nicht nur bezüglich des Inhalts, vielmehr auch der Beibehaltung der Metrik, des Strophenbaus, der Wortauswahl und nicht zuletzt der jeweiligen Stimmung und des emotionalen Charakters des Urtextes. Bei westeuropäischen Sprachen bediente er sich häufig der Linear-Prosaübertragungen von Dipl. – Übersetzerin Lidia Kriukow.
Presse (Medien) Einige seiner Abhandlungen erschienen in deutschen Übertragungen in den Jahrbüchern der Ukrainekunde (Mitteilungen der Arbeits- und Förderungsgemeinschaft der ukrainischen Wissenschaften e. V.):
„Der Eskapismus in der ukrainischen Literatur“, Mitteilungen Nr. 13, München 1975, Ss. 30–51. Ebd.: „Pavlo Fylypovyč. Literatura“ (Buchbesprechung, Ss. 151–154). „Ivan Bahrjanyjs Prosa“, Mitteilungen Nr. 14, München 1977, Ss. 114–133. Ebd.: „Dmytro Čyževs’kyj“ (in memoriam, Ss. 208–210); „Neydolannyj duch“ (Unbesiegbarer Geist), Buchbesprechung, Ss. 211–213. Besprechung des Buches „Rozstriljane Vidrodžennja“ (Erschossene Wiedergeburt), Mitteilungen Nr. 16, München 1979, Ss. 279–284. „Zwei Dichter im Kampf“, Mitteilungen Nr. 17, München 1980, Ss. 41–263. Ebd.: Besprechung des Buches „M.Draj Chmara: Aus dem literaturwissenschaftlichen Nachlaß“, Ss. 392–396. „Goethes Faust-Motive bei Jurij Klen“, Mitteilungen Nr. 18, München 1981, Ss. 199–213; Ebd.: Besprechung der „Anthologie der polnischen Lyrik“, Ss. 329–336.