Die Luftangriffe auf Kōbe in den letzten sieben Monaten des Zweiten Weltkrieges zerstörten die japanische Stadt Kōbe zu über 55 %. In der Zeit vom Februar bis August 1945 war die Stadt fünf Mal das Ziel von Bombereinheiten der United States Army Air Forces (USAAF).
Wirtschaftliche Bedeutung der Stadt Im Jahr 1944 war Kōbe die sechstgrößte Stadt auf den japanischen Hauptinseln. Zu dieser Zeit hatte die Stadt 976.234 Einwohner und eine Bevölkerungsdichte von 77.700–155.400 Einwohner pro km2. Damit gehörte Kōbe zu den am dichtesten besiedelten Städten Japans. Die Stadt erstreckte sich auf einem Küstenstreifen zwischen gebirgigem Gebiet und dem Meer. Im Nordosten grenzten die Außenbezirke an Ōsaka an. Das Stadtgebiet war rund 16 km lang und 1,6–4,0 km breit. Das bebaute Stadtgebiet hatte eine Fläche von über 14 km2. Zusammen mit den Agglomerationen umfasste die bebaute Fläche rund 36 km2.Wesley Frank Craven und James Lea Cate (Hrsg.): The Pacific: Matterhorn to Nagasaki. 1953, S. 569.United States Strategic Bombing Survey: The Effects of Air Attack on Osaka-Kobe-Kyoto. 1947, S. 149–156.
Die Stadt war ein wichtiger Standort für die Petrochemie und die Schwerindustrie. Im Stadtgebiet waren verschiedene Stahlwerke und Gießereien für die Zivil- und Rüstungsindustrie angesiedelt. Neben der Schwerindustrie gab es verschiedene kriegswichtige Motorenfabriken, Elektronikwerke und Eisenbahnwerke mit Lokomotivfabriken in der Stadt. Ebenso befand sich das Kawanishi-Flugzeugwerk, der viertgrößte japanische Flugzeughersteller für Kampfflugzeuge in der Stadt.United States Strategic Bombing Survey: The Effects of Air Attack on Osaka-Kobe-Kyoto. 1947, S. 149.
Kōbe verfügte über einen großen Tiefwasserhafen mit einem weiträumigen Lagerareal mit großen Lagerhäusern. Daneben befanden sich im Hafengebiet zwei der größten Werften der japanischen Hauptinseln. Der Hafen von Kōbe zählte zu den größten und wichtigsten Japans. Das Hafengebiet war an mehrere Eisenbahnlinien angeschlossen, was die Kōbe auch zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt machte.United States Strategic Bombing Survey: The Effects of Air Attack on Osaka-Kobe-Kyoto. 1947, S. 149.
Luftangriffe mini|Kōbe nach den Luftangriffen Ein erster früher Luftangriff auf Kōbe erfolgte am 18. April 1942 im Rahmen des Doolittle Raid. Ein mittlerer Bomber B-25J Mitchell warf vier 500-Pfund-Bomben (227 kg) auf die Industrieviertel. Die angerichteten Schäden waren gering.Clayton K. S. Chun: The Doolittle Raid 1942: America’s First Strike Back at Japan, 2006.
Weitere Luftangriffe erfolgten erst, nachdem im Oktober 1944 die ersten Einheiten des XXI Bomber Command der Twentieth Air Force (20th AF) auf den Marianen stationiert wurden. Dieser Verband war mit dem fortschrittlichen Bomber B-29 Superfortress ausgerüstet. Die B-29 konnte schwere Bombenlasten über weite Distanzen und in großer Höhe transportieren.Curtis LeMay und Bill Yenne: Superfortress: The Boeing B-29 and American airpower in World War II., 2007. Kōbe wurde bei der strategischen Bombardierung Japans eine geringere Bedeutung als anderen Städten beigemessen und vorerst nicht angegriffen. Gemäß der von Henry H. Arnold festgelegten Zieldirektive für das XXI Bomber Command hatten die Städte mit Flugzeugwerken die höchste Priorität. Danach folgten die anderen urbanen Gebiete mit Industriezentren in der zweithöchsten Priorität. Die Direktive sah weiter vor, dass Brandbombenangriffe auf die urbanen Gebiete beginnen sollten, sobald ausreichend B-29-Bomber sowie genügend Brandbomben eine intensive Bombardierung ermöglichten.E. Bartlett Kerr: Flames Over Tokyo: The U.S. Army Air Force's Incendiary Campaign Against Japan 1944–1945. 1991, S. 145–146. Bis dahin wurden weiter die Flugzeugwerke mit wenig Erfolg aus großer Höhe bombardiert.Wesley Frank Craven und James Lea Cate (Hrsg.): The Pacific: Matterhorn to Nagasaki. 1953, S. 559–560.
Anfang November 1944 wurde die 20th AF unter Brigadegeneral Curtis LeMay mit den ersten Chargen AN-M69-Napalm-Streubomben beliefert. Dieser Brandbombentyp war eigens für den Angriff auf japanische Städte entwickelt worden.National Defense Research Committee (NDRC): Summary Technical Report of Division 11, Volume 3: Fire Warfare, Incendiaries and Flame Throwers, Washington D.C. 1946. Nachdem am 6. Januar 1945 dieser Bombentyp versuchsweise bei einem wenig erfolgreichen Luftangriff auf Nagoya zum Einsatz kam, wollte LeMay Anfang Februar 1945 einen weiteren Testangriff gegen Kōbe fliegen lassen. Aufgrund der vorherrschenden Bauweise und der schwach ausgeprägten Zivilverteidigung war Kōbe durch den Einsatz von Brandbomben stark gefährdet. Das städtische Gebiet war dicht bevölkert und die meisten Gebäude aus leicht entflammbaren Materialien wie Holz oder Papier errichtet. Zusätzlich lagen Industrie- und Militäranlagen mitten in dicht besiedelten Gebieten.Wesley Frank Craven und James Lea Cate (Hrsg.): The Pacific: Matterhorn to Nagasaki. 1953, S. 610 und 623.Richard B. Frank: Downfall. The End of the Imperial Japanese Empire. 1999, S. 48. Nach diesem Testangriff blieb Kōbe bis im März 1945 vor weiteren Flächenbombardements verschont. Erst nach den schweren Brandbomben-Flächenbombardements auf die wichtigen Städte Tokio, Nagoya und Ōsaka folgte wieder Kōbe auf der Zielliste des XXI Bomber Command.
Das vorrangige Ziel der Luftangriffe war die Zerstörung der industriellen Kapazität von Kōbe. Die Absicht dieser Angriffe war die Schwächung der japanischen Rüstungsindustrie, um die Versorgung der Kaiserlich Japanischen Armee einzuschränken und zu unterbinden.United States Strategic Bombing Survey, Summary Report (Pacific War), S. 18. Das zweite Ziel war die Bevölkerung der Stadt. Mit der Vernichtung der Arbeitskräfte erhofften sich die Planer massive Einbußen in der Industrieproduktion. Dies sollte zu Versorgungsengpässen beim Militär und der Zivilbevölkerung führen. Weiter wollte man die Moral (Arbeitsmoral, Durchhaltewillen usw.) der Bevölkerung schwächen oder brechen.F. J. Bradley: No Strategic Targets Left. 1999, S. 38.
4. Februar 1945 Die Mission 26 der 20th AF war ein großangelegter Testangriff mit AN-M69-Napalm-Streubomben. An der Operation Middleman I beteiligten sich B-29-Bomber des 73rd und dem neu aufgestellten 313th Bombardment Wing. Ziel dieser Mission war das im Südwesten von Kōbe gelegene Industrie- und Hafenviertel. Die Bomber waren mit AN-M41-Splitterbomben und M18 (E28)-Streubomben mit je 38 AN-M69-Napalmbomben beladen. Von 110 auf den Marianen gestarteten Flugzeugen erreichten 99 das Zielgebiet. Elf Bomber mussten den Angriff wegen heftigen Höhenwinden abbrechen oder flogen das Ausweichziel Natsuzka an. 69 Flieger bombardierten mit Radarhilfe, aus einer Höhe von 7.468–8.230 m die Primärziele. 30 weitere Bomber konnten wegen der starken Bewölkung das Primärziel nicht ausmachen und luden ihre Bomben aufs Geratewohl über Kōbe ab. Dabei lösten verschiedene Bomber ihre Bombenladung zu früh aus, so dass diese ins Meer fielen. Innerhalb einer Stunde wurden 151,5 Tonnen Brandbomben sowie 14,7 Tonnen Splitterbomben auf Kōbe abgeworfen.National Defense Research Committee (NDRC): Summary Technical Report of Division 11, Volume 3: Fire Warfare, Incendiaries and Flame Throwers, 1946, S. 21. Diese brannten rund 0,25 km2 Stadtgebiet nieder. 1039 Gebäude, darunter 20 Fabriken wurden komplett niedergebrannt. Zwölf als kriegswichtig eingestufte Industriebetriebe wurden durch den Angriff zerstört oder schwer beschädigt. Gemäß japanischen Angaben forderte der Angriff in der Stadt 38 Tote und 150 Verletzte. 4.350 Personen wurden durch den Angriff obdachlos.United States Strategic Bombing Survey: The Effects of Air Attack on Osaka-Kobe-Kyoto. 1947, S. 162. Während des Luftangriffes zählten die B-29-Besatzungen neben starkem Flakfeuer 100 japanische Jagdflugzeuge die 273 Angriffe auf die Bomberformation flogen.R. Cargill Hall: Case Studies in Strategic Bombardment. 1998. S. 314. 35 B-29 wurden durch die japanische Abwehr beschädigt. Nach dem Angriff beanspruchten die Amerikaner drei Abschüsse sowie 20 wahrscheinliche Abschüsse für sich. Weitere 39 Jagdflugzeuge sollen beschädigt worden sein. Bei diesem Einsatz gingen zwei B-29 verloren: Ein Flugzeug ging bei der Landung zu Bruch und brannte aus. Ein weiteres Flugzeug, die SN 42-24629 „Devil's Darlin“ wurde über dem Ziel von der Abwehr beschädigt. Zugriff: 17. Februar 2015. Während des Rückfluges fielen nacheinander alle vier Motoren aus und das Flugzeug musste rund 95 km vor Saipan notwassern. Bis auf den Piloten konnten alle Besatzungsmitglieder gerettet werden.Wesley Frank Craven und James Lea Cate (Hrsg.): The Pacific: Matterhorn to Nagasaki. 1953, S. 568–570.Kit C. Carter und Robert Mueller: U.S. Army Air Forces in World War II: Combat Chronology 1941–1945. 1991, S. 613.F. J. Bradley: No Strategic Targets Left. 1999, S. 33.Twentieth Air Force Association. Zugriff: 17. Februar 2015.
16. März 1945 Mit der Mission 43 flog die 20th AF in der Nacht vom 16. auf den 17. März einen Flächenangriff mit Brandbomben auf die südwestlichen Wohn- und Industrieviertel von Kōbe. An der Operation Middleman II beteiligten sich B-29-Bomber der 73rd, 313th und 314th Bombardment Wings. Von 330 gestarteten Bombern erreichten 306 das Zielgebiet, das südöstliche Stadtgebiet. 21 Bomber mussten den Flug abbrechen und drei weitere flogen das Ausweichziel an. Vorausfliegende Flugzeuge vom 314th BW warfen AN-M76-Napalmbomben zur Zielmarkierung ab. Danach bombardierten während gut zwei Stunden 306 Flugzeuge aus einer Höhe von 1.402–2.743 m das markierte Zielgebiet mit Brandbomben.Wesley Frank Craven und James Lea Cate (Hrsg.): The Pacific: Matterhorn to Nagasaki. 1953, S. 621. Starke Winde entfachten aus den vielen Großfeuern einen Feuersturm, der neben Rauch auch heftige thermische Winde entwickelte, so dass viele nachfolgende Flugzeuge auf eine viel größere Höhe steigen mussten und von dort ihre Waffenlast abwarfen. Einzelne Bomber konnten wegen des Rauchs und der Turbulenzen ihre Ziele nicht ausmachen und luden ihre Bomben ungezielt über der Stadt ab. Die B-29-Bomber luden in dieser Nacht 319,3 Tonnen AN-M76-Napalmbomben, 1.068,7 Tonnen AN-M50-Stabbrandbomben, 630,5 Tonnen AN-M69-Napalmbomben und 18,1 Tonnen 500-Pfund-Sprengbomben (227 kg) über Kōbe ab. Die Feuerwehr und vorgängig angelegte Brandschneisen konnten eine großflächige Ausbreitung des Feuers nicht verhindern und der Feuersturm brannte 7,5 km2 urbanes Gebiet nieder, was rund 20 % der Stadtfläche entsprach.F. J. Bradley: No Strategic Targets Left. 1999, S. 35. Gemäß japanischen Angaben brannte der Angriff 500 Fabrik- und Lagerhallen nieder und beschädigte 162 weitere. Außerdem wurden 65.951 Wohnungen ein Raub der Flammen. Ebenso wurde die große Kawasaki-Schiffswerft nahezu komplett niedergebrannt. Der Angriff forderte 2.669 Tote und Vermisste sowie 11.289 Verletzte am Boden. 242.468 Personen wurden durch den Angriff obdachlos.Wesley Frank Craven und James Lea Cate (Hrsg.): The Pacific: Matterhorn to Nagasaki. 1953, S. 622. Nach dem Angriff verließen 97.867 Bewohner die Stadt eigenmächtig oder wurden evakuiert.United States Strategic Bombing Survey: The Effects of Air Attack on Osaka-Kobe-Kyoto. 1947, S. 162. Bei diesem Angriff zählten die Bomberbesatzungen neben sporadischem Flakfeuer 93 Attacken von japanischen Jagdflugzeugen. Die Amerikaner beanspruchten einen Abschuss für sich. Drei B-29 gingen aus unbekannten Gründen, vermutlich durch die heftigen thermischen Winde, welche der Feuersturm verursachte, verloren. Fünf Bomber mussten bei diesem Einsatz auf Iwojima notlanden.Kit C. Carter und Robert Mueller: U.S. Army Air Forces in World War II: Combat Chronology 1941–1945. 1991, S. 648.The 6th Bomb Group – The Missions. Zugriff: 17. Februar 2015.
19. März 1945 An diesen Tagen führte die US Navy trägergestützte Luftangriffe auf Ziele im Raum Kōbe und Kure durch.