Ásatrúarfélagið () (die Ásatrú-Vereinigung oder die Asenglaubensvereinigung)"Ásatrúar" ist der Genitiv von "ásatrú", was wiederum ein zusammengesetztes Wort aus "ása" (Asen - Plural Akkusativ+Genetiv) und trú (Glaube, Meinung, Religion, Vertrauen) ist. Das isländische Wort "félag" lässt sich in dem Kontext mit "Klub", "Verein" oder "Vereinigung" übersetzen. Die Endung "-ið" ist der sächliche bestimmte Artikel. ist eine isländische Religion mit der Zielsetzung der Weiterführung bzw. Wiederbelebung der Germanischen Religion. Sie wurde 1973 von staatlicher Seite offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt und darf somit unter anderem Trauungen und andere rechtsverbindliche Zeremonien durchführen. Die Mitgliedschaft steht allen isländischen Staatsangehörigen sowie unabhängig von der Staatsbürgerschaft allen Menschen mit Wohnsitz in Island offen. Jeder Beitritt oder Austritt wird beim nationalen Bevölkerungsregister (þjóðskrá) registriert.
Das isländische Neuheidentum kann – mit einiger Vorsicht – als einzige neoethnische Religion der germanischen Sprachregion betrachtet werden.María Erlendsdóttir: Pagan Beliefs in Modern Iceland. University of Edinburgh, 2001. S. 43.
Jahr Mitgliederhttps://www.skra.is/library/Samnyttar-skrar-/Frettir/trufelog_1feb19.xlsx 1972 21 1985 74 1992 119 1994 172 2002 628 2014 2382 2015 2675 2016 3583 2017 4126 2018 4428 2019 4487 2021 5502 2022 5740 2023 5986 2024 6135 2025 6222
Die Wurzeln der Bewegung mini|Hilmar Örn Hilmarsson und andere Ásatrúarfélagið-Mitglieder auf dem Weg zu einem Blót im Þingvellir im Sommer des Jahres 2009 Die Idee zur Gründung einer Religionsgemeinschaft entstand im Spätwinter 1972 bei Gesprächen in einem Café in Reykjavík. Die vier Männer, die später zu den Gründungsmitgliedern der Ásatrúarfélagið werden sollten, waren Sveinbjörn Beinteinsson, ein Landwirt und traditioneller Dichter, Jörmundur Ingi Hansen, eine Art „Hansdampf in allen Gassen“, der eine gewisse Prominenz in der Reykjavíker Hippiebewegung genoss, Dagur Thorleifsson, ein Journalist und aktives Mitglied der Reykjavíker Theosophen-Loge, sowie Þorsteinn Guðjónsson, der Vorsitzende des Vereins Nýalssinna (Félag Nýalssinna), der sich der Pflege und Verbreitung der Nýall-Theorien (näheres dazu siehe unten) von Helgi Pjeturss verschrieben hat.Pétur Pétursson (1985:21-22).Sigurður A. Magnússon (1990:198) Sveinbjörn Beinteinsson sagte über die Gründung der Ásatrúarfélagið, dass sie „auf einem Glauben an die verborgenen Kräfte im Lande“ basierte und aus dem Wunsch der Isländer entstand, „ihren eigenen Glauben zu pflegen und nicht mehr den importierten Religionen folgen zu müssen“.Icelandic, „Hugmyndin að Ásatrúarfélaginu byggðist á trú á dulin öfl í landinu, í tengslum við mannfólkið sem skynjaði ekki þessa hluti til fulls nema einstöku menn. Það tengdist síðan þjóðlegum metnaði og löngun til að Íslendingar ættu sína trú, og ræktu hana ekki síður en innflutt trúarbrögð.“ Sveinbjörn Beinteinsson (1992:140). Das Ásatrúarfélagið wurde zu Mittsommer 1972 in einer Sitzung im Hotel Borg formell gegründet. In einer Sitzung kurz danach wurde Sveinbjörn Beinteinsson zum Vorsitzenden der Gemeinschaft gewählt und auch zum ersten Allsherjargoden ernannt.
Staatliche Anerkennung Kurz vor Weihnachten 1972, als die Ásatrúarfélagið aus gerade einmal 21 Personen bestand, suchten Sveinbjörn Beinteinsson und Þorsteinn Guðjónsson den damaligen isländischen Minister für Justiz und kirchliche Angelegenheiten auf und bekundeten ihr Interesse an der Eintragung der Ásatrúarfélagið als offiziell staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft. Der Minister hielt den Antrag dem Vernehmen nach zunächst für einen schlechten Witz. Erst als ihm Sveinbjörn und Þorsteinn glaubhaft machen konnten, dass sie es ernst meinten, forderte er von ihnen die notwendigen Unterlagen an. Sveinbjörn berichtete, dass daraufhin, kurz nachdem er und Þorsteinn das Ministerium verlassen hatten, die gesamte Beleuchtung im Stadtzentrum aufgrund eines Gewitters ausfiel, so dass der Minister buchstäblich im Dunkeln saß. Die Zeitung Vísir schrieb darüber in einem etwas scherzhaften Ton, dass die Vertreter der Ásatrúarmenn nur sehr vage Antworten aus dem Ministerium bekamen – und offensichtlich habe der Donnergott Þórr davon genauso wenig gehalten wie die Ásatrúarmenn, denn als ihr Besuch bei dem Minister beendet war, gab es ein fürchterliches „Donnerwetter“ in der Reykjavíker Innenstadt, das zu erheblichen Sachschäden in unmittelbarer Nähe des Ministeriums führte.
Sigurbjörn Einarsson, der damalige Bischof Islands, empfahl dem Ministerium in einer schriftlichen Stellungnahme, der Organisation die staatliche Anerkennung zu verweigern. Er argumentierte dahingehend, dass die isländische Verfassung im Wortlaut jedem das Recht einräume, einen Verein zu gründen, um „Gott zu dienen“, was auf eine monotheistische Auffassung von Religionsausübung schließen lasse, und er verwies auf eine bereits vorliegende ältere juristische Stellungnahme, nach der demzufolge polytheistisch-religiöse Organisationen nicht durch die isländische Verfassung geschützt seien.Isländisch, "stofna félög til að þjóna guði". Sigurbjörn kritisierte auch die vagen Lehren der Organisation, die geringe Anzahl ihrer Mitglieder, das Fehlen eines religiösen Oberhauptes sowie eines „Hauses der Andacht“. Weiterhin äußerte er sich besorgt über die möglichen moralischen Lehren einer heidnischen Organisation, besonders hinsichtlich der Freiheit des Einzelnen, Polygamie und Schutz der Persönlichkeit.Isländisch, "Fleirgyðistrúfélög stofnuð hér á landi, mundu því ekki njóta verndar samkvæmt stjskr."
Nach Sigurbjörns Meinung hatte es die bislang bedeutendsten Bestrebungen zur Wiederbelebung des germanischen Heidentums im Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus gegeben, und diese seien eng mit der Rassenideologie des Nazi-Regimes verknüpft gewesen. Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich die Antragsteller selbst als Anhänger der „Nýall-Theorien“ des Helgi Pjeturss betrachteten, die ähnliche rassistische Elemente wie die Nazi-Ideologie enthalte,Robert Anderson: The Ghosts of Iceland. Wadsworth, 2005. ISBN 0-534-61052-8, S. 68–69.von Schnurbein (1991:181). wobei derartige Ansichten nicht von allen Nýall-Anhängern vertreten wurden. Andererseits traten auch nicht alle Nýall-Anhänger der Ásatrúarfélagið bei.Haukur Matthíasson. "Ásatrúarmenn[,] biskup og dr. Helgi Péturss". Morgunblaðið, 19. Dezember 1973, S. 10 (online).
Sveinbjörn Beinteinsson schrieb zu dieser Thematik später in seiner Autobiografie:
Þorsteinn Guðjónsson war sowohl vor als auch nach der Gründung der Ásatrúarfélagið ein treuer Nýall-Anhänger. In den späten 1980er Jahren gab er eine englischsprachige Zeitschrift namens Huginn & Muninn heraus, die sich mit den Nýall-Theorien auseinandersetzte. Auch Jörmundur Ingi Hansen nahm an einigen Nýall-Séancen teil. In einem Interview aus dem Jahre 2008 sagte er aber, „er habe nicht das Gefühl gehabt, in diesen Sitzungen wirklich neue Informationen erhalten zu haben.“von Schnurbein (1991:186).
Als Antwort auf die Kritik des Bischofs erläuterten die Heiden, dass das Christentum auch einige polytheistische Elemente aufweise, und dass zum Heidentum durchaus auch der Glaube an ein Höchstes Wesen gehören könne. Sie bestritten jegliche Verbindung mit dem Nationalsozialismus und argumentierten, dass es zweifelhaft sei, dass es im Dritten Reich wirkliche Heiden gegeben habe, während es unstrittig sei, dass eine Reihe von christlichen Gruppierungen mit den Nazis zusammengearbeitet habe.
Begleitet von Debatten im Althing, dem isländischen Parlament, und einem erheblichen Medienecho wurde das Ásatrúarfélagið schließlich im Mai 1973 von der isländischen Regierung offiziell als religiöse Organisation anerkannt. Dies verlieh ihr das Recht, Ehen zu schließen und andere rechtsverbindliche Zeremonien durchzuführen. Darüber hinaus ist sie berechtigt, einen ihrer Mitgliederzahl gemäßen Anteil an der Kirchensteuer zu erhalten.Sveinbjörn Beinteinsson (1992:133-34, 141).
Die Allsherjargoden 1. Allsherjargoði Sveinbjörn Beinteinsson (1972–1993) mini|hochkant|Sveinbjörn Beinteinsson bei einem Blót im Jahre 1991 mini|hochkant|Sveinbjörn-Beinteinsson-Denkmal auf Island Am 5. August 1973 führte das Ásatrúarfélagið das erste öffentliche Blót (Plural wie Singular) durch, seit 1000 Jahre zuvor öffentliche Blót in Island per Gesetz verboten worden waren. Vor einer von Jörmundur Ingi Hansen angefertigten Statue des Gottes Þórr fand die Veranstaltung bei prasselndem Regen in der Nähe von Sveinbjörn Beinteinssons Bauernhof in Dragháls statt. Das Blót wurde von der Zeitung Visir als „kraftvoll und energiegeladen“ beschrieben, während von anderer Seite kritisiert wurde, dass die recht schlichte Zeremonie der historischen Bedeutung dieses Ereignisses kaum gerecht geworden sei. Die Gründung des Ásatrúarfélagið hatte bereits zu diesem frühen Zeitpunkt zu einem erheblichen Medieninteresse geführt, und zum Zeitpunkt des ersten öffentlichen Blóts weitete sich diese Aufmerksamkeit auch auf ausländischen Medien aus. Der Medienrummel stand aber in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Größe der Veranstaltung – bei dem Blót waren in etwa so viele Journalisten wie Teilnehmer anwesend.Icelandic, „fór fram með tilþrifum og atorku“, „Reiddust goðin?“ Vísir, 7. August 1973, S. 1 (online).Sigurður A. Magnússon (1990:194).
Von Anfang an hatte die Vereinigung sehr ehrgeizige Ziele, etwa betreffend den Bau eines Tempels, die Errichtung einer Begräbnisstätte oder die Aufteilung des Landes in sogenannte goðorð (Gemeinde/Amtssitz eines Goden), die durch individuelle Goden geleitet werden sollten. Allerdings erhöhte sich die Mitgliederzahl der Organisation bei weitem nicht in dem Maße, wie es für eine Umsetzung solcher Pläne notwendig gewesen wäre. So hatte Ásatrúarfélagið Mitte der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre nur zwischen 70 und 80 Mitglieder.Sigurður A. Magnússon (1990:208). Als die anfängliche Begeisterung etwas abgeebbt war und dem Vorstand der Organisation allmählich klar wurde, dass ihre großen Pläne nicht so schnell in die Tat umgesetzt werden konnten, gab es bei dem Ásatrúarfélagið über einen längeren Zeitraum nur geringfügige Aktivitäten. Nachdem für drei Jahre kein Blót mehr durchgeführt worden war, veranstaltete man 1983 noch einmal eine Zeremonie, um ein paar Dokumentarfilmer mit Material zu versorgen. So dümpelte die Vereinigung bis Mitte der 1980er Jahre dahin. Danach begann die Mitgliederzahl stetig, Jahr für Jahr, zu steigen – von 74 Mitgliedern im Jahre 1985 auf 119 Mitglieder im Jahre 1992.Þorri Jóhannsson. "Leiðirnar að guðdómnum eru margar". Lesbók Morgunblaðsins, 14. November 1992, S. 4–5 (online). Im gleichen Jahr veröffentlichte Sveinbjörn Beinteinsson seine Autobiographie.Sveinbjörn Beinteinsson 1992. Zu diesem Zeitpunkt beschloss die Organisation, dass es an der Zeit war, ihre Aktivitäten wieder zu intensivieren.