mini|hochkant|Kirche von Südosten Die Evangelisch-reformierte Kirche in Gambach, einem Stadtteil von Münzenberg im Wetteraukreis (Hessen), wurde in den Jahren 1698 bis 1703 anstelle eines mittelalterlichen Vorgängerbaus errichtet. Die Saalkirche hat eine ungewöhnliche Form mit kurzen Kreuzarmen und ist als evangelische Predigtkirche gestaltet.Adamy: Kunstdenkmäler im Großherzogtum Hessen. 1895, S. 126 (online). Der Westturm von 1710 hat einen dreistufigen Helmaufbau. Die barocke Kirche ist ortsbildprägend und hessisches Kulturdenkmal.

Geschichte Kirche und Pfarrei Gambach entstanden um 1260. Als Mutterkirche wird die um 800 urkundlich erstmals erwähnte Kirche in Trais vermutet.300 Jahre evangelische Kirche Gambach. 2003, S. 23. Ein Vizepleban ist im Jahr 1291 in einer Urkunde aus Kloster Arnsburg nachgewiesen.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 21. Ein Altar war Unserer Lieben Frau (Maria) geweiht. Auf einen romanischen Vorgängerbau weist ein rundbogiges Fensterstück, das beim Neubau 1710 in die Turmmauer integriert wurde. Der kleine Saalbau stand inmitten des Friedhofs, der von einer wehrhaften Mauer umgeben war.Vetter: Heimatbuch Gambach. 1990, S. 80. Gambach hatte im Mittelalter einen eigenen Sendbezirk und gehörte kirchlich zum Dekanat Friedberg im Archidiakonat von St. Maria ad Gradus im Erzbistum Mainz. Noch 1549 wird anlässlich einer Kirchenvisitation festgestellt: „In Gambach hat der Priester Petrus Ratz in seiner Kirche die heiligen Sakramente mit Geleucht und sonst reinlich mit gebührender Ehre auch alle Ornate und Kirchenzierate in guter Verwahrung, lehrt christlich und wohl umnd es ist kein Mangel bei ihm als allein der, daß er ein Weib zur Frau hat, welches er nit gedenkt zu verlassen.“300 Jahre evangelische Kirche Gambach. 2003, S. 26.

Mit Einführung der Reformation unter Graf Philipp von Solms-Braunfels (1494–1581) wechselte die Kirchengemeinde nach reformatorischen Anfängen ab 1549 im Jahr 1554 endgültig zum lutherischen Bekenntnis.Vetter: Heimatbuch Gambach. 1990, S. 84. Für das Jahr 1566 ist ein Pleban nachgewiesen.Müller: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde Ober-Hörgern. 1985, S. 105. Im Zuge der „Zweiten Reformation“ unter Graf Konrad von Solms-Braunfels wurde am 7. September 1582 auf der Hungener Synode der Wechsel zum reformierten Bekenntnis beschlossen.Vetter: Heimatbuch Gambach. 1990, S. 329. Die Filialgemeinde Ober-Hörgern wurde in den Jahren 1612–1620 und 1624–1648 geistlich von Eberstadt versorgt. Anschließend wurde Ober-Hörgern endgültig nach Gambach eingepfarrt. Eine zweite Pfarrstelle in den Jahren 1691–1718 und 1758–1783 wurde mit einem Diakon für Ober-Hörgern eingerichtet. Infolgedessen erhielt der Gambacher Pfarrer die kuriose Bezeichnung „Ober-Pfarrer von Ober-Hörgern“.Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die hessen-darmstädtischen Souveränitätslande. 1930, S. 157–158, 197.

Im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts wurde die mittelalterliche Kirche baufällig und 1698/1699 abgetragen. Das heutige Gotteshaus entstand unter Graf Wilhelm Moritz von Solms-Braunfels in den Jahren 1698 bis 1703.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. 1999, S. 798. Angesichts der Bevölkerungsanzahl von 563 Personen im Jahr 1694 war die Kirche mit 700 Sitzplätzen überdimensioniert angelegt.wetteraukreis.de: . Durch den damaligen Pfarrer Johann Huldrich Werdmüller, der aus Zürich stammte, wurden Verbindungen zu Schweizer Gemeinden gelegt, die für den Kirchenbau spendeten. Der Graf unterstützte das Bauprojekt finanziell und erstellte verschiedene Pläne und Zeichnungen. Er reiste in die Schweiz, um die Gemeinden um Spenden zu bitten. Zudem schlossen sich die benachbarten reformierten Kirchen des Ortes Gambach mit Spenden an.Vetter: Heimatbuch Gambach. 1990, S. 123. Vom Vorgängerbau wurden Steine, Holz und Sandsteinplatten, die mit Ornamenten verziert waren, wiederverwendet. Am 5. August 1703 vernichtete eine Feuer den gesamten Ort. Westlich des Gambachs waren fast alle Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. Nur die fast fertiggestellte neue Kirche, Rathaus, Pfarrhaus und einige Hofreiten östlich des Gambachs blieben verschont.Vetter: Heimatbuch Gambach. 1990, S. 127. Die Einweihung der Kirche erfolgte vier Wochen später, am 2. September 1703. Der Turm wurde aus Kostengründen erst 1710 fertiggestellt.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. 2008, S. 337. „Creutz und Gickel“ als Bekrönung folgten 1721.

Pfarrerin Ulrike Eichler entdeckte im Jahr 2003 auf dem Dachboden der Kirche eine Bibel von 1666, in deren Anhang der Bauplan des Tempels Salomos stark abgegriffen war. Sie vermutete das biblische Bauwerk als Vorlage, da die Länge von 30 Metern (60 Ellen) und Höhe von 15 Metern (30 Ellen) bis zum First den biblischen Vorgaben aus entsprachen. Die Kirche ist allerdings breiter als der salomonische Tempel und nähert sich auf diese Weise dem Goldenen Schnitt an.

Als sich 1750 die Holztonne absenkte, wurden die sechs stützenden Säulen unter und oberhalb der Empore seitlich versetzt und um vier weitere Säulen ergänzt. 1852 wurde die Ostempore als Orgelempore eingebaut und die Kanzel, die bisher an der Ostwand aufgestellt war, vor die neue Empore vorgezogen. Bis dahin war die Kanzel durch eine Maueröffnung im östlichen Seitenbau, die zu einer verdeckten Treppe führte, zugänglich. Die frei gewordene Westempore („Moritzbühne“) erhielt zwei neue Bankreihen. Im Jahr 1856 übertünchte ein Weißbinder die Innenwände samt Wappen und Inschriften, 1890 wurden die Säulen marmoriert. Nach dem Einbau einer Heizung im Jahr 1911 wurde die Kirche 1915 elektrifiziert.Vetter: Heimatbuch Gambach. 1990, S. 338. 1922 wurde an der Kirche ein Kriegerdenkmal errichtet.Heinrich Walbe: Bericht über die Baudenkmäler in der Provinz Oberhessen. In: Jahresbericht der Denkmalpflege im Volksstaat Hessen 1913–1928. Bd. 4a. Staatsverlag, Darmstadt 1930, S. 226. Die schmiedeeiserne Dachbekrönung wurde 1927 erneuert. Im Zuge einer Renovierung im Jahr 1934 erfolgten die Freilegung der alten Bemalung und die Wiederherstellung der blau-grünen Fassung der Säulen. Der Fußboden wurde neu belegt und die Ostempore mit dem Bibelvers aus bemalt. Eine umfassende Innenrenovierung folgte in den Jahren 1960–1962. Im Jahr 1962 erhielt die Kirche einen Außenputz. Eine Erneuerung des Turmdachs wurde im Jahr 1984 und eine Außenrenovierung 1997–1998 durchgeführt.Schütte (Hrsg.): Kirchen und Synagogen in den Dörfern der Wetterau. 2004, S. 401. Im Jahr 2013 wurden unter dem Abendmahlstisch Fliesen mit Mandola-Motiv entdeckt, die aus der alten Kirche übernommen wurden und dem Typ nach aus dem 15. Jahrhundert stammen.

Die Gambacher Kirchengemeinde umfasst heute mehr als 1900 Mitglieder und ist pfarramtlich mit Ober-Hörgern verbunden. Die Gemeinde gehört im Kirchspiel Gambach zum Dekanat Wetterau in der Propstei Oberhessen in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.Internetpräsenz im Evangelischen Dekanat Nördliche Wetterau, abgerufen am 22. April 2026.

Architektur mini|hochkant|links|Südportal mini|hochkant|Pfarrkirche von Nordosten Der hohe, weiß verputzte Saalbau mit Eckquaderung auf rechteckigem Grundriss ist nicht exakt geostet, sondern nach Ost-Nordost ausgerichtet. Er ist über den Fundamenten des Vorgängerbaus errichtet, ragt jedoch nach Norden über sie hinaus. Mit seinen risalitartigen, kurzen Kreuzarmen im Norden, Osten und Süden weist das Gebäude einen ähnlichen Grundriss wie die Johanniskirche in Dessau auf, die 1690–1702 errichtet wurde. In der hohen Mauerumfriedung mit wehrhaftem Charakter aus mittelalterlicher Zeit sind Reste von Schießscharten erkennbar.

Die Kirche wird durch die zweigeschossige Fensteranordnung beherrscht und von einem Mansarddach bedeckt. Den Rechteckfenstern in der unteren Zone, die innen einen Stichbogen aufweisen, entsprechen jeweils Stichbogen-Fenster in der oberen Zone.Adamy: Kunstdenkmäler im Großherzogtum Hessen. 1895, S. 127 (online). Die äußere Gesamtlänge beträgt 37 Meter, die Breite 21 Meter. Der Mittelraum ohne Turm und Ostnische misst 23,80 Meter, die Breite ohne Nischen 13,45 Meter. Das Gewölbe ist 15,00 Meter hoch, der Turm 52,00 Meter. Der Turm ist innen 7,50 Meter lang und 4,00 Meter breit, die Mauern des Schiffs 1,20 Meter dick, die des Turms 2,00 Meter. Die Kreuzarme haben verschieferte Giebel und treten an den Langseiten jeweils 2,50 Meter vor.300 Jahre evangelische Kirche Gambach. 2003, S. 36. Die Kirche wird durch drei baugleiche Portale im nördlichen und südlichen Kreuzarm sowie im Westturm erschlossen. Die rundbogigen Portale haben Gewände aus rotem Sandstein. Über zwei Pilastern mit ionisierenden Kapitellen ruht ein Architrav mit flachem Dreiecksgiebel. Die Kirche bietet etwa 800 Besuchern Platz.

Der Westturm ist im unteren Bereich massiv aufgemauert. Eine Tafel im Architrav des Westportals trägt eine Inschrift anlässlich des Kirchenneubaus von 1703: „DIESE KIRCH IST ERBAVET WORDEN 1703 ZVR ZEIT DER REGIRUNG DES WEILAND HO G B [= Hochgeborenen] GRAFFEN V[on] H[ungen] WILHELM MVRITZEN REIS G [= Reichsgraf] ZV S[olms] BRAVN FELS V DER D L [= Durchlauchtigen] GMALIN FRAV F[ürstlichen] MAGTALENA SVPHIA G B [= Geborene] PRINCESN AVS D F[ürstlichen] HAVS HESSEN DRM STAT [= Darmstadt]“.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 174. Die Turmhalle dient als Westeingang und hat eine zweiläufige Treppe zur Westempore der Kirche. Der dreifach abgestufte, oktogonale Haubenhelm mit rundbogigen Schalllöchern ist vollständig verschiefert. Die Bekrönung besteht aus einem Turmknauf, einem schmiedeeisernen Kreuz, das die Buchstaben „W G Z S B & T“ (= Wilhelm Graf zu Solms-Braunfels und Tecklenburg) und die Angaben der Himmelsrichtungen trägt, sowie einem Wetterhahn.300 Jahre evangelische Kirche Gambach. 2003, S. 43.

Ausstattung mini|links|Innenraum mit Blick nach Osten mini|hochkant|Kanzel mit beidseitigem Treppenaufgang Der Innenraum über den Emporen wird von einer stuckierten Flachdecke abgeschlossen, die in den Ecken mit Putten verziert ist. Stucklisten an der Holztonne über dem Mittelraum imitieren ein Kreuzrippengewölbe. Die Rippen enden in Medaillons, die wie Schlusssteine erscheinen und mit Früchten und Blättern verziert sind. Die Kreuzarme sind durch die Emporen abgetrennt und dienen als Treppenanlagen für die Emporen. Die dreiseitig umlaufende, U-förmige Empore ruht an den Langseiten auf toskanischen Säulen mit hohen, viereckigen Schäften und quaderförmigen Kapitellen. Oberhalb der Empore werden die Säulen zum Abstützen der Decke fortgeführt. Die Brüstungen sind mit Festons bemalt, die Bärenklau-Ranken zeigen. Die gräflichen Wappen von Wilhelm Moritz und seiner Frau Prinzessin Magdalene Sophie von Hessen-Homburg sind an der Ostwand der Kirche aufgemalt und flankieren die Orgel. Über der Empore an der Westwand sind der Bibelvers aus und die Inschrift „Erbaut im Jahre des Herrn 1703“ gemalt.

Kanzel, Abendmahlstisch und Orgel sind auf der Mittelachse angeordnet. Die polygonale, hölzerne Kanzel aus der Erbauungszeit der Kirche ruht auf einem Pfeiler und hat beidseitig einen Treppenaufgang. Sie wurde im Zuge der Emporenerweiterung für die Orgel vorgerückt. Die Kanzelfelder mit rechteckigen Füllungen werden von Ecksäulen begrenzt. Die marmorierten Säulen stehen auf kleinen Konsolen und enden in kleinen Kapitellen. Den oberen Abschluss des Kanzelkorbs bildet ein profilierter Gesimskranz. Der unregelmäßig sechseckige Schalldeckel ist reich profiliert und hat ein flaches Zeltdach mit schlichtem Kreuz als Bekrönung. Eine 1934 angebrachte Bemalung des Schalldeckels mit einem Bibelvers wurde 1961 wieder rückgängig gemacht.300 Jahre evangelische Kirche Gambach. 2003, S. 62. Entsprechend reformierter Tradition verfügt die Kirche über keinen Altar, sondern über einen Abendmahlstisch, auf dem die offene Bibel liegt.