Alliierte Luftangriffe auf Erfurt im Zweiten Weltkrieg erfolgten durch die 8th Air Force der United States Army Air Forces (USAAF) und durch das Bomber Command der britischen Royal Air Force (RAF). Der zeitliche Schwerpunkt lag zwischen Juli 1944 und März 1945. Bei 27 Luftangriffen durch insgesamt über 565 Bombenflugzeuge wurden 1.100 Tonnen Bomben über dem Raum Erfurt abgeworfen, es gab in Erfurt jedoch im Gegensatz zu allen anderen deutschen Städten gleicher Größe keine Flächenbombardements.Tragödie Augustinerkloster 25. Februar 1945 530 Gebäude wurden zerstört, 2.550 schwer bis mittelschwer beschädigt. Darunter befanden sich zahlreiche Kulturbauten. Etwa 1.600 Zivilisten, überwiegend Frauen und Kinder, wurden getötet.

Erfurt vor dem Krieg und im Krieg Erfurt war bis 1945 Hauptstadt eines preußischen Regierungsbezirks. Mit 147.000 Einwohnern (1935) war sie Großstadt und die größte Stadt Thüringens, sowie dessen wirtschaftlicher Mittelpunkt und zudem Verwaltungszentrum mit einer Großzahl an staatlichen und halbstaatlichen (d.h.NS-affinen) Institutionen. Sie hatte eine historische Altstadt mit gotischen Kirchen und stattlichen Bürgerhäusern. Erfurt war ein wichtiger Knotenpunkt der Deutschen Reichsbahn, auch mit großem Güterbahnhof und Bahnbetriebswerk. Erfurt hatte Anschluss an die neue Reichsautobahn. Seit den 1920er Jahren besaß die Stadt (bis 1939) einen Zivilflughafen Erfurt-Nord am Roten Berg.

Garnisonstadt der Reichswehr war Erfurt auch in der Zeit der Weimarer Republik. Seit Mitte der 1930er Jahre jedoch wurde es zu einem starken Wehrmachtstandort ausgebaut, für Infanterie, Panzer, Artillerie und Luftwaffe. Es entstanden viele neue Kasernen, zwei militärische Flugplätze (Flugplatz Erfurt-Nord und Erfurt-Bindersleben), ein Standortlazarett und militärische Versorgungseinrichtungen. Folgen der Luftangriffe: "Die zahlreichen militärischen Einrichtungen wurden von den Kriegseinwirkungen nur teilweise betroffen" (die beiden Flugplätze schwer), "Keine der neuen Kasernen des Heeres hatte größere Zerstörungen aufzuweisen"Helmut Wolf: Erfurt im Luftkrieg 1939–1945. S. 259.

Die Erfurter Industrie übernahm zunehmend Rüstungsaufgaben. Zu diesen Unternehmen gehörten: das Flugzeug-Reparaturwerk (REWE) mit dem Flugplatz Erfurt Nord (früher Zivilflugplatz) am Roten Berg, die Maschinenfabrik Geipel (ERMA), die Berlin-Erfurter Maschinenfabrik, die Olympia Büromaschinenwerk AG Erfurt und die Telefunken GmbH. Folgen der Luftangriffe: „Die größeren traditionellen Rüstungsbetriebe der Stadt waren dagegen weitgehend verschont geblieben“ (Flugzeug-Reparaturwerk schwer getroffen)Helmut Wolf: Erfurt im Luftkrieg 1939–1945. S. 255.

Luftschutz mini|Eingang (2015) zu Luftschutzstollen Arnstädter Hohle im Steigerwald (Erfurt) mini|150 px|Luftschutzkeller-Museum Erfurt Wigbertihof (2016) Vom Reichsluftfahrtministerium wurde Erfurt als "besonders gefährdeter Ort" eingestuft. Trotzdem verfügte es als „Luftschutzort 2. Ordnung“, über keine bombensicheren Hoch- und zunächst auch keine Tiefbunker. Neben den öffentlichen, betrieblichen, behördlichen und privaten Luftschutzkellern wurde von den Verantwortlichen der Stadt auf zahlreiche vorhandene und auszubauende Gewölbekeller und Stollen gesetzt.

So wurden 1938 vier mittelalterliche Gewölbekeller unter dem südwestlichen Flügel des Wigbertihofs (damalige Polizeidienststelle) als Luftschutzräume für 50 Personen ausgebaut, einschließlich einer Gasschleuse und Schutzlüfter. Der ehemalige Schutzraum Nr. 4 wird heute als Besichtigungsraum des Stadtmuseums gezeigt. Er liegt in der Meister-Eckehart-Straße, Zugang vom Wigbertihof, und ist typisch für damalige Luftschutzkeller in historischen Altstädten.Erfurt. Der Wigbertihof. Hrsg. Stadt Erfurt, 2005. S. 12

Auch der „Predigerkeller“ unter dem ehemaligen Predigerkloster neben der Predigerkirche mit Predigerhof wurde zu einer Luftschutz-Rettungsstelle hergerichtet.

Zum Kriegsende existierten 70 „öffentliche Sammelschutzräume“ in Erfurt.

Mehrere Luftschutz-Stollen gab es am südlichen Rand des Steigerwaldes. Ein großer und sehr frequentierter öffentlicher Luftschutzraum von 1.000 m² befand sich zum Beispiel in der Arnstädter Hohle. Ab Februar 1944 wurden an 17 Stellen die Bastionsmauern zu den Wehrgängen der Zitadelle Petersberg geöffnet und mit massiven, auch gasdichten Eingangsbauwerken versehen. Sieben dieser Zugänge sind 2019 noch zu sehen.Karsten Grobe: Luftschutzräume in den Mauern. Thüringische Landeszeitung, 20. Februar 2015Karsten Grobe: Vermauerter Zugang freigelegt. Zitadelle Petersberg .... Thüringische Landeszeitung, 5. Januar 2019 Unter Regie der Reichsbahn wurde ab Anfang 1944 unter der Daberstedter Schanze / dem Stadtpark gegenüber dem Hauptbahnhof, ein großer Stollenbau angelegt und mit Zugängen zu allen Seiten versehen. Er war 1945 mit bis zu 2.000 Schutzsuchenden belegt.Helmut Wolf: Erfurt im Luftkrieg 1939–1945. Jena, 2005. S. 72–74 In der Johann-Sebastian-Bach-Straße (etwa unter der jetzigen Eissporthalle) befand sich 1944/45 ein großer Befehlsbunker im Bau, der auch öffentlich zugänglich war.

In Erwartung von alliierten Flächenangriffen unter Einsatz von Brandbomben wurden auch in Erfurt vorsorglich besonders brandgefährdete Bauten in der Altstadt abgetragen, so 1944 die dreigieblige, 1937 stillgelegte Schlössermühle aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.Karsten Grobe: Raritäten der Mühlengeschichte. Thüringische Landeszeitung, 25. April 2018

Erfurt musste, wie ganz Thüringen, Luftkriegsevakuierte aus Westdeutschland, Hamburg und Berlin aufnehmen. Bereits Ende 1943 gab es 3.500 solche Menschen in der Stadt. Sie brachten auch ihre persönlichen Erlebnisse von den Bombenangriffen mit und verstärkten so entsprechende Befürchtungen in der Erfurter Bevölkerung. Das war besonders nach dem verheerenden Angriff auf Kassel im Oktober 1943 der Fall. Die Stadt war bestrebt, Mütter mit kleinen Kindern zum Verlassen der Stadt zu bewegen, jedenfalls nachts. Im Januar 1944 fand sogar eine öffentliche Diskussion im Kaisersaal statt: „Soll Erfurt evakuiert werden oder nicht?“ Alle Bemühungen um eine „Auflockerung der Bevölkerung“ scheiterten, das Gegenteil trat ein. Bis Februar 1945 war die Bevölkerungszahl durch Evakuierte und Flüchtlinge aus dem Osten auf 180.000 gestiegen, um im April 200.000 zu erreichen.Helmut Wolf: Erfurt im Luftkrieg 1939–1945. Jena 2005. S. 64, 66–68, 70–71 Damit war auch die Gefahr hoher Opferzahlen bei Luftangriffen stark gestiegen.

Angriffsplanungen In den britischen Angriffsplanungen gegen deutsche Städte führte Erfurt den „Fischdecknamen“ Whitefish (Maräne). 1942 befand sich Erfurt in einer Liste des britischen Kriegskabinetts mit 25 deutschen Städten, die für Flächenangriffe vorgesehen waren. Im Sommer 1942 lag Erfurt in einem Zielkomplex zusammen mit Eisenach, Gotha, Weimar und Jena für einen Tausend-Bomber-Angriff, geplant von Luftmarschall Arthur Harris. Im November 1942 schlug der Oberbefehlshaber der RAF, Charles Portal, Erfurt für ein „Einäscherungsbombardement“ vor. Im November 1943 befand sich Erfurt als Bestandteil des mitteldeutschen „Kleinen Ruhrgebiets“ auf einer entsprechenden Zielliste von Harris. Eine Reihe von Zielobjekten in Erfurt war im laufend aktualisierten britischen „Bomber’s Baedeker“ zu finden.Helmut Wolf: Erfurt im Luftkrieg 1939–1945. Jena 2005. S. 58/59 Britische Chemie-Experten bezeichneten 1944 für den Fall eines Gaskriegs gegenüber ihrer Regierung Erfurt als vielversprechendes potentielles Ziel. Im November 1944 befand sich Erfurt in einem „Verkehrsangriffsplan“ der USAAF. Harris setzte Erfurt im Januar 1945 auf eine Liste von deutschen Städten, die noch über größere, unzerstörte Stadtflächen verfügten. Am 8. Februar 1945 erfolgte ein Befehl der Stabschefs an die 8th Air Force und das britische Bomber Command, Erfurt unter die Hauptziele bei den Angriffen auf Militärtransporte und Flüchtlingsströme (Verursachung von Chaos) aufzunehmen.Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Akademie-Verlag, Berlin 1990. S. 35, 62, 69, 74, 179, 332/333, 365, 385

Für den 2. April 1945, verschoben auf den 3. April, und für den 4. April hatte die RAF einen vernichtenden Doppelangriff mit Flächenbombardements auf Erfurt vorgesehen.Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Akademie-Verlag, Berlin 1990. S. 432–433Walter Geiger: Nordhausen im Bombervisier. Neukirchner, Nordhausen 2000. S. 293–294https://www.erfurt-web.de/Verhinderter_Luftangriff_4._April_1945 Dieser sollte durch zusammen 685 schwere viermotorige Bomber der Typen Halifax und Lancaster ausgeführt werden, mit Abwurf von 2.740 Tonnen Bombenlast. Erfurt entging diesem Schicksal dadurch, dass die Amerikaner kurzfristig wegen der Nähe ihrer Bodentruppen intervenierten – die am 3. April bereits Gotha erreicht hatten und am 4. April etwa 15 km vor Erfurt lagen. Grundlage für die Angriffsplanung war eine gemeinsame Air Commanders Conference von Briten und Amerikanern am 29. März 1945 gewesen.Helmut Wolf: Erfurt im Luftkrieg 1939–1945. Glaux, Jena 2005. S. 212, 213, 252 Dass dieser Vernichtungsangriff nicht zustande kam, wird von Steffen Raßloff als „größter Glücksfall der Stadtgeschichte“ von Erfurt beschrieben.https://www.erfurt-web.de/Verhinderter_Luftangriff_4._April_1945

Die Angriffe mini|250 px|Amerikanische schwere Bomber vom Typ B-24 „Liberator“ mini|250 px|Amerikanische B-17 „Flying Fortress“ beim Bombenwurf mini|250 px|Britischer Mosquito-Schnellbomber 1944 mini|170px|Amerikanischer Jagdbomber P-47 Thunderbolt Die 27 alliierten Luftangriffe auf Erfurt erfolgten von Juli 1940 bis April 1945. 17 davon waren als leicht, zehn als mittelschwer einzustufen. Acht waren Tages- und 19 Nachtangriffe. Acht Angriffe erfolgten durch die USAAF mit insgesamt 298 schweren viermotorigen Bombern der Typen B-17 „Flying Fortress“ und B-24 „Liberator“, begleitet von Langstrecken-Jagdflugzeugen, wie Thunderbolts. 19 Angriffe wurden durch die britische RAF mit mindestens 267 Mosquito-Nachtbombern ausgeführt. Von den über dem Erfurter Raum abgeworfenen mehr als 1.100 Tonnen Bomben entfielen über 60 % auf die US-Luftwaffe. 92 % der Bombenlast waren Sprengbomben und Minenbomben, 8 % Brandbomben. Diese statistischen Angaben schließen nicht die zahlreichen Jagdbomberangriffe im April 1945 ein. Die Tagesangriffe der US-Amerikaner erfolgten vorwiegend als Bombenteppiche auf relativ begrenzte Zielgebiete. Die Bombenabwürfe der RAF hatten „punktuellen“ Charakter, erstreckten sich jedoch über ein weites Schadengebiet.Helmut Wolf: Erfurt im Luftkrieg 1939–1945. Glaux-Verlag, Jena 2005. S. 250, 251

Die einzelnen Angriffe:Helmut Wolf: Erfurt im Luftkrieg 1939–1945. Glaux-Verlag, Jena 2005. S. 284–286

Vom 26. Juli 1940 bis 21. Januar 1944 erfolgten 6 nächtliche Angriffe mit Brand- und Sprengbomben auf Erfurt durch die RAF, meist mit Einzelflugzeugen. Die Schäden hielten sich in Grenzen, es gab nur vereinzelte Tote. Neben vorwiegend Wohngebieten, wurden am 17. August 1940 die Gneisenau-Kaserne (Melchendorfer Landstraße) und die Großgarage Arnold getroffen. Am 20. Februar 1944 griffen 60 schwere B-24-Bomber der USAAF mit einem konzentrierten Sprengbombenabwurf den Fliegerhorst Erfurt-Bindersleben und Wohngebiete der Stadt an: Peterborn, Kreuzchen, Hahnegarten, Röhrenweg, Pfortenweg, Binderslebener Landstraße, Gothaer Straße, Heinrichstraße, Brühler Hohlweg, Meineckestraße, Ottostraße, Grünstraße. Markante Schadensobjekte waren der Fliegerhorst Bindersleben, die Olympia AG und das 4. Polizeirevier. 133 Tote waren zu beklagen. Auf dem Hauptfriedhof wurden unter anderen 13 Gräber des französischen Ehrenhains zerstört.Der Friedhofswegweiser. Hrsg. Stadtverwaltung Erfurt. 3. Auflage, 2014. S. 29 Der Kampfverband hatte Erfurt in Verwechslung mit seinem eigentlichen Ziel Gotha angegriffen.