Tobias Ginsburg (* 1986 in Hamburg) ist ein deutscher Schriftsteller, Theaterregisseur und Journalist. Bekannt wurde er durch seine Undercover-Recherchen unter Rechtsextremen und Fanatikern.
Leben und Wirken Tobias Ginsburg studierte Dramaturgie, Literaturwissenschaft und Philosophie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Während seiner Studienzeit arbeitete Ginsburg als Dramaturg, moderierte die Theaterveranstaltung Café Lachs, gründete die Theatergruppe Fake to Pretend und begann eigene Theaterstücke zu inszenieren. Der jüdische Enkel von Holocaust-Überlebenden schrieb und inszenierte 2011 das Theaterstück Nestbeschmutzung über das Nachleben des Nationalsozialismus und das Erinnern und Vergessen in einer deutschen Familie. Anderthalb Jahre forschte er dafür zum Werk und in der Familie des Nazi-Schriftstellers Edwin Erich Dwinger.Schauburg Archiv: „Nestbeschmutzung“ Im Rahmen dieser Arbeit begann Ginsburg auch undercover zu recherchieren und schlich sich mit falschem Namen bei der faschistischen Burschenschaft Danubia ein.vgl.: Tobias Ginsburg: Die letzten Männer des Westens. Rowohlt, 2021. S. 18f. Auch für seine weiteren Theaterstücke recherchierte Ginsburg meist zu Fanatismus und politischen Themen. Er beschäftigte sich etwa mit der deutschen Giftgasproduktion und Waffenhandel (Weltenbrand, 2014), der Kultur des Sterbens (Endlich, 2012), der deutschen Kolonialgeschichte in Südamerika (Goldland, 2015) oder der ideologischen Ausbildung zum Töten und Militärdrill (Ein Kriegsspiel, 2018). Für Weltenbrand wurden Ginsburg und seine Koautorin Daphne Ebner auf dem Heidelberger Stückemarkt mit dem Jugendstückpreis 2015 ausgezeichnet,Gewinner des Heidelberger Stückemarkts 2015 für den Deutschen Jugendtheaterpreis 2014 nominiert und zu den Mülheimer Theatertagen 2016 eingeladen.Longlist Deutscher Jugendtheaterpreis 2014
2018 erschien Ginsburgs Buch Die Reise ins Reich. Unter Reichsbürgern.Spiegel Online: Manche träumen von Ostpreußen, andere vom WeltraumSWR1 Leute: Tobias Ginsburg im Interview Für diese literarische Reportage schleuste sich Ginsburg undercover in die Szene rechtsextremer und esoterischer Verschwörungstheoretiker ein, schloss sich einer Sekte und anderen Gruppierungen an, traf aber auch auf AfD-Politiker und rechtsextreme Szenegrößen. Seine Rechercheergebnisse unterfütterte er mit historischen Einordnungen und politischer Analyse, zugleich führte das Buch „einen neuen, literarischen Ton in die investigative Reportage ein“: Ginsburg erzählt romanhaft, schreibt einfühlsam und mitunter mit Ironie und schwarzem Humor über die Menschen und Fanatiker, denen er begegnet. So hieß es etwa in der Süddeutschen Zeitung: „Ginsburg begegnet den Menschen eher mit Neugier denn mit Abneigung, lässt Raum für Sympathie mit den Unsympathischen. Eine große Leistung.“ Das Buch erreichte im Juni desselben Jahres Platz 5 der Sachbuch-Bestenliste.Zeit Online: Die Sachbuch-Bestenliste für Juni 2021 erschien das Buch in einer stark erweiterten Neuausgabe (Coronaleugner, die Querdenkerbewegung und der sogenannte „Sturm auf den Reichstag“) unter dem Titel Die Reise ins Reich. Unter Rechtsextremisten, Reichsbürgern und anderen Verschwörungstheoretikern im Rowohlt Verlag.
2021 erschien Ginsburgs Buch Die letzten Männer des Westens. Antifeministen, rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats, eine weitere literarische Undercoverreportage.Rowohlt: Die letzten Männer des Westens Anderthalb Jahre lang recherchierte Ginsburg dafür unerkannt in der rechtsextremen Szene Deutschlands, Polens und in den USA, um die Verbindung von rechtsextremer Ideologie mit „Männlichkeitswahn“, Antifeminismus, Frauen- und Queerfeindlichkeit zu beleuchten und verstehen. Dafür schleuste er sich etwa in der Neuen Rechten ein, bei Nazi-Rappern, bürgerlichen Maskulisten, rechtsextremen Burschenschaften und klerikalfaschistischen Netzwerken. In einer Rezension in der Zeit hieß es: „Wohl noch nie wurden Rechtsextreme so sehr hinters Licht geführt wie für diese Recherche.“ Und Günter Wallraff, der das Vorwort beisteuerte, lobte das Buch als „einen Höllengang in ein Finsterreich des Männlichkeitswahns“ (S. 13). Das Buch erreichte Platz 2 der Sachbuch-Bestenliste,ZDF - Die Sachbuch-Bestenliste für Dezember 2021 Platz 10 der Börsenblatt-BestsellerlisteBörsenblatt-Bestsellerliste Sachbuch Paperback und Platz 14 der Spiegel-Bestsellerliste.Spiegel-Bestseller Sachbuch 2024 erarbeitete er mit dem Regisseur Rafael Sanchez eine Bühnenfassung seines Buchs am Schauspiel Köln.WDR 3 Mosaik: "Die Letzten Männer des Westens" am Schauspiel Köln
Seit 2021 tritt Ginsburg mit Bühnenprogrammen zu seinen Büchern auf, die „mehr einer Stand-Up-Performance als einer Lesung“ gleichen. Das Arte Journal lobte die Auftritte als „Scharfsinnig, amüsant und gleichzeitig bleibt einem die Spucke weg“, und im RBB hieß es: „Rechercheergebnisse mit Bühnenperformance zu vermischen kann vielleicht kein Autor so gut wie Ginsburg.“
2016 war Ginsburg „Writer in Residence“ am Hanse-Wissenschaftskolleg.Hanse-Wissenschaftskolleg: Tobias Ginsburg 2020 erhielt er das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung.Die Autorenseite bei Rowohlt Er veröffentlichte Kommentare und journalistische Texte unter anderem im Deutschlandfunk Kultur, in der taz und in Haaretz. Im Dezember 2024 schleuste er sich für Correctiv bei einem Treffen von AfD-Politikern und Schweizer Neonazis ein.Correctiv: "AfD und 'Junge Tat' - Kein Geheimtreffen gegen Deutschland" Ginsburg war wiederholt Gast in Talkshows wie Markus Lanz oder DAS! und tritt als Experte bei verschiedenen Fernseh- und Radiosendungen auf.
Inszenierungen (Auswahl) 2007: Vergewaltigt. Eine romantische Komödie 2008: Ubu 2011: Nestbeschmutzung 2012: Endlich 2014: Weltenbrand 2014: Radikal. Monument der Verwesung 2015: Goldland 2016: Du und ich und das Meer dazwischen 2018: Ein Kriegsspiel 2024: Die letzten Männer des WestensDie Deutsche Bühne
Bücher Die Reise ins Reich. Unter Reichsbürgern. Das Neue Berlin, Berlin, 2018, 272 S., ISBN 978-3-360-01331-6. Die Reise ins Reich. Unter Rechtsextremisten, Reichsbürgern und anderen Verschwörungstheoretikern. Rowohlt, Hamburg, 2021, 320 S.,aktualisierte, überarbeitete und erweiterte Fassung, ISBN 978-3-499-00456-8. Ungekürzte Hörbuchfassung, gelesen vom Autor. Audio-To-Go, Headford 2021, ISBN 978-3-96519-348-2. Die letzten Männer des Westens: Antifeministen, rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats. Rowohlt, Hamburg, 2021, 336 S., ISBN 978-3-499-00353-0. Ungekürzte Hörbuchfassung, gelesen vom Autor. Audio-To-Go, Headford 2021, ISBN 978-3-96519-347-5.
Weblinks
Autorenseite bei Rowohlt Deutschlandfunk Lesart mit Tobias Ginsburg Arte Journal: Undercover in der rechten Szene Münchner Feuilleton: Auf der Suche nach dem Wahren NDR Das! mit Regisseur Tobias Ginsburg Der Freitag: „Die Reise ins Reich“ von Tobias Ginsburg Tagesspiegel: „Es gibt keine Trennlinie mehr zwischen der Mitte und dem Rand“ Phoenix: Der Verschwörer-Komplex. Tobias Ginsburg inkognito bei den Reichsbürgern
Einzelnachweise
Kategorie:Sachbuchautor Kategorie:Bühnenautor Kategorie:Theaterregisseur Kategorie:Journalist (Deutschland) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Ensemblemitglied des Staatstheaters Augsburg Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1986 Kategorie:Mann