mini|Georg Alfred Stockburger (1961) Georg Alfred StockburgerGeorg Alfred Stockburger. Gegen das Vergessen. Manche Quellen verwenden eine falsche Reihenfolge der Vornamen „Alfred Georg“ oder nur den zweiten Vornamen „Alfred“. In frühen Kritiken aus den 1920er Jahren wird auch der Vorname "Jörg" statt "Georg" verwendet. (* 12. Mai 1907 in Wankheim (heute ein Ortsteil von Kusterdingen); † 5. April 1986 in Tübingen) war ein deutscher Maler, Zeichner und Grafiker des Expressionismus. Als Grafiker bediente er sich der Druckverfahren Lithografie, Holzschnitt und Kupferstich bzw. Radierung. Er konnte nur in seiner Freizeit künstlerisch tätig sein. Von Beruf war er Arzt. Die Werke Stockburgers werden zum abgewandelten Expressionismus oder Expressiven Realismus gerechnet.

Leben und Werk Jugend Georg Alfred Stockburger wurde als fünftes und letztes Kind des Lehrers Johann Georg Stockburger (* 12. November 1864; † 18. November 1947) und seiner Frau Anna Maria geb. Strobel (* 8. November 1868; † 15. Dezember 1925) geboren. Um den Kindern möglichst gute Bildungsmöglichkeiten zu sichern, zog die Familie 1909 zunächst nach Böblingen und 1913 nach Tübingen. In Tübingen besuchte Stockburger die dortige Oberrealschule (das heutige Kepler-Gymnasium).

Ausbildung, Studium und Berufsverbot mini|Georg Alfred Stockburger: Jugendliches Selbstbildnis, 1925 mini|Georg Alfred Stockburger: Akt: Frau vor Spiegel (Ölbild aus der Akademiezeit, 1928) mini|Georg Alfred Stockburger: Pferde Im Sommersemester 1925 begann Stockburger auf Wunsch seines Vaters ein Medizinstudium an der Universität Tübingen. In diesem ersten Semester belegte er auch einen Kurs am Zeicheninstitut der Universität. Das jugendliche Selbstbildnis von 1925 ist an diesem Institut entstanden. Es ist das älteste noch erhaltene Bild Stockburgers. Ein spätes, um 1981 entstandenes Selbstbild auf einer Lithografieplatte, das letzte Selbstbildnis des Malers überhaupt, wird am Ende des Artikels präsentiert. Der Universitätszeichenlehrer Heinrich Seufferheld erkannte sein malerisches Talent und ermunterte ihn zu ersten Werken.Anna Latz (geb. Stockburger, älteste Tochter von G. A. Stockburger), Mail vom 17. April 2015 an den Wikipedia-Autor Bereits im Herbst 1925 wechselte er auf entschiedene Fürsprache seiner Mutter hin, jedoch gegen das Versprechen gegenüber seinem Vater, nach dem Abschluss einer künstlerischen Ausbildung als Lehrer an eine Schule zu gehen,Anna Latz in einer Mail vom 22. Mai 2015 an den Wikipedia-Autor an die Kunstakademie Stuttgart. Hier studierte er unter anderem bei Hans Spiegel, Robert Breyer, Alexander Eckener und Gottfried Graf. Der Schweizer Maler Heinrich Altherr, der für einige Zeit auch Direktor der Stuttgarter Akademie war, wurde sein Mentor und wichtigstes Vorbild dieser Zeit. 1928 wurden auf Empfehlung der Juroren Karl Hofer und Emil Nolde Bilder von Georg Alfred Stockburger in einer Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Hannover ausgestellt. Stockburger war Mitglied der Stuttgarter Sezession, seit 1929 auch der Stuttgarter Neuen Sezession und der sogenannten „Stuttgarter Juryfreien“.Es handelt sich um die 1930 nach dem Konzept der Juryfreien Kunstschau Berlin (J.K.B.) gegründeten „Stuttgarter Juryfreien“, die etwa 150 Mitglieder aus ganz Württemberg aufwiesen und bis 1932 drei Ausstellungen auf dem Stuttgarter Interimstheaterplatz durchgeführt hatten.(nach: Interview von Brigitte Reinhardt mit Georg Alfred Stockburger und Katalog zur Ausstellung Stuttgarter Neue Sezession 1929–1933, S. 3–5) Mehrfach wurden Stockburger-Bilder in Stuttgart und Berlin ausgestellt. Im selben Jahr brach er das Kunststudium ab, ging nach Berlin und versuchte, sich dort als freier Künstler zu etablieren. Hier folgte er seinen Vorbildern Käthe Kollwitz, Ernst Barlach und vor allem Edvard Munch, deren stark emotional aufgeladener Expressionismus seinem eigenen Kunstwollen entsprach.

Die Schwierigkeiten, sich als freier Künstler in Berlin zu etablieren, gesundheitliche ProblemeStockburger war in Berlin an Typhus erkrankt und konnte sich wegen Geldsorgen nicht oder erst zu spät behandeln lassen. „[…] das war alles fürchterlich. Ich habe manchmal ganze zwei, drei Ölbilder verkauft, damit ich mir mal wieder ein Mittagessen leisten konnte.“ (Interview Brigitte Reinhardt befragt Georg Alfred Stockburger, S. 11) und die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche nach der Machtergreifung Adolf Hitlers in Berlin führten zum Entschluss, 1934 zurück nach Stuttgart zu gehen. Stockburger weigerte sich beharrlich, in die nationalsozialistische, gleichgeschaltete Reichskulturkammer einzutreten. Gegen das NS-Kulturprogramm, das einen propagandistischen, heroischen Pseudo-Klassizismus forderte, bestimmte Stockburger seine künstlerische Aufgabe folgendermaßen: „Ich habe ein Leitmotiv in meinem Wollen: Pflicht zur Wahrheit, denn Wahrheit ist Schönheit.“C. F. Drewitz 1934: Der Kulturredakteur C. F. Drewitz des Stuttgarter NS-Kuriers fordert nicht-linientreue junge Künstler zu einer Stellungnahme zu ihren künstlerischen Absichten auf. In diesem Artikel äußern sich Rudolf Müller und Georg Alfred Stockburger auf die ihnen gestellten Fragen. Die Kopie des Artikels von Georg Alfred Stockburger (ohne konkrete Datumsangabe) trägt den handschriftlichen Vermerk Stockburgers „Drewitz/NS Kurier, danach Berufsverbot“. Das Zitat gibt die Kernaussage der Stockburger Stellungnahme wieder.Das vollständige Stockburger Statement ist hier wiedergegeben: Stockburger im Stuttgarter NS-Kurier 1934. Stockburger griff 1934 in seiner Verteidigungsrede mit der Bestimmung der Kunst als „Wahrheit“ intuitiv auf Martin Heideggers „Ursprung des Kunstwerkes (1935)“ vor und zurück, das in Vorstudien bereits ab 1931 vorlag. „Wahrheit“ (, „aletheia“) wörtlich: „Entbergung“ geht immer mit „Verbergung“ oder „Verbergen“ () einher. „Entbergung“ und „Verbergung“ bilden das Zusammenspiel gegenläufiger Grundtendenzen, die im Wesen der Kunst oder des Kunstwerkes selbst liegen. Kunst steht, prozessiert und aktualisiert sich immer in sich und aus sich. Kunst kann niemals als Doktrin (auch nicht als Doktrin eines genialen Künstlers) vorgegeben werden. Nach einer solchen Ästhetik der Wahrheit kann es auch prinzipiell keine „entartete Kunst“ geben. In ähnlicher Weise legte später auch Hans-Georg Gadamer dieses Ästhetik-Konzept aus. Stockburger griff diesen 1934 in der Zeit liegenden Begriff des Kunstwerkes, in dem Schönheit und Wahrheit zusammenfallen, in seiner Verteidigung auf.Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerkes. Mit einer Einführung von Hans-Georg Gadamer. (Reclam Universal-Bibliothek), Ditzingen 1986, ISBN 978-3150084465.

Als Gegner des Nationalsozialismus verlor Stockburger auch in Stuttgart alle Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeiten und wurde als entarteter Künstler disqualifiziert. Stockburger gab aufgrund der gegebenen politischen Situation die Malerei als Beruf auf und setzte 27-jährig sein Medizinstudium in Tübingen und 1939 für ein Semester in München fort.vgl. Günther Wirth: Verbotene Kunst 1933–1945, S. 191, dort eine kurze Beschreibung der Entscheidung zur beruflichen Umorientierung von Georg Alfred Stockburger Als Künstler ging Stockburger anders als der ihm als Sezessionskollege gut bekannte Reinhold Nägele,Reinhold Nägele emigrierte 1939 sehr spät auf Vermittlung seines Förderers, des Industriellen und Kunstmäzen Hugo Borst (1881–1967, kaufmännischer Direktor der Firma Robert Bosch) sowie des von diesem eingeschalteten Robert Bosch in die USA, da er mit einer jüdischen Frau, der Ärztin Alice Nördlinger verheiratet war. Zuvor unterlag die Familie Nägele seitens der Nationalsozialisten einem weitgehenden Kontaktverbot. G. A. Stockburger und wenige andere Malerkollegen hielten dennoch den Kontakt mit der Familie Nägele aufrecht. Stockburger beschreibt Nägele als eher unpolitischen Menschen und charakterisiert ihn dann in Hinsicht auf sein Verhältnis zu Frau und Kindern: „[…] er war anständig genug, sich nicht scheiden zu lassen von seiner Frau und seine drei Kinder sitzen zu lassen.“ (Interview Brigitte Reinhardt befragt Georg Alfred Stockburger, S. 17) Umgekehrt sagt Nägele vor dem Hintergrund der ihm und seiner Familie von den Nationalsozialisten auferlegten Kontaktsperre und der 1939 erfolgten Emigration, dass er von vielen seiner ehemaligen Malerkollegen nichts mehr gehört hat mit Ausnahme des Tübinger jetzt als Arzt praktizierenden Malers Alfred Stockburger und des Stuttgarter Malers Tell Geck, die er zu seinen engsten Freunden zählt. Nach: Brigitte Reinhardt, Reinhold Nägele, Dieter Hannemann: Reinhold Nägele, 1984, ISBN 3806202966, Seite 191 der 1939 in die USA emigrierte, in die innere Emigration. Gegenüber Reinhold Nägele und dessen Familie, die Stockburger oft privat besuchte, spricht er davon, dass er „wieder Mediziner werden mußte.“ (Brigitte Reinhardt: Interview mit G. A. Stockburger, S. 16). Stockburger hat wohl auch die Option erwogen, auszuwandern. „Ich hab mir damals auch manchmal überlegt auszuwandern. Ich war noch jung und kräftig, ich hätte können […]. Aber ich habe es dann vorgezogen, Medizin zu studieren. Obwohl es sehr hart war, das können Sie sich vorstellen […].“ (Brigitte Reinhardt: Interview mit G. A. Stockburger, S. 18).

Zweiter Weltkrieg mini|Georg Alfred Stockburger: Drei russische Frauen, 1950er Jahre mini|Georg Alfred Stockburger: Der erschlagene Russe (Lithografie, 1983) mini|Georg Alfred Stockburger: Sich Ergeben (Lithografie, 1950er Jahre)