Music Written for Monterey 1965, Not Heard… Played in Its Entirety at UCLA ist ein Jazz-Album von Charles Mingus, das am 25. September 1965 bei einem Konzert in der Royce Hall der University of California, Los Angeles (UCLA) mitgeschnitten und von Mingus 1966 auf seinem eigenen Label Jazz Workshop veröffentlicht wurde.Das Album wurde 1984 von Mingus’ Witwe Sue Graham Mingus mit Fred Cohen zunächst als Doppel-LP, dann 2006 als Compact Disc bei Sunnyside Records in den Vereinigten Staaten bzw. 2007 bei EmArcy Records in Europa wiederveröffentlicht. Das von Mingus als „Workshop“ organisierte Konzert ließ die Besucher an Mingus’ kreativem Prozess teilhaben; auch der Hörer wird in die inneren Prozesse des Komponisten, seine Rufe und Zurechtweisungen eingeweiht.Music Written for Monterey 1965, Not Heard… Played in Its Entirety at UCLA. Mingus-Homepage.
Hintergrund des Albums In der Mitte des Jahres 1965 arbeitete Mingus zunächst mit einer Quintettbesetzung, trat aber nur noch selten auf (u. a. im Minneapolis, mitgeschnitten auf My Favorite Quintet) und beschäftigte sich ansonsten vorwiegend mit Komponieren, jedoch nicht für seine Working Band, die inzwischen (nach dem Ausstieg von Pianist Jaki Byard) auf Quartettgröße reduziert war. Er komponierte neues Material für eine Oktett-Instrumentierung, die als mittelgroße Band ähnliche Klangmöglichkeiten wie das Nonett von Birth of the Cool von Miles Davis der Jahre 1949/50 hatte. Zu den regulären Musikern Charles McPherson, Lonnie Hillyer und Dannie Richmond holte Mingus die Trompeter Hobart Dotson, Jimmy Owens, den Hornisten Julius Watkins und den Tubisten Howard Johnson hinzu. Mit dieser Besetzung arbeitete der Bandleader mehrere Wochen zwischen Juni und September 1965 im New Yorker Jazzclub The Village Gate. Die geprobte Musik hatte Mingus für den Auftritt auf dem Monterey Jazz Festival konzipiert; sie kam dort aber nicht zur Gänze zur Aufführung, sondern erst eine Woche später in Royce Hall der UCLA in Los Angeles.Brian Priestley: Mingus. A Critical Biography. Quartet Books, London / Melbourne / New York City, ISBN 0-7043-2275-7, S. 165 f.
Nach seinem großen Erfolg bei dem Monterey Jazz Festival von 1964 war Mingus’ Auftritt im folgenden Jahr eine große Enttäuschung: Mingus beabsichtigte mit der Ausrichtung des Auftritts als Workshop statt einer Aufführung, das Publikum an den Gedanken des Künstlers als Komponist-Leiter-Produzent teilhaben zu lassen, „um den kreativen Prozess genau so wie dessen Produkt zu veranschaulichen.“ Nach einer halben Stunde hörte er bereits auf, als er spürte, dass sein Zeitfenster begrenzt war und ihm das Publikum nicht die gebotene Aufmerksamkeit schenkte. Nur drei der vorbereiteten Stücke wurden dort präsentiert, um das Konzert dann mit When the Saints Go Marching In abzuschließen.Sessionografie. Onttonen. Nach den Erinnerungen von Charles McPherson lehnte Mingus für die beteiligten Musiker geschriebene Parts ab; Mingus hatte ihm z. B. über das Telefon seinen Part vorgespielt, während der Altsaxophonist am anderen Ende der Leitung versuchte, Mingus’ Idee auf seinem Instrument zu spielen, nur dass Mingus am nächsten Tag seine Idee wieder verwarf.
Musik des Albums Das (auf der CD-Ausgabe auch im zeitlichen Verlauf) dokumentierte Konzert an der UCLA wurde von deren Aufnahmeteam mitgeschnitten. Es begann mit einer verbalen Einführung durch Mingus:
mini|Auditorium der Royce Hall, in der das Konzert stattfand Es folgte eine ausgedehnte, kammermusikalisch orientierte Komposition des Bassisten, Meditation on Inner Peace (das nicht mit Meditations on Integration in Verbindung steht), geprägt durch das Arco-Spiel des Bassisten. Mingus und Schlagzeuger Dannie Richmond kamen jedoch am Schluss des Stücks zu früh hinzu. Nach Ansicht von Brian Priestley illustriert die Aufführung an der UCLA „die Intoleranz gegenüber seinen Musikern“, als er sie nach einem missglückten Beginn seiner neuen, an Kurt Weill angelehnten Komposition Once Upon a Time There Was… vor dem Publikum beschimpfte und mit obszönen Gesten beleidigte. Das junge Publikum reagierte humorvoll mit Lachen. Anschließend demonstrierte er den Musikern seine Vorstellungen, wie das Stück gespielt werden soll, am Klavier und brach das Stück dann ganz ab. Mingus schickte die Brass Section des Oktetts – Jimmy Owens, Hobart Dotson, Julius Watkins und Howard Johnson – wegen ihrer „geistigen Langsamkeit“ (mental tardiness) zum Üben hinter die Bühne.
Stattdessen folgte eine in Quintettbesetzung (Mingus, Richmond, McPherson und Hillyer) vorgetragene Ode to Bird and Dizzy (alias Bird Preamble), ein Medley aus Bebop-Themen wie Hot House, Parker’s Mood, Ornithology, Bebop, Shaw Nuff, Salt Peanuts und A Night in Tunisia, komponiert von Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Denzil Best, Fats Navarro, Max Roach, Oscar Pettiford und Tadd Dameron (wie Mingus auf dem Albumcover auflistete). Anschließend folgte – wieder in großer Besetzung und melancholisch angelegt – Mingus’ neue Komposition They Trespass the Land of Sacred Sioux, bei der Mingus Klavier spielte und so melodische und rhythmische Ideen beisteuerte, die von McPherson in dessen Solo verarbeitet wurden, während Watkins „einen bitonalen, außerhalb des Tempos gespielten Kavallerieangriff“ einfügte. Nach Ansicht der New York Times war die stark auf die Blechbläser orientierte Besetzung unüblich für eine Mingus-Band, „und die Arrangements schwelgen in Blech-Choral-Akkorden.“
Das folgende The Arts of Tatum and Freddy Webster war dem Trompeter Freddie Webster gewidmet. Solist war Howard Dobson, dessen Spiel an Benny Bailey und Johnny Coles erinnert. Mingus war unverkennbar mit der Aufführung seiner Komposition zufrieden, was er mit „everything is fine now“ ausdrückte. Nach einer weiteren Ansprache des Bandleaders folgte eine erneute Aufführung von Once Upon a Time, There Was a Holding Corporation Called Old America; Mingus spielte hier Klavier. In einem Walzer-Abschnitt rief Mingus dann begeistert einem alten Weggefährten Dannie Richmond zu: „Love, Dee. It’s you and me.“ „Bald darauf singt der fröhliche Bandleader mit der Musik im spitzen Falsett, vielleicht um den Musikern ihre Parts zukommen zu lassen, aber wahrscheinlicher ist, dass er seine unbändige Wonne darüber ausdrückte, dass die Aufführung erfolgreich war.“ Sechs Jahre später nahm Mingus die Komposition unter dem Titel Shoes of the Fisherman’s Wife auf Let My Children Hear Music (1971) erneut auf.
Nach dem kurzen Muskrat Ramble des New Orleans Jazz Veteranen Kid Ory in Form einer musikalischen Parodie (mit Lonnie Hillyer als Solisten) folgt die Mingus-Komposition Don’t Be Afraid, The Clown’s Afraid Too, die mit einer von Dotson gespielten Fanfare beginnt und einen harmonisch veränderten Abschnitt aus Dvořáks Humoresque (1894) enthielt, als Tribut an die Jazz-Version von Art Tatum. In der das Konzert abschließenden Mingus-Komposition Don’t Let It Happen Here setzt Mingus die Verbindung von Lyrik und Musik ein, indem er über gehaltenen Akkorden im Stile von Aaron Copland eine freie Adaption eines Textes von Martin Niemöller („Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.“) vorträgt, der sich hier auf den Unruhen von Watts einen Monat zuvor bezieht (I’m as guilty of genocide as all the rest of you who do nothing). Er endet mit den Zeilen:
Then one day they came and they took me, And I could say nothing because I was as guilty as they were, For not speaking out and saying that all men have a right to freedom.
Nach der Rezitation trieb Mingus die Band in ein schnelles Themenspiel, das entfernt an den Haitian Fight Song von 1955 erinnert; Jimmy Owens spielte hier ein Flügelhornsolo.
Charles Mingus konnte anschließend die Arbeit mit dem Oktett mit einem Konzert in San Francisco fortsetzen und musste dann die Gruppe auf ein Septett (in dem Posaunist Tom McIntosh die beiden zusätzlichen Trompeter ersetzte) und schließlich auf ein Sextett reduzieren, als er am 21. Dezember 1965 ein sechswöchiges Engagement im New Yorker Five Spot begann. Zu den wenigen weiteren Auftrittsmöglichkeiten gehörte ein Solidaritätskonzert für die Fakultätsmitglieder der St. John’s University im Februar 1966.
Titelliste mini|Charles Mingus 1976 in Manhattan (New York) Charles Mingus: Music Written for Monterey 1965, Not Heard… Played in Its Entirety at UCLA (Sunnyside SSC 3041, EmArcy 0602498427590)
1. Disc Opening Speech – 0:42 Meditation on Inner Peace Part I – 17:57 Speech Introducing Musicians – 1:41 Meditation on Inner Peace Part II – 0:51 Speech – 0:15 Once Upon a Time There Was a Holding Corporation Called Old America (1st False Start) – 0:08 Lecture to Band – 0:27 Once Upon a Time, There Was a Holding Corporation Called Old America (2nd False Start) – 1:22 Ode to Bird and Dizzy [alias „Bird Preamble“] (Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Denzil Best, Fats Navarro, Max Roach, Oscar Pettiford, Tadd Dameron, Lonnie Hillyer, Charles McPherson, Danny Richmond) – 10:18 Speech: Call Octet Back – 0:54 They Trespass the Land of Sacred Sioux – 7:11
2. Disc Speech: Introduction to Hobart Dotson/The Arts of Tatum and Freddy Webster – 10:01 Speech – 1:24 Once Upon a Time, There Was a Holding Corporation Called Old America – 11:01 Speech: Introduction to Lonnie Hillyer – 0:35 Muskrat Ramble (Irrtümlich so seit der Erstedition aufgeführt, handelt es sich jedoch um den Twelfth Street Rag von Euday L. Bowman)Charles Mingus: Hit in the Soul. The Wire (Kid Ory, Ray Gilbert) – 3:11 Pause – 0:11 Don’t Be Afraid, The Clown’s Afraid Too – 8:21 Don’t Let It Happen Here – 10:53
Soweit nichts anderes angegeben, stammen alle Kompositionen von Charles Mingus. Die Titelliste entspricht der CD-Ausgabe des Konzertmitschnitts; die ursprüngliche LP-Ausgabe ist wesentlich kürzer.Discogs
Editorischer Hinweis Mingus konnte auf seinem eigenen Plattenlabel lediglich 200 Exemplare des in Mono aufgenommenen Doppelalbums per Mail-Order verkaufen, bevor ihm das Geld für sein Unternehmen ausging. Die Original-Masterbänder waren bei Capitol Records eingelagert und wurden 1971 bei Aufräumarbeiten ohne Benachrichtigung des Eigentümers zerstört. Fred Cohen vom Jazz Record Center und Susan Mingus überwachten die Wiederveröffentlichung von 1984, der auf der Erst-Ausgabe aufbaut. Diese Ausgabe enthielt auch eine 7-Zoll-Single mit dem Stück They Trespass the Land of the Sacred Sioux, mitgeschnitten beim Auftritt des Mingus-Oktetts in Monterey.Besprechung des Albums. In: NYTimes. Die spätere CD-Ausgabe enthält im Booklet neben den von Mingus verfassten Original Liner Notes eine Sammlung dessen handschriftlicher Notizen und einen Auszug aus einem Comic Strip, den er gestaltete, um seinen Platten-Versand zu bewerben.
Rezeption Scott Yanow bewertete das Album in AllMusic lediglich mit drei (von fünf) Sternen und merkte an, dass es einige starke Momente in diesem Mitschnitt gebe; insgesamt sei es jedoch eine „unbeständige, wenn auch farbenfreudige Leistung.“
Für die Mingus-Biografen Horst Weber und Gerd Filtgen ist der UCLA-Mitschnitt ein „Meisterwerk“; Meditation on Inner Peace „enthält die schönsten Soli, die Hillyer und McPherson je einspielten. Dazu ist Mingus mit herrlich sauber intonierten Arco-Beiträgen zu hören; Julius Watkins entlockt dem French Horn originelle Klänge, die bislang unerreicht auf diesem Instrument sind.“Horst Weber, Gerd Filtgen: Charles Mingus. Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten. Oreos, Gauting-Buchendorf o. J., ISBN 3-923657-05-6, S. 151 ff.
Für John Pareles ist der Mitschnitt schon allein deshalb von Bedeutung, weil er Gelegenheit dazu gibt, sonst unveröffentlichte Mingus-Werke wie They Trespass the Land of the Sacred Sioux, Don’t Let It Happen Here und The Arts of Tatum and Freddy Webster sowie dessen Arrangement von Muscrat Ramble und die Bebop-Suite Ode to Bird and Dizzy zu hören.