mini|Wolfram Freiherr von Richthofen (als Generalmajor, um 1940). Wolfram (genannt Ulf) Karl Ludwig Moritz Hermann Freiherr von Richthofen (* 10. Oktober 1895 in Barzdorf im Kreis Striegau; † 12. Juli 1945 in Bad Ischl) war ein deutscher Jägerpilot im Ersten Weltkrieg, in der Zeit der Weimarer Republik ein Heeresoffizier der Reichswehr sowie später, während der Zeit des Nationalsozialismus, ein hochrangiger Luftwaffenoffizier beziehungsweise (ab 1943) Generalfeldmarschall der Luftwaffe der Wehrmacht. Er war der Cousin des bekannten Fliegerasses Manfred von Richthofen.

Zwischen Januar und Oktober 1937 war Richthofen Stabschef der Legion Condor, welche im Spanischen Bürgerkrieg zum Einsatz gelangte. Er war dabei verantwortlich für die Operationen der Legion Condor. In diesem Zusammenhang zeichnete er auch verantwortlich für den in der Geschichtsschreibung stark umstrittenen Luftangriff auf Guernica, der nach heutigen völkerrechtlichen und kriegsvölkerrechtlichen Maßstäben als Kriegsverbrechen gewertet werden kann.

Im Zweiten Weltkrieg war er unter anderem Befehlshaber des VIII. Fliegerkorps, welches 1941 die deutsche Landung auf Kreta und 1942 die Eroberung von Sewastopol unterstützte. Darüber hinaus kommandierte Richthofen ab Sommer 1942 die Luftflotte 4, die im Rahmen des Falls Blau der 6. Armee und der 4. Panzerarmee den Weg in Richtung Stalingrad mit massiver Luftnahunterstützung gegen die Rote Armee ebnete. Er war zudem später Befehlshaber der Luftflotte 2 sowie ab 1943 Generalfeldmarschall der Luftwaffe des Deutschen Reichs.

Richthofen, bei dem im Sommer 1944 ein Hirntumor festgestellt worden war, worauf er sein Kommando abgegeben hatte, wurde im Oktober 1944 mit begrenztem Erfolg operiert. In einem sich stetig verschlechternden Zustand geriet Richthofen im Mai 1945 in US-Gefangenschaft; er starb am 12. Juli 1945 in einem USAAF-Militärhospital in Bad Ischl an den Folgen seiner Erkrankung.

Leben Kaiserreich und Erster Weltkrieg mini|Richthofen als Pilot vor seinem Jagdflugzeug Fokker D.VII während des Ersten Weltkrieges (1918) Seine Eltern waren Wolfram von Richthofen († 1922) und Therese Götz von Olenhusen. Ulf wurde Adoptivsohn seines Onkels, des Kavallerie-Generals Manfred von Richthofen. 1913 trat von Richthofen im Alter von 18 Jahren als Fähnrich in das Husaren-Regiment „von Schill“ (1. Schlesisches) Nr. 4 der Preußischen Armee ein. Im Jahr 1914 wurde er nach dem Besuch der Kriegsschule Kassel zum Leutnant befördert. Bis 1917 nahm er mit dem Regiment am Ersten Weltkrieg teil, in dem er es zum Führer einer Eskadron brachte. Danach wechselte er in die Fliegertruppe und durchlief eine Ausbildung zum Flugzeugführer in der Fliegerersatzabteilung in Halle. Nach deren Abschluss ging Richthofen im März 1918 erneut in den Fronteinsatz als Pilot in der Jagdstaffel 11, die von seinem berühmten Cousin Manfred von Richthofen, dem „Roten Baron“, geführt wurde. Bis zum Kriegsende errang Richthofen acht Luftsiege.

Weimarer Republik Aus dem aktiven Militärdienst schied Richthofen zum Anfang des Jahres 1920 als Oberleutnant aus. In Breslau heiratete er 1920 Jutta von Selchow (1896–1991), die er durch ihren älteren Bruder Günther von Selchow (1891–1968) kennengelernt hatte, der nach dem Dienst bei der Kaiserlichen Marine später Kapitän zur See d. R. der Kriegsmarine wurde. Jutta war die Tochter der Elisabeth von Kranold und des Generalleutnants Udo von Selchow. Anschließend studierte Richthofen bis 1923 an der Technischen Hochschule Hannover Maschinenbau und schloss sein Studium als Diplom-Ingenieur ab. Im März 1922 kam sein Sohn Wolfram zur Welt. Er wurde Luftwaffenpilot und gilt seit Juni 1944 im Raum Iași (Bessarabien) als vermisst. Der zweite Sohn Götz von RichthofenDie Zöglinge der Ritterakademie zu Brandenburg a. H. 1914–1945, Zweite Fortsetzung und Ergänzung 1914–1945, zusammengestellt durch Siegfried von Boehn und Wolfgang von Loebell. Druck Gerhard Heinrigs Verlag, Selbstverlag des Vereins ehemaliger Zöglinge der Ritterakademie zu Brandenburg a. H., Karl von Oppen, Otto Graf Lambsdorff, Gerhard Hannemann, Köln 1969/1970, S. 267. folgte im Herbst 1925 und war zunächst Zögling an der Brandenburger Ritterakademie, wurde später Kaufmann, heiratete Renate Brinckmann und hatte die Söhne Wolfram, Armin und Jasper. Jutta und Wolfram hatten eine Tochter Ellen, geboren 1928, die 1958 den Münchner Konzerndirektor Victor Fritsche heiratete.Fritsche, Victor; 1912–2002. Versicherungskaufmann, in: Deutsche Biographie. 2023. Im engeren Umfeld der Familie ehelichte seine Schwester Sophie-Therese den Gutsherrn Alfred von Wietersheim-Neuland. Sein Bruder Manfred von Richthofen (1898–1944) erbte den Besitz Barzdorf und der jüngste Bruder Gerhard (gen. Gert) (1902–1956) emigrierte in den dreißiger Jahren nach Angola und betrieb dort bis zu seinem Tod eine Kaffeeplantage bei Calulo.

Im November 1923 trat Wolfram von Richthofen in Ohlau als Leutnant in das 11. (Preußische) Reiter-Regiment der Reichswehr ein. Dort blieb er nur kurz, denn Richthofen war bereits in dieser Zeit an den Vorbereitungen zum verdeckten Aufbau einer zukünftigen Luftwaffe beteiligt. Offiziell tat er Dienst bei der Berliner Stadtkommandantur, tatsächlich arbeitete er für das Heereswaffenamt. Ab 1925 trug Richthofen wieder den Dienstgrad eines Oberleutnants. Am 1. November 1928 wurde er Kompanieführer in der 5. Kraftfahr-Abteilung und am 1. Februar 1929 zum Hauptmann befördert. Während dieser Zeit wurde Richthofen 1929 an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg zum Dr.-Ing. promoviert. Seine Dissertationsarbeit wurde unter dem harmlos klingenden Titel „Der Einfluß der Flugzeugbauarten auf die Wirtschaftlichkeit des Flugbetriebes“ in das Verzeichnis der Hochschulschriften aufgenommen. Tatsächlich ging es aber – so auch der Titel eines Exemplars in der Bibliothek der TH Berlin-Charlottenburg – um den „Einfluß der Flugzeugbauarten auf die Beschaffung unter besonderer Berücksichtigung militärischer Gesichtspunkte“. Die Dissertation war aus Geheimhaltungsgründen nicht frei zugänglich, der abgeänderte „offizielle“ Titel verschleierte den wahren Inhalt der Forschungsarbeit. „Für Richthofen ging es um die Beantwortung der Frage, welche Bauart und damit welche Firma für welche Form der Rüstung am geeignetsten war, für die Rüstung im Frieden und für die Rüstung im Krieg bei der Beschaffung einer großen Menge von Flugzeugen in kürzester Frist. War die militärische Vorgabe an die Unternehmen bisher darauf beschränkt, geeignete Konstruktionen für Angriff, Verteidigung und Aufklärung zu fordern, so konnte die Richthofen’sche Prioritätenliste nun dazu benutzt werden, zugleich bindende Anforderungen an den strukturellen Aufbau und die Werkstoffauswahl im Sinne einer effizienten Beschaffung zu formulieren“.

Im April 1929 wurde Richthofen für zweieinhalb Jahre als erster Luftattaché an die deutsche Botschaft in Rom versetzt und dort auch von Italien notifiziert, um über die italienischen Luftstreitkräfte und deren Luftfahrttechnik Informationen zu beschaffen. Daneben war er zugleich Repräsentant der noch nicht offiziell bestehenden deutschen Luftstreitkräfte. Zu dieser Zeit befand sich bereits ein italienischer Luftattaché in Berlin. Bevor die Einsatzzeit in Rom zu Ende ging, reiste sein Nachfolger, Hauptmann Otto Hoffmann von Waldau (1898–1943) nach Italien und platzierte sich an der Botschaft.Walter Riccius: Die Institution der Luftattachés. Deutsche Luftattachés von Beginn bis 1945. Dr. Köster Verlag, Berlin, ISBN 978-3-96831-061-9, S. 247f. Nachdem von Richthofen Ende September 1932 wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist, wurde er wiederum als Kompaniechef eingesetzt, diesmal in der 6. (Preußische) Kraftfahrt-Abteilung.

Zeit des Nationalsozialismus Anfänge Noch Anfang 1933 nahm Wolfram von Richthofen an einer technischen Fortbildung teil und wurde dann zum 1. Oktober 1933 von der nun offiziell eingerichteten deutschen Luftwaffe übernommen. Bei dieser wurde er zunächst im Reichsluftfahrtministerium Chef der Entwicklungsabteilung. Im Jahr 1934 wurde er zum Major befördert und 1936 zum Oberstleutnant.

Spanischer Bürgerkrieg mini|Wolfram von Richthofen (Hintergrund) mit Hugo Sperrle in Spanien, 1936. mini|Hitler (ganz links im Vordergrund), Reichsmarschall Göring und Richthofen (dritter von links) bei der Abnahme einer Parade in Berlin zu Ehren der Rückkehr der Legion Condor aus Spanien (Juni 1939). Ab 1936 wurde von Richthofen als Mitglied der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Falangisten im Kampf gegen die demokratisch gewählte republikanische Regierung eingesetzt. Dabei sah er seine Abkommandierung nach Spanien als Chance an, neue Flugzeugtypen und Bomben unter Kriegsbedingungen testen zu können.Hans-Erich Volkmann: Wolfram von Richthofen, die Zerstörung Wieluńs und das Kriegsvölkerrecht. In: Militärgeschichtliche Zeitschrift. 70, 2011, S. 316.

Richthofen war ab Januar 1937 Chef des Stabes der Legion Condor und während ihres Luftangriffs auf Guernika im April 1937 für die gezielten Bomben- und Stuka-Angriffe auf die Zivilbevölkerung verantwortlich. Laut Richthofen war es das Ziel, so zumindest gemäß seiner Tagebuchnotizen, die Rückzugslinien der republikanischen Truppen in der Stadt zu unterbrechenAntony Beevor: Der spanische Bürgerkrieg. Wilhelm Goldmann Verlag. München 2008, S. 299. sowie drei Rüstungsfabriken nahe der Stadtgrenze zu zerstören.Stanley G. Payne / Jesús Palacios: Franco: A Personal and Political Biography. University of Wisconsin Press. Madison 2014, S. 181f. Die Brücke sowie die Rüstungsfabriken blieben jedoch fast unbeschädigt und die Masse der Spreng- und Brandbomben wurde stattdessen über den Straßen und Häuserzeilen des gesamten Stadtgebietes verteilt.

Dieser Angriff, bei dem die religiöse Hauptstadt des Baskenlandes zu etwa 70 Prozent zerstört und hunderte Zivilisten getötet wurden, war eines der ersten größeren Flächenbombardements auf Zivilisten in der Kriegsgeschichte und eines der ersten großen Ereignisse, bei denen die deutsche Luftwaffe aus heutiger Sicht gegen das Kriegsvölkerrecht verstoßen hat.Klaus A. Maier: Die Zerstörung Gernikas am 26. April 1937. (PDF; 2,2 MB). In: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Militärgeschichte. Zeitschrift für historische Bildung. Ausgabe 1/2007, S. 18–22. Der US-amerikanische Luftfahrthistoriker James Corum, der eine Biographie Richthofens veröffentlichte, widerspricht dieser Darstellung indessen und bezeichnet den Angriff auf der Grundlage der 1937 bestehenden völkerrechtlichen und kriegsvölkerrechtlichen Rahmenbedingungen als ein durchaus legitimes Vorgehen, welches gleichwohl aber als eine Ouvertüre bezüglich kommender Schrecken des Luftkrieges im Zweiten Weltkrieg gedeutet werden kann.James Corum: Wolfram von Richthofen. Master of the German Air War. University Press of Kansas. Lawrence (KS) 2008, S. 134. Corum merkt hierbei auch an, dass Richthofen zwar ein fachlich kompetenter, aber zugleich auch ein rücksichtsloser Vertreter des Luftkriegskonzeptes jener Zeit gewesen sei.Corum: Wolfram von Richthofen, S. 26f.

Richthofen notierte nach persönlicher Besichtigung am Ereignisort seine Bewertung des Angriffs in seinem Kriegstagebuch: „Die 250er warfen eine Anzahl Häuser um und zerstörten die Wasserleitung. Die Brandbomben hatten nun Zeit, sich zu entfalten und zu wirken. Die Bauart der Häuser: Ziegeldächer, Holzgalerie und Holzfachwerkhäuser, führte zur völligen Vernichtung. (..) Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.“Tagebuch von Wolfram von Richthofen, zitiert nach Hubert Brieden, Heidi Dettinger, Marion Hirschfeld: Ein voller Erfolg der Luftwaffe. Die Vernichtung Guernicas und deutsche Traditionspflege. Nördlingen, 1997, S. 72. Die Details des Luftangriffes sind bis zu seinem Tod bewusst vertuscht, niemals eindeutig thematisiert worden. Eine rechtliche Aufarbeitung hat, auch bedingt durch seinen frühen Tod, nie stattgefunden.