Die Anschlagserie in Amman am 9. November 2005 war eine Serie koordinierter Selbstmordanschläge auf drei Hotels in der jordanischen Hauptstadt Amman. Bei den nahezu zeitgleichen Explosionen im Grand Hyatt, im Radisson SAS und im Days Inn wurden rund 60 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt. Besonders viele Opfer forderte der Anschlag auf das Radisson SAS, wo während einer Hochzeitsfeier ein Selbstmordattentäter seinen Sprengsatz zündete.

Zu den Anschlägen bekannte sich al-Qaida im Irak unter Führung des aus Jordanien stammenden Abū Musʿab az-Zarqāwī. Die hohe Zahl jordanischer und muslimischer Opfer trug in Jordanien zu einer breiten öffentlichen Ablehnung der Anschläge und Zarqawis bei. Als einzige der vier vorgesehenen Attentäter überlebte die 35-jährige Sadschida ar-Rischawi, nachdem ihr Sprengsatz nicht detoniert war. Sie wurde wenige Tage später festgenommen, wegen ihrer Beteiligung an den Anschlägen zum Tode verurteilt und 2015 hingerichtet.

Hintergrund und Vorbereitung Jordanien war bereits zuvor mehrfach Ziel von Anschlägen und Anschlagsplanungen Zarqawis und seines Umfelds gewesen. Zarqawi war an dem Ende 1999 vereitelten sogenannten Millennium-Komplott beteiligt, bei dem Anschläge auf mehrere touristische und religiöse Ziele in Jordanien geplant waren. Zu den vorgesehenen Zielen gehörte bereits das Radisson SAS in Amman. Im Oktober 2002 wurde der Mitarbeiter der US-Entwicklungsbehörde USAID Laurence Foley in Amman von Angehörigen von Zarqawis Netzwerk ermordet. Im Frühjahr 2004 vereitelten die jordanischen Sicherheitsbehörden zudem einen Zarqawi zugeschriebenen Anschlagsplan gegen den jordanischen Geheimdienst, weitere Regierungsziele und die US-Botschaft in Amman.

Auch nach der Gründung von al-Qaida im Irak blieb Jordanien ein Ziel von Zarqawis Organisation. Im August 2005 bekannte sich al-Qaida im Irak zu einem Raketenangriff auf zwei im Hafen von Akaba liegende US-amerikanische Kriegsschiffe; eine der Raketen verfehlte die Schiffe und tötete einen jordanischen Soldaten. Jordanische Ermittlungen kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Zarqawis Organisation hinter dem Angriff stand. Die Anschläge in Amman waren Teil einer zunehmenden Ausweitung ihrer Operationen über den Irak hinaus.

Nach Angaben der jordanischen Behörden reisten die vier für die Anschläge vorgesehenen Iraker, ein Ehepaar und zwei sich als Verwandte ausgebende Männer, fünf Tage vor der Tat mit gefälschten Pässen aus dem Irak nach Jordanien ein und mieteten eine Wohnung im von irakischen Flüchtlingen bewohnten Ammaner Stadtteil Tlaa Ali. Am Abend des 9. November fuhren die vier mit Taxis zu ihren Angriffszielen in der Innenstadt, den Hotels Grand Hyatt, Radisson SAS und Days Inn.Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, S. 142–145 (Die gescheiterte Selbstmordattentäterin von Amman), hier: S. 142–143.

Anschläge mini|Schäden an einem der angegriffenen Hotels

Am Abend des 9. November 2005 verübten die drei männlichen Mitglieder der Gruppe innerhalb weniger Minuten Selbstmordanschläge auf das Grand Hyatt, das Radisson SAS und das Days Inn in Amman. Die Täter trugen Sprengstoffgürtel mit RDX-Sprengstoff und Kugellagern.

Den folgenschwersten Anschlag verübte Ali Hussein Ali al-Schamari im Radisson SAS. Dort fand an diesem Abend eine Hochzeitsfeier mit mehreren hundert Gästen statt. Al-Schamari betrat den Festsaal gemeinsam mit seiner Ehefrau Sadschida ar-Rischawi. Nach Angaben der jordanischen Behörden versuchte auch ar-Rischawi, ihren Sprengstoffgürtel zu zünden, konnte ihn jedoch nicht zur Detonation bringen. Ihr Ehemann schickte sie daraufhin aus dem Saal und zündete seinen eigenen Sprengsatz. Bei der Explosion wurden 36 Menschen getötet.

Nahezu zeitgleich zündete Rawad Jassem Mohammed Abed seinen Sprengsatz im Grand Hyatt. Safaa Mohammed Ali verübte den dritten Anschlag am Days Inn. Nach Angaben jordanischer Ermittler verließ Ali das Hotel, nachdem ein Mitarbeiter auf ihn aufmerksam geworden war, und zündete seinen Sprengsatz vor dem Gebäude. Dabei wurden drei Mitglieder einer chinesischen Militärdelegation getötet. Die drei Anschläge töteten insgesamt rund 60 Menschen und verletzten mehr als 100.

Ermittlungen und Nachgeschichte Wenige Tage nach den Anschlägen nahmen die jordanischen Behörden Sadschida ar-Rischawi fest, die noch immer ihren Sprengstoffgürtel angelegt hatte. Sie war nach der Explosion im Radisson mit dem Taxi zu ihrem Schwager in die Stadt Salt gefahren und blieb dort bis zu ihrer Festnahme.Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, S. 144–145. Die Ermittler identifizierten sie als vierte Angehörige der aus dem Irak eingereisten Tätergruppe. In einem am 13. November im jordanischen Staatsfernsehen ausgestrahlten Geständnis erklärte ar-Rischawi, gemeinsam mit ihrem, erst kurz vor der mit drei Männern angetretenen Reise nach Jordanien geheirateten,Vgl. hierzu Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, S. 144. Ehemann Ali Hussein Ali al-Schamari an dem Anschlag auf das Radisson SAS beteiligt gewesen zu sein. Sie gab an, ihr Ehemann habe ihr einen Sprengstoffgürtel angelegt und dessen Bedienung erklärt; ihr eigener Sprengsatz sei jedoch nicht detoniert.

Am 24. April 2006 begann vor dem jordanischen Staatssicherheitsgericht der Prozess gegen ar-Rischawi. Während des Verfahrens bestritt sie ihre Beteiligung und erklärte, ihr im Fernsehen ausgestrahltes Geständnis sei unter Zwang zustande gekommen. Am 21. September 2006 verurteilte das Gericht sie wegen ihrer Beteiligung an den Anschlägen zum Tod durch den Strang. Sechs weitere Angeklagte, die sich nicht in Gewahrsam befanden, wurden in Abwesenheit ebenfalls zum Tode verurteilt.

Während eines seit 2006 bestehenden De-facto-Moratoriums für Hinrichtungen wurde das Todesurteil gegen ar-Rischawi zunächst nicht vollstreckt. Jordanien nahm Hinrichtungen im Dezember 2014 wieder auf. Im Januar 2015 forderte die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) ihre Freilassung im Austausch gegen den japanischen Gefangenen Kenji Gotō. Die jordanische Regierung erklärte daraufhin ihre Bereitschaft, ar-Rischawi freizulassen, verlangte dafür jedoch die Freilassung des vom IS gefangen gehaltenen jordanischen Kampfpiloten Muʿādh al-Kasāsba. Nachdem IS ein Video von al-Kasāsbas Tötung veröffentlicht hatte, wurde ar-Rischawi am 4. Februar 2015 hingerichtet.

Reaktionen und Folgen Die Anschläge lösten in Jordanien breite öffentliche Empörung aus. Bereits am folgenden Tag demonstrierten Tausende Menschen in Amman gegen die Anschläge und Abū Musʿab az-Zarqāwī. Zarqawi und seine Organisation hatten sich zu den Anschlägen bekannt und sie als Vergeltung für die jordanische Unterstützung der Vereinigten Staaten von Amerika dargestellt. Zarqawi behauptete, dass sich die Anschläge gegen „israelische Spione“ gerichtet hätte und nur versehentlich eine Hochzeitsgesellschaft getroffen worden sei, doch war den Attentätern laut Radschawi vor der Tat bewusst gewesen mitten in einer Hochzeitsgesellschaft gewesen zu sein.Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, S. 142–145 (Die gescheiterte Selbstmordattentäterin von Amman), hier: S. 144–145. König Abdullah II. kündigte an, die Verantwortlichen und ihre Unterstützer zu verfolgen. In den folgenden Tagen kam es zu weiteren Demonstrationen; auch Angehörige von Zarqawis Familie und Clan distanzierten sich öffentlich von ihm.

Die hohe Zahl jordanischer und muslimischer Opfer, insbesondere der Anschlag auf die Hochzeitsgesellschaft im Radisson SAS, führte zu einer deutlichen öffentlichen Ablehnung Zarqawis und al-Qaidas in Jordanien. Zarqawis Organisation reagierte auf die Kritik mit mehreren Erklärungen, in denen sie die Auswahl der Hotels rechtfertigte und bestritt, gezielt Muslime angegriffen zu haben.

Auch innerhalb al-Qaidas stießen die Anschläge auf Kritik. In einem Ende 2005 verfassten Schreiben kritisierte der hochrangige al-Qaida-Funktionär Atijah Abd al Rahman Zarqawis Strategie und führte die Anschläge in Amman als Beispiel für Operationen an, die Unterstützung unter Muslimen gekostet hätten. Rund sieben Monate nach den Anschlägen, am 7. Juni 2006, wurde Zarqawi bei einem US-Luftangriff nahe Baquba im Irak getötet.

Literatur Joby Warrick: Black Flags: The Rise of ISIS. Doubleday, New York 2015, ISBN 978-0-385-53821-3. The “Amman Hotel Bombings”: A Transformation in the State’s Security Strategy. In: Salafism in Jordan: Political Islam in a Quietist Community. Friedrich-Ebert-Stiftung, Amman 2009, S. 156 ff. Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, S. 142–145 (Die gescheiterte Selbstmordattentäterin von Amman).

Einzelnachweise

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