mini|Südfassade des Belton House Belton House ist ein Landhaus in Belton bei Grantham in der englischen Grafschaft Lincolnshire. English Heritage hat es als historisches Gebäude I. Grades gelistet. Das Herrenhaus ist von formellen Gärten umgeben, in denen eine Reihe von sternförmig angelegten Wegen zu einer Reihe von Follies in einem größeren, bewaldeten Park führen. Belton wird als Zusammenstellung der schönsten Aspekte der karolinischen Architektur, des einzigen wirklich einheimischen Architekturstils, beschrieben, den England seit der Zeit der Tudors hervorbrachte. Auch wurde das Haus als komplettestes Beispiel eines typisch englischen Landhauses bezeichnet; man hat sogar behauptet, dass die Hauptfassade von Belton House das Vorbild für die modernen Verkehrsschilder auf britischen Autobahnen seien, die auf Herrenhäuser hinweisen. Nur Brympton d'Evercy wurde in vergleichbarer Weise als perfektes englisches Landhaus gerühmt.
300 Jahre lang war Belton Haus Sitz der Familien Brownlow und Cust, die erstmals Ende des 16. Jahrhunderts Land in der Gegend gekauft hatten. Von 1685 bis 1688 ließen der junge Sir John Brownlow und seine Frau das heutige Herrenhaus bauen. Trotz ihres großen Reichtums entschieden sie sich für den Bau eines bescheidenen Landhauses anstatt eines damals üblichen barocken Palastes. Der damals auf dem Land gebräuchliche, karolinische Baustil wurde gewählt. Doch wurde das neue Haus mit den damals modernsten Erfindungen ausgestattet, z. B. mit Schiebefenstern für die wichtigsten Räume und – noch wichtiger – separaten Räumen für die Dienerschaft. Weil die Brownlows von Baronets zu Baronen und weiter zu Earls erhoben wurden und dann wieder zu Baronen wurden, ließen folgende Generationen Änderungen im Inneren des Hauses vornehmen, die ihren unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellungen und ihrem jeweiligen Geschmäckern entsprachen, aber die Bauweise des Hauses und sein Stil blieben nahezu unverändert.
Nach dem Ersten Weltkrieg – einer Zeit, in der das Machine Gun Corps im Park stationiert war – waren die Brownlows, wie viele andere Adlige, mit wachsenden finanziellen Problemen konfrontiert. 1984 gaben sie das Haus auf und überschrieben es komplett mit dem größten Teil der Innenausstattung dem National Trust. Heute ist das Haus vollständig öffentlich zugänglich, in gutem Zustand. 2019 wurde Belton House von rund 461.000 Personen besucht. 2024 betrug die Besucherzahl etwa 420.000 Personen.
Geschichte mini|Das Clarendon House in London, das von Roger Pratt entworfen wurde, lieferte die Inspiration für Belton House. Clarendon House wurde im selben Stil, aber mit weniger barocken Verzierungen, wie Schloss Vaux-le-Vicomte in Frankreich wenige Jahre vorher gebaut. mini|Der Stallblock von Belton House aus dem 17. Jahrhundert wurde vollständig von William Stanton entworfen und zeigt weniger Raffinesse als das Herrenhaus. Die Familie Brownlow, eine Dynastie von Rechtsanwälten, begann etwa 1598, in der Gegend von Belton Land zu kaufen. 1609 erstanden sie die Anwartschaft auf das Herrenhaus von Belton von der Familie Pakenham, die schließlich 1617 das Haus an Sir John Brownlow verkaufte. Das alte Haus lag neben der Kirche im Garten des heutigen Hauses und blieb größtenteils ungenutzt, da die Familie ihre anderen Häuser bevorzugte. John Brownlow hatte eine Erbin geheiratet, blieb aber kinderlos; seine nächsten Verwandten waren ein Großneffe, ebenfalls John Brownlow, und eine Großnichte, Alice Sherard. Die beiden heirateten 1676 und drei Jahre später erbten das Paar das Anwesen der Brownlows von ihrem Großonkel zusammen mit einem jährlichen Einkommen von £ 9000 und einer Bargeldsumme von £ 20.000. Sie kauften sofort ein Stadthaus am gerade modern gewordenen Southampton Square im Londoner Stadtteil Bloomsbury und entschlossen sich, ein neues Landhaus in Belton zu bauen.
Die Arbeiten am neuen Haus begannen 1685. Der Baumeister, der vermutlich für den ersten Entwurf zuständig war, war William Winde. Man schreibt diesen Entwurf aber auch Sir Christopher Wren zu, wogegen wieder andere meinen, der Entwurf ähnele dem von Roger Pratts Clarendon House und könne damit von jedem talentierten Zeichner erstellt worden sein. Die heute populäre Annahme, dass Winde der Architekt war, basiert auf der stilistischen Ähnlichkeit zwischen dem fertigen Belton House und der nachweislich von Winde gezeichneten Combe Abbey. Als weiterer Beweis gilt ein Brief aus dem Jahre 1690, in dem Winde einen Stuckateur empfiehlt und Ratschläge zur Ausgestaltung der Innenräume gibt.
Wer auch immer der Architekt war, Belton House folgt eng dem Stil von Clarendon House, das 1647 fertiggestellt wurde. Dieses großartige Londoner Stadthaus, das 1683 zerstört wurde, war wegen “seiner eleganten Symmetrie und seinem sicheren und allgemeinverständlichen Stils” eines der am meisten bewunderten Gebäude seiner Zeit. Sir John Summerson hat Clarendon House als “das Haus seiner Zeit, das am meisten Einfluss auf die genommen hat, die nach seiner großartigen Art strebten”, beschrieben und Belton House als “ganz das schönste bis heute erhaltene Beispiel seiner Klasse”. Man weiß, dass John und Alice Brownlow eines der damals bestmöglichen Teams von Künstlern für dieses Projekt zusammenbrachten. Dieses Traumteam wurde von Baumeister William Stanton angeführt, der das Projekt leitete. Sein Vertreter John Thompson hatte schon mit Christopher Wren beim Bau einiger seiner Kirchen zusammengearbeitet, während der Cheftischler John Sturges in Chatsworth unter William Talman gearbeitet hatte. Der Kunstschmied John Warren hatte unter Stanton bereits in Denham im Buckinghamshire gearbeitet und die ersten schönen schmiedeeisernen Tore und Toraufsätze in Belton waren vermutlich von ihm. Die Bauleute in Belton waren so kompetent, dass Winde vermutlich lediglich die Pläne und Werkstattzeichnungen bereitstellen musste und deren Interpretation den örtlichen Handwerkern überlassen konnte. Diese Theorie wird auch durch das äußere Erscheinungsbild des angrenzenden Stallblocks weiter gestützt. Dieser ist provinzieller und nicht so meisterlich in seinen Proportionen, war aber gänzlich die Arbeit von Stanton.
Architektur Ethos mini|Nordfassade von Belton House. Im 17. Jahrhundert ermöglichte die Planung doppelter Räume größere Symmetrie der Fassaden und eine kompaktere Bauweise unter einem Dach. mini|Westfassade. Viele der Fenster sind blind (vgl. Grundriss weiter unten) und sitzen dort zur Erhaltung der Symmetrie. Das barocke schmiedeeiserne Tor (womöglich von John Warren) schließt einen Hof zwischen Herrenhaus und Stallungen ab und schafft so den Effekt eines Ehrenhofes am Westeingang des Hauses („C“ im Grundriss unten). mini|Die Auffahrt zum Herrenhaus durch den Hof am westlichen Eingang (siehe „C“ auf dem Grundriss unten). Dies ist der meistens von der Familie benutzte Eingang. Die Privaträume der Familie lagen im Westflügel. Das Uhrentürmchen liegt in einer Achse mit dem Türmchen auf dem Herrenhaus und bildet einen Kontrapunkt dazu. mini|Grundriss des 1. Stockes von Belton House. Legende: A: Küche im Obergeschoss, (jetzt Hondecoeter Room); B: Raum für die Dienerschaft (jetzt Frühstückszimmer); C: Hintertreppe und Westeingang; D: Abstellraum; E:Schulzimmer; F:Salon (heute Roter Salon); G:Kleines Wohnzimmer (heute Wandteppichzimmer); H:Großes Wohnzimmer (heute Salon); J: Marmorhalle; K: Salon (heute Tyrconnel-Zimmer); L: Haupttreppenhaus; M: Obergeschoss der Kapelle; N: Galerie privater Kirchenbänke über der Kapelle; O: Vorraum (heute Salon der Kapelle);P: Hintertreppe und Osteingang; Q: Abstellraum für Süßigkeiten und Gebäck; R Schlafzimmer (heute Blaues Zimmer). Das Ende des 17. Jahrhunderts war in England eine Zeit großen Fortschritts in Kunst und Architektur. Nach den harten Jahren des Commonwealth of England blühten Architektur und Künste mit der Wiedereinsetzung der Monarchie 1660 auf und entwickelten sich weiter. Ausgewanderte Royalisten und reiche junge Männer, die die Grand Tour gemacht hatten, kehrten mit neuen Ideen nach Hause zurück – häufig extravagante Variationen klassischer Themen. Dies war für England der Auftakt zum Barock. Eine neue Welle von Baumeistern, wie Roger Pratt, John Webb oder Sir Christopher Wren bauten nicht nur weitläufige Gebäude in einem Renaissance-inspirierten Stil, sondern bauten auch alte Häuser in diesem Sinne um. Repräsentativ für den Umbau eines älteren Hauses ist Coleshill House in Berkshire, wo Pratt den mittelalterlichen, damals aber überflüssigen Rittersaal in eine klassisch inspirierte Eingangshalle komplett mit Doppeltreppe umbaute. Der Wunsch der Herrschaften, nun getrennt von ihren Dienern zu leben, machten den Rittersaal überflüssig. Sie wollten nicht länger zusammen mit ihnen im Rittersaal essen und verbannten alle Erscheinungen und Gerüche des Kochens und der Dienerschaft von den Hauptteilen des Hauses. Die Herrschaften lebten nun in feinen, luftigen Räumen über dem Erdgeschoss, getrennt von der Dienerschaft, die nun – soweit sie nicht gerade gebraucht wurden – auf ihre eigenen, speziell gebaute Geschosse – oftmals das Erdgeschoss oder das Dachgeschoss – beschränkt waren. Dies war eine Zeit großen gesellschaftlichen Umbruchs in der englischen Geschichte und die wohlerzogenen Leute sonnten sich Aufklärung und Eleganz. Belton House ist nicht im barocken Stil gehalten, aber es zeigt alle typischen Merkmale der neuen Tendenzen.
Belton House wurde in einer zurückhaltenden, fast schon palladianistisch beeinflussten Architektur entworfen, die unmittelbar vor der Einführung des verspielten Barockstils in England populär war. Die Grundform dieser Architektur waren streng symmetrische, oft rechteckige Häuser mit Dreiecksaufsatz über dem Mittelteil. Dieses fast rigide Konzept sollte die Konstruktion unzähliger Häuser beeinflussen, darunter auch Belton House. Später nannte man dies karolinische Architektur (nach „Carolus“, dem lateinischen Namen des damals regierenden Monarchen Karls II.). Dieser Stil wurde gerne vom niederen Adel sowohl bei ihren Land- als auch bei ihren Stadthäusern verwendet, und zwar auch noch lange nach dem Tod Karls II.
Belton House wurde aus dem örtlichen Ancaster-Stein, einem Kalkstein gebaut. Die Ecksteine bestehen aus dem leichteren Werkstein aus Ketton. Der H-förmige Grundriss wurde gegen Ende der elisabethanischen Periode üblich. Aber zum Ende des 16. Jahrhunderts hatte sich die Architektur von Wohnhäusern weiterentwickelt, weg vom früheren, nur einen Raum tiefen H-Grundriss, den man z. B. beim Montacute House sehen kann. Das neue Layout platzierte Räume Rücken an Rücken, was zu einem zwei Räume tiefen Grundriss führte. Dies nannte man „Double Pile“ (dt.: doppeltes Gebäude). Wie in Belton erlaubte dies die Anlage von Räumen, die nicht nur besser beleuchtet und geheizt wurden, sondern auch besser zugänglich waren und in Beziehung zueinander standen. Der größte Vorteil war aber die größere Privatsphäre. Unter bautechnischen Aspekten ermöglichte diese Bauart eine kompaktere Bauweise unter einem einzigen, einfacher gestalteten Dach, was die Baukosten senkte. Die Häuser sahen solider aus und hatten mehr als nur eine oder zwei Fassaden.
Das Äußere von Belton House selbst und verschiedener Nebengebäude auf dem Grundstück inspirierten wiederum Edith Whartons Haus The Mount in Lenox in Massachusetts.
Konstruktion