Die Katholische Deutsche Studentenverbindung Hercynia [] (KDStV Hercynia) im CV zu Freiburg im Breisgau ist eine 1873 gegründete nichtschlagende katholische deutsche Studentenverbindung. Zudem ist sie Mitglied im Marburger Kreis.

Geschichte Die Gründungszeit Die Gründung der Hercynia erfolgte noch zu Zeiten des späten Badischen Kulturkampfes, in dem das Großherzogtum Baden und die Römisch-katholische Kirche über die Stellung der Kirche innerhalb der Gesellschaft stritten. Durch die Schließung des theologischen Konviktes im Zuge des besagten Badischen Kulturkampfes trat der Aenane Gustav Karle aus dem Priesterseminar in die medizinische Fakultät über, wo er die Gründung einer katholischen Studentenverbindung aus dem Cartellverband heraus bewerkstelligte. Die KDStV Hercynia wurde am 24. Juni 1873Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 44; Martin Dossmann: "Freiburgs Schönheit lacht uns wieder …", Die Studentenverbindungen in Freiburg im Breisgau, Hilden 2017, S. 98., dem Johannistag, an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg von Mitgliedern der Verbindungen KDStV Aenania München und AV Guestfalia Tübingen durch Unterzeichnung der Gründungsurkunde gestiftetFlorian Werr: Geschichte des Cartell-Verbandes der katholischen deutschen Studenten-Verbindungen. Paderborn 1890. S. 253. Die Aufnahme in den Cartellverband erfolgte auf der Cartellversammlung in Stuttgart am 14. Oktober 1873.Florian Werr: Geschichte des Cartell-Verbandes der katholischen deutschen Studenten-Verbindungen. Paderborn 1890. S. 254 Zusammen mit der kurz zuvor gegründeten KDStV Markomannia Würzburg gehört die Hercynia zu den ersten beiden Verbindungen, die aus dem Cartellverband zum Zweck der Expansion an weiteren Universitäten gegründet wurden. Die ersten Ehrenmitglieder wurden am 7. Juli 1875 aufgenommen, darunter waren der Joseph von Buß (Politiker des Zentrums, siehe Abschnitt zum Kulturkampf) sowie Graf Max von KageneckFlorian Werr: Geschichte des Cartell-Verbandes der katholischen deutschen Studenten-Verbindungen. Paderborn 1890. S. 257. Der Altherrenverband wurde im Jahr 1880 ins Leben gerufen, wobei der spätere Reichskanzler Constantin Fehrenbach zum ersten Altherrensenior gewählt wurde. Der Dichter Heinrich Gassert, selbst aus den Reihen der Hercynia, verfasste für den Cartellverband den Text des Liedes „Laßt, ihr buntbemützten Scharen“, das 1885 als offizielles CV-Bundeslied angenommen wurde.Martin Dossmann: "Freiburgs Schönheit lacht uns wieder …", Die Studentenverbindungen in Freiburg im Breisgau, Hilden 2017, S. 349 (Fn. 1531).

Badischer und Akademischer Kulturkampf Noch bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts waren katholische Studentenverbindungen politischen Eliten ein Dorn im Auge. Dieser Konflikt wurde sowohl auf politischer Ebene durch die zahlreich bei der Hercynia vertretenen Zentrums-Politiker als auch durch die Studenten an der Universität ausgetragen. Bei einer mehrtägigen Debatte über den Haushalt des badischen Kulturministeriums im April 1904 äußerte der Hercyne und Zentrums-Politiker Constantin Fehrenbach zur Existenzberechtigung der katholischen Korporationen und dem Vorwurf, dass diese die konfessionelle Spaltung der Gesellschaft vergrößerten: .

Zu dieser Zeit war in Freiburg auch auf hochschulpolitischer Ebene der Akademische Kulturkampf, ein Kampf zwischen schlagenden und nichtschlagenden, konfessionellen Studentenverbindungen, in vollem Gange. Im Studentenausschuss der Universität Freiburg, der 1904 zur Regelung studentischer Belange gegründet worden war, sollten die katholischen Verbindungen nicht als Einzelverbindungen vertreten sein, sondern lediglich als Gruppe, da die schlagenden Verbindungen durch die zu jener Zeit stattfindenden Ausgründungen konfessioneller Verbindungen ihren Einfluss schwinden sahen. Im Februar 1905 fasste der Freiburger Studentenausschuss folgende Resolution: „Hier in Freiburg, wo ein Vernichtungskampf der katholischen Korporationen infolge ihrer nur allzu mächtigen Hintermänner und infolge des Bekenntnisses der Bevölkerung unmöglich ist, lassen wir den Ruf ergehen, energisch Front zu machen gegen diese nicht nur konfessionellen, sondern politischen Verbindungen, damit es nicht auch vom akademischen Staate heißen möge: Zuntrum ist Trumpf!“.Wolfgang Ihle: 100 Jahre KDStV Hohenstaufen zu Freiburg im Breisgau, Eine Verbindungsgeschichte als Studie über den Bewusstseinswandel katholischer Akademiker im 20. Jahrhundert, Freiburg, 2005, S. 30.

In diesem Kontext wurde die Anerkennung der durch die Hercynia neu gegründeten KDStV Hohenstaufen (am 6. Juni 1905) zum Gegenstand von Erörterungen im Studentenausschuss. Nachdem keine Einigung gefunden werden konnte, kündigte der Prorektor an, den Ausschuss aufzulösen. Bevor der Ausschuss aber aufgelöst werden konnte, wurde er durch Mitglieder der Freiburger Burschenschaften gesprengt, die den katholischen Korporationen vorwarfen, den Frieden zu untergraben und dem Zentrum Wahlhilfe zu leisten. Daraufhin wurden am 24. Juli ein Sonderausschuss der Antikonfessionellen Studenten und am 16. Dezember ein Nichtschlagender Sonderausschuss gegründet.Peter Stitz: Der akademische Kulturkampf um die Daseinsberechtigung der katholischen Studentenkorporationen in Deutschland und in Österreich von 1903 bis 1908. Gesellschaft für CV Geschichte, München 1960, S. 85. Weiterführende Quelle: Academia, XVIII, S. 131 u. 318.Martin Dossmann: „Freiburgs Schönheit lacht uns wieder …“, Die Studentenverbindungen in Freiburg im Breisgau, Hilden 2017, ISBN 978-3-944052-99-1, S. 129–133.

Gegen Ende des Akademischen Kulturkampfes, beim Festkommers des Katholikentages 1907 (am 18. November), der von der KÖStV Austria Wien präsidiert wurde, trat Constantin Fehrenbach als Redner auf, wobei die Gleichberechtigung der katholischen Studentenschaft erneut im Vordergrund seiner Ausführungen stand.Peter Stitz: Der akademische Kulturkampf um die Daseinsberechtigung der katholischen Studentenkorporationen in Deutschland und in Österreich von 1903 bis 1908. Gesellschaft für CV Geschichte, München 1960, S. 105–106. In der Einladung zum Festkommers der Universität von 1908 werden die Spannungen zwischen den Verbindungen und ein langsames Abklingen der Konflikte folgendermaßen thematisiert: „Auch unsere Studentenschaft hat sich, nachdem die vor mehreren Jahren eingetretene confessionelle Abspaltung und die sich daran anschließenden Kämpfe sie lange getrennt gehalten, zum Festkommers zu Ehren ihres erhabenen Rector Magnificentissimus erstmals wieder einmütig in nie dagewesener Zahl zusammengefunden, um unserem durchlauchtigsten Landesfürsten ihre Verehrung, Liebe und Treue zu bekunden.“Miriam Rürup: Ehrensache. Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten 1886–1937, Göttingen 2008, S. 257.

Spätestens in der Zeit der Weimarer Republik war der Konflikt zwischen schlagenden und konfessionellen Studenten verflogen. Zu Teilen vermutlich wegen der Aufwertung durch den schwindenden politischen Einfluss der Corps nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II (Mitglied beim Corps Borussia Bonn) und die zahlreichen politischen Ämter, welche Alte Herren verschiedener konfessioneller Verbindungen einnahmen. Bei der Hercynia ist an prominentester Stelle Constantin Fehrenbach zu nennen, der vom 25. Juni 1920 bis zum 4. Mai 1921 Reichskanzler der Weimarer Republik war.

Mitgliederzahlen und Gründung neuer Verbindungen Um die Jahrhundertwende war die Aktivitas der Hercynia auf 120 bis 130 Aktive angewachsen, dass in Folge der Aufhebung des Singularitätsprinzips im Cartellverband (1897) die erste Tochterverbindung KDStV Ripuaria Freiburg im Breisgau am 6. Juni 1899 gegründet wurde.Michael Doeberl: Das Akademische Deutschland; Band II: Die deutschen Hochschulen und ihre akademischen Bürger. C.A. Weller Verlag, Berlin 1931. S. 770.S. Schieweck-Mauk: Lexikon der CV- und ÖCV-Verbindungen. Gemeinschaft für deutsche Studentengeschichte, Würzburg 1997, ISBN 3-89498-040-0, S. 640.

Bei der Gründung der zweiten Tochterverbindung der Hercynia, der KDStV Hohenstaufen am 6. Juni 1905 machte sich dann der Zeitgeist des Akademischen Kulturkampfes bemerkbar.Michael Doeberl: Das Akademische Deutschland; Band II: Die deutschen Hochschulen und ihre akademischen Bürger. C.A. Weller Verlag, Berlin 1931, S. 769. Aus dem Lager der Waffenstudenten (schlagenden Studentenverbindungen) wurde das vaterländische Empfinden der katholischen Korporationen angezweifelt, weswegen das nationale Prinzip von diesen als Reaktion stärker betont wurde. So wurde die KDStV Hohenstaufen Freiburg (wie alle nachfolgenden Tochterverbindungen der Hercynia) mit einem deutschen Namen gegründet und auch der Wahlspruch der Hohenstaufen „Virtus patriae, amico fides!“ (= „Tapferkeit dem Vaterland, dem Freund die Treue!“) greift das Prinzip Patria auf. Diese Strömung war auch auf Verbandsebene spürbar, wo z. B. das Wort „Vaterlandsliebe“ im Jahr 1907 Eingang in die Satzung des Cartellverbandes fand.Peter Stitz: Der akademische Kulturkampf um die Daseinsberechtigung der katholischen Studentenkorporationen in Deutschland und in Österreich von 1903 bis 1908. Gesellschaft für CV Geschichte, München 1960, S. 118. Das Missfallen der Corps über die Expansion konfessioneller Studentenverbindungen wurde vom damals präsidierenden Corps, Hasso-Borussia an den Prorektor der Universität, Theodor Axenfeld, folgendermaßen formuliert: „ein derartiges Vorgehen der konfessionellen Verbindungen den Frieden unter den Corporationen der hiesigen Universität in schwerster Weise gefährden würde.“.Wolfgang Ihle: 100 Jahre KDStV Hohenstaufen zu Freiburg im Breisgau, Eine Verbindungsgeschichte als Studie über den Bewusstseinswandel katholischer Akademiker im 20. Jahrhundert, Freiburg, 2005, S. 30. Zu dieser Zeit (Wintersemester 1909/10) erfreuten sich die katholischen Studentenverbindungen in Freiburg großen Zuspruchs unter den Studenten, so waren von 1064 katholischen Studenten 233 bei katholischen Studentenverbindungen (Quote: 21,9 %) organisiert.Christopher Dowe: Auch Bildungsbürger, Katholische Studierende und Akademiker im Kaiserreich, Göttingen, 2006, S. 312. Am 9. Januar 1913 wurde die KDStV Falkenstein gegründet (Farben: orange-grün auf weißem Grund; Wahlspruch: Deutsch und treu!)Michael Doeberl: Das Akademische Deutschland; Band II: Die deutschen Hochschulen und ihre akademischen Bürger. C.A. Weller Verlag, Berlin 1931, S. 769. sowie am 29. Mai 1924 die KDStV Wildenstein (Farben: schwarz-weiß-violett; Wahlspruch: Treudeutsch allewege!, später geändert in: In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas!)Michael Doeberl: Das Akademische Deutschland; Band II: Die deutschen Hochschulen und ihre akademischen Bürger. C.A. Weller Verlag, Berlin 1931, S. 770..