Die (perkutane) Nierenbiopsie ist ein 1951 eingeführterHorst Kremling: Über Schwangerschaft und Niere. Ein Rückblick. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 17, 1998, S. 275–282; hier: S. 279. medizinischer Eingriff, der durchgeführt werden kann, wenn der Verdacht auf eine Nierenkrankheit vorliegt. Als Erstbeschreiber gilt jedoch der Nephrologe Hans Bellin (1969).
Bei der Nierenbiopsie wird mit einer Biopsienadel Gewebe aus der Niere entnommen. Indikationen für eine Biopsie können eine Proteinurie, eine Hämaturie, ein akutes Nierenversagen, ein systemischer Lupus erythematodes, das Nichtfunktionieren einer Transplantatniere oder eine chronische Niereninsuffizienz sein.http://nephrologie.uniklinikum-leipzig.de/download/Indikationen%20zur%20Nierenbiopsie%20V6%20-%2017112010.pdf Auch zur Verlaufskontrolle einer Behandlung und bei einer TransplantatabstoßungGerhard Rodeck: Urologische Erkrankungen, Band 18, Praxis der Allgemeinmedizin, Urban & Schwarzenberg, München, Wien, Baltimore 1987, ISBN 3-541-13121-7, S. 174. kann eine Biopsie von einer der beiden Nieren beziehungsweise von der Spenderniere angezeigt sein.The Merck Manual, 20. Auflage, Merck Sharp & Dohme, Kenilworth 2018, ISBN 978-0-911910-42-1, S. 2073.
Gelegentlich wird auch die transkutane Entnahme eines Nierensteins (bei einer Nephrolithiasis) mit einer Biopsiezange zur weiteren Steinanalyse als Nierenbiopsie bezeichnet.
Indikationen und Kontraindikationen Als mögliche Indikationen zur Diagnosesicherung gelten das akute Nierenversagen und das chronische Nierenversagen sowie alle anderen Nephropathien.
Allerdings muss auch an die extrarenalen Syndrome nach Wilhelm Nonnenbruch gedacht werden, also an die Niereninsuffizienz ohne Nierenkrankheit. Hier ist eine Biopsie kontraindiziert.Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 978-3-86126-126-1, S. 1404. Beim Kardiorenalsyndrom, beim Hepatorenalsyndrom und beim Pulmorenalsyndrom wird die feingewebliche (histologische), die mikroskopische oder die anatomische Analyse unauffällig sein. Ein solches extrarenales Nierensyndrom (Nonnenbruch-Syndrom) wird immer dann vorliegen, wenn der Quotient aus glomerulärer Filtrationsrate und Herzzeitvolumen (GFR/HZV) unauffällig ist.Wilhelm Nonnenbruch: Die doppelseitigen Nierenkrankheiten, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1949, S. 170–192.Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 15. Auflage, Band 2 (L–Z), Ullstein Mosby, Berlin 1992, ISBN 3-86126-031-X, S. 1494.Zahra Siejek: Bedeutung und Risiken der Biopsie bei der Diagnostik von Nierenerkrankungen, Dissertation, Ruhr-Universität Bochum, Bochum 2003, S. 11. Deswegen gilt zum Beispiel auch der Verdacht auf eine diabetische Nephropathie als relative Kontraindikation für eine Nierenbiopsie,Ulrich Thomae: Niereninsuffizienz, "Aktuelles Wissen Hoechst", Reihe Herz-Kreislauf, Hoechst, München 1989, S. 47. zumal hier mit einheitlichen histologischen Befunden nicht zu rechnen ist.Rudolf Groß, Paul Schölmerich: 1000 Merksätze Innere Medizin, 2. Auflage, F. K. Schattauer Verlag, Stuttgart, New York 1978, ISBN 3-7945-0511-5, S. 157. Eine solche Nierenpunktion (oder PunktionsbiopsieJohann Heinrich Holzner (Hrsg.): Spezielle Pathologie II, Urban & Schwarzenberg, 2. Auflage, München, Wien, Baltimore 1977, ISBN 3-541-06762-4, S. 13.) ist also oft entbehrlich.Hans Eduard Franz, Walter H. Hörl (Hrsg.): Blutreinigungsverfahren, 5. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York 1997, ISBN 978-3-13-497705-9, S. 1. Zahlreiche andere Kontraindikationen werden beschrieben und müssen beachtet werden. Auch bei fehlenden therapeutischen Konsequenzen wird auf eine Gewebeentnahme verzichtet.Ulrich Thomae: Niereninsuffizienz, "Aktuelles Wissen Hoechst", Hoechst, München 1989, S. 47 f.
Durchführung Früher sprach man von der Nierenblindpunktion.Reinhold Kluthe, Norbert Szczeponik: Nieren- und Hochdruckkrankheiten. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg, 1970, ISBN 978-3-540-79627-5, DOI:10.1007/978-3-642-87634-9, Kapitel "Operative Biopsie und Blindpunktion der Niere", S. 112–114.Linus Geisler: Innere Medizin II, 10. Auflage, Kohlhammer Studienbücher, Verlag Wilhelm Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1970, ISBN 3-17-007038-X, S. 63. Heute unterscheidet man die perkutane Biopsie (Stanzbiopsie) von der risikoärmeren Feinnadelbiopsie, obwohl auch bei dieser eine Aspirationsnadel durch die Haut (also perkutan oder transkutan) gestochen wird. Die Biopsie erfolgt heute mit Ultraschallunterstützung und mit einem halbautomatischen Biopsiegerät. Nach lokaler Betäubung dauert der Eingriff ca. 20 Minuten.Frank Henry Netter: Farbatlanten der Medizin, Band 2, Niere und Harnwege, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1976, ISBN 3-13-524101-7, S. 107 f. Im Anschluss an die Biopsie muss der Patient 24 Stunden unter stationärer Überwachung eine strenge Bettruhe einhalten. An Komplikationen werden Nachblutungen und Verletzungen von Nachbarorganen beschrieben.Walter Siegenthaler et al. (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin, 3. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York 1992, ISBN 3-13-624303-X, S. 416 f. Gelegentlich kann es besonders bei Kindern auch zu arteriovenösen Fisteln kommen.Richard Fotter (Hrsg.): Pediatric Uroradiology, Springer-Verlag, 2. Auflage, Berlin, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-33004-2, S. 12. Die Letalität wurde (1970 von Linus Geisler) mit 2 Promille angegeben. Jede Organpunktion gilt nach Paragraph 223 des Strafgesetzbuches als Körperverletzung; nach dem Patientenrechtegesetz muss über die Vorteile, die Nachteile und die Alternativen umfassend aufgeklärt werden.
In seltenen Fällen kann die Biopsie auch offen chirurgisch (zur Probenexzision) oder minimal invasiv (laparoskopisch) durchgeführt werden. Als Rarität wird sogar der transjuguläre Zugang empfohlen, also ein Vorgehen mit einem zentralen Venenkatheter durch eine der beiden Drosselgruben und dann über die Vena jugularis interna sowie über beide Hohlvenen durch die Nierenvene (Vena renalis) in das zu untersuchende Nierengewebe.Ulrich Kuhlmann, Joachim Böhler, Friedrich C. Luft, Mark Dominik Alscher, Ulrich Kunzendorf (Hrsg.): Nephrologie, 6. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York 2015, ISBN 978-3-13-700206-2, S. 65–67.Tinsley Randolph Harrison: Harrisons Innere Medizin, 18. Auflage, McGraw-Hill, Band 3, Berlin 2012, ISBN 978-3-940615-20-6, S. 2504 f.
Untersuchung des Gewebematerials Durch eine feingewebliche sowie elektronenmikroskopischeDieter Klaus: Nephrologische Erkrankungen, Band 7, Praxis der Allgemeinmedizin, Urban & Schwarzenberg, München, Wien, Baltimore 1983, ISBN 3-541-10811-8, S. 221. Untersuchung der gewonnenen Gewebeprobe findet die Befundung durch einen Nephropathologen statt. Zusätzlich kann eine immunhistochemische DiagnostikWillibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 267. Auflage, Verlag de Gruyter, Berlin 2017, ISBN 978-3-11-049497-6, S. 1266 f. erfolgen; dann spricht man von der Tripeldiagnostik.Sabine Hennhöfer, Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (Hrsg.): Wege zur Diagnose – Entscheidungsprozesse in der Medizin, Urban & Schwarzenberg, München, Wien, Baltimore 1992, ISBN 3-541-16521-9, S. 246. Die Aufarbeitung der Biopsie benötigt drei bis fünf Tage. In dringenden Biopsiefällen kann eine Diagnose innerhalb von drei Stunden nach dem Eingang des Biopsats (Bioptat) gestellt werden.Günther E. Schubert, Birgit Angela Bethke: Lehrbuch der Pathologie, Verlag Walter de Gruyter, Berlin, New York 1981, ISBN 3-11-008561-5, S. 354 ff. nach der Banff-Klassifikation.Jörg Dötsch, Lutz T. Weber (Hrsg.): Nierenerkrankungen im Kindes- und Jugendalter, Springer-Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-662-48788-4, S. 258–260.
Literatur Rüdiger Waldherr, Karl Schärer: "Nierenbiopsie", in: Karl Schärer, Otto Mehls (Hrsg.): Pädiatrische Nephrologie, Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg 2002, ISBN 978-3-642-62621-0, S. 49–56.
Einzelnachweise
Kategorie:Klinisches Untersuchungsverfahren Kategorie:Diagnostisches Verfahren in der Nephrologie