mini|Bénédicte Savoy (2018)

Bénédicte Savoy (geboren am 22. Mai 1972 in Paris) ist eine französische Kunsthistorikerin. Sie ist Professorin für Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin. Von 2016 bis 2021 war sie Professorin für die Kulturgeschichte des europäischen Kunsterbes des 18. bis 20. Jahrhunderts am Collège de France in Paris. Als Expertin für „Translokationen“ von Kunstwerken (einschließlich Kunstraub und Beutekunst) erarbeitete sie 2018 gemeinsam mit Felwine Sarr einen Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter für den französischen Staatspräsidenten.

Leben Bénédicte Savoy besuchte 1988/89 die Beethoven-Oberschule in West-Berlin. Nach den geisteswissenschaftlichen Vorbereitungsklassen am Lycée Henri IV studierte sie ab 1992 Germanistik an der École Normale Supérieure in Fontenay/Saint-Cloud mit einem Erasmusjahr an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Abschlussarbeit für das Diplôme d’études approfondies (DEA) an der Universität Paris VIII (Vincennes–Saint-Denis) schrieb sie 1994 bei Jacques Le Rider über Die Darstellung der deutschen Identität bei Anselm Kiefer. 1996 erhielt sie die Agrégation (Lehrbefugnis für höhere Schulen) in Germanistik. Von 1997 bis 2001 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre Marc Bloch in Berlin sowie Lehrbeauftragte an der Technischen Universität (TU) und der Freien Universität (FU) Berlin. Im Jahr 2000 wurde sie an der Universität Paris VIII bei Michel EspagneLebenslauf Bénédicte Savoy, TU Berlin, Stand 19. August 2022. mit einer Dissertation über den französischen Kunstraub in Deutschland um 1800 promoviert.

Von 2003 bis 2009 war Savoy Juniorprofessorin am Institut für Geschichte und Kunstgeschichte der Technischen Universität Berlin. Seit 2009 ist sie dort Professorin für Kunstgeschichte der Moderne. Nach einer Vorlesungsreihe als Gastdozentin im Juni 2015 wurde Savoy 2016 zur Professorin am Collège de France berufen: Sie hat dort den Lehrstuhl Histoire culturelle du patrimoine artistique en Europe, XVIIIᵉ–XXᵉ siècles bis 2021 inne.Bénédicte Savoy, bei Collège de France Im November 2024 bekleidete Savoy die „Cátedra del Prado“, eine akademische Gastprofessur des Prado-Museums in Madrid. Im September 2025 gab die New York Times bekannt, dass Savoy zur nächsten Gastprofessorin der „Chaire du Louvre“ ernannt wurde. Dieser Lehrstuhl wird nach Angaben des Louvre an einen „großen Denker unserer Zeit“ vergeben. Savoy wird die Gastprofessur im Herbst 2026 antreten.

Im Auftrag des französischen Präsidenten Emmanuel Macron untersuchte sie mit dem senegalesischen Wissenschaftler Felwine Sarr die Möglichkeit der Rückgabe von Kulturgütern französischer Museen an afrikanische Länder. Daraus ging im November 2018 ein Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter hervor, der eine Darstellung dieses Themas in Frankreich sowie in einigen Ländern Afrikas bietet sowie Empfehlungen und einen Zeitplan für die geplanten Restitutionen benennt. Eine gekürzte und überarbeitete Version dieses Berichts wurde sechs Monate später auch auf Deutsch veröffentlicht.

Savoy gilt international als Expertin für die Verbringung von Kulturgütern bzw. des Kunstraubs, insbesondere aus ehemaligen Kolonien in europäische Museen. Von 2015 bis 2017 war sie Mitglied in der internationalen Expertenkommission des Humboldt Forums.Das Goldene, das Dunkle. Interview mit Savoy, Der Spiegel, Nr. 29, 14. Juli 2018 Da das Gremium in dieser Zeit nur zwei Mal tagte, bezeichnete sie es als Proforma-Veranstaltung und kritisierte insbesondere einen Mangel sowohl an Provenienzaufklärung als auch an engerer Zusammenarbeit von Sammlung und Wissenschaft.Christiane Peitz: Update. Streit ums Humboldt-Forum. In: Der Tagesspiegel, 21. Juli 2017. Nach ihrem Ausscheiden verglich sie die Konzeption des Humboldt-Forums mit Tschernobyl: Es sei „unter dieser Bleidecke begraben […] wie Atommüll, damit bloß keine Strahlung nach außen dringt“.Bénédicte Savoy über das Humboldt-Forum: „Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl“. In: Süddeutsche Zeitung, 20. Juli 2017. Im Streit um das Kuppelkreuz auf dem wiederaufgebauten Stadtschloss sprach sie sich gegen das christliche Symbol auf dem Museumsbau aus.Rüdiger Schaper: Lange Nacht der Ideen – Das Kreuz mit der Kultur. In: Der Tagesspiegel, 14. Mai 2017.

Savoy war von 2012 bis 2021 Mitglied des Stiftungsrates der Kulturstiftung des Bundes. 2018 wurde sie in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. Ab 2019 war Savoy für drei Jahre Mitglied des neu begründeten Rates der Jungen Akademie, die gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina getragen wird.

Im Jahr 2020 zählte die ArtReview Sarr und Savoy zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt. 2021 folgte dann die Aufnahme Sarrs und Savoys in den Kreis der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt durch das US-Magazin TIME, die sie für ihren bedeutenden Einfluss auf die weltweite Restitutionsdebatte erhielten., abgerufen am 16. September 2021 In der FAZ nannte sie der Kulturjournalist Andreas Kilb „die wichtigste wissenschaftliche Stimme in der Debatte um die Rückgabe während der Kolonialzeit entwendeter afrikanischer Kunstwerke.“

2026 erhielt sie für ihr Projekt REMAPP – Rearticulating Museums: Historical African Practices of Preservation and the Future of Stewardship einen ERC Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats.Technische Universität Berlin Pressemitteilung vom 23. Juni 2025: ERC Advanced Grant: Afrikanische Museumsgeschichte neu erzählen, abgerufen am 6. Juli 2025

Sie war – bis zu seinem Tod 2017 – mit Johannes Grützke verheiratet. Die beiden haben zwei gemeinsame Kinder. Archivlink, Abruf am 18. Juli 2025.

Beiträge zur Debatte über eine Dekolonisierung von Museen Nach dem Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter veröffentlichte Savoy weitere Bücher über die dadurch erneut entfachte internationale Diskussion über die Geschichte, Begründungen und Widerstände bezüglich der Forderungen nach Rückgaben von Kulturgut kolonialer Herkunft sowie der sogenannten Dekolonisierung von Museen. Ihr Buch Afrikas Kampf um seine Kunst: Geschichte einer postkolonialen Niederlage stand bereits kurz nach der Veröffentlichung Anfang 2021 auf den vordersten Plätzen für die besten Sachbücher in der ZEIT.

In seiner Rezension zu diesem Sachbuch schrieb Andreas Kilb „... zeichnet Savoy anhand von Archivmaterial in allen Einzelheiten nach, wie mehrere afrikanische Staaten, allen voran Nigeria und Zaire, seit ihrer Unabhängigkeit versucht haben, Teile ihres in westlichen Museen lagernden Kulturerbes zurückzuerlangen – und wie der Westen diese Versuche abschmetterte oder ins Leere laufen ließ.“ Philipp Meier beschreibt Benedicte Savoys Studie über die Rückgabe-Debatte sowohl als Geschichte verpasster beziehungsweise verpatzter Chancen wie auch als Geschichte der Verdrängung.

Till Briegleb lobte in der Süddeutschen Zeitung, dass Savoy nicht nur die besonders verstockte deutsche Haltung in der damaligen Restitutionsdebatte zeigte, sondern auch, dass die Denkweise in manchen europäischen Ländern in der Debatte relativ einheitlich rassistisch blieb. Er empfiehlt das Buch, um die Emotionalität aktueller Debatten zur Restitution afrikanischer Kunstschätze begreifen: „Die Entdeckung, dass die berechtigen Anliegen, gewaltsam entwendetes oder durch asymmetrische Machtverhältnisse angeeignetes Kulturgut zurückzuerhalten, über Jahrzehnte systematisch mit Lügen, Schweigen, strategischer Entmutigung und blanker Ignoranz beantwortet wurden, muss schmerzen.“ Auch René Aguigah zählte im Deutschlandfunk die Entlarvung der „Emotionsverschiebung“ in der Argumentation der deutschen Arbeitsgruppe „Rückgabe von Kulturgut“ zu den eindrucksvollsten Analysen des Buches. „Emotional“, das wären für die deutschen Fachleute die ehemals kolonisierten Länder, die „moralischen“ oder „öffentlichen“ Forderungen gewesen. Die vermeintliche Affektlosigkeit der Fachleute erweise sich als Mittel im Kampf der Experten. Dagegen warf eine Besprechung im Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaft Sehepunkte 2022 und gleichzeitig im Kunstforum auf Arthistoricum 2022 Savoy methodische Fehler und emotionale Befangenheit vor.

Die beiden von Savoy und anderen Kunsthistorikern 2021 herausgegebenen Bände zu den Themen Kunstraub, Kulturerbe und Restitution mit dem Titel Beute. Eine Anthologie zu Kunstraub und Kulturerbe erzielten ebenfalls sowohl in Rezensionen als auch auf Bestenlisten ein bedeutendes Echo.

Zwischen 2019 und 2023 erforschte Savoy in Zusammenarbeit mit Albert Gouaffo (Université de Dschang) und einem siebenköpfigen Team die Geschichte des kulturellen Erbes von Kamerun in Deutschland. Die Ergebnisse wurden in dem Buch Atlas der Abwesenheit. Kameruns Kulturerbe in Deutschland publiziert und im Rahmen einer Tagung im Juni 2023 präsentiert.

Ehrungen 2001: Prix Pierre Grappin 2009: Walter-de-Gruyter-Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften 2011: Richard Hamann-Preis der Philipps-Universität Marburg für hervorragende wissenschaftliche Leistungen in der Kunstgeschichte 2013: Ritterin des nationalen Verdienstorden (Frankreich) 2014: Preis für vorbildliche Lehre verliehen von der Gesellschaft von Freunden der TU Berlin e. V. 2015: Prix de l’Académie de Berlin sowie den Prix du Rayonnement de la langue et de la littérature françaises der Académie française 2016: Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis; zudem wurde sie in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften gewählt. 2017: Kythera-Preis der Kythera-Kulturstiftung 2021: Carl-Friedrich-Gauß-Medaille der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft 2021: In Würdigung ihrer Leistungen als Forscherin wurde ihr anlässlich der Wissensstadt Berlin 2021 im Rahmen der Ausstellung „Berlin – Hauptstadt der Wissenschaftlerinnen“ eine Ausstellungstafel gewidmet. 2022: Kasseler Bürgerpreis Das Glas der Vernunft 2022: Großer Deutsch-Französischer Medienpreis für ihre Forschungstätigkeit und ihr Engagement für die Rückgabe von erbeuteten Kunstwerken an die ehemaligen Kolonienhttps://www.deutschlandfunkkultur.de/b-n-dicte-savoy-und-anselm-kiefer-bekommen-grossen-deutsch-franzoesischen-medienpreis-100.html 2022: Ritterin der französischen Ehrenlegion 2022: Deutscher KulturpolitikpreisDeutscher Kulturrat Pressemitteilung vom 8. September 2022: Bénédicte Savoy erhält Deutschen Kulturpolitikpreis. Auszeichnung würdigt Verdienste Savoys bei der Rückgabe von Raubkunst, abgerufen am 8. September 2022 2023: Berliner WissenschaftspreisTagesspiegel vom 2. Mai 2023: Kosmos der Kolonialgeschichte. Bénédicte Savoy bekommt den Berliner Wissenschaftspreis, von Rüdiger Schaper, abgerufen am 4. Mai 2023 2024: Clark Prize for Excellence in Arts Writing, Clark Art Institute 2024: Prix Elina & Louis Pauwels, Société des Gens de Lettres 2025: Prix Européen de l’Essai 2025 für ihr Buch À qui appartient la beauté? (La Découverte, Paris 2024)(idw) Informationsdienst Wissenschaft Nachrichten vom 1. August 2025: Personalia. Europäischer Essaypreis für Bénédicte Savoy, abgerufen am 3. August 2025

Schriften (Auswahl) Patrimoine annexé. Les saisies de biens culturels pratiquées par la France en Allemagne autour de 1800. Vorwort von Pierre Rosenberg, 2 Bände. Deutsches Forum für Kunstgeschichte / Éditions de la Maison des Sciences de l’Homme, Paris 2003, ISBN 2-7351-0988-7. Tempel der Kunst. Die Entstehung des öffentlichen Museums in Deutschland. 1701–1815. Philipp von Zabern, Mainz 2006. Helmina von Chézy, Leben und Kunst in Paris seit Napoleon I., Weimar 1805–1807, kommentierte Ausgabe. Akademie-Verlag, Berlin 2009. mit Kristina Kratz-Kessemeier, Andrea Meyer (Hrsg.): Museumsgeschichte. Kommentierte Quellentexte 1750–1950. Reimer, Berlin 2010. mit Michel Espagne (Hrsg.): Dictionnaire des historiens d’art allemands. CNRS éditions, Paris 2010.