Angelica ist ein Libretto zu einer Festa teatrale in zwei Teilen von Pietro Metastasio. Geschrieben und von Nicola Antonio Porpora erstmals vertont wurde es für die Feierlichkeiten zum Geburtstag der Kaiserin Elisabeth-Christine (der Gemahlin Karls VI.) am 28. August 1720. Die Aufführungen fanden am 4. und 7. September im Palast von Antonio Caracciolo, dem Prinzen von Torella, in Neapel statt.Manche Quellen (z. B. MGG 1) nennen als Datum der ersten Aufführung von Porporas Vertonung das Jahr 1722.
Handlung
mini|Titelblatt des Librettos, Musik von Ignazio Fiorillo, Padua 1744 mini|Titelblatt des Librettos, Musik von João de Sousa Carvalho, Lissabon 1778
In seinem Libretto stellt Metastasio die höfische Liebe der Edelleute den schlichteren Gewohnheiten der Landleute gegenüber. Die Handlung basiert auf Motiven den Gesängen 18, 19 und 23 des Orlando furioso von Ludovico Ariosto sowie dem Orlando innamorato von Matteo Maria Boiardo. Hintergrund sind die sagenhaften Kriege zwischen den christlichen Truppen Karls des Großen und den sogenannten Sarazenen aus Afrika und Spanien unter dem muslimischen König Agramante.
Vorgeschichte
Einer der wichtigsten Hauptleute Karls ist Orlando, der Herzog von Aglant, der nach längerer Abwesenheit im Orient in Begleitung der chinesischen Prinzessin Angelica heimgekehrt ist, um am Kampf teilzunehmen. Orlando ist in Angelica verliebt. Diese zeigt jedoch kein Interesse an ihm, sondern flieht, um in ihre Heimat zurückzukehren. Orlando und mehrere andere Ritter machen sich auf die Suche nach ihr. Nach einer mörderischen Schlacht zwischen den Christen und den Sarazenen suchen zwei der überlebenden muslimischen Soldaten, Medoro und Cloridano, im Mondlicht nach der Leiche ihres gefallenen Königs Dardinello, um diesem ein ordentliches Begräbnis bereiten zu können. Nachdem sie diese gefunden haben, werden sie jedoch von schottischen Rittern entdeckt und angegriffen. Cloridano wird getötet. Medoro dagegen bleibt schwer verletzt im Wald zurück und wird schließlich von der umherirrenden Angelica gefunden. Der Liebesgott Cupido nimmt Angelica ihre Hartherzigkeit gegenüber Orlando übel und beschließt, sie zu strafen. So sorgt er dafür, dass sie sich völlig unstandesgemäß in den gegnerischen Soldaten Medoro verliebt. Zunächst nur von Mitleid überwältigt, bereitet sie eine Salbe aus Heilkräutern und pflegt ihn gesund. Je mehr seine Wunden heilen, desto stärker öffnet sich ihre eigene „Liebeswunde“, und schließlich gesteht sie Medoro offen ihre Liebe, die dieser erwidert. Die beiden ritzen ihr Liebesbekenntnis in die Rinde der umliegenden Bäume.
Erster Teil
Angelica und Medoro genießen die Natur bei der Hütte des alten Schäfers Titiro. Dank Angelicas Salbe hat sich Medoro bereits gut von seinen Wunden erholt. Titiro schlägt ihnen vor, sich zu einer Quelle in der Nähe zu begeben, an der Medoro weiter genesen kann. Nachdem die beiden gegangen sind, denkt Titiro über das seltsame Schicksal der beiden nach.
Inzwischen wartet Titiros Tochter, die Schäferin Licori, sehnsüchtig auf ihren Geliebten Tirsi. Als er schließlich kommt, klagt sie über ihre Befürchtungen, dass er ihrer überdrüssig werden könnte. Tirsi beruhigt sie und versichert ihr seine Liebe. Der fränkische Ritter Orlando kommt zu ihnen und fragt sie nach dem Sarazenen Mandricardo. Sie haben ihn jedoch nicht gesehen. Da Orlando eine Rast benötigt, bietet Licori an, ihn zur Hütte ihres Vaters zu führen.
In der Hütte genießen Medoro und Angelica ihre Liebe. Als Orlando und Licori kommen, versteckt sich der Sarazene Medoro. Angelica begrüßt Orlando freundlich – was ihn erstaunt, da sie ihn zuvor immer zurückgewiesen hatte. Angelica fordert ihn auf, seine Waffen abzulegen und sich auszuruhen. Nachdem Medoro das Gespräch eine Weile eifersüchtig belauscht hat, zieht er sich zurück, weil er es nicht länger ertragen kann. Angelica täuscht Orlando vor, ihm treu zu sein, denkt dabei aber insgeheim nur an Medoro. Sie und Licori beschließen, Orlando eine Weile allein zu lassen und im nahegelegenen Bach zu baden. Orlando bleibt nur ungern zurück.
Licori ist verwundert über Angelicas Täuschung und fragt sie, ob das bei den Städtern so üblich ist. Angelica antwortet, zur Kunst der Liebe gehöre auch der Betrug. Licori ist anderer Meinung. Nachdem sie gegangen ist, kommt Medoro zurück und wirft Angelica ihr Verhalten gegenüber Orlando vor. Sie fühlt sich durch sein Misstrauen verletzt. Ein Duett voller gegenseitiger Anschuldigungen beendet den ersten Teil.
Zweiter Teil
Licori unterhält sich mit Medoro über den Sinn der Schwindeleien in der Liebe. Medoro erklärt ihr, dass man manchmal erst lernen müsse, zu betrügen, ehe man an die Liebe denken könne. Licori fragt ihn, was sie tun müsse, um Orlando für sich zu gewinnen. Medoro erzählt ihr, wie Angelica ihn mit Worten, Blicken und insbesondere mit Tränen verliebt gemacht habe. Orlando kommt, und Medoro entfernt sich. Licori versucht nun vergeblich, Orlando zu bezirzen. Das Gespräch wird jedoch von Tirsi belauscht, der über ihr Verhalten entsetzt ist. Nachdem Orlando gegangen ist, kommt Tirsi aus seinem Versteck und erklärt Licori seine Liebe. Sie antwortet: Da es ihn offensichtlich nicht störe, dass sie soeben von Orlando beschämt wurde, liebe er sie nicht wirklich und habe vermutlich längst eine andere Geliebte. Tirsi ist gekränkt und geht.
Angelica kommt zu der weinenden Licori. Licori ist wütend auf sie und ihre Ratschläge. Sie hat nun Tirsi verloren und auch Orlando nicht für sich gewinnen können. Angelica tröstet sie damit, dass Tirsi sich sicher bald beruhigen und zurückkehren werde. Angelica selbst beabsichtigt, in der folgenden Nacht mit Medoro zu fliehen. Sie schenkt ihr zum Abschied ein goldenes Armband. Licori hat nie zuvor Gold gesehen und erkennt es als das Metall, vor dem sie ihr Vater gewarnt hatte. Sie ist zufrieden mit den Gaben der Natur.
Da Titiro nichts von Orlandos Liebe zu Angelica weiß, erzählt er ihm von ihrem Verhältnis mit Medoro und zeigt ihm die Baumritzereien der beiden. Orlando wird wütend und schwört Rache. Nachdem er gegangen ist, bereut Titiro seine Rede.
Tirsi verabschiedet sich von Licori, um Angelica und Medoro auf ihrer Flucht zu begleiten. Licori hält ihn zurück, und schließlich versöhnen sich beide wieder. Angelica und Medoro warten daher vergeblich auf Tirsi, den sie eigentlich als Führer durch die ihnen unbekannte Gegend bräuchten. Aber die Zeit drängt, und schließlich verabschieden sie sich vom Wald und der Höhle, in der sie Schutz gefunden hatten.
Orlando tobt vor Wut auf Angelica und die Liebe. Dennoch würde er ihr vergeben, wenn sie zu ihm zurückkehren würde.
Nach Abschluss der eigentlichen Handlung folgt eine „Licenza“ – eine Huldigung an die Kaiserin Elisabeth, die vom Chor aufgenommen wird, um ihren Geburtstag zu feiern.
Geschichte
mini|links|Aufführung von 1722 in Neapel, Musik von Nicola Porpora
Angelica ist das erste Bühnenwerk Metastasios, das er ausdrücklich für eine Vertonung vorgesehen hatte. Er schrieb es 1720 im Alter von zweiundzwanzig Jahren. Der ursprüngliche Titel Orlando wurde später in Angelica geändert. Die Aufführungen von Porporas Vertonung zum Geburtstag der Kaiserin Elisabeth-Christine 1720 wurden von bedeutenden Sängern ausgeführt. Die Partie der Angelica sang Metastasios Gönnerin Marianna Benti Bulgarelli (genannt „Romanina“). Der Kastrat Carlo Broschi (Farinelli) debütierte im Alter von fünfzehn Jahren mit der Rolle des Tirsi. Weitere Mitwirkende waren der Soprankastrat Domenico Gizzi als Medoro, der Altist Francesco Vitale als Orlando, der Buffo Gioacchino Corrado als Titiro und die Mezzosopranistin Maria Antonia Marchesini („La Lucchesina“) als Licori. Sowohl Farinelli als auch Gizzi waren Schüler Porporas. Farinelli nahm auch an der Wiederaufnahme am 26. Juli 1722 teil, die ebenfalls anlässlich des Geburtstags der Kaiserin stattfand. Die Freundschaft Metastasios mit Farinelli fand mit diesem Werk ihren Anfang und endete erst mit dem Tod Metastasios 1782. auf arte.tv, abgerufen am 5. Februar 2015. Da beide mit dieser Produktion ihr Theaterdebüt feierten, bezeichnete Metastasio Farinelli häufig als seinen „gemello“ (Zwilling).
Carlo Vedova bearbeitete das Libretto als Pastorale mit dem Namen Angelica e Medoro. Diese Fassung wurde am 10. März 1739 in einer Vertonung von Giovanni Battista Pescetti im Theatre Royal in Covent Garden in London aufgeführt und mit einer englischen Übersetzung veröffentlicht.Angelica and Medorus: An opera. Composed by John Baptist Pescetti im OPAC-Katalog der Bayerischen Staatsbibliothek, abgerufen am 13. März 2015., abgerufen am 13. März 2015.
Auch Gaetano Sertor verwendete dieses Libretto als Basis für sein eigenes Libretto Angelica e Medoro, das u. a. von den Komponisten Ferdinando Bertoni (1791),, abgerufen am 5. Februar 2015. Gaetano Andreozzi (1792),, abgerufen am 5. Februar 2015., abgerufen am 5. Februar 2015. Michele Mortellari (1796),, abgerufen am 5. Februar 2015. Antonio Tozzi (1805), abgerufen am 5. Februar 2015. und Giuseppe Nicolini (1810), abgerufen am 5. Februar 2015. vertont wurde.
Christoph Martin Wieland bearbeitete den Text vermutlich 1774 für sein Libretto Medor und Angelica, das von Ernst Wilhelm Wolf vertont werden sollte. Die Fertigstellung wurde jedoch durch den Brand des Weimarer Hoftheaters vereitelt. Der Text ist nicht erhalten.Thomas Bauman: North German Opera in the Age of Goethe. Cambridge University Press 1985, ISBN 0-521-26027-2. (online bei Google Books)
Vertonungen
Folgende Komponisten vertonten dieses Libretto:
Komponist Uraufführung Aufführungsort AnmerkungenNicola Antonio Porpora4. September 1720, Palast von Antonio Caracciolo, Prinz von Torella, abgerufen am 5. Februar 2015.. Neapel „festa teatrale“; auch 1720 zum Namenstag der Kaiserin in Wien; am 26. Juli 1722 erneut in NeapelGiacomo Francesco Milano1740 oder 1745, PrivataufführungAngelica e Medoro (Jacopo Francesco Milano) bei Opening Night! Opera & Oratorio Premieres, Stanford University, abgerufen am 18. Dezember 2020. Neapel als Angelica e MedoroIgnazio FiorilloMesse 1744, Teatro degli Obizzi, abgerufen am 5. Februar 2015., abgerufen am 29. September 2014.. Padua „dramma pastorale per musica“; auch 1751 in WolfenbüttelPaolo Scalabrini25. April 1746, Oper am Gänsemarkt, abgerufen am 5. Februar 2015. Hamburg als Angelica e Medoro, „opera pastorale“ in drei AktenGiovanni Battista Mele1747, Coliseo del Buen RetiroAngelica e Medoro (Giovanni Battista Mele) bei Opening Night! Opera & Oratorio Premieres, Stanford University, abgerufen am 18. Dezember 2020. Madrid als Angélica y MedoroFrancesco Brusa2. März 1756, Teatro San Benedetto, abgerufen am 5. Februar 2015. Venedig „serenata per musica“Giuseppe Zonca1758Angelica e Medoro (Giuseppe Zonca) bei Opening Night! Opera & Oratorio Premieres, Stanford University, abgerufen am 18. Dezember 2020. München als Angelica e MedoroJoão de Sousa Carvalho25. Juli 1778, Palazzo Queluz, abgerufen am 5. Februar 2015.. Lissabon „serenata per musica“Giuseppe Moneta19. März 1780, Porta Rossa, abgerufen am 5. Februar 2015. Florenz als Angelica e Medoro, „serenata“Domenico Cimarosa und Giuseppe Millico (vermutlich)vermutlich 1783Partitur der Serenata von Giuseppe Millico als Digitalisat beim International Music Score Library Project. Wien als Angelica e Medoro, „cantata pastorale“ Cinqueum 1800 als Angelica e MedoroJosé Valero (vermutlich)1843
Aufnahmen und Aufführungen in neuerer Zeit
João de Sousa Carvalho: 2014: Aufnahme in Lissabon mit dem Concerto Campastre unter Leitung von Pedro Castro. Die Sänger waren Joana Seara (Angelica), Lidia Vinyes Curtis (Medoro), Fernando Guimarães (Orlando), Maria Luísa Tavares (Licori) und Sandra Medeiros (Tirsi). Naxos 8.573554-55.Pedro Castro: Bezauberndes für die Königin. CD-Informationen auf operalounge.de, abgerufen am 2. Mai 2019. Nicola Antonio Porpora: