mini|Das Seelenloch im Heidenstein Als Seelenloch (, ) bezeichnet Abraham Lissauer (1895) im Zusammenhang mit Funden der Lausitzer Kultur kreisrunde Löcher am Boden von Keramikgefäßen, die er als „Ein- und Ausgangsöffnung für die Seele des Verstorbenen“ deutet.Abraham Lissauer: Das Gräberfeld am Haideberg bei Dahnsdorf, Kreis Zauche-Belzig und „glockenförmige“ Gräber insbesondere. Ausserordentliche Sitzung vom 26. Januar 1895. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 27, 1895, S. 97–118, hier: S. 115. Heine-Geldern definiert den Begriff als „[…] die in den Verschlußsteinen so vieler Megalithgräber angebrachte Öffnung.“Robert Heine-Geldern: Die Megalithen Südostasiens und ihre Bedeutung für die Klärung der Megalithenfrage in Europa und Polynesien. In: Anthropos. Band 23, Nr. 1–2, 1928, S. 276. Für Otto Höver waren Megalithgräber „wuchtschwere Bann-Gehäuse gegen die dämonische Macht des lebenden Leichnams und zugleich Sitze der abgeschiedenen Seelen, denen vorsorglich eine kleine Öffnung — das sog. Seelenloch — im Steingefüge belassen wurde, wo die anima heimlich ein- und ausschlüpfen konnte.“Otto Höver: Buchführung und Bilanz der Weltgeschichte in neuer Sicht: Zu Arnold J. Toynbees Deutung des frühzeitlichen Menschheitsgeschehens. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte. Band 2/3, 1949/1950, S. 254. , abgerufen am 4. November 2015.

Die Bezeichnung wurde in Archäologie und Ethnologie verwendet, gilt jedoch als veraltet.

Durchlochte Steine Verbreitung Seelenlöcher in Steinen kommen in Spanien, Irland, Italien, England (Kanalinseln), Frankreich, der Schweiz, Deutschland, Schweden, Russland und Indien vor.

Galeriegräber bzw. Steinkisten Die Portalsteine insbesondere von Galeriegräbern oder Dolmen vom Typ Schwörstadt sind oft durchlocht. Beispiele sind das Galeriegrab La Chaussée-Tirancourt der Seine-Oise-Marne-Kultur in Frankreich oder der Heidenstein von Niederschwörstadt, Rest eines Dolmens vom Typ Schwörstadt. Steinkisten von westfälisch-hessischen Typ haben in der Regel Lochsteine als Zugang, z. B. die Steinkiste bei Altendorf (heute Naumburg), Kreis Kassel.Gustav Perret: Cro-Magnon-Typen vom Neolithikum bis heute (Ein Beitrag zur Rassengeschichte Niederhessens). In: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie. Band 37, Nr. 1, 1937, 5–7. Ulrich Fischer 1956 S. 209 führt neun mitteldeutsche Steinkisten mit Seelenloch auf. Die Steinkiste auf dem Hartberg von Schankweiler enthielt eine Kragenflasche, gehört also auch in den Wartberg-Horizont.Reinhard Schindler: Steinkiste mit Seelenloch und eisenzeitlicher Siedlungsplatz in Schankweiler, Kr. Bitburg. In: Trierer Zeitschrift. Band 30, 1976, S. 41–61; Niels Bantelmann: Die neolithischen Funde von der Eyersheimer Mühle in der Pfalz. In: Prähistorische Zeitschrift. Band 59, Nr. 1, S. 34 f. Ein Verschlussstein wurde am Galeriegrab von Guiry-en-Vexinhttp://www.cercle-sequana.fr/index.php?post/sortie-dans-le-Vexin-dimanche-24-juillet-2011 Guiry-en-Vexin gefunden.

Sonstige neolithische Befunde Außerhalb des Verbreitungsgebietes der Galeriegräber kommen runde oder ovale Seelenlöcher in Deutschland auch bei Mauerkammergräbern (Großenrode 2), in Schweden (dort Gavelhål, dt. „Giebelloch“ genannt) etwa in 60 megalithischen Steinkisten im Westen von Südschweden, in IrlandEstyn E. Evans: Giants' Graves. In: Ulster Journal of Archaeology. Third Series 1, 1938, S. 9. in Südtirol (Steinkammergrab von Gratsch), auf Menorca (z. B. die Dolmen von Binidalinet, Montpler, Alcaidús d’en Fàbregues und Ses Roques Llises) und auf dem Golan (Ala-Safat),vor. Die schwedischen Steinkisten mit Seelenloch finden sich zumeist im Inneren von Västergötland. Eine kleinere Gruppe liegt in Bohuslän und am Göta älv vor. Hier kommt auch die in Nordjütland verbreitete Bostrup-KisteKlaus Ebbesen: Nordjyske gravkister med indgang. Bøstrup-Hellekiste. In: Aarbøger for nordisk Oldkyndighed og Historie 1983, S. 5–65. vor, die den schwedischen Formen nahe steht.

Einige Öffnungen sind rechteckig oder halbkreisförmig.

Metallzeitliche Funde Steinkisten mit Lochstein sind typisch für die frühbronzezeitlichen Steinkisten der Maikop-Kultur in Südrussland und im Kaukasus, zum Beispiel im Gräberfeld von Klady.Alexej D. Rezepkin: Das frühbronzezeitliche Gräberfeld von Klady und die Majkop-Kultur in Nordwestkaukasien. (Aus dem Russischen übertragen von Ida Nagler). In: Archäologie in Eurasien. Band 10. Leidorf, Rahden/Westfalen 2000, ISBN 3-89646259-8. Vereinzelt wurden auch urnenfelderzeitliche Stelen oder Platten mit Löchern gefunden (z. B. die Grabplatte von Illmitz, HaA2http://www.gemeinde-illmitz.at/marktgemeinde/geschichte/ im Naturhistorischen Museum in Wien).

In den Souterrains des mittelalterlichen Irlands sind Lochsteine („porthole-slabs“) häufig.Mark Clinton: Porthole-Slabs in Souterrains in Ireland. In: Journal of the Royal Society of Antiquaries of Ireland. Band 127, 1997, S. 5–17.

In Melanesien sind in Dolmen, die zur Bestattung von Schädeln dienen, ebenfalls Seelenlöcher nachgewiesen.Alphonse Riesenfeld: The Megalithic Culture of Melanesia. E. J. Brill, Leiden 1950, S. 136.

Öffnungen in Urnen Eine nach dem Brand angebrachte Öffnung in einer Urne wird manchmal als Seelenloch bezeichnet.z. B. Tünde Kaszab-Olschewski: Die villa rustica Hambach 516 im Rheinischen Braunkohlerevier – Gräber und Umfassungsgraben. Magisterarbeit. Bonn 2000, S. 173. Die Löcher können sich in der Wand oder im Boden der Gefäße befinden. Durchbohrte Deckel sind in Ost- und Westpreußen belegt.Otto Tischler: Schriften der Physikalisch-ökonomischen Gesellschaft, 27. S. 136, Conwentz im Bericht über das Westpreußische Provinzial-Museum zu Danzig für 1893, S. 30, zitiert nach Abraham Lissauer: Das Gräberfeld am Haideberg bei Dahnsdorf, Kreis Zauche-Belzig und „glockenförmige“ Gräber insbesondere. Ausserordentliche Sitzung vom 26. Januar 1895, Zeitschrift für Ethnologie. 27, 1895, S. 114 Seelenlöcher sind in Urnen der Lausitzer KulturAbraham Lissauer: Das Gräberfeld am Haideberg bei Dahnsdorf, Kreis Zauche-Belzig und „glockenförmige“ Gräber insbesondere. Ausserordentliche Sitzung vom 26. Januar 1895, Zeitschrift für Ethnologie, 27, 1895, 114f. und urartäischen LeichenbrandgefäßenZafer Derin: Potters’ Marks of Ayanıs Citadel, Van. In: Anatolian Studies. Band 49, 1999, S. 90. häufig.

Abraham Lissauer fand in dem Gräberfeld von Dahnsdorf (Brandenburg) auch Urnen mit Löchern, die vor dem Brand angebracht worden waren.Abraham Lissauer: Das Gräberfeld am Haideberg bei Dahnsdorf, Kreis Zauche-Belzig und „glockenförmige“ Gräber insbesondere. Ausserordentliche Sitzung vom 26. Januar 1895, Zeitschrift für Ethnologie 27, 1895, S. 114–115 Die Dolien, die als Grababdeckungen dienten („Glocken“), waren jedoch nach dem Brand durchbohrt, Lissauer beobachtete, dass „auf der inneren Bodenfläche eine Schicht wie abgesprengt erscheint“. Für Lissauer ist allerdings unerklärlich, warum nicht alle Dolien und Urnen durchbohrt sind. Auch Buchholz konnte im Lausitzer Gräberfeld von Beelitz an einer konischen Schale mit gekerbtem Rand ein vor dem Brand „durchgebohrtes und ausgeglättetes Loch“ im Boden feststellen.Buchholz: Vorgeschichtliche Begräbniss- und Wohnstätten. Sitzung vom 21. Juni 1890, Zeitschrift für Ethnologie, 22, 1890, S. 371, Abb. 14. Pastor Senf konnte im Urnengräberfeld von Sproitz, heute Landkreis Görlitz belegen, dass die Durchlochung vor Ort durchgeführt wurde.Senf: Bronze-Nadeln von auffälliger Spitzigkeit usw. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 32, 1900, S. 387. Er fand Keramikreste von der Durchbohrung 3 cm über dem Loche im Leichenbrand und schloss daraus: „Erst nachdem diese [Gebeinreste] in das Gefäß eingebettet waren, erhielt dieses eine Verkehrsthür.“ Senf nahm an, dass die Bohrungen mit einem spitzen Stein durchgeführt wurden.

In Urnen aus provinzialrömischen Gräberfeldern sind ebenfalls intentionelle Durchlochungen des Bodens bekannt, die als Seelenloch bezeichnet werden.

Seelenlöcher in Särgen Die handgemachten anthropomorphen Tonsärge aus Deir al-Balah in Gaza sind stark ägyptisch beeinflusst, wurden aber vor Ort hergestellt. Sie haben teilweise Löcher, im Boden, auf der Rückseite, aber auch in der Nähe des Kopfes. Diese werden als Seelenlöcher, aber auch als Abfluss für Verwesungssäfte interpretiert.Trude Dothan: Anthropoid Clay Coffins from a Late Bronze Age Cemetery near Deir el-Balaḥ (preliminary report 2). In: Israel Exploration Journal. Band 23, Nr. 3, 1973, S. 130. Auf Taiwan wurde im Zuge der Bestattungszeremonie durch einen Feng-Shui-Spezialisten mit Hammer und Stechbeitel ein Loch in den Sarg aus Hartholz geschlagen, damit das Mana des Verstorbenen entweichen konnte. Um das Loch nach dem Versenken des Sarges freizuhalten, wurde es mit fünf Steinen geschützt.Peter Thiele: Chinesische Totenbräuche in Nordtaiwan. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 100, Nr. 1/2, 1975, S. 107. , abgerufen am 4. November 2015

Gräber Auch in Steingräbern des klassischen Griechenland und in Lykien finden sich manchmal kleine Öffnungen in Giebelnähe. F. J. Tritsch sieht auch diese als Seelenlöcher, möchte sie jedoch als Scheintüren bezeichnenF. J. Tritsch, False Doors on Tombs. Journal of Hellenic Studies 63, 1943, S. 113–115. Gräber der klassischen Zeit auf Zypern weisen manchmal einen Türstein mit Loch auf (z. B. Marion Grab 6A mit einer sitzenden Bestattung), den Gjerstad et al. allerdings als eine Öffnung zur Darbringung von Totenspenden, nicht als Seelenloch deutenEinar Gjerstad, John Lindros, Erik Sjöqvist, Alfred Westholm: The Swedish Cyprus Expedition, Finds and Results of the Excavations in Cyprus 1927-1931, Band 2. Stockholm 1935. Dies mag auch für andere, vergleichbare Befunde zutreffend sein.

Heintze beschreibt Steinhügel in den Nekropolen von Zonguege, Quibanda und Massa Dois in Angola, die absichtlich freigelassene und mit Steinen eingefasste Öffnungen aufweisen. Sie deutet diese als Seelenlöcher oder OpferfensterBeatrix Heintze: Bestattung in Angola – eine synchronisch-diachronische Analyse. In: Paideuma: Mitteilungen zur Kulturkunde. Band 17, 1971, S. 189 (bei JSTOR).. mini|Maya-Schale mit „Seelenloch“

Weiteres Vorkommen von Seelenlöchern Schweizer Holzhäuser weisen manchmal ein „Seelenloch“ (auch „Arme Seelen-Loch“) auf, durch das die Seele des Verstorbenen nach draußen gelangen kann, was Otto Tschumi für einen sehr alten Brauch hältOtto Tschumi: Besprechung von: Hoffmann-Krayer, Eduard: Feste und Bräuche des Schweizervolkes. Neubearbeitung durch Paul Geiger, Zürich, Atlantis-Verlag 1940. In: Anthropos. Band 35–36, 1940/1941, Nr. 4, S. 1031.. In Tibet glaubt man, dass die Seelen der Toten ein enges „Seelenloch“ (in einem Stein) passieren müssen, bevor sie vor den Totenrichter Yama oder Tsi'u gelangen. Hummel bildet ein solches Seelenloch aus dem Kloster bSam-yas abSiegbert Hummel: Die Leichenbestattung in Tibet. In: Monumenta Serica. Band 20, 1961, S. 273.. In Maya-Gräbern finden sich nicht selten (zum Teil zerbrochene) Keramikgefäße mit einem kleinen Loch in der Mitte. Dieses dient der kultisch-rituellen Unbrauchbarmachung und wird ebenfalls als „Seelenloch“ bezeichnet.

Forschungsgeschichte Forschungsgeschichtlich ist der Begriff Seelenloch mit dem der „Megalithkultur“ verbunden. So nahm Christoph von Fürer-Haimendorf einen Zusammenhang zwischen den südindischen einerseits und den westasiatischen und mediterranen Megalithen andererseits an, weil sie alle drei manchmal Seelenlöcher aufwiesenChristoph von Fürer-Haimendorf: The Problem of Megalith Cultures in Middle India. Man in India 25/2, 1945, S. 84f. Heine-Geldern nahm an, dass sich Dolmen mit Seelenloch über das Mittelmeergebiet, Palästina, den Kaukasus und Persien (Tepe Sialk) bis in den Dekkan und nach Südindien verbreitetenRobert Heine-Geldern: Das Dravidaproblem. Anzeiger der philosophisch-historischen Klasse der österreichischen Akademie der Wissenschaft 9, 101/25, 1964, Wien, S. 187–201..

Deutung