Limpieza de sangre (spanisch für „Reinheit des Blutes“, „Blutreinheit“) ist ein protorassistischesProtorassismus ist ein in den 1990ern geprägter Begriff für Merkmale oder Charakteristika historischer Ansichten (vor dem 18. Jahrhundert), die man aus moderner Sicht als Rassismus einstufen könnte. Vgl. Michael Grüttner: Die Vertreibung der spanischen Juden 1492. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 47, 1996, S. 188; Christian Delacampagne, Die Geschichte des Rassismus. Artemis & Winkler, Zürich 2005, S. 20. Konzept, mit dem sich vom 15. bis zum 19. Jahrhundert die spanischen so genannten Altchristen (span.: cristianos viejos) von den Neuchristen (span.: cristianos nuevos) oder Conversos abgrenzten, die muslimische oder jüdische Vorfahren hatten. Letztere standen im Verdacht des Judaisierens und wurden häufig von der Spanischen Inquisition verfolgt. Höhere kirchliche und staatliche Ämter waren ihnen verschlossen und sie wurden zu bestimmten angesehenen Institutionen nicht zugelassen.
Hintergrund Hintergrund des Konzepts von der limpieza de sangre war die Reconquista, in der es den christlichen Königreichen der iberischen Halbinsel bis 1492 gelang, die muslimischen Herrschaftsbereiche zu erobern. Dadurch gerieten seit dem 11. Jahrhundert immer mehr Juden und Muslime (Mudéjares), unter christliche Herrschaft, denen zunächst religiöse Toleranz, teilweise auch Königsschutz und Autonomie zugesichert wurden. Seit dem 13. Jahrhundert wurden diese Gemeinden aber zunehmend Opfer von Pogromen und Zwangsbekehrungen, wie der Judenverfolgung von 1391, die, ausgehend von Sevilla, die ganze iberische Halbinsel erfasste.Gonzalo Álvarez Chillida: Limpieza de sangre. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 1: Länder und Regionen. De Gruyter Saur, Berlin 2010, ISBN 978-3-11-023510-4, S. 345.
Nach dem Fall des letzten muslimischen Staates, des Emirats von Granada, erließen die katholischen Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon am 31. März 1492 das Alhambra-Edikt, wonach alle verbliebenen spanischen Juden sich entweder taufen lassen oder auswandern mussten. Viele wanderten als Sephardim ins Osmanische Reich, nach Nordwesteuropa oder nach Portugal aus, wo sie aber durch die Personalunion mit Spanien 1580 erneut vor die Alternative: Zwangsbekehrung oder Auswanderung gestellt wurden.Nikolaus Böttcher: Aufstieg und Fall eines atlantischen Handelsimperiums. Vervuert, Frankfurt am Main 1995, S. 12 f. Um in Spanien bleiben zu können, ließ sich eine große Anzahl von Juden taufen. Sie wurden als Marranen (span.: „Schweine“Diese Herleitung ist die wahrscheinlichste, zeitgenössisch und später aber immer wieder bestritten worden: Robert A. Maryks: The Jesuit Order As a Synagogue of Jews: Jesuits of Jewish Ancestry and Purity-of-blood Laws in the Early Society of Jesus. Brill, Leiden 2010, S. 36 f., vor allem Fn. 125.) bezeichnet: Die christliche Mehrheit unterstellte ihnen, zu judaisieren, das heißt, auch nach der Taufe ihren jüdischen Glauben heimlich weiter zu praktizieren. Nach der Vertreibung bzw. Zwangsbekehrung der spanischen Juden gab es auf der Iberischen Halbinsel noch jahrhundertelang einen Kryptojudaismus, d. h. jüdische Gemeinschaften, die nach außen hin die römisch-katholische Fassade wahrten, aber im privaten Bereich weiter die jüdischen Bräuche praktizierten.
Ähnlich ging es den Mudéjares, denen nach der Eroberung des von ihnen bewohnten Territoriums zunächst gestattet worden war, ihre Religion weiter auszuüben. 1501 wurde auch von ihnen verlangt, sich taufen zu lassen oder auszuwandern. Die Getauften wurden Morisken genannt (span. moriscos für Mauren). Auch ihnen wurde unterstellt, das Christentum nur zum Schein angenommen zu haben, um einer Deportation nach Nordafrika zu entgehen, was zum Teil auch der Fall war.
Entstehung und Durchsetzung Der Nachweis einer rein altchristlichen Abstammung wurde bereits 1414 und 1418 als Zugangsvoraussetzung zum Colegio Mayor de San Bartolomé von Salamanca verpflichtend gemacht.Norman Roth: Conversos, Inquisition, and the Expulsion of the Jews from Spain. University of Wisconsin Press, Madison 2002, S. 230. Als Voraussetzung auch für staatliche und kirchliche Ämter wurde die limpieza de sangre erstmals 1449 in Toledo als Statut niedergeschrieben.Stefan Rinke: Limpieza de sangre [Reinheit des Blutes]. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. De Gruyter Saur, Berlin 2008, ISBN 978-3-598-24074-4, S. 191 (abgerufen über De Gruyter Online). Dies geschah nach einer Revolte gegen den königlichen Minister, die wegen einer neuen Steuer ausgebrochen war und sich vor allem gegen Conversos gerichtet hatte.Nicholas Round: La rebelión toledana de 1449. In: Archivium. Bd. 16, 1966, S. 385–446 (PDF); Rosa Vidal Doval: „Nos soli sumus christiani“. Conversos in the Texts of the Toledo Rebellion of 1449. In: Andrew M. Beresford, Louise M. Haywood, Julian Weiss (Hrsg.): Medieval Hispanic Studies in Memory of Alan Deyermond. Boydell & Brewer, Woodbridge 2013, S. 215–236 (Vorschau). Grundlegend Eloy Benito Ruano: Don Pero Sarmiento, repostero mayor de Juan II de Castilla. In: Hispania. , Bd. 17, 1957, S. 483–504, und ders.: Toledo en el siglo XV: Vida política. Consejo Superior de Investigaciones Científicas, Madrid 1961, Kapitel 2 (PDF). Diese hatten die wichtigsten Steuerpächter des Königs gestellt.Linda Martz: A Network of Converso Families in Early Modern Toledo: Assimilating a Minority. University of Michigan Press, Ann Arbor 2003, ISBN 0-472-11269-4, S. 24. Um 1460 stellte der Franziskaner Alonso de Espina, der Beichtvater König Heinrichs IV. von Kastilien, in seiner Schrift Fortalitium fidei („Festung des Glaubens“) alle Conversos unter Generalverdacht: Weil der Glaube seines Erachtens auf biologischem Wege vererbt würde, könnten die Bekehrungen von Juden und Muslimen niemals echt sein. Ein Hauptanliegen der 1478 auf Drängen Tomás de Torquemadas, des Beichtvaters der Königin Isabella, eingerichteten spanischen Inquisition war es zu überprüfen, ob die Zwangstaufen denn zu echten Bekehrungen geführt hätten.Susanne Zepp: Jüdische Hispanizität. Formen hybrider Textualität. In: Dan Diner (Hrsg.): Synchrone Welten. Zeitenräume jüdischer Geschichte. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2005, S. 256–261. In den Folgejahren verbreitete sich die Vorstellung, nur Blutsreinheit garantiere wahren Glauben, und wurde immer weitergehend verbindliche Rechtsnorm, die sich vor allem im 16. Jahrhundert in Korporationen wie Ritterorden, KathedralkapitelnSo sind in den Unterlagen des Kathedralkapitels von Toledo, das 1547 ein besonders scharfes Statut beschloss, über 3.500 Fälle dokumentiert, in denen das Statut angewandt wurde: Ángel Fernández Collado: Grupos de poder en el Cahildo toledano del siglo XVI. In: Francisco José Aranda Pérez: Sociedad y élites eclesiásticas en la España. Cuenca 2000, S. 149–162, hier S. 158, siehe auch ebda., S. 153, zu den Fallgruppen. und Universitäts-Kollegien (Colegios Mayores) durchsetzte und damit den Zugang zu fast sämtlichen hohen Ämtern und wichtigen Institutionen reglementierte.Stafford Poole: The Politics of Limpieza de Sangre: Juan de Ovando and His Circle in the Reign of Philip II. In: The Americas. Bd. 55, 1999, Nr. 3, S. 359–389, hier S. 363. Als Eingangsvoraussetzung wurde ein genealogischer Nachweis altchristlicher Abstammung verlangt. Er wurde auch von den Ammen am Königshof verlangt.Michael Studemund Halévy: Blutreinheitsgesetze. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 4: Ereignisse, Dekrete, Kontroversen. De Gruyter Saur, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-025514-0, S. 56 (abgerufen über De Gruyter Online). Wer diese Blutsreinheit nicht nachweisen konnte, wurde als „unrein“ oder „befleckt“ (spanisch: maculado, notado, manchado) stigmatisiert.
Das Konzept der limpieza de sangre wird vor diesem Hintergrund verbreitet als ein Mittel gedeutet, die heterogenen Teile des Reiches religionspolitisch zu einen. Es richtete sich in der Hauptsache gegen Marranen, da diese in den Städten in engerem Kontakt mit der altchristlichen Majorität lebten, wo vielen ein erheblicher sozialer Aufstieg gelang, während die meisten Morisken durch Kleidung und Sprache sichtbar fremd blieben und ihnen Integration und Aufstieg weit seltener gelang.Stafford Poole: The Politics of Limpieza de Sangre: Juan de Ovando and His Circle in the Reign of Philip II. In: The Americas. Bd. 55, 1999, Nr. 3, S. 359–389, hier S. 361. Der Historiker Stefan Rinke vermutet daher, dass neben der Furcht vor einer kryptojüdischen Unterwanderung Sozialneid ein Motiv für die antisemitischen Forderungen nach limpieza de sangre war. Der angestrebte Ausschluss aller Menschen mit nicht ausschließlich altchristlichen Vorfahren gelang aber nicht, weil es auch adlige Familien gab, die von Conversos abstammten.Stefan Rinke: Limpieza de sangre [Reinheit des Blutes]. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. De Gruyter Saur, Berlin 2008, ISBN 978-3-598-24074-4, S. 191 f. (abgerufen über De Gruyter Online). Zudem ist der Historiker Henry Kamen der Ansicht, dass nach einer besonders intensiven Beachtung in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Statuten deutlich weniger häufig angewendet wurden, zumal sie nie als dauerhafte Regelungen konzipiert waren; bis in die 1560er Jahre reichten zudem in der Inquisition einige vom Kandidaten benannte Zeugen, um die Blutreinheit nachzuweisen, was erst danach stärker formalisiert wurde, durch Bestechung oder königliche Gunst aber umgangen werden konnte.Stafford Poole: The Politics of Limpieza de Sangre: Juan de Ovando and His Circle in the Reign of Philip II. In: The Americas. Bd. 55, 1999, Nr. 3, S. 359–389, hier S. 367.
In Spanien wie an der römischen Kurie kam es immer wieder zu heftiger Kritik. So erklärte bereits wenige Wochen nach dem Erlass des Statuts von Toledo 1449 Papst Nikolaus V. mit drei Bullen, darunter Humani generis inimicus, dessen Bestimmungen für unzulässig und begründete das mit Paulus’ Römerbrief , wonach es bei Gott kein Ansehen der Person gebe.Joseph Pérez: History of a Tragedy: The Expulsion of the Jews from Spain. Translated from Spanish by Lysa Hochroth. Introduction by Helen Nader. University of Illinois Press, 2007 (Original 1993), S. 54; Robert A. Maryks: The Jesuit Order As a Synagogue of Jews: Jesuits of Jewish Ancestry and Purity-of-Blood Laws in the Early Society of Jesus. Brill, Leiden 2010, S. 25–28, theologische Gegenargumente aus Spanien u. a. S. 36–39 und Text der Bulle ab S. 257. Auch Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, der einige Conversos in seinen Reihen hatten, stellte sich grundsätzlich gegen die Statuten, und König Philipp II. – unter dessen engsten Beratern einige unklarer Herkunft waren – versuchte offenbar ab den späten 1580er Jahren, die Statuten abzuschwächen.Stafford Poole: The Politics of Limpieza de Sangre: Juan de Ovando and His Circle in the Reign of Philip II. In: The Americas. Bd. 55, 1999, Nr. 3, S. 359–389, hier S. 364, 367 und 370.
Verfahren