mini|Vom nordöstlichen Wehrturm der Zitadelle über den Palastbereich nach Westen. Im Hintergrund Nordteil der Stadt Kafirkala (, Kāfer Qalʿa, „Heiden-Burg“), auch Kafyrkala, Kafyr-Kala, war eine frühmittelalterliche befestigte Stadt am Unterlauf des Wachsch im südlichen Zentralasien. Am Rand der heutigen Stadt Kolchosobod im Süden Tadschikistans wurden von 1954 mit Unterbrechungen bis 1981 die Reste einer quadratischen Siedlungsfläche mit Wohnhäusern, einer Zitadelle und in der Zitadelle eines kleinen buddhistischen Tempels aus Lehmziegeln freigelegt. Diese Schicht stammt aus dem 6. Jahrhundert bis Mitte des 7. Jahrhunderts (Schicht KF II). Der älteste Zeitabschnitt von Kafirkala (KF III) mit wenig Objektfunden wird in das 2. bis 3. Jahrhundert datiert, der jüngste (KF I), der im Stadtbereich vor allem durch Münzen und Keramik bekannt ist, in das 7. bis 8. Jahrhundert, als die Stadt im Zuge der arabischen Eroberung zerstört wurde. Kafirkala war die größte Stadt am unteren Wachsch und nach der Beschreibung des chinesischen Pilgers Xuanzang der Hauptort des Kleinreiches Wachsch (chinesisch U-Scha). Der frühmittelalterliche Name der Stadt war vermutlich Chelawerd (Khelaverd).

Geschichtliches Umfeld

Kafirkala lag in der historischen Landschaft Baktrien, in der seit den Eroberungszügen Alexanders des Großen ein hellenistischer Einfluss auf Kunst und Architektur stilprägend war. In der Antike hieß die Landschaft nördlich des Oxus (heute Amudarja) Transoxanien. Bis zum 3. Jahrhundert gehörte das Gebiet zum Machtbereich der Kuschana. In dieser Zeit führte eine Route der Seidenstraße von Hotan durch das Wachsch-Tal südwärts nach Balch und weiter Richtung Mesopotamien.Hans Wilhelm Haussig: Die Geschichte Zentralasiens und der Seidenstrasse in vorislamischer Zeit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983, S. 80. Ab Anfang des 5. Jahrhunderts bis um 560 beherrschten die Hephthaliten einen großen Teil des südlichen Zentralasien und zogen einen beträchtlichen Gewinn aus dem über die Seidenstraße verlaufenden Handel. Um 570 eroberten Turkvölker das frühere Gebiet der Hephthaliten und drangen bis in das von Sassaniden kontrollierte Afghanistan vor. Es folgten Ende des 6. und Anfang des 7. Jahrhunderts unruhige Zeiten für die in der Nachfolge der Hephthaliten entstandenen kleinen Fürstentümer, die im Spannungsfeld zwischen Turkvölkern und Sassaniden lagen.J. Harmatta: History of the Regions. In: Boris A. Litvinsky (Hrsg.): History of Civilizations of Central Asia, Vol. III, S. 360f Mitte des 7. Jahrhunderts begannen die muslimischen Umayyaden nördlich des Amudarja vorzudringen, 654 erreichten sie erstmals Sogdien, wenig später eroberten sie die Region am unteren Wachsch und 681 überwinterte der erste arabische Feldherr mit seinem Heer nördlich des Amudarja.Étienne de La Vaissière: Sogdian Traders. A History. (Handbook of Oriental Studies. 8. Abteilung: Central Asia, Band 10) Brill, Leiden/Boston 2005, S. 265f

Arabische Autoren nannten das heute Nordafghanistan, den Südosten Usbekistans und den Südwesten Tadschikistans umfassende Gebiet Tocharistan. Im frühen Mittelalter, nach dem Ende der Kuschana-Zeit, existierte im Wachsch-Tal der zum Gebiet Tocharistan gehörende Herrschaftsbereich Wachsch (chinesisch U-Scha, Usha, Hu-sha), als dessen Hauptstadt Kafirkala erkannt wurde. Nördlich von Kafirkala scheint durch das Wachsch-Tal eine Grenze zwischen einem nördlichen und einem südlichen Herrschaftsbereich verlaufen zu sein. Diese Grenze, an der die Festung Urta-Boz lag, existierte vermutlich bis in die zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts. Das untere Wachsch-Tal bildete eines von 27 Kleinreichen in Tocharistan, über das und über dessen Hauptstadt erstmals der buddhistische Pilger Xuanzang (Hsüan-tsang, 603–664) berichtete, der von China aus etwa zwischen 633 und 645 in Zentralasien und Indien unterwegs war. Er gab die Größe von Wachsch mit 500 Li (entspricht 200 Kilometer) Länge und 300 Li (120 Kilometer) Breite an. Folglich umfasste der Herrschaftsbereich wesentlich mehr als das nur 25 Kilometer breite Wachsch-Tal.Litvinskij, Solovjev: Kafyrkala, S. 87

Das untere Wachsch-Tal ist seit dem 5./4. Jahrhundert v. Chr. durch Bewässerungskanäle für die landwirtschaftliche Nutzung erschlossen.Litvinskij, Solovjev: Kafyrkala, S. 7 Nach chinesischen Quellen des 7. Jahrhunderts wurden im Tal Getreide, Reis und Früchte angebaut. Lobend erwähnt werden Pferde, Maulesel und Kamele und die vielen buddhistischen Gebäude. Der bewässerte Feldbau ermöglichte und ermöglicht bis heute die Gründung von Siedlungen. Auf Grundlage der antiken Bewässerungskanäle wurden Mitte des 20. Jahrhunderts moderne Bewässerungsanlagen für den großflächigen Baumwollanbau in der Talebene angelegt. Bedeutende Siedlungen aus der griechisch-baktrischen Zeit in der Umgebung waren Kuchna-Kala am linken Ufer des Wachsch südlich von Kafirkala mit einer Umfassungsmauer von 250 × 125 Metern und die mit 383 × 285 Metern noch größere befestigte Siedlung Kei-Kobad-Schach bei Kubodijon.Lazar Israelowitsch Albaum, Burchard Brentjes: Wächter des Goldes. Zur Geschichte und Kultur mittelasiatischer Völker vor dem Islam. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1972, S. 81 Vom Ende des 5. Jahrhunderts bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts war Kalai-Kafirnigan (an der Grenze zu Usbekistan, 80 Kilometer südwestlich von Duschanbe) bewohnt, eine befestigte Stadt mit einer getrennten Zitadelle. In der letzten Bauphase wurde dort ein buddhistischer Tempel (vihara) errichtet.Boris A. Litvinskij: Kalai-Kafirnigan Problems in the Religion and Art of Early Mediaeval Tokharistan. In: East and West, Vol. 31, No. 1/4, Dezember 1981, S. 35–66, hier S. 54 Aus dieser Zeit (7./8. Jahrhundert) stammen die Reste der buddhistischen Anlage von Adschina-Teppa nordwestlich von Kafirkala (bei Qurghonteppa).Grégoire Frumkin: Archaeology in Soviet Central Asia. (Handbuch der Orientalistik, 7. Abteilung: Kunst und Archäologie, 3. Band: Innerasien, 1. Abschnitt) E. J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 62f

Im 5. Jahrhundert, dem Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter, gab es im südlichen Zentralasien beträchtliche Veränderungen im Bereich Gesellschaft, Wirtschaft, im Handwerk und in der Bauweise. Zu den bisherigen großen, von einer rechteckigen Mauer umgebenen Siedlungen entstanden nun bis zur arabischen Eroberung kleinere befestigte Siedlungen und befestigte Paläste wie Tschilchudschra (4. bis 8. Jahrhundert) in der historischen Region Usruschana. In ganz Tocharistan wurden Siedlungsreste aus dem frühen Mittelalter gefunden. Zu den Siedlungen mit einer Bautätigkeit im 5. Jahrhundert im Umfeld von Kafirkala gehören Garavkala (bei der Stadt Jowon, westlich von Norak), wo über der 300 × 200 Meter großen, befestigten, Stadt aus der Kuschana-Zeit bis zur ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts Gebäude aus Lehmziegeln entstanden, und Munchak-Tepe. Diese Siedlung mit einer quadratischen Umfassungsmauer von 100 Metern Seitenlänge wurde in der Kubodijon-Oase am rechten Ufer des Kofarnihon (bei Schahritus) ausgegraben und war von der Kuschana-Zeit bis ins frühe Mittelalter bewohnt. Aktepe II, westlich von Schahritus im Tal von Beschkent (bei Tschilu-tschor tschaschma) war eine 130 × 100 Meter große, dicht mit Häusern bebaute Siedlung, umgeben von einem sieben Meter hohen Wall. Weitere Siedlungen im nördlichen Beschkent-Tal, von denen bekannt ist, dass sie aus einer Zitadelle und einer getrennten Wohnsiedlung bestanden, waren Changaza und Bezymjannoje. Die schlecht erhaltene, quadratische Burg Sangtepe nahe Termiz (Usbekistan) vom Anfang des 5. Jahrhunderts befand sich in der Nordwestecke einer Siedlung.Litvinskij, Solovjev: Kafyrkala, S. 28–31 Balalyk-Tepe, 15 Kilometer südlich von Termiz, war mit 30 Metern im Quadrat eine kleine Festung, die auf einem sechs Meter hohen Sockel stand. Aus dem Festsaal blieben Wandmalereien erhalten, die Menschen bei einem Bankett zeigen.Aleksandr Belenickij: Zentralasien. (Die großen Kulturen der Welt. Archaeologia Mundi) Heyne, München 1978, S. 133

Aus dem 10. bis 12. Jahrhundert stammt die 900 × 640 Meter große befestigte Stadt Soli-Sard zwölf Kilometer nordwestlich von Kafirkala. Sie hieß auch Chelawerd (Khelaverd), später Lagman, und ist nicht identisch mit der kleineren, ebenfalls Soli-Sard genannten, befestigten Siedlung beim heutigen Dorf Kores. Die Münzfunde von Soli-Sard zeigen die im späteren Mittelalter anhaltende Bedeutung des unteren Wachsch-Tals. Litvinskij hält es für möglich, dass die im 10. bis 12. Jahrhundert größte Stadt des unteren Wachsch-Tals, Chelawerd, diesen Namen von der vormals größten, durch die arabische Eroberung zerstörten Stadt Chelawerd, also Kafirkala, übernommen hat.Boris A. Litvinskij: Kafir Kala. In: Encyclopædia Iranica

Forschungsgeschichte und Datierung mini|Vom südwestlichen Rand der Stadt Richtung Zitadellenhügel Die ersten Berichte über die Ruinen im Wachsch-Tal in neuerer Zeit lieferten russische Reisende, Offiziere und Beamte ab den 1870er Jahren. Zu ihnen gehörten N. A. Majev (1876), I. Minajev (1879), der Geograph P. E. Kosjakov (1884) und der Geograph Dimitrii Nikolaewitsch Logofet (1909, 1913). Die Tadschikische Archäologische Expedition unter der Leitung von Aleksandr Belenickij untersuchte und kartographierte 1947 die bedeutendsten Fundorte einschließlich Kafirkala. Hieran knüpften die ersten systematischen Erkundungen und Ausgrabungen der tadschikischen Akademie der Wissenschaften unter Boris A. Litvinskij ab 1951 an. Ab 1973 leitete Litvinskij die Südtadschikische Archäologische Expedition, bei der mehrere Institute und die staatliche Eremitage Sankt Petersburg zusammenarbeiteten. Im Wachsch-Tal wurden das frühmittelalterliche Bewässerungssystem und viele Siedlungen aus dieser Zeit freigelegt.

Kafirkala ist der größte frühmittelalterliche Fundort des Wachsch-Tales. Hier begann Tamara Ivanovna Zejmal 1956–1957 im Bereich der Wohnstadt (scharistan) mit Untersuchungen auf einer Fläche von 150 Quadratmetern. Zejmal erkannte drei Kulturschichten (KF I–III), die sie etwa zwischen dem 2. und 8. Jahrhundert datierte. Aus der Schicht KF II wurde ein monumentaler Saalbau weitgehend freigelegt, die Gebäudestrukturen der beiden anderen Schichten ließen sich nicht ermitteln. 1965 entstanden bei Neubauarbeiten Schäden an der nördlichen Umfassungsmauer und an der Zitadelle. Dabei entdeckte man zufällig den nordöstlichen Turm der Zitadelle. Dies war die Grundlage für weitere Grabungen, die in größerem Umfang 1968 schwerpunktmäßig im Bereich der Zitadelle stattfanden. Von 1969 bis 1981 folgten (mit Ausnahme von 1972 und 1979) unter der Leitung von Boris A. Litvinskij jährlich Ausgrabungen in geringerem Umfang. Örtlicher Grabungsleiter war bis auf ein Jahr V. S. Solovjev.

Die Datierung der drei Schichten basiert hauptsächlich auf Münzfunden. Zur Festlegung der frühesten Schicht (KF III) dienen mehrere Münzen aus der Kuschana-Zeit. Eine Kupfermünze aus dem Palast, die auf der Rückseite einen vierarmigen Vishnu zeigt, wird König Kanischka (reg. um 100 – um 126) zugeschrieben. Ferner wurden zwei nicht zugeordnete Kuschana-Münzen im Palast und eine Münze im Stadthaus aus der Zeit des Königs Vima Takto (reg. um 80 – um 90) gefunden. Kuschana-Münzen waren auch noch nach dem Ende dieses Reiches im Umlauf. In Verbindung mit einigen Keramikfunden aus der Spät-Kuschana-Zeit wird für die früheste Besiedlung von Kafirkala das 2./3. Jahrhundert angenommen.

Die Datierung der zweiten Schicht (KF II) stützt sich auf eine Münze der Hephthaliten aus der Mitte des 7. Jahrhunderts, die in einem Wohnhaus gefunden wurde. In der Zitadelle gab es keine für eine Datierung brauchbaren Objekte. Die Keramik erlaubt die Eingrenzung von KF II auf die zweite Hälfte des 6. und die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts.