Unter Leseförderung versteht man in der Pädagogik alle Maßnahmen, die darauf abzielen, einer Zielgruppe, die vor allem aus Kindern und Jugendlichen besteht, nicht nur Lesefähigkeit, sondern auch Motivation, Interesse und langfristige Freude am Lesen und an der Literatur zu vermitteln.
Ziele Die Tätigkeit des Lesens wirkt sich vielfältig auf den Leser aus. Insbesondere während des Heranwachsens hat Lesen einen großen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern bis hin zu (jungen) Erwachsenen. Lesen ist grundsätzlich eine Schlüsselkompetenz, die in vielerlei Hinsicht von entscheidender Bedeutung ist – etwa für gesellschaftliche Teilhabe oder die Bildungsbiografie („schulischer Erfolg“).
Nach dem Mercator-Institut für Sprachförderung hat Leseförderung das Ziel der „altersgerechten Entwicklung der Lesekompetenz und eine damit verbundene Freude am Lesen“.
Besonders wichtig ist Leseförderung zur Förderung des Spracherwerbs und von landeskundlichen Kenntnissen für Migranten. Einen Beitrag dazu können mehrsprachige Bilderbücher leisten.Juliane Dube: Mehrsprachige Bilderbücher als Kontexte zur Sprachintegrativen Leseförderung, in: Bernd Ralle, Jörg Thiele (Hg.): Sinnstiftende Lehr-Lernprozesse initiieren, 2019, S. 153. Nur durch Lesen lernen sie die Schriftsprache des Zuwanderungslandes ausreichend kennen.
Schauplätze mini|Vorlesen in der Familie (Gemälde von Albert Anker)
Die wirkungsvollste Leseförderung findet im Elternhaus statt, und zwar bereits im Kleinkind- und Vorschulalter. Das Vorbild der Eltern kann die Leseentwicklung und Literacy begünstigen. Das tägliche Vorlesen vom Kleinkindalter an in einem behaglichen Umfeld befördert das Interesse an Büchern und am Lesen. Dabei ist ein Bilderbuch geeignet, die Aufmerksamkeit eines Kindes zu gewinnen.Christiane Miosga: Zum Einfluss digitaler Medien auf das Lesen und die Literacy-Entwicklung, in: Ulrich Stitzinger, Stephan Sallat, Ulrike Lüdtke (Hg.): Sprache und Inklusion als Chance, 2016, S. 227.
Weitere Leseförderung kann u. a. in der Vorschulerziehung (z. B. im Kindergarten), d. h. in Frühförderung, in der Schule (besonders in der Schulbibliothek), in anderen Bibliotheken, in schulischen oder außerschulischen Lese-Wettbewerben und durch spezielle Fernseh-, Computer- und Online-Programme geleistet werden. Durch solche Programme werden die Kinder und Jugendlichen gezielt angeleitet, zu lesen und dann Fragen am Computer zu beantworten. Beispiele, wie E-Learning-unterstützt Lesen von Büchern gefördert werden kann, sind die Programme Antolin und Lepion.
Die Idee einer Leseförderung, die über Lesefähigkeit auf einfachem Niveau hinausgeht und den Aspekt „Freude am Lesen“ in den Mittelpunkt stellt (an Stelle der bloßen Erfüllung von Lernzielen im Bereich Lesen), hat in viele schulische Richtlinien und Kerncurricula Eingang gefunden.
Im „systemischen Modell“ der Leseförderung öffnen sich Elternhaus und Schule auch weiteren Institutionen: So fühlen sich Schulbibliotheken, Schulmediotheken, öffentliche Bibliotheken, Buchhandlungen, Verlage, die Stiftung Lesen, das Schweizer Institut für Kinder und Jugendmedien SIKJM, der Österreichische Buchklub der Jugend, der Friedrich-Bödecker-Kreis, Literaturhäuser u. a. der Leseförderung verpflichtet. Sie organisieren z. B. Veranstaltungen des gemeinsamen Lesens, Wettbewerbe für Leser oder andere besondere Angebote.
Studien Im Mai 2021 wurde die Studie „21st-Century Readers - Developing Literacy Skills in a Digital World“ veröffentlicht, die Daten der PISA-Studien 2018 nutzt und den Zusammenhang zwischen digitalem Nutzungsverhalten und Lesen untersucht. Zentraler Befund ist, dass zunehmend weniger gelesen wird – während die Internetnutzung überproportional zunimmt.
Wissenschaftliche Untersuchungen (z. B. der Entwicklungspsychologie und der Lernpsychologie) zeigen, dass man schon in der Grundschule die Lesemotivation und Lesekompetenz wirksam fördern kann.
In Deutschland hat die Hälfte der 5- bis 6-jährigen Kinder Umgang mit dem Computer. Trotzdem spielen Bücher eine wesentliche Rolle im Leben von Jungen und Mädchen. Zu diesen Ergebnissen gelangt die dritte Jugend-Medienstudie der Stiftung Ravensburger Verlag.
Über 80 Prozent aller Kinder sehen regelmäßig fern, und ebenso viele lassen sich Bücher vorlesen oder schauen selbst Bilderbücher an. Bei der Frage nach ihrem Lieblingsmedium liegt das Schwergewicht eindeutig beim Fernsehen (Jungen 42,5 %, Mädchen 47,4 %), bei den Hörmedien wie Märchenkassetten (Jungen 20 %, Mädchen 31,6 %) und dem Buch (Jungen 22,5 %, Mädchen 13,6 %).
Trotzdem gibt es in der Biographie vieler Kinder einen Abbruch des Leseinteresses. Besonders zwischen dem 8. und 10. Lebensjahr sowie zwischen dem 11. und dem 13. Lebensjahr nehmen bei vielen die Lust am Lesen und die Zeit, die fürs Lesen aufgewandt wird, ab; das gilt besonders für Jungen. Der Anteil der Jugendlichen, die bei der PISA-Studie angegeben haben, nicht zum Vergnügen zu lesen, ist in Deutschland mit 42 Prozent besonders hoch. In der Gruppe der Jungen beträgt der Anteil sogar fast 55 Prozent.Petra Schramml: PISA hat Leseschwäche offenbart. Zum Stand der Lesekompetenz deutscher Kinder und Jugendlicher. 2005. http://www.lesen-in-deutschland.de/html/content.php?object=journal&lid=568 Kritiker behaupten, dass die Schulen durch die Art, wie im Unterricht mit Texten umgegangen werde, an dieser Entwicklung nicht völlig unschuldig seien. In der Phase, in der die Sozialisation von Jugendlichen durch Familie und Schule um ihre Altersgruppe erweitert wird, sollte die Schule auch im Hinblick auf Medienkompetenz Anknüpfungspunkte an die Freizeitkultur suchen.Bettina Hurrelmann: Sozialisation der Lesekompetenz, in: Ulrich Schiefele, Cordula Artelt, Wolfgang Schneider, Petra Stanat (Hg.): Struktur, Entwicklung und Förderung von Lesekompetenz, 2004, S. 60.
Richard Bamberger empfahl, im Unterricht das Lesen am Stück einzuführen und jede Woche ein Buch zu lesen, anstatt eine oft mehrere Wochen hindurch auf kleine Abschnitte aufgeteilte Behandlung eines Buches.
Verschiedene Studien stellten fest, dass sich Unterschiede zwischen sozialen Gruppen auf die Lesekompetenz ihrer Kinder übertragen. Um sie abzubauen, entstand in den 60ern die Sesamstraße im Rahmen des Bestrebens des Lyndon B. Johnson, die Great Society zu erreichen.Susan B. Neuman: The Knowledge Gap, in: David K. Dickinson, Susan B. Neuman (Hg.): Handbook of Early Literacy Research, Band 2, 2006, S. 33. Auswertungen zeigten, dass die Unterschiede entgegen den Erwartungen zunahmen. Als Ursache galt zunächst, dass sich die Sesamstraße an fortgeschrittene Grundschüler richtete, während die größte Empfänglichkeit für Unterstützung bei Vorschulkindern besteht. Als in einer Studie ein auf letztere Zielgruppe abgestimmtes Computerprogramm in einer Bibliothek bereitgestellt wurde, nahmen erneut die Unterschiede zu statt ab, was auf mangelnden Einsatz armer Eltern zurückgeführt wurde.
Um die Entwicklung zur Multimodalität zu berücksichtigen, gelten systematische Anleitungen durch Lehrer als notwendig.Amy Hutchison, Beth Beschorner: Mobile Devices and Multimodal Textual Practices, in: Grace Oakley (Hg.): Mobile Technologies in Children’s Language and Literacy: Innovative Pedagogy in Preschool and Primary Education, 2019, S. 95 Beim Einsatz von Tabletcomputern im Kindergarten sollte der Tastsinn beachtet werden, d. h. die Rolle der Hände als Element der Rückkopplung zum Gehirn bei der Entwicklung des Leseverhaltens.Anne Mangen, Adriaan van der Weel: The evolution of reading in the age of digitisation, in: Literacy, Vol. 50, Nr. 3, Sept. 2016, S. 120.
Situation in ausgewählten Ländern Deutschland Das Lesen hat bei 15-Jährigen zwischen 2009 und 2018 in Deutschland abgenommen. Eine Sonder-Auswertung der PISA-Studien ergab, dass 50 Prozent aller Schüler ausschließlich nicht freiwillig lesen – was eine Steigerung um 11 Prozentpunkte darstellt. Der Geschäftsführer der Stiftung Lesen, Jörg F. Maas, wies in einem Artikel der Zeit darauf hin, dass die Lesefreude analog zu den Bildungsausgaben unterdurchschnittlich sei. Er empfiehlt eine systematische Leseförderung, die bereits vor dem Schulbesuch ansetze. Nach der Vorlesestudie der Stiftung Lesen aus dem Jahr 2019 würden ein Drittel aller Eltern ihren Kindern „kaum oder nicht regelmäßig“ vorlesen.
Die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland suchen Freude am Lesen zu wecken, was inzwischen als gesamtgesellschaftlicher Auftrag gilt und mit Sprachförderung einhergeht.Nathalie Hild, Differenzierte Sprachförderung durch Öffentliche Bibliotheken, 2016, S. 12. Buchbesprechungen im Fernsehen oder in den Zeitungen geben erwachsenen Förderern Hinweise, welche Bücher man Kindern und Jugendlichen schenken kann. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels veranstaltet u. a. jedes Jahr einen Vorlesewettbewerb.
Dass eine nicht in Angriff genommene oder misslungene Leseförderung schwerwiegende Konsequenzen hat, haben die deutschen Kultusministerien erkannt, wer nicht freiwillig und nicht gern liest, ist in der Regel auch durch einen Mangel an Disziplin und Konzentrationsmängel gekennzeichnet, die oft sogar dazu führen, dass Schüler nicht lesen und schreiben lernen. Dadurch ist der schulische Erfolg (Hauptschulabschluss als Minimum) bedroht. Betroffen von dieser Form des Bildungsversagens sind häufig auch Kinder aus Migrantenfamilien. Leseförderung ist daher aus schulischer Sicht eine zentrale Aufgabe aller Fächer und der gesamten Schule. Diesem Ansatz stellte sich das KMK-Projekt „ProLesen“, das von 2008 bis 2010 von allen sechzehn Bundesländern getragen wurde.KMK-Projektinformationen „ProLesen“ Ein klar strukturiertes Konzept zur schulischen Leseförderung mit dem Ziel der deutlichen Reduzierung der sogenannten Risikogruppe der leseschwachen Schülerinnen und Schüler wird seit 2006 im Rahmen des Leseförderprojekts „Niemanden zurücklassen – Lesen macht stark“ umgesetzt. Im Unterricht werden dabei systematisch die wesentlichen Bausteine der Lesekompetenzförderung eingesetzt: Berücksichtigung des Leseinteresses, systematischer Einsatz von Lesestrategien, Leseanimation, Erhöhung der Lesezeit durch eine Lesewoche, Metakognition, leises Lesen und Methoden der Durchgängigen Sprachbildung beziehungsweise Deutsch als Zweitsprache im Regelunterricht und der Interkulturellen Bildung und Erziehung. Zudem wird die Leseförderung nicht nur als Anliegen aller Lehrkräfte der verschiedenen Unterrichtsfächer an einer Schule in einem Praxisfahrplan zur Leseförderung festgeschrieben, sondern die Schulleitung übernimmt im Rahmen des Projektmanagements eine besondere Verantwortung. Die wissenschaftliche Begleitung konnte eine deutliche Wirksamkeit des Konzepts „Lesen macht stark“ nachweisen.
Eine gelungene Leseförderung geht mit einer Schulung der Konzentrationsfähigkeit und der Disziplin einher, setzt diese aber zugleich auch voraus. Lesepaten fördern durch ehrenamtliches Engagement die Lesekompetenz.
Seit 1977 richtet sich die Deutsche Lesegesellschaft e. V.Lesen – Zur Geschichte und Gegenwart einer Kulturtechnik insbesondere an die jugendlichen Leser. 1988 übernahm die Stiftung Lesen die Nachfolge der Deutschen Lesegesellschaft e. V. Im Bundesland Niedersachsen wirkt die Akademie für Leseförderung als zentrale Anlaufstelle für alle dort in der Leseförderung Tätigen.
Einen Überblick über Leseförderung geben auch private Internet-Seiten, darunter der Bundesverband Leseförderung.„Leseförderung, Lesenacht, Lesekiste, Lesebilder“
Einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Leseförderung leisten Literaturfestivals. Ein Beispiel dafür ist das internationale literaturfestival berlin und vor allem dessen Kinder- und Jugendprogramm. Für jede Festivalausgabe lädt das Festival rund 20 renommierte internationale Kinder- und Jugendbuchautoren und -illustratoren ein, die für mehr als 10.000 Kinder und Jugendliche lesen.