mini|Marina Naprushkina Marina Naprushkina (* 23. November 1981 in Minsk, Belarussische SSR) ist eine politische Künstlerin und Aktivistin, die in Berlin lebt und arbeitet.

Künstlerischer Werdegang Ausbildung In den Jahren 1997 bis 2000 studierte Naprushkina an der Staatlichen Kunstschule Glebov in Minsk und setzte ihr Studium anschließend in Karlsruhe an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe fort.Lebenslauf Marina Naprushkina, Office for Anti-Propaganda, abgerufen am 28. Juli 2015. Von 2004 bis 2008 setzte sie ihr Studium an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste, der Städelschule in Frankfurt am Main fort, bei der US-amerikanischen Künstlerin Martha Rosler, deren Schwerpunkte in den Bereichen Videokunst, Fotografie, Performance und Installation liegen.

Schwerpunkte Die Künstlerin ist in den Bereichen Installation, Malerei und Videokunst aktiv.Mitteilung Sommerakademie im Zentrum Paul Klee zu Marina Naprushkina, 2013, abgerufen am 29. Juli 2015.

Naprushkina interessiert sich vor allem für die politischen Dimensionen und Spielräume von KunstLena Prents: Marina Naprushkina. Wealth for All, 2011, in: Barbara Steiner, Peio Aguirre (Hrsg.): The scenario book. thinking Europe, Jovis Verlag, Berlin 2012, ISBN 9783868591880, S. 55. (im Original: Naprushkina […] is primarily interested in the political dimensions and scope of art.) und widmet sich der künstlerischen Bearbeitung von Machtstrukturen in Nationalstaaten. Belarus sieht sie als ein Beispiel dafür an, wie eine moderne Diktatur errichtet wird und wie westliche Demokratien mit diesem Problem umgehen.Lena Prents: Marina Naprushkina. Wealth for All, 2011, in: Barbara Steiner, Peio Aguirre (Hrsg.): The scenario book. thinking Europe, Jovis Verlag, Berlin 2012, ISBN 9783868591880, S. 55. (im Original: She sees Belarus as a case study for „how a modern dictatorship is established and how western democracies deal with this problem“.)

Dafür verwendet sie häufig Sachtexte wie etwa Propagandaschriften, welche von Institutionen herausgegeben wurden, die der belarussischen Regierung unterstehen.

Seit 2016 ist die Künstlerin Dozentin in der *foundationClass an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die von Professor Ulf Aminde ins Leben gerufen wurde. Die *foundationClass verfolgt das Ziel, Kunststudenten unter den Geflüchteten die Grundlagen für eine Bewerbung an einer deutschsprachigen Kunsthochschule zu vermitteln.

Projekte (Auswahl) Büro für Anti-Propaganda, seit 2007 2007 gründete sie das Büro für Anti-Propaganda, ein langfristig angelegtes Forschungs- und Dokumentationsprojekt. Darin untersucht sie, wie zum Zweck der Machterhaltung kontrolliert und manipuliert wird.Lena Prents: Marina Naprushkina. Wealth for All, 2011, in: Barbara Steiner, Peio Aguirre (Hrsg.): The scenario book. thinking Europe, Jovis Verlag, Berlin 2012, ISBN 9783868591880, S. 55. (im Original: …she turns her attention towards mechanisms of control and manipulation for the purposes of the safeguarding of power.) Das Büro für Anti-Propaganda beteiligt sich auch an politischen Aktionen und gab seit 2011 in russischer und englischer Sprache die Zeitung Self # governing heraus, in der politische Manipulationsmechanismen mit der Absicht erläutert wurden, die Leser „wenigstens ein bisschen dagegen zu immunisieren“Christiane Meixner: "Neue Intoleranz": Debatte in Berlin. Gedanken schwimmen vorbei. Bedroht die Einschränkung der künstlerischen Freiheit die Demokratie? Darum ging es bei der Diskussionsrunde zur "neuen Intoleranz" in Berlin. Spannende Thesen trafen auf müde Floskeln., tagesspiegel.de, 24. Mai 2015, abgerufen am 2. August 2015. Ziel der Zeitung ist es, einerseits jenseits der Machtblöcke Europäische Union und Russland zukunftsträchtige Wege für Belarus zu entwickeln, andererseits aber auch, weltweit politische Alternativmodelle anzustoßen., berlinberlinale.de, abgerufen am 2. August 2015. Die Ausgabe der Zeitung in russischer Sprache wurde von Aktivisten in Belarus breit verteilt. Die zweite Ausgabe der Zeitung verfolgte einen feministischen Ansatz: Mit einer Analyse des patriarchalischen Herrschaftssystems in Belarus zeigte sie, wie Frauen dieses Modell selbst unterstützen, aber auch, welche Alternativen sich finden ließen. Mit diesem Beitrag beteiligte sich die Künstlerin an der 7. Berlin Biennale. Da trotz des positiven Echos in Berlin die Finanzierung 2015 ausgelaufen ist, ist die nächste Ausgabe der Zeitung nicht in Sicht.

„Marina Naprushkinas Büro für Antipropaganda hat sich inzwischen vom künstlerischen Projekt zu einer regelrechten Keimzellen des politischen Widerstands gewandelt“, so Jutta Schwengsbier im Deutschlandfunk im Juli 2011.Jutta Schwengsbier: "Büro für Antipropaganda" Die weißrussische Künstlerin Marina Naprushkina und ihr Kampf gegen Diktator Lukaschenko., deutschlandfunk.de, 24. Juli 2011, abgerufen am 3. August 2015.

Skulptur The President's Platform, 2007 Die Skulptur ist eine Kopie des Podests, das die damalige belarussische Regierung bei wichtigen offiziellen Anlässen als propagandistisches Instrument aufstellte, damit der Präsident Aljaksandr Lukaschenka von dort aus seine staatsmännischen Fähigkeiten verherrlichen und die Aufmerksamkeit von politischen Themen ablenken konnte, so der Begleittext bei der 11. Istanbul Biennale.Beschreibung des Kunstwerks auf der Website der 11. Biennale Istanbul, abgerufen am 2. August 2015, (im Original: The President's Platform (2007) might be mistaken for a minimalist sculpture, but is actually a copy of the platform owned by the present government of Belarus, whose leader is Alexander Lukashenko. For important events the platform is set up, as a propagandistic instrument to glorify his statesmanship and divert attention from politics.). Die Absurdität dieses isolierten roten Denkmalsockels, so der Begleittext weiter, rege zum Nachdenken darüber an, wie ausufernd der Begriff Plattform in der Verortung von Dialog und Meinungsfreiheit verwendet werde, während Letztere in den meisten Gesellschaften, die sich als demokratisch verstünden, erstickt werde.Beschreibung des Kunstwerks auf der Website der 11. Biennale Istanbul, abgerufen am 2. August 2015, (im Original: The absurdity of this solitary red pedestal reflects on the excessive use of the term 'platform' as an imaginary basis for dialogue and freedom of speech, whilst at the same time this freedom of speech is stifled in most 'democratic' societies.). Die Bühne beziehe sich auch auf Ausstellungen als Räume, wo sonst unterdrückte Themen jenseits der politischen Sphäre diskutiert und durchgedacht werden können.Beschreibung des Kunstwerks auf der Website der 11. Biennale Istanbul, abgerufen am 2. August 2015, (im Original: The stage also makes reference to the exhibition as a space where subjects that are otherwise suppressed can be discussed and reflected upon in a way that is beyond real politics. ).

Mit diesem Beitrag beteiligte sich die Künstlerin an der 11. Istanbul Biennale.

Videofilm Belarus Today, 2008 In diesem fünfminütigen Farbfilm lesen Bauarbeiter offizielle Bekanntmachungen aus belarussischen Zeitungen vor.Astrid Mania: Dritte Biennale für junge Kunst in Moskau Wut auf das Gesichtete. Harmlosigkeit als Statement: Selten hat eine Kuratorin auf das eigene Projekt so eingedroschen wie Elena Selina bei der dritten Moskauer Biennale für junge Kunst. Die Teilnehmer geben sich politisch, doch ihre Freiheit ist in einem Land beschränkt, in dem Punkerinnen für harmlose Protestaktionen eingesperrt werden., https://www.sueddeutsche.de/, 3. August 2012, abgerufen am 2. August 2015.

Mit diesem Beitrag nahm die Künstlerin an der 3. Moscow International Biennale for Young Art teil. Astrid Mania ordnete Belarus Today in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung den Werken zu, „die ihre Anliegen innerhalb konventioneller Gattungsgrenzen vortragen“, was dem Ausstellungskonzept der Kuratorin Kathrin Becker im Rahmen dieses Moskauer Prestigeprojekts entsprach.

Malbuch My Daddy is a Policeman, 2011 Im Rahmen einer Kampagne der Nichtregierungsorganisation Nash Dom entwarf Marina Naprushkina das Malbuch My Daddy is a Policeman. What Does He Do at Work?, das von Nash Dom veröffentlicht und verteilt wurde.Marina Naprushkina: My Daddy is a Policeman. What Does He Do at Work?, abgerufen am 1. August 2015. Im Rahmen einer Ausstellung wurden die Besucher eingeladen, die Ausdrucke des Buches an der Wand anzumalen.

Diese Veröffentlichung stand in folgendem Kontext: Zwischen 2006 und 2011 wurden politisch aktive Frauen in Belarus immer wieder Opfer von Gewalt durch staatliche Sicherheitskräfte, besonders heftig während des Wahlkampfs Anfang 2006 und Ende 2010.Marina Naprushkina: My Daddy is a Policeman. What Does He Do at Work?, abgerufen am 1. August 2015. Unberechtigte Festnahmen und Inhaftierungen und hohe Geldstrafen gehörten ebenso zu den Übergriffen wie der gesteuerte Verlust des Arbeitsplatzes, Verweise von der Schule und der Universität und die Ausübung von Druck gegenüber anderen Familienmitgliedern, ja sogar die Verweigerung medizinischer Hilfe und das Treiben in den Selbstmord. Im Malbuch werden solche Gewaltsituationen mit Knetfiguren nachgestellt und in Erfahrungsberichten in einfacher Sprache beschrieben.

Videofilm Wohlstand für alle, 2011 Naprushkina nahm den Titel des Videofilms aus Gregor Gysis Wahlkampfslogan aus dem Jahr 2009. Sie übersetzte drei Reden von Angela Merkel, Oskar Lafontaine und Guido Westerwelle und ließ Belarussen die Texte bei sich zu Hause oder an halbprivaten Orten vor der Kamera vorlesen.Lena Prents: Marina Naprushkina. Wealth for All, 2011, in: Barbara Steiner, Peio Aguirre (Hrsg.): The scenario book. thinking Europe, Jovis Verlag, Berlin 2012, ISBN 9783868591880, S. 55. (im Original: Naprushkina translated three speeches by German politicians (Angela Merkel, Guido Westerwelle, Oskar Lafontaine) and had people in Belarus read them out in front of the camera in their homes or in semi-private places.) Die Vorleser reagierten unterschiedlich auf die Äußerungen, die sie hautnah tangieren und die doch so weit von ihnen entfernt sind: Mit Pathos, Respekt vor den Verfassern oder mit Versuchen, das Gelesene auf die belarussische Realität zu übertragen.Lena Prents: Marina Naprushkina. Wealth for All, 2011, in: Barbara Steiner, Peio Aguirre (Hrsg.): The scenario book. thinking Europe, Jovis Verlag, Berlin 2012, ISBN 9783868591880, S. 55. (im Original: With pathos, respect for the authors or attempts to adapt what they are reading to Belarussian reality, the readers of the texts react to the comments that affect them so closely and yet are so far removed from them.) Gysis Slogan Wohlstand für alle, der in einer Demokratie auf alle zutreffen soll, hat keinen Bezug zur belarussischen Realität.Lena Prents: Marina Naprushkina. Wealth for All, 2011, in: Barbara Steiner, Peio Aguirre (Hrsg.): The scenario book. thinking Europe, Jovis Verlag, Berlin 2012, ISBN 9783868591880, S. 55. (im Original: …Gysi's slogan Wealth for all, which is meant to apply to everyone in a democratic sense, has no relation to the real circumstances.)