mini|Haus Düsternstraße 43–51, Aufnahme Georg Koppmann, Juni 1906 mini|Bauschmuck Palmwedel, seit 1922 an der Fassade des Museums für Hamburgische Geschichte mini|Vorbild Kornhaus am Wandrahm
Das Haus Düsternstraße 43–51 war ein Backsteingebäude in der Hamburger Neustadt, das der Volksmund aufgrund seiner eindrucksvollen Bauweise und seiner barocken Fassade auch Altes Schloss nannte. Es wurde zwischen 1671 und 1677 errichtet und 1906 abgerissen und stand am südlichen Teil der Neustädter Fuhlentwiete, die ab 1900 in Düsternstraße umbenannt wurde. Teile seines Bauschmucks wurden von Fritz Schumacher in die Architektur des Museums für Hamburgische Geschichte einbezogen und zieren die zum Holstenwall gelegene Südostwand des Gebäudes.
Lage und Beschreibung Das Haus wurde auf zwei Grundstücken in einer Zeit gebaut, nachdem durch die Errichtung der Wallanlagen von 1615 bis 1626 das Millerntor weiter nach Westen verlegt und die ehemaligen Gärten davor in das Hamburger Stadtgebiet einbezogen worden waren. Das Grundstück lag an einem ehemaligen Gartenweg parallel zum alten Stadtgraben, dem heutigen Herrengrabenfleet, zwischen den alten Straßenverläufen vom Alten Steinweg und der Fuhlentwiete. Die Adresse war Neustädter Fuhlentwiete, Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Straße durch Verlängerung in die Düsternstraße einbezogen.
Das Gebäude war ein zweieinhalbgeschossiger fünfachsiger symmetrischer Backsteinbau mit 21 Meter breiter barocker Palastfassade, die von sechs Kolossalpilastern gleichmäßig gegliedert wurde. Diese wurden von hohen Sockeln bis zum hervorkragenden Dachgesims geführt und von korinthischen Kapitellen bekrönt. Zwischen Erd- und Obergeschoss war ein Mezzaningeschoss eingefügt entsprechend der sich in Norddeutschland aus der hohen Diele herausgebildeten Bauweise. In der Mittelachse des Erdgeschosses befand sich ein Doppelportal mit geschweiftem Giebel aus Sandstein, in dem zwei Eingänge mit kurzen Treppen lagen, das vermutlich nachträglich Mitte des 18. Jahrhunderts eingebaut wurde. Die seitlichen vier Achsen waren im Erdgeschoss mit weiteren Eingängen und Schaufenstern der hier ansässigen Geschäfte unterschiedlich gestaltet. Auch in den Kellerräumen befanden sich Läden.Meyer-Brunswick: Palaisähnliche Hamburger Bürgerhäuser des 17. Jahrhunderts und ihre Geschichte, S. 102 Die Fassade überragte ein Dreiecksgiebel mit einem Fensterband und einem halbrund abschließenden Giebelfenster vor einem großen Walmdach mit zwei breiten Gauben und mehreren schrägen Dachfenstern.Nirrnheim, Melhop: Das Haus Düsternstraße Nr. 43–51, S. 329
Als Vorbilder für die Architektur des Hauses werden Bauten des Amsterdamer Baumeisters Philips Vingboons, insbesondere das Landhaus Westwijk von 1637, oder auch der von Hans Hamelau ab 1666 errichtete Bauhof am Deichtor angenommen. Wilhelm Melhop wies zudem auf Parallelen zum ebenfalls von Hamelau 1660/1661 gebauten Kornhaus am Wandrahm hin, vor allem durch den Eindruck des überragenden, großen Walmdachs und der Erkerausbildung.Nirrnheim, Melhop: Das Haus Düsternstraße Nr. 43–51, S. 331
Ehemals führten an beiden Seiten des Gebäudes Einfahrten vorbei, die von Torbögen überwölbt waren. Der rechte Torweg wich in den 1790er Jahren einem vierstöckigen Etagenhaus. Auf der linken Seite führte die Durchfahrt bis zum Abbruch des Hauses in einen geräumigen Hofplatz. Zum Grundstück, das zum Schluss noch 80 Meter tief war und bis an den Schulgang und den Langen Gang reichte, gehörten weitere Gebäude, vormals Remisen, Stallungen und Wohnungen für die Dienerschaft, im 19. Jahrhundert teils Wohnhäuser, teils Fabriken.
Bauschmuck Der Fassadenschmuck des Hauses wurde in den zeitgenössischen hamburgischen Topographien hervorgehoben. Auch Wilhelm Melhop beschreibt, dass „die Barockfassade wegen des darin ausgedrückten reiferen künstlerischen Empfindens die Aufmerksamkeit der Kunstfreunde stets auf sich gezogen hat“.Nirrnheim, Melhop: Das Haus Düsternstraße Nr. 43–51, S. 329
Über den Fensterbrüstungen des ersten Stockwerks zogen sich die Schmuckelemente in regelmäßiger Abwechslung wie ein Band. In den Achsen zwischen den Pilastern waren gekreuzte Palmwedel aus Sandstein eingelassen; diese gehen auf die Ursprungszeit des Baus zurück: „Anstelle üppiger Festons als Symbole des Reichtums fand man hier die gekreuzten Palmwedel. In ähnlicher Form sind sie auf idealisierten, möglicherweise von Philip Vingboons stammenden Darstellungen des Salomonischen Tempels in einem Werk von Johannes Coccejus zu sehen, das 1669 erschien. Dann mögen sie in Anspielung auf König Salomon als Zeichen der Weisheit gemeint gewesen sein, was dem Juristen Schrötteringk wohl passender als Wohlstandsbezeugungen schien.“Meyer-Brunswick: Palaisähnliche Hamburger Bürgerhäuser des 17. Jahrhunderts und ihre Geschichte, S. 111 Gekreuzte Palmwedel fanden sich in ähnlicher Form auch an anderen Häusern der Zeit, so zum Beispiel an den Häusern Neuer Wandrahm 7 und 10.
Auf gleicher Höhe waren in den vier inneren Pilastern Nischen nachträglich herausgehauen und Volutenkonsolen eingebracht, auf denen vier Büsten standen. Sie stellen die antiken Kaiser Ninus, Cyrus, Alexander den Großen und Cäsar dar:
zentriert|100pxNinos (Ninus), mythischer und namensgebender Gründer der Stadt Ninive in Assyrien,hier dargestellt mit wallendem Bart und einer über den Kopf gezogenen Löwenhaut, deren Tatzen über einem schuppigen Brustharnisch verknotet sindzentriert|100pxKyros II. (Cyrus) um 590 bis 530 v. Chr., persischer König der Achämeniden-Dynastie,hier ebenfalls bärtig dargestellt, trägt einen Turban mit Spange, auf der oberhalb der Stirn ein Medaillon sitzt, der Umhang ist über der Rüstung auf der rechten Schulter geknotetzentriert|100pxAlexander der Große (Alexander III. von Makedonien, 356 v. Chr. in Pella bis 323 v. Chr. in Babylon) war König von Makedonien und Hegemon des Korinthischen Bundes,jugendlich dargestellt, bartlos, Helm mit Krempe und Schirm, langes Haar wallt hervor, Kriegskleidung, rechts von einer Fibel gehalten, verzierter Brustpanzerzentriert|100pxGaius Iulius Caesar (Cäsar, 100 v. Chr. bis 44 v. Chr.), römischer Staatsmann, Feldherr und Autor,ebenfalls bartlos dargestellt, mit Lorbeerkranz geschmückt, der Mantel wird auf der linken Schulter gehalten, der Panzer ist mit einer menschlichen Maske besetzt
Auf den äußeren Pilastern waren in Sandstein gearbeitete Wappen angebracht. Sie zeigen beide einen leeren Schild und einen Spangenhelm mit angesetzten Schwingen, zwischen denen bei dem einen eine Taube mit Ring im Schnabel sitzt und im anderen sich ein kleiner Hund aufrichtet.Meyer-Brunswick: Palaisähnliche Hamburger Bürgerhäuser des 17. Jahrhunderts und ihre Geschichte, S. 113
Die Wappen, Büsten und Palmwedel wurden von Fritz Schumacher in den Bau des Museums für Hamburgische Geschichte aufgenommen und sind dort an der Südostfassade zur Straßenfront angebracht. Zwei der Pilasterkapitelle wurden ebenfalls bewahrt und befinden sich im Magazin des Museums.
Baugeschichte mini|Düsternstraße am Bogen des Herrengrabenfleets, 2013 Das an den Schulgang grenzende Gartengrundstück stand am Anfang des 17. Jahrhunderts, bereits vor dem Bau der Wallanlagen, im Eigentum des Bürgermeisters Vincent Moller aus der Hanseatenfamilie Moller vom Hirsch. Das andere Grundstück gehörte Johann Möller, dem älteren Bruder des Bürgermeisters, Dr. jur. und holsteinischer Rat. Das Grundstück Johann Möllers erbte sein Sohn der Lizentiat Vincent Möller, der 1652 auch das Nachbargrundstück von den Erben seines Onkels, des Bürgermeisters Vincent Möller, erwarb. Nach dem Tod des Lizentiaten Vincent Moller 1665 ging das gesamte Grundstück auf seine Tochter Cecila Schrötteringk und deren Ehemann, den Bürgermeistersohn und fürstlich-gothaische Rat Lizentiat Joachim Schrötteringk, der entsprechend 1670 in das Grundbuch eingetragen wurde, über. Frühestens 1671 wurde mit dem Bau des Hauses begonnen, spätestens 1677 war es fertiggestellt.Nirrnheim, Melhop: Das Haus Düsternstraße Nr. 43–51, S. 334–335
Das Haus wurde nicht von der Familie Schrötteringk bewohnt; diese hatte im 17. Jahrhundert ihren Hauptwohnsitz im Cranz’schen Haus in der Hamburger Altstadt. Vielmehr war das Palais in der Düsternstraße ein repräsentatives Anlageobjekt mit Mieteinnahmen. Im Laufe seiner Geschichte hatte es häufig wechselnde Eigentümer.
Nach dem Tod Joachim Schrötteringks im Jahr 1706 erbten sein Sohn Hinrich Schrötteringk und seine Tochter Anna Cecilia Schrötteringk das Haus samt Grundstück, das schließlich auf deren Ehemann Johann Albert Lohrmann eingetragen wurde. Aufgrund von Schulden aber überschrieb man es 1717 auf den Gläubiger Jobst von Overbeck. 1732, sechs Jahre nach dem Tod Overbecks, stellten seine Erben das Haus zum Verkauf. Das Zeitungsinserat lautete: „Zu wissen, daß am morgenden Mittwochen, als den 26sten des jetztlaufenden Monats Martii, des Abends zur gewöhnlichen Zeit auf dem Eimbeckschen Hause das Gast-Haus, Garten und Zubehörungen, ehedessen der Bremer Schlüssel genandt und bey dem Stadt-Graben bey der Fuhlentwiete belegen, an den Meistbietenden verkauffet und zu einem gar leidlichen Preiß eingesetzt werden soll.“Hamburger Relations Courier vom 25. März 1732, zitiert nach Meyer-Brunswick: Palaisähnliche Hamburger Bürgerhäuser des 17. Jahrhunderts und ihre Geschichte, S. 118 Meyer-Brunswick hebt in seiner Darstellung des Hauses hervor, dass es 1721 noch keine Gaststätte an dieser Adresse gab, wie durch ein Inventar belegt ist. Der Bremer Schlüssel der Fuhlentwiete wurde von der Autorin Petra Oelker wiederholt als Schauplatz in einem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angesiedelten Kriminalroman-Zyklus aufgenommen.