Die Landtagswahl in Thüringen 2019 am 27. Oktober 2019 war die Wahl zum siebten Thüringer Landtag seit der Neugründung des Freistaates Thüringen 1990. Es gab rund 1,73 Mio. Wahlberechtigte, davon 75.000 Erstwähler. Die Wahlbeteiligung lag bei 64,9 %.
Die CDU, bislang stärkste Partei, aber mangels Regierungspartner in der Opposition, musste ein Drittel des Wählerzuspruchs einbüßen und stürzte auf Rang drei ab. Im Gegenzug konnte die AfD Thüringen ihren Stimmenanteil mehr als verdoppeln und dabei die CDU überholen. Die Linke mit Ministerpräsident Ramelow stieg zur stärksten Partei Thüringens auf, die bis dahin regierende rot-rot-grüne Koalition aus Linken, SPD und Bündnis 90/Die Grünen verlor allerdings ihre Mehrheit, vor allem wegen der Verluste der SPD; die Grünen kamen der 5-%-Hürde nah, bei der FDP war es äußerst knapp. Eine regierungsfähige Mehrheit der drei Oppositionsparteien war zwar rechnerisch gegeben, parteipolitisch aber nicht opportun, da sich CDU Thüringen und FDP Thüringen vor der Wahl gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgesprochen hatten.
Bodo Ramelow scheiterte mehrmals daran, erneut zum Ministerpräsidenten gewählt zu werden. Am 5. Februar 2020 wählte der Landtag im dritten Wahlgang überraschend Thomas Kemmerich (FDP) mit Stimmen von CDU, FDP und AfD zum Ministerpräsidenten, was zur Regierungskrise in Thüringen 2020 führte. Am 8. Februar erklärte Kemmerich schriftlich der Präsidentin des Landtags seinen Rücktritt mit sofortiger Wirkung; er blieb bis zur Wahl Bodo Ramelows (Die Linke) am 4. März geschäftsführender Ministerpräsident.insuedthueringen.de: Vorgezogene Neuwahlen wurden für 2021 in Aussicht gestellt, dazu kam es aber nicht; die Landtagswahl in Thüringen 2024 erfolgte turnusgemäß.
Wahltermin Nach des Thüringer Wahlgesetzes für den Landtag (ThürLWG) hatte die Landtagswahl an einem Sonn- oder Feiertag frühestens 57 Monate nach dem Beginn der laufenden Wahlperiode am 14. Oktober 2014 und spätestens in ihrem 61. Monat stattzufinden, also frühestens am 21. Juli 2019 und spätestens am 10. November 2019.wahlen.thueringen.de:
Am 28. August 2018 gab die Thüringer Landesregierung bekannt, dass die Wahl am 27. Oktober 2019 stattfinden soll.
Ausgangslage Wahl 2014
Bei der Landtagswahl 2014 wurde die CDU von Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht mit 33,5 % erneut stärkste Kraft im Thüringer Landtag. Die Linke konnte ihr Ergebnis leicht auf 28,2 % steigern. Die SPD verlor 6,1 Prozentpunkte und erzielte mit 12,4 % ihr bislang niedrigstes Ergebnis in Thüringen. Auf nur noch 2,5 % kam die FDP und schied mit einem Verlust von 5,2 Prozentpunkten aus dem Landtag aus. Die Grünen verloren 0,5 Prozentpunkte und kamen auf 5,7 %.
Der AfD gelang auf Anhieb der Einzug in den Thüringer Landtag mit 10,6 %. Während der Legislaturperiode verlor die AfD-Fraktion vier der ursprünglich elf Mandate durch Austritte und Ausschlüsse. Auch die CDU verlor durch Austritt einen Abgeordneten. Ein ehemaliges AfD-Mitglied schloss sich später der SPD-Fraktion an, ein weiteres der Familien-Partei Deutschlands. Eine SPD-Abgeordnete wechselte im Laufe der Legislaturperiode zur CDU. Die NPD verpasste den Einzug in den Thüringer Landtag mit 3,6 %.
Die Linke, SPD und Grüne lösten unter dem neuen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow die schwarz-rote Landesregierung ab. Erstmals stellte damit die Partei Die Linke einen Ministerpräsidenten.
Koalitionsaussagen Ministerpräsident Bodo Ramelow erklärte, er werde mit der Linkspartei für eine Fortsetzung der rot-rot-grünen Koalition kämpfen. Er strebe keine Minderheitsregierung an, doch wäre eine solche „kein Weltuntergang“.t-online.de:
CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring schloss für die CDU Thüringen Koalitionen mit der AfD und der Linkspartei aus. Mohring sprach sich daher für eine Vier-Parteien-Koalition der Christdemokraten mit SPD, Grünen und FDP aus und warnte vor einer möglichen Minderheitsregierung Ramelows.arte.tv: Die SPD sprach sich für die Fortsetzung der rot-rot-grünen Koalition aus. Der FDP-Landesvorsitzende Thomas Kemmerich schloss Koalitionen mit den Linken und der AfD aus.
Parteien Spitzenkandidaten der von 2014 bis 2019 im Landtag vertretenen Parteien
Bewerber Es kandidierten in den 44 Wahlkreisen insgesamt 322 Bewerber auf ein Direktmandat sowie 399 Bewerber auf 18 zugelassenen Landeslisten.wahlen.thueringen.de: wahlen.thueringen.de: ParteiKurzbezeichnungBewerberzahlPlatz 1 auf derLandesliste Wahl-kreise Landes-liste Christlich Demokratische Union Deutschlands CDU44 88 Mike Mohring Die Linke DIE LINKE4442 Bodo Ramelow Sozialdemokratische Partei Deutschlands SPD4347 Wolfgang Tiefensee Alternative für Deutschland AfD4035 Björn Höcke Bündnis 90/Die Grünen GRÜNE4419 Anja Siegesmund Nationaldemokratische Partei Deutschlands NPD–15 Antje Vogt Freie Demokratische Partei FDP4441 Thomas Kemmerich Piratenpartei Deutschland PIRATEN112 Bernd Schreiner Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative Die PARTEI–16 Eggs Gildo Kommunistische Partei Deutschlands KPD–6 Torsten Schöwitz Aktion Partei für Tierschutz – das Original TIERSCHUTZ hier!–3 Andi Biernatowski Bündnis Grundeinkommen – die Grundeinkommenspartei BGE–4 Sebastian Schirmer Demokratie Direkt! Thüringen DIE DIREKTE!–9 Christian Rombeck Die blaue Partei Thüringen Blaue #TeamPetry Thüringen–14 Nicole Tantz-Anding Graue Panther Graue Panther–3 Uwe Held Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands MLPD1933 Tassilo Timm Ökologisch-Demokratische Partei / Familie, Gerechtigkeit, Umwelt ÖDP / Familie27 Martin Truckenbrodt Partei für Gesundheitsforschung Gesundheitsforschung–5 Kai Liebing Freie Wähler in Thüringen FREIE WÄHLER18– – Menschliche Welt MENSCHLICHE WELT1– – Einzelbewerber22– – Die Freien Wähler kandidierten nicht mit einer Landesliste, da sie die Liste nicht rechtzeitig einreichten.
Umfragen und Prognosen Sonntagsfrage Institut Datum Forschungsgruppe Wahlen24.10.201926 % 28 %9 %21 %7 %5 %4 % INSA24.10.201924 % 28 %9 %24 %8 %5 %2 % Infratest dimap 17.10.2019 24 % 29 % 8 % 24 % 7 % 4 % 4 % Forschungsgruppe Wahlen17.10.201926 % 27 %9 %20 %8 %5 %5 % INSA26.09.201923 % 29 %9 %24 %9 %4 %2 % Infratest dimap 16.09.2019 22 % 28 % 7 % 25 % 8 % 5 % 5 % INSA 22.08.2019 24 % 26 % 9 % 21 % 11 % 4 % 5 % Infratest dimap 30.07.2019 21 % 25 % 8 % 24 % 11 % 5 % 6 % INSA 27.06.2019 26 % 24 % 10 % 20 % 10 % 5 % 5 % INSA 30.05.2019 26 % 25 % 11 % 20 % 8 % 5 % 5 % INSA 25.04.2019 27 % 25 % 10 % 19 % 7 % 6 % 6 % Infratest dimap 26.03.2019 28 % 24 % 11 % 20 % 8 % 5 % 4 % INSA 26.03.2019 27 % 24 % 10 % 20 % 8 % 5 % 6 % Landtagswahl 2014 14.09.2014 33,5 % 28,2 % 12,4 % 10,6 % 5,7 % 2,5 % 7,3 %
Ältere Umfragen 2015 – 2018 Institut Datum INSA 09.11.2018 23 % 22 % 12 % 22 % 12 % — 6 % 3 % Infratest dimap 28.08.2018 30 % 22 % 10 % 23 % 6 % — 5 % 4 % INSA 02.06.2018 31 % 26 % 10 % 18 % 6 % — 5 % 4 % INSA 23.02.2018 32 % 24 % 10 % 18 % 7 % — 5 % 4 % INSA 23.10.2017 31 % 20 % 13 % 20 % 4 % — 7 % 5 % INSA 04.08.2017 37 % 22 % 11 % 18 % 4 % — 5 % 3 % Infratest dimap 22.06.2017 37 % 27 % 10 % 13 % 5 % — 4 % 4 % INSA 14.04.2017 33 % 22 % 15 % 19 % 5 % — 4 % 2 % INSA 02.12.2016 31 % 23 % 13 % 20 % 6 % — 4 % 3 % Infratest dimap 22.11.2016 32 % 23 % 12 % 21 % 6 % — 3 % 3 % INSA 22.06.2016 31,5 % 26 % 11,5 % 17,5 % 7 % — 3,5 % 3 % Infratest dimap 17.06.2016 32 % 25 % 11 % 19 % 7 % — — 6 % INSA 20.04.2016 31 % 26,5 % 13 % 15 % 8,5 % — 4 % 2 % INSA 15.01.2016 33,5 % 27 % 14,5 % 13,5 % 7 % — — 4,5 % INSA 16.10.2015 35,5 % 24,5 % 15,5 % 12 % 6,5 % — — 6 % Infratest dimap 17.09.2015 35 % 27 % 13 % 9 % 7 % 4 % — 5 % INSA 08.07.2015 38 % 30 % 11 % 8 % 6 % 2 % 2 % 3 % Infratest dimap 05.06.2015 34 % 27 % 14 % 8 % 7 % 3 % 2 % 5 % INSA 01.04.2015 38 % 28 % 11 % 7 % 7 % – 3 % 6 % INSAWahlrecht.de: 03.02.2015 40 % 29 % 11 % 10 % 6 % – – 4 % Landtagswahl 2014 14.09.2014 33,5 % 28,2 % 12,4 % 10,6 % 5,7 % 3,6 % 2,5 % 3,6 %
Verlauf mini|links|910px|Sonntagsfragen zur Landtagswahl und Ergebnis der Wahl 2014.
Hypothetische Direktwahl Ministerpräsident Institut Datum 27.10.2019 53 % 32 % — — — 72 % — — — 14 % 27.10.2019 52 % 31 % — — — 24.10.2019 54 % 29 % — — — 76 % — — — 8 % 17.10.2019 50 % 31 % — — — 76 % — — — 6 % INSA 22.08.2019 41 % 15 % — — 8 % 30.07.2019 52 % 28 % — — — INSA 27.06.2019 39 % 17 % — — 9 % INSA 30.05.2019 39 % 13 % — — 7 % INSA 25.04.2019 42 % 15 % — — 8 % 26.03.2019 52 % 20 % — — 9 % 28.08.2018 49 % 29 % — — — INSA 23.02.2018 50 % 23 % 18 % — 9 % INSA 23.10.2017 33 % 24 % — 13 % 8 %
Ergebnis mini|hochkant=2|Direktmandate in den Wahlkreisen
Die Partei Die Linke des amtierenden Ministerpräsidenten Bodo Ramelow gewann an Stimmen hinzu und wurde mit 31 % erstmals bei einer Landtagswahl im wiedervereinigten Deutschland stärkste Partei. Erstmals erreichte sie auch über 30 % der Stimmen.
Die AfD konnte mit einem Plus von 12,8 Prozentpunkten den größten Stimmenzuwachs unter allen Parteien verzeichnen und wurde mit 23,4 % zweitstärkste Partei, gefolgt von der CDU, welche mit 21,7 % der Stimmen der größte Verlierer der Wahl war und ihr schlechtestes Ergebnis im Freistaat einfuhr.
Die an der Regierung beteiligten Parteien SPD und Grüne mussten ebenfalls Verluste hinnehmen, sodass die bisherige rot-rot-grüne Landesregierung mit 42 von 90 Sitzen keine Mehrheit im neuen Landtag hat.
Mit 73 Stimmen über der 5-Prozent-Hürde (5,0066 Prozent) gelang der FDP nach fünf Jahren der Wiedereinzug in den Thüringer Landtag.
Da die CDU einen Wahlkreis mehr direkt gewann, als ihr nach dem Landesstimmenergebnis Sitze zustanden, erhielt sie ein Überhangmandat; nach dem Hare/Niemeyer-Verfahren errechnete sich ein Ausgleichsmandat, das der SPD zufiel. Damit sitzen 90 statt 88 Abgeordnete im Landtag.
+ Partei Kurzform Wahlkreisstimmen Landesstimmen Sitze Anzahl % +/− Anzahl % +/− Direkt-man-date Liste Gesamt +/− Linke 283.589 25,8 −3,6 343.780 31,0 +2,8 11 18 29 +1 AfD 242.221 22,0 +19,8 259.382 23,4 +12,9 11 11 22 +11 CDU 299.438 27,2 −10,5 241.049 21,7 −11,8 21 — 21 −13 SPD 119.185 10,8 −4,8 90.987 8,2 −4,2 1 7 8 −4 Grüne 71.682 6,5 +0,5 57.474 5,2 −0,5 — 5 5 −1 FDP 59.047 5,4 +2,9 55.493 5,0 +2,5 — 5 5 +5 PARTEI — — — 12.524 1,1 +0,5 — Tierschutz hier! — — — 11.936 1,1 neu — NPD — — — 6.044 0,5 −3,1 — Graue Panther — — — 5.916 0,5 neu — Gesundheitsforschung — — — 5.339 0,5 neu — ÖDP/Familie 1.084 0,1 neu 4.833 0,4 neu — Piraten 436 0,0 −0,4 4.044 0,4 −0,6 — MLPD 2.354 0,2 neu 2.945 0,3 neu — BGE — — — 2.700 0,2 neu — DIE DIREKTE! — — — 2.362 0,2 neu — Blaue #TeamPetry — — — 856 0,1 neu — KPD — — — 724 0,1 ±−0,0 — 21.004 1,9 +1,9 — — — — Gesamt 1.100.040 100,0 ±0 1.108.388 100,0 ±0 44 46 90 −1 Gültige Stimmen 1.100.040 98,0 +0,1 1.108.388 98,8 +0,2 — — Ungültige Stimmen 21.774 2,0 −0,1 13.426 1,2 −0,2 — — Wahlbeteiligung 1.121.814 64,9 +12,2 1.121.814 64,9 +12,2 — — Wahlberechtigte 1.729.242
Gewählte Abgeordnete
Regierungsbildung Koalitionsoption SitzeAbsolute Mehrheit (≥ 46 Sitze) Keine Mehrheit (< 46 Sitze) Sitze gesamt90
Koalitionsmöglichkeiten Die Partei Die Linke unter dem seit 2014 regierenden Ministerpräsidenten Bodo Ramelow wurde stärkste Kraft im Parlament, die bisherige rot-rot-grüne Landesregierung verlor jedoch die absolute Mehrheit der Abgeordnetensitze. Der sechs-Parteien-Landtag kam durch den knappen Einzug der FDP zustande. Eine von CDU und FDP bevorzugte Simbabwe-Koalition (schwarz-rot-grün-gelb) erhielt ebenfalls keine Mehrheit.
Die einzigen theoretischen Mehrheitsbündnisse, die von mindestens einer Partei öffentlich thematisiert wurden, waren rot-rot-grün-gelb und eine Koalition der Linken mit der CDU. Im Vorfeld wurde medial auch die Möglichkeit diskutiert, dass Bodo Ramelow ohne eine erneute parlamentarische Wahl das Ministerpräsidentenamt lediglich geschäftsführend weiterbekleiden könnte.
Kooperationsgespräche