mini|Höhlenmalerei aus der Chauvet-Höhle (Nachbildung) (um 31.000 v. Chr.) Als Höhlenmalerei wird eine Kunst aus Flachreliefs, Gemälden und Gravuren bezeichnet, die an Wänden von Höhlen oder Abris aufgebracht wurden. Bilder auf Felswänden innerhalb und außerhalb von Höhlen werden als Parietalkunst (von frz. art pariétal „zur Wand gehörige Kunst“, von lat. paries „Wand“) bezeichnet. Die ältesten bislang bekannten Höhlenmalereien stammen aus Indonesien.
Frühe Funde Indonesien Die bislang älteste figurative Höhlenmalerei wurde in der Höhle Leang Karampuang im Maros-Pangkep Karst auf Sulawesi (Indonesien) entdeckt, auf ein Alter von 53.500 ± 2.300 Jahren datiert und erstmals 2024 wissenschaftlich beschrieben.Adhi Agus Oktaviana et al.: Narrative cave art in Indonesia by 51,200 years ago. In: Nature. Band 631, 2024, S. 814–818, doi:10.1038/s41586-024-07541-7. Dargestellt sind „menschenähnliche Figuren in Interaktion mit einem Schwein“. Zuvor war 2021 die Abbildung eines lebensgroßen Sulawesi-Pustelschweins aus der benachbarten Leang-Tedongnge-Höhle beschrieben und mithilfe der Uran-Thorium-Datierung auf ein Alter von mindestens 45.500 Jahren datiert worden.Adam Brumm et al.: Oldest cave art found in Sulawesi. In: Science Advances. Band 7, Nr. 3, 2021, eabd4648, doi:10.1126/sciadv.abd4648. Älteste Höhlenmalerei der Welt entdeckt. Auf: faz.net vom 14. Januar 2021. World's oldest known cave painting found in Indonesia. Auf: theguardian.com vom 13. Januar 2020.Amy McDermott: News Feature: What was the first “art”? How would we know? In: PNAS. Band 118, Nr. 44, e2117561118, doi:10.1073/pnas.2117561118. In der Höhle Leang Bulu’ Sipong 4, ebenfalls im Maros-Pangkep Karst, befinden sich außerdem Darstellungen von mehreren Tieren und Tier-Mensch-Mischwesen (Therianthropen), ausgeführt mit dunkelrotem Pigment. Das Alter dieser Malereien wird – ebenfalls aufgrund einer Uran-Thorium-Datierung – mit mindestens 43.900 Jahren angegeben;Maxime Aubert et al.: Earliest hunting scene in prehistoric art. In: Nature. Band 576, 2019, S. 442–445, doi:10.1038/s41586-019-1806-y. der 2024 publizierten Studie zum Fund in der Höhle Leang Karampuang zufolge könnten sie jedoch mit 50.200 ± 2.200 Jahren deutlich älter sein.
Wesentlich älter als die figurativen Funde sind Handnegative aus Liang Metanduno auf der Sulawesi vorgelagerten Insel Muina, deren Alter 67.800 ± 3.800 Jahre beträgt.Adhi Agus Oktaviana et al.: Rock art from at least 67,800 years ago in Sulawesi. In: Nature. Band 650, 2026, S. 652–656, doi:10.1038/s41586-025-09968-y. Älteste Höhlenmalerei gefunden. Auf: science.orf.at vom 21. Januar 2026. Solche Negative entstehen, wenn eine Hand an eine Wand gelegt und rundherum Farbpigmente aufgetragen oder an die Wand geblasen werden.
Europa 2021 wurden 65.000 Jahre alte Farbschichten in der Cueva de Ardales (in der Gemeinde Ardales, Südspanien) auf das Werk von Neandertalern zurückgeführt. Die überprüften Farbschichten stehen aber nicht im Zusammenhang mit Zeichnungen oder Bildern, sondern sind ganz rudimentäre Felseinfärbungen.
Die ältesten Höhlenmalereien Europas befinden sich in der spanischen El-Castillo-Höhle (ca. 40.000 Jahre BP, frühes Aurignacien) und in dem eingestürzten Abri Castanet in Frankreich (Département Dordogne).Weltweit älteste Höhlenmalerei entdeckt. Auf: welt.de vom 14. Mai 2012. Die Malereien aus der Chauvet-Höhle (Département Ardèche) werden auf ein Alter von etwa 32.000 Jahren datiert, die Petroglyphen aus der Grotte von Pair-non-Pair (Département Gironde) auf etwa 30.000 Jahre.
In der franko-kantabrischen Höhlenkunst des Paläolithikums wurde Höhlenmalerei bis zum Magdalénien praktiziert. In einigen Teilen der Erde, zum Beispiel in Südafrika und Australien, ist die Ausmalung von Höhlen bis in die Gegenwart belegt (siehe Fundortliste).
Altersbestimmung Höhlenmalerei kann auf verschiedene Weisen datiert werden. Bei allen Datierungsmethoden muss jedoch mit einer gewissen Unsicherheit gerechnet werden.
Unter einer absoluten Datierung (direkte Datierung) versteht man die Datierung von Farbpigmenten wie Holzkohle mit dem Ziel, ein absolutes Datum zu benennen. Das Alter von Höhlenmalereien kann mit einer Variante der Radiokohlenstoffdatierung (AMS-Datierung) ermittelt werden, wofür nur wenige Milligramm Holzkohle oder organischen Farbauftrags des Werkes benötigt werden. Seit 2012 wird auch die Uran-Thorium-Datierung zur Altersbestimmung von Sinterablagerungen auf den Höhlenmalereien verwendet. Das Mindestalter der Höhlenmalerei oder Gravur kann hiermit sehr genau bestimmt werden.
Unter einer relativen Datierung (indirekte Datierung) versteht man die Methode, die Malereien mit den archäologischen Horizonten und den ergrabenen Funden in Beziehung zu setzen. Diese Methode ist unzuverlässig, da eine Wandmalerei auch früher oder später entstanden sein kann als eine Bodenschicht oder darin gefundene Objekte.
Andere Methoden der relativen Datierung sind: die Stilanalyse (siehe Kunststile von André Leroi-Gourhan), die Erstellung einer chronologischen Reihenfolge anhand der Überlagerungen von Linien, die Analyse der räumlichen Anordnung der Malereien, aus der sich gegebenenfalls eine zeitliche Reihenfolge ableiten lässt.
Deutung In der Forschung haben sich verschiedene Deutungsansätze entwickelt (hier nur in einer Auswahl vorgestellt). Die Deutungen enthalten stark spekulative Aspekte und sind miteinander kombinierbar.
Religion
Der Felsbildforscher Jean Clottes sagte in der Sendung Terra X im ZDF: „Die Menschen haben damals aufgrund ihres Glaubens in Höhlen gemalt und graviert. Höchstwahrscheinlich glaubten sie einfach, dass die unterirdische Welt eine übernatürliche Welt ist. In den Grotten glaubten sie Geistern, Göttern, ihren Vorfahren, Verstorbenen zu begegnen. Die Bilder sollten als Mittler zwischen der hiesigen und der jenseitigen Welt dienen.“ Terra X, 31. August 2008. Nach Clottes ist die prähistorische Kunst Teil einer schamanistischen Religion. Terra X, 31. August 2008. Womöglich waren die Höhlen auch ein Ort für Initiationsriten, nach früherer, inzwischen als überholt geltender Ansicht auch für Jagdmagie.
Zweckfreies Malen Die Höhlenkunst kann als natürliche Reaktion auf die Umwelt verstanden werden. Die Cro-Magnon-Menschen könnten das Erlebte, ihre Träume und Wünsche in den Bildern verarbeitet haben. Vielleicht wollten sie einfach darstellen, was sie gesehen hatten.
Praktische Zwecke Die Malereien dienten möglicherweise als Symbolsprache, um Erfahrungen mit Jagdwild, Jagdtechniken oder Wanderrouten von Tieren festzuhalten. Sie könnten auch als Demonstration gedient haben, dass man sich in dieser Höhle befunden hat.
Künstlerischer Ausdruck Teilweise werden Höhlenmalereien als Kunst in einem dem heutigen Kunstbegriff nahen Sinne verstanden. Diese Deutung ist umstritten. Steven Mithen verweist darauf, dass einige der heutigen Naturvölker Felsmalerei betreiben, ohne ein Wort für „Kunst“ in ihrem Wortschatz zu besitzen.The prehistory of the mind: A search for the origins of art, religion, and science. London 1996, ISBN 0-500-05081-3.
Paläolithische Kunststile nach Leroi-Gourhan Einen ethnologischen beziehungsweise kunsthistorischen Ansatz verfolgte André Leroi-Gourhan (1911–1986) mit der Unterteilung in paläolithische Kunststile I–IV (vom Aurignacien bis zum Magdalénien).André Leroi-Gourhan: Treasures of Prehistoric Art. Abrams, New York 1967.André Leroi-Gourhan: Le Symbolisme des Grandes Signes dans l’art Parietal Paléolithiques. In: Bulletin de la Société Préhistorique Française. 55 (3), 1958, S. 307–321.Leroi-Gourhan 1971, S. 245ff. Wechsel im Malstil fallen nicht mit dem Wechsel der archäologischen Kulturen zusammen. Geografisch bezog sich Leroi-Gourhan auf folgende Regionen, die zugleich das Hauptverbreitungsgebiet darstellen: Asturien, Kantabrien, das französische und spanische Baskenland, die Pyrenäen, das rechte Rhoneufer und die Beckenlandschaften der Loire und der Garonne. Eine besondere Stellung nimmt die franko-kantabrische Region ein, die mit ihren noch heute erhaltenen Bilderhöhlen den größten Teil der prähistorischen Kunst stellt. Die Kunst aus Italien und Russland, dort besonders im Ural, wurde von ihm als isolierte Kunstformen angesehen, stellten jedoch um 20.000 v. Chr. eine Einheit mit Mittel- und Westeuropa dar.
Neben der Höhlenmalerei liegt der Stilunterteilung auch die erhaltene jungpaläolithische Kleinkunst zugrunde.
Stil I
Diese PhaseLeroi-Gourhan 1971, S. 248. ist durch wenige Ritzzeichnungen aus dem Périgord charakterisiert. Dargestellt wurden Tiere wie Pferd und Mammut, die jedoch meist nur durch Rückenlinien oder durch Kopfdarstellungen angedeutet werden. Umrahmt werden diese größtenteils von Strichen oder Punkten. Teilweise lassen sich auch vulvenartige Figuren erkennen. Eine genaue Datierung kann nicht getroffen werden, jedoch gehören die wenigen Exemplare wie die eingravierten Vulven aus La Ferrassie und die Darstellungen eines „Pflanzenfressers“ aus Belcayre (beide Fundstellen in der Dordogne) in die Kulturstufe des Châtelperronien und des Aurignacien.
Stil II
Der zweite StilLeroi-Gourhan 1971, S. 248–250. beginnt während des Gravettien beziehungsweise Périgordien und erstreckt sich bis zum Solutréen, wobei sich die beiden Phasen II und III kaum voneinander unterscheiden. Leroi-Gourhan nimmt an, dass in dieser Zeit die ersten Heiligtümer mit Malereien und Gravierungen entstanden sind. Überwiegend sind die Darstellungen noch auf Steinplatten in den Eingangszonen oder an den Abriwänden zu finden. Laut Leroi-Gourhan wurden die Malereien zu dieser Zeit noch selten in den „Dunkelzonen“ der Höhlen wie in der Höhle von Gargas angebracht, was jedoch in der folgenden Stilphase immer häufiger auftrat. Abhängig von der Periode I entwickelte sich ein festes Darstellungsschema: die geschweifte Hals-Rückenlinie. Meist sind die abgebildeten Tiere wie Pferd, Bison und Mammut mit einem übermäßig gekrümmten Vorderteil versehen. Ein bekanntes Beispiel ist die Höhle Pair-non-Pair, die zahlreiche Gravierungen von Pferden und Mammuts enthält. Auch bei den weiblichen Statuetten lässt sich in einem von Spanien bis Russland reichenden Gebiet eine einheitliche Ausführung erkennen. Die Figuren sind alle stilisiert: Das Gesicht und die Arme werden nur angedeutet; die Füße fehlen zum Teil ganz. Besonders detailreich sind Hüften, Bauch, Brüste und Rumpf, die bei allen erhaltenen Figuren – ob als Plastik wie bei der Venus von Dolní Věstonice oder als Relief wie bei der Venus von Laussel – betont werden. Zudem werden auch die ersten Handabdrücke gefertigt, wie zum Beispiel in Gargas und Labatut.
Stil III