Rainer Mausfeld (* 22. Dezember 1949 in Iserlohn) ist ein deutscher Psychologe.
Er war Professor für Allgemeine Psychologie an der Universität Kiel, 2016 wurde er emeritiert. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Wahrnehmungspsychologie, Kognitionswissenschaft und Geschichte der Psychologie. Seine seit 2015 veröffentlichte Kritik an der repräsentativen Demokratie und an den Funktionen der Massenmedien wird in den Medien kontrovers beurteilt. Einem breiten Publikum wurde er durch den Bestseller Warum schweigen die Lämmer und durch Vorträge und Artikel bekannt.
Ausbildung und akademische Laufbahn Mausfeld studierte von 1969 bis 1979 Psychologie, Mathematik und Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Mathematische Psychologie an der Universität Nijmegen. Anschließend war er bis 1981 Referent am Institut für Test- und Begabungsforschung der Studienstiftung des deutschen Volkes in Bonn. 1984 promovierte Mausfeld an der Universität Bonn zur Fechner-Skalierung. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Prinzipien der Konstruktion psychophysikalischer Diskriminationsskalen.
1987 war er Visiting Research Professor an der University of California, Irvine. 1990 wurde Mausfeld in Bonn mit Forschungsarbeiten vor allem zur Wahrnehmungspsychologie habilitiert und nahm 1992 eine Professur für Allgemeine Psychologie an der Universität Mannheim an. 1993 wechselte er an die Universität Kiel.Lebenslauf Rainer Mausfeld. (leopoldina.org, abgerufen am 27. Februar 2017) Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung nach dem Wintersemester 2015/2016.
Mitgliedschaften und Funktionen Mausfeld leitete das DFG-Projekt Farbkonstanz und war 1995 bis 1996 Leiter einer internationalen Forschungsgruppe am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) in Bielefeld.
Seit 2004 ist Mausfeld Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in ihrer Sektion Psychologie und Kognitionswissenschaft.
Schwerpunkte der Forschungsarbeit Ein Schwerpunkt der universitären Arbeit Mausfelds ist seit seiner Dissertation die Wahrnehmungspsychologie.R. Mausfeld: Der Schein des Realen. Die empiristische Fehlkonzeption der Wahrnehmung und das Wahrnehmungsattribut ,phänomenal real'. In: S. Kluck, S. Volke (Hrsg.): Näher dran? Zur Phänomenologie des Wahrnehmens. Alber, Freiburg 2012, S. 192–219.R. Mausfeld: Biological function of sensory systems. In: C. G. Galizia, P.-M. Lledo (Hrsg.): Neurosciences. Springer, Berlin 2013.R. Mausfeld: Zur Phänomenologie und internen Semantik der Wahrnehmungsattribute 'phänomenal real' und 'phänomenal unreal'. In: K. Mertens, I. Günzler (Hrsg.): Wahrnehmen, Fühlen, Handeln. Phänomenologie im Wettstreit der Methoden. Mentis Verlag, 2013, S. 239–252.R. Mausfeld: The attribute of realness and the internal organization of perceptual reality. In: L. Albertazzi (Hrsg.): Handbook of Experimental Phenomenology; Visual Peception of Shape, Space and Appearance. Wiley, Chichester 2013, S. 91–118. Dabei steht besonders die Farbwahrnehmung im Vordergrund seiner Untersuchungen.R. Mausfeld: Wahrnehmungspsychologie. In: A. Schütz, H. Selg, M. Brand, S. Lautenbacher (Hrsg.): Psychologie. Eine Einführung in ihre Grundlagen und Anwendungsfelder. Kohlhammer, Stuttgart 2010. (uni-kiel.de, PDF; 1,5 MB) Mausfeld analysierte im Zusammenhang mit seinen Forschungen auch die theoretischen Grundlagen der experimentellen und der verstehenden Psychologie.J. Golz, F. Faul, R. Mausfeld (Hrsg.): Experimentelle Psychologie. Pabst, Lengerich 2003, ISBN 3-89967-035-3. Das Thema der Psychophysik Fechners und der Fechnerschen Skalierungen bildet dafür den Ausgangspunkt.
Mausfelds weitere wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte sind nach Angaben bei der Leopoldina „… Konzeptformen des Wahrnehmungssystems, auf deren Grundlage physikalische Inputs Bedeutungskategorien aktivieren können, architekturale Grundlagen der Befähigung zur gleichzeitigen Einnahme multipler mentaler Perspektiven, Struktur und computationale Prinzipien interner Kausalanalysen, durch die sich u. a. innenverursachte mentale Aktivitäten von außenverursachten trennen lassen.“Curriculum Vitae Professor Dr. Rainer Mausfeld. (leopoldina.org, PDF; 161 kB)
Als weiteres Gebiet nennt Mausfeld die Ideengeschichte der Naturwissenschaften, besonders des 17. Jahrhunderts; dabei steht die Geschichte der Wahrnehmungspsychologie im Vordergrund.
Er befasste sich mit der Rivalität von Kognitionspsychologie und kognitiven Neurowissenschaften in der Kognitionswissenschaft: Ein Hauptproblem des Verhältnisses von Psychologie und Biologie sieht er im neurologischen Neo-Reduktionismus.R. Mausfeld: Psychologie, Biologie, kognitive Neurowissenschaften. Zur gegenwärtigen Dominanz neuroreduktionistischer Positionen und zu ihren stillschweigenden Grundannahmen. In: Psychologische Rundschau. Band 61, Nr. 4, 2010, S. 180–190. Die Besonderheit des Geistigen sieht er im Gegensatz zu biologistischen Ansätzen unter anderem in der intrinsischen Multiperspektivität des Geistes.R. Mausfeld: Intrinsic multiperspectivity: On the architectural foundations of a distinctive mental capacity. In: P. A. Frensch, R. Schwarzer (Hrsg.): Cognition and neuropsychology. International perspectives on psychological science. Band 1, Psychology Press, London 2010, ISBN 978-1-84872-022-0, S. 95–116.
Seit 2009 publiziert Mausfeld zudem zu ethischen und politischen Aspekten der Psychologie, etwa bei ihrer Beteiligung an der Erforschung und Entwicklung der Methodik der Weißen Folter.Rainer Mausfeld: Foltern für das Vaterland. Über die Beiträge der Psychologie zur Entwicklung von Techniken der „weißen Folter“. April 2009. (uni-kiel.de)R. Mausfeld: Psychologie, ‚weiße Folter‘ und die Verantwortlichkeit von Wissenschaftlern. In: Psychologische Rundschau. Band 60, Nr. 4, 2009, S. 229–240 (uni-kiel.de, PDF).
Seit 2015 hält Mausfeld Vorträge und publiziert Aufsätze und Monografien zu politischer Propaganda und Manipulation sowie zur Analyse und Kritik der repräsentativen Demokratie.
Farbwahrnehmung Laut Mausfeld bildet die Psyche physikalische Daten der Farbwahrnehmung nicht bloß ab. Er kritisiert eine atomistische Auffassung der Wahrnehmungspsychologie, die Wahrnehmungen aus dem Zusammenwirken einfacher Faktoren erklärt („Messinstrumentkonzeption der Wahrnehmung“). Entscheidend für die Farbwahrnehmung sei vielmehr der Gesamtzusammenhang der visuellen Wahrnehmung. Die Sinnesempfindung (sensation) ist nach Darstellung Mausfelds immer auch Wahrnehmung im Sinne von Perzeption. Die Sinne seien Werkzeuge des Geistes.Rainer Mausfeld: Wahrnehmungspsychologie: Geschichte und Ansätze. In: Joachim Funke, Peter A. Frensch (Hrsg.): Handbuch der Allgemeinen Psychologie - Kognition. Hogrefe, Göttingen 2005, S. 97–107. Ein Beispiel für den Einfluss des Geistes auf die Wahrnehmungsverarbeitung ist nach seinem Verständnis auch die Pareidolie.
Natur, Bewusstsein und Freiheit Nach Mausfeld genügt die Kenntnis neuronaler Verschaltung und Aktivität nicht, um Bewusstsein und Denkvorgänge zu erklären. Schon das Verhalten vergleichsweise unterkomplexer Lebewesen wie Nematoden könne nicht aus der Neuronenaktivität erklärt werden. Die Beziehung zwischen Natur und Geist muss nach Mausfelds Auffassung daher unterhalb der neuronalen Ebene im Physikalischen liegen. Dieser Zusammenhang zeige sich auch darin, dass uns die Natur rätselhafter sei als unser Bewusstsein. Das Besondere des Bewusstseins sieht Mausfeld in der Einfachheit und Ganzheit des subjektiven Erlebens, das sich dem Psychologen jedoch als komplexes Zusammenwirken teilweise unbewusster Faktoren enthüllt. Erst die dadurch ermöglichte „intrinsische Multiperspektivität“ des Denkens eröffne dem Menschen nach Mausfeld die Möglichkeit zu Denk- und Handlungsalternativen. Dies bedeutet, dass der Mensch dieselbe Wahrnehmung unterschiedlich organisieren kann, was etwa bei sogenannten Kipp-Bildern, aber auch in der gesamten Metaphorik der menschlichen Sprache deutlich wird. Diese Leistung der Organisation der Wahrnehmung erklärt Mausfeld durch eine komplexe Funktionsarchitektur, bei der biologische Vorprägungen, Verknüpfungs-Mechanismen zwischen Sinnesreiz und Wahrnehmung und semantische Muster zusammenwirken.Psychologie, Biologie, kognitive Neurowissenschaften Zur gegenwärtigen Dominanz neuroreduktionistischer Positionen und zu ihren stillschweigenden Grundannahmen. In: Psychologische Rundschau. Band 61, Nr. 4, 2010, S. 180–190.
Weiße Folter und Verantwortung der Wissenschaft Mausfeld stellt in seiner Arbeit dar, welchen Anteil Psychologen an der Entwicklung, Anwendung und Rechtfertigung moderner Methoden der Weißen Folter haben. Diese ziele nicht, wie behauptet, auf Informationsgewinnung, sondern auf die Brechung des Willens, Disziplinierung, Demütigung und Erniedrigung ihrer Opfer. Seiner Darstellung nach nahmen das Präsidium der American Psychological Association (APA) und das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten Einfluss auf eine Arbeitsgruppe der APA, um in eine Untersuchung der Mitwirkung von Psychologen bei Foltermaßnahmen einzugreifen. Mausfeld definiert am Beispiel der Folterforschung ethische und juristische Prinzipien und Grenzen wissenschaftlicher Arbeit. Die Beachtung der Menschenrechte hält er ethisch und juristisch für uneingeschränkt verbindlich.
Demokratie- und medienkritische Beiträge
Vorträge und Artikel Mausfeld schrieb unter anderem Beiträge für den Rubikon und stellte seine Thesen in RT, KenFM, der SWR Tele-Akademie, spektrum.de, pressenza.com, den NachDenkSeiten und activism.org dar.
Warum schweigen die Lämmer? (2015)
In der Einleitung der Publikation mit dem Untertitel Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören stellt Mausfeld seine Hauptthese dar: Die Begriffe Demokratie und Freiheit seien in einer an George Orwell erinnernden Weise verfälscht worden. In ihrer gegenwärtigen Form sei die Schumpeter’sche repräsentative Demokratie lediglich eine „Wahloligarchie“ und Freiheit sei lediglich Handlungsmöglichkeit der ökonomisch Mächtigen.Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Westend, Frankfurt am Main 2018, S. 8.
Bei seiner kritischen Analyse des politischen Systems stützt er sich unter anderem auf die Arbeiten von Ingeborg Maus und Alex Carey. Die Machtsicherung der neuen Machtelite, die hauptsächlich Finanzelite sei, vollziehe sich in neuen Formen der Transformation der Macht und der Manipulation des Bewusstseins, um Macht „unsichtbar zu machen“.Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Westend, Frankfurt am Main 2018, S. 16.
Eine entscheidende Rolle spielen dabei seiner Auffassung nach die Medien.Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Westend, Frankfurt am Main 2018, S. 153 ff. Medien hätten in kapitalistisch organisierten Gesellschaften vor allem eine systemstabilisierende Funktion. Er stützt sich auch auf das von Noam Chomsky und Edward S. Herman entworfene Propagandamodell.