Die slawischen Siedlungsnamen in Nordostbayern stellen – neben wenigen Lehnwörtern und Personennamen;– die wichtigste Quelle zur Erschließung der hier im Früh- und Hochmittelalter gesprochenen slawischen Mundarten dar.

Allgemeines mini|Verbreitung slawischer Siedlungen in Nordostbayern (8.–12. Jahrhundert).

Nordostbayern gehörte im Mittelalter zu einem slawisch-deutschen Kontaktgebiet (Bavaria Slavica), in dem mehrere hundert Siedlungsnamen slawischer Herkunft ins Deutsche integriert wurden. Neben genuin slawischen Namen ('rein slawische Namen') gibt es auch sogenannte 'slawisch-deutsche Mischnamen', bei denen ein slawischer Personenname mit einem deutschen Namenelement verbunden wurde. Darüber hinaus gibt es noch deutsche Siedlungsnamen mit der Bezeichnung Winden bzw. Windisch-, die auf ehemalige slawische Bevölkerung hinweisen.Ernst Schwarz: Sprache und Siedlung in Nordostbayern. S. 176–398.

Forschungsgeschichte Zwei der ersten ernstzunehmenden Ortsnamenforscher waren Adam Ziegelhöfer und Gustav Hey. Ihre Werke Die Ortsnamen des ehemaligen Hochstifts Bamberg (1911) und Die Ortsnamen des ehemaligen Fürstentums Bayreuth (1920), in denen auch slawische Siedlungsnamen behandelt wurden, bieten eine erste Zusammenschau oberfränkischer Siedlungsnamen. Die historischen Belege in diesen Werken stammen aber zum großen Teil aus mangelhaften Quelleneditionen und die Erklärungen der slawischen Siedlungsnamen sind teils nicht haltbar, weil sie die Regeln der Ersatzlautlehre nicht berücksichtigen. Einige ihrer Deutungen haben aber bis heute Bestand.

Eine wesentliche Verbesserung der Forschungslage brachte das Werk Sprache und Siedlung in Nordostbayern (1960) von Ernst Schwarz. Die slawischen Siedlungsnamen werden hier mit der Methodik der slawisch-deutschen Ersatzlautlehre erklärt. Viele Deutungen von Schwarz sind bis heute gültig; allerdings griff er zum Teil auf wenige Belege zurück. In der Untersuchung Zur Etymologie und Struktur der slawischen Orts- und Flußnamen in Nordostbayern (1962) von Ernst Eichler werden die bei Schwarz behandelten Siedlungsnamen verschiedenen Strukturtypen zugeteilt. 1994 erschien das Buch Frankens mainwendische Namen von Joseph Schütz. Er behandelt hier einzelne Namen slawischer Herkunft, ohne jedoch neue Deutungsvorschläge zu bringen, die einer sprachwissenschaftlichen Prüfung standhalten würden.Ernst Eichler: Zur sprachgeschichtlichen Stellung des Bayernslavischen. In: E. Hansack u. a. (Hrsg.): Festschrift für Klaus Trost zum 65. Geburtstag, S. 57–62. In der Buchreihe Beiträge zur slavisch-deutschen Sprachkontaktforschung (2001, 2006) wurden von den Autoren Ernst Eichler, Albrecht Greule, Wolfgang Janka und Robert Schuh lange Belegreihen zusammengestellt. Die darauf beruhenden Namenerklärungen werden in Rezensionen als sehr sicher eingestuft.Jürgen Udolph: Rezension. In: Zeitschrift für slavische Philologie. 61, 2002, S. 482–484.

Siedlungsnamen aus Personennamen Hier unterscheidet man possessivische Siedlungsnamen (die den Besitz einer Person anzeigen), patronymische Siedlungsnamen (bezeichnen die Leute oder Nachkommen einer Person) und slawisch-deutsche Mischnamen.Ernst Eichler: Zur Etymologie und Struktur der slawischen Orts- und Flußnamen in Nordostbayern. S. 383–386.

Possessivische Siedlungsnamen Diese Namen wurden mit den Suffixen -j-, -ov- und -in- gebildet (das Suffix -yn- ist in Nordostbayern nicht nachzuweisen).

Suffix -j- (urslawisch *-jь m., *-ja f., *-je n.). Siedlungsnamen, die mit diesem Suffix gebildet sind, zählen zu den ältesten slawischen Namentypen. Das Suffix -j- konnte an Voll-, Kurz- bzw. Zunamen angefügt werden. Der Auslaut des Personennamens wird durch -j- palatalisiert. Beispielnamen: Laibarös (Lkr. Bamberg), [zu ca. 1304] LeuberozDorothea Fastnacht: Ebermannstadt. Ehemaliger Landkreis Ebermannstadt. (= HONB Oberfranken 4). München 2000, ISBN 3-7696-9701-4, S. 152 ff. slawische Grundform *Ľuboroźь zum Personennamen *Ľuborodъ, mit der Bedeutung 'Siedlung des Ľuborodъ' Premeischl (Lkr. Cham), 1261 Premaevssel und Premeusel (Lkr. Kulmbach), um 1520 Premeusel slawisch *Premyšlь zum Personennamen *Premyslъ Schorgast, Markt- (Lkr. Kulmbach), 1109 (Kopie des 12. Jh.) Scoregast und Schorgast, Ludwig- (Lkr. Kulmbach), 1326–1328 Ludwigschorgast, dazu der Gewässername Schorgast (r. z. Weißen Main), 1348 fluvius Schorgast slaw. *Skorogoščь zum Personennamen *Skorogostъ Thelitz (Lkr. Lichtenfels), 1180 Thechluz, 1319 Techlautze slaw. *Těch(o)ľucь zum Personennamen *Těch(o)ľutъDieter George: Lichtenfels. Ehemaliger Landkreis Lichtenfels. (= HONB Oberfranken 6). München 2008, ISBN 978-3-7696-6862-9, S. 154 f. Woja (Lkr. Hof), 1363 Woyen, 1390 Woyen Das dorff slaw. *Voj-ńь zum Personennamen *Vojan-, *Vojen-Reinhard Höllerich: Rehau-Selb. Ehemaliger Landkreis Rehau und ehemals kreisfreie Stadt Selb. (= HONB Oberfranken 3). München 1977, S. 91 f.

Suffix -ov- (urslawisch *-ovъ m., *-ova f., *-ovo n.). Dieses Suffix wurde häufig an Kurz- und Zunamen angefügt. Im Gegensatz zu -j-Ableitungen werden Bildungen mit -ov- und -in- als jünger eingestuft. Beispielnamen: Guttenthau (Lkr. Bayreuth), 1280 Gotentaw, 1396/99 Gotentaw slawische Grundform *Godętov- zum Personennamen *Godęta, mit der Bedeutung 'Siedlung des Godęta' Leichau (Lkr. Tirschenreuth), 1245 Luchow und Leuchau (Lkr. Kulmbach), 1332 Leuchauwe slaw. *Ľuchov- zum Personennamen *Ľuchъ Seuchau (Lkr. Cham), 1086 Sichowa, [1301–1307] Seichawe daz Dorf slaw. *Žichov- zum Personennamen *ŽichъWolfgang Janka: Die ältesten Ortsnamen im Raum Furth im Wald (1. Teil: Die Kaiserurkunde von 1086). In: BGLC. 28, 2011, S. 16 f. Trebsau (Lkr. Neustadt a. d. Waldnaab), 1394 Trebsaw slaw. *Trebošov- zum Personennamen *Trebošь Weischau (Lkr. Coburg), 1334 Weischave, 1340 Wizawe slaw. *Vyškov- zum Personennamen *Vyš-kъHorst Graßmuck: Die Ortsnamen des Landkreises Coburg. Dissertation. Erlangen/Coburg 1955, S. 72 f.

Suffix -in- (urslawisch *-inъ m., *-ina f., *-ino n.). Das Suffix -in- kommt in Nordostbayern, wie auch in anderen slawischen Siedlungsgebieten, seltener vor als -ov-. Beispielnamen: Döberein (Lkr. Tirschenreuth), 1119 Toberin, 1326 Doebrein slawische Grundform *Dobrin- zum Personennamen *Dobrъ, mit der Bedeutung 'Siedlung des Dobrъ' Tettau (Lkr. Kronach), 1269 Theten, dazu der Gewässername Tettau (l. z. Haßlach), 1194 flumen Taetin slaw. *Tetin- zum Personennamen *TetaWolf-Armin Frhr. v. Reitzenstein Reitzenstein: Lexikon Fränkischer Ortsnamen. Herkunft und Bedeutung. Oberfranken, Mittelfranken, Unterfranken. München 2009, ISBN 978-3-406-59131-0, S. 219. Wüstung Wurbotin (vermutlich Lkr. Wunsiedel), [1332–1340] zu WuͤrbotinJohannes Mötsch, Katharina Witter (Bearb.): Die ältesten Lehnsbücher der Grafen von Henneberg. (= Veröffentlichungen aus Thüringischen Staatsarchiven. 2). Weimar 1996. slaw. *Vъrbotin- zum Personennamen *Vъrbota.

Bei den Siedlungsnamen Schorgast (Markt-, Ludwig-) und Tettau handelt es sich wahrscheinlich um ursprüngliche Gewässernamen (hier Bachnamen). Gewässer, die den Besitz einer Person benennen, sind im slawischen Siedlungsraum recht selten: vgl. den tschechischen Bachnamen Dobrohošť, 1255 sub Dobrohoste fluvio, zum alttschechischen Personennamen Dobrohost.Ernst Schwarz: Die Ortsnamen der Sudetenländer als Geschichtsquelle. 1931, S. 76.

Patronymische Siedlungsnamen Suffixe -ici und -ovici (urslawisch *-īti̯o, *-ovīti̯o). Diese Suffixe bezeichneten ursprünglich die Leute (bzw. die Nachkommen oder die Untertanen) und später auch das Dorf nach einer Person. Beispielnamen: Gößmitz (Lkr. Lichtenfels), [Spätes 14. Jh.] in Gottmetz, 1413 Goͤstmecz, [1419–1420] Gostmecz slawische Grundform *Gostimici zum Personennamen *Gostimъ, mit der Bedeutung 'Siedlung der Leute des Gostimъ'Dorothea Fastnacht: Staffelstein. Ehemaliger Landkreis Staffelstein (= HONB Oberfranken 5). München 2007, ISBN 978-3-7696-6861-2, S. 135 f. Köditz (Lkr. Hof), 1359 Koͤtitz, 1401 Kötitz slaw. *Chotici zum Personennamen *Chotъ Prebitz (Lkr. Bayreuth), ca. 1285 Predwitz, 1326 Pretwitz slaw. *Predovici zum Personennamen *Predъ bzw. *Preda Redwitz, Markt- (Lkr. Wunsiedel, heute Marktredwitz), ca. 1135 Radewize, 1279 (Kopie des 14. Jh.) Redwitz slaw. *Radovici zum Personennamen *Rad Treunitz (Lkr. Bamberg), 1185 (Kop. A. 13. Jh.) uillam Drogunze, [zu 1185] de Drogenze slaw. *Drogunici o. ä. zum Personennamen *DrogunъErnst Eichler, Albrecht Greule, Wolfgang Janka, Robert Schuh: Beiträge zur slavisch-deutschen Sprachkontaktforschung. Band 1: Siedlungsnamen im oberfränkischen Stadt- und Landkreis Bamberg. Heidelberg 2001, ISBN 3-8253-1105-8, S. 174 f.

Bei den genannten Beispielnamen handelt es sich ausschließlich um sekundäre Bildungen. Primäre Bildungen wie pluralische Siedlungsnamen sind in Nordostbayern bisher nicht sicher nachgewiesen. Als eventuelles Beispiel kann aber der Siedlungsname Weides (Lkr. Kronach), 1108 Witose gelten, wenn man von slaw. *Vitoši 'Leute des Vitošь' ausgeht.

'Slawisch-deutsche Mischnamen' Unter diesem Siedlungsnamen-Typ hat man die Verbindung eines slawischen Personennamens mit einem deutschen Namensbestandteil zu verstehen. Während bei den 'rein slawischen Siedlungsnamen' von einer selbstständigen Siedlungstätigkeit der Slawen ausgegangen wird, sind die Mischnamen erst im Rahmen des hochmittelalterlichen Landesausbaus entstanden. Ob neben der gemischten Bildung auch eine rein slawische Vor- oder Nebenform bestand, kann für die Mischnamen Nordostbayerns nicht belegt werden.

Slawischer Personenname + deutsches Grundwort Dieser Typus slavisch-deutscher Mischnamen ist am weitesten verbreitet. Das häufigste deutsche Grundwort ist -dorf; andere Grundwörter wie -reuth, -berg usw. sind seltener. Einige Mischnamen kommen auch außerhalb des geschlossenen Verbreitungsgebiets slawischer Siedlungsnamen vor. Beispielnamen: Dreuschendorf (Lkr. Bamberg), [zu 1102–1139] Druskendorf zum slaw. Personennamen *Družьkъ Gottmannsdorf (Lkr. Ansbach), [12. Jh.] Godemůzelstorf, 1268 Godmuzelsdorf zum slaw. Personenname *Godomyslъ Mödlareuth (Lkr. Hof), 1363 MödleingereuthAnnett Haberlah-Pohl: Münchberg. Der Altlandkreis. (= HAB Teil Franken I, 39). München 2001, ISBN 3-7696-6556-2, S. 12. zum slaw. Personennamen *Modl(a) Prölsdorf (Lkr. Haßberge), 1116 Preliubestorf, 1123–39 Prelubesdorf zum slaw. Personennamen *Preľubъ Schlottenhof (Lkr. Wunsiedel), 1298 in Slawatenhouen, 1298 Slabatenhofen zum slaw. Personennamen *SlavataJanka, Wolfgang: Zur flexivischen Integration slawischer Personennamen in Nordbayern, in: Peter Anreiter/Ivo Hajnal/Manfred Kienpointner (Hrsg.): In Simplicitate Complexitas. Festgabe für Barbara Stephan zum 70. Geburtstag, Wien 2012 (Studia Interdisciplinaria Ænipontana, Bd. 17), S. 139–156. Zießelsberg (Lkr. Regen), [um 1105/1106–1112] de Cistanesberch zum slaw. Personennamen *Čьstanъ o. ä.Stefan Hackl: Die ältesten Ortsnamen im Altlandkreis Viechtach. In: Wolfgang Janka, Michael Prinz (Hrsg.): Beiträge zur bayerischen Ortsnamenforschung. Regensburg 2008, ISBN 978-3-939112-02-0, S. 149 f.

Slawischer Personenname + frühdeutsches Suffix -ing- Bei diesem Typ handelt es sich um eine ältere Form slawisch-deutscher Mischnamen. Er kommt fast ausschließlich im Chamer Becken vor. Beispielnamen: Dalking (Lkr. Cham), 1177 Talkingen, 1280 Taelking zum slaw. Personennamen *Dalъkъ, mit der Bedeutung 'Siedlung der Leute eines Dalъkъ' Kothmaißling (Lkr. Cham), [um 1135] Kozmuzelingen, [um 1170] Chozemvzlinge zum slaw. Personennamen *ChocěmyslъWolfgang Janka: Zur Problematik der "slavisch-deutschen Mischnamen" in Nordbayern. In: Peter Anreiter, Guntram A. Plangg (Hrsg.): Namen in Grenzregionen. [Wien] 2003, S. 37. Traitsching (Lkr. Cham), 1376 Draichsing, 1398 Draysching zum slaw. Personennamen *Drag-šьkъWolf-Armin Frhr. v. Reitzenstein: Lexikon bayerischer Ortsnamen. Herkunft und Bedeutung. Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz. München 2006, ISBN 3-406-55206-4, S. 277. Zenching (Lkr. Cham), 1178–1185 Cemtichinge