Der Geldschöpfungsmultiplikator ist in der Makroökonomie und Geldtheorie ein Multiplikator, der die maximale Grenze der aktiven Geldschöpfung eines Bankensystems angibt.
mini|Überholte Darstellung des Multiplikatormodells (2007): „Barauszahlung und Mindestreserve“ begrenze die Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken.
Obgleich der Geldschöpfungsmultiplikator, als ein Konzept in der traditionellen Darstellung von Mindestreserve-Systemen, Relevanz aufwies, wird diese Theorie heute als irreführend verstanden: So kritisieren die Federal Reserve (2021), die Bank of England (2014, 2015),Kritisiert werden Teilaussagen der Bank of England (McLeavy et al. 2014 und Jakab, Kumhof 2015) von Charles Goodhart 2017 als "partially true" (in: The determination of the money supply, S. 10 f) sowie von Decker, Goodhart 2021 (in: Wilhelm Lautenbach’s credit mechanics – a precursor to the current money supply debate, S. 31 ff). die Deutsche Bundesbank (2017) und die Ratingagentur Standard & Poors (2013) das Konzept.
Allgemeines Als Geldschöpfung wird die Schaffung von zusätzlichem Buchgeld durch die Geschäftsbanken eines Bankensystems bezeichnet. Zusätzliches Bargeld kann lediglich von der Zentralbank durch Ausgabe von Banknoten und Münzen geschaffen werden. Bargeld und Buchgeld in Händen von Nichtbanken (Privathaushalte, Unternehmen, öffentliche Haushalte) bilden zusammen auf dem Geldmarkt die Geldmenge.
Geschichte Als Begründer der Lehre von der Schaffung zusätzlichen Giralgeldes durch Geschäftsbanken gilt Henry Dunning Macleod (1863), wonach Banken in der Lage seien, ein Mehrfaches der bei ihnen deponierten Gelder in Form von Bankgutschriften zu schaffen.Henry Dunning Macleod, Credit, in: A Dictionary of Political Economy, 1863, S. 573–581 Der diesen Vorgang quantifizierende Geldschöpfungsmultiplikator in heutiger Form wurde von Chester Arthur Phillips (1882–1976) im Jahre 1920 vorgestellt.Chester A Phillips, Bank Credit: A Study of the Principles and Factors underlying Advances made by Banks to Borrowers, The Macmillan Company/New York, 1920, S. 38 f.Chester A Phillips, Bank Credit, in: Political Science Quarterly 36 (2), 1921, S. 323–326 Der Bargeldabfluss als restriktive Größe kam 1933 hinzu.James Harvey Rogers, The Absorption of Bank Credit, in: Econometrica 1 (1), 1933, S. 63–70
Arten Unterschieden wird allgemein zwischen aktiver und passiver Geldschöpfung:Heinz-Josef Bontrup, Volkswirtschaftslehre: Grundlagen der Mikro- und Makroökonomie, 2004, S. 461 Bei der passiven Geldschöpfung geht die Aktivität ausschließlich vom Bankkunden aus, indem er eine Bareinzahlung auf sein Girokonto vornimmt. Die Geschäftsbank erwirbt das Bargeld und verbucht es auf dem Kassenkonto als Zugang, während sie gleichzeitig dem einzahlenden Kunden eine Sichteinlage auf seinem Girokonto gutschreibt. Diese Gutschrift ist eine passive Geldschöpfung. Die aktive Geldschöpfung findet durch das Kreditgeschäft (Aktivgeschäft) der Geschäftsbanken statt, das sie mit Nichtbanken betreiben. Diese Kredite erscheinen im Bankensystem bei den Zahlungsempfängern erneut als Bankguthaben. Die Refinanzierung für das Kreditgeschäft der Geschäftsbanken ist die Überschussreserve,Heinz-Josef Bontrup, Volkswirtschaftslehre: Grundlagen der Mikro- und Makroökonomie, 2004, S. 462; ISBN 978-3-486-24233-1 dem Ausgangspunkt des Geldschöpfungsprozesses.
Zudem kann danach unterschieden werden, von wem die Geldschöpfung ausgeht:Annette L. Dernick/Uwe Gail/Dieter Hesberg/Christian-Horst Musiol/Wolfgang Schwarzer/Eva-Bettina Ullrich, Steuerung und Führung im Unternehmen, 2016, S. 167 Primäre Geldschöpfung erfolgt durch die Zentralbank: bei Bargeld durch das Notenmonopol in Form der Ausgabe von zusätzlichem Bargeld, bei Buchgeld durch Ankauf von Devisen oder Wertpapieren (Offenmarktpolitik, Wertpapierkaufprogramme des Eurosystems) oder durch Lombardkredite; sekundäre Geldschöpfung erfolgt durch die Geschäftsbanken im Rahmen der Giralgeldschöpfung. Damit sind sowohl die Zentralbanken als auch die Geschäftsbanken an der Geldschöpfung beteiligt.
Geldschöpfungsprozess Der Geldschöpfungsprozess wird dadurch in Gang gesetzt, dass nicht nur eine Geschäftsbank, sondern alle kreditgewährenden Geschäftsbanken ihre Überschussreserven zur aktiven Geldschöpfung einsetzen. Dadurch multipliziert sich die Schaffung von Buchgeld in einem Maße, dass die Überschussreserve einer einzelnen Geschäftsbank um ein Vielfaches übertroffen wird. Dieser Tatbestand wird multiple Giralgeldschöpfung genannt.Heinz-Josef Bontrup, Volkswirtschaftslehre: Grundlagen der Mikro- und Makroökonomie, 2004, S. 462 Er wiederholt sich unendlich.
Formale Darstellung Die multiple Giralgeldschöpfung wird in einer Summenformel als unendliche geometrische Reihe dargestellt. Dabei ist die Überschussreserve Ausgangspunkt für die Berechnung der betriebswirtschaftlichen Kennzahl des Geldschöpfungsmultiplikators , bei dem die Bargeldquote und der Mindestreservesatz als limitierende Faktoren zu berücksichtigen sind:Thomas M. Dewner/Jürgen Krumnow/Thomas A. Lange/Ludwig Gramlich (Hrsg.), Gabler Bank-Lexikon: Bank - Börse – Finanzierung, 2000, S. 580 . Das zusätzlich geschaffene Giralgeld entstand aus einer Bareinzahlung oder Gutschrift als erster Überschussreserve bei einer Geschäftsbank.
Die mechanisch wirkende Formel unterstellt unter anderem, dass das zusätzlich geschaffene Giralgeld als Kreditangebot auf den Kreditmarkt gelangt, wo es durch die Kreditnachfrage vollständig absorbiert wird und wiederholt zu Sichteinlagen führt,Verlag Dr. Th. Gabler (Hrsg.), Gablers Wirtschafts-Lexikon, Band 3, 1984, Sp. 1694; ISBN 3-409-30344-8 die wiederum Grundlage für eine neue Geldschöpfung werden.
Modell Ausgangspunkt der Überlegung ist die von der Zentralbank emittierte Geldbasis, welche die Zentralbank den Geschäftsbanken kontingentiert und gegen den Leitzins zur Verfügung stellt (siehe auch Hauptrefinanzierungsinstrument).Wolfgang Cezanne, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, München, 2005, S. 413; ISBN 978-3-486-25984-1 Umfang und Preis dieser Geldkontingente sind Gegenstand der Geldpolitik der Zentralbank. Die Geschäftsbanken wiederum stellen das Zentralbankgeld den Nichtbanken in Form von Krediten zur Verfügung. Ein Multiplikatoreffekt tritt nun dadurch ein, dass die Nichtbanken zumindest einen Teil ihrer Liquidität nicht in Form von Bargeld benötigen und diesen Teil als Buchgeld innerhalb des Geschäftsbankensystems belassen. Diese Einlagen stehen damit wiederum als Basis für weitere Kreditvergaben zur Verfügung.
Eine Abschwächung erfährt der Multiplikatoreffekt durch die Mindestreservepflicht, der zufolge die Geschäftsbanken die Einlagen ihrer Kunden nicht in vollem Umfang als Kredite weiterreichen dürfen.
Zwischen der Geldmenge , die sich aus dem Multiplikatoreffekt ergibt, und dem Zentralbankgeld ergibt sich folgender Zusammenhang:
sei hierbei der Mindestreservesatz der Banken (also derjenige Anteil der Einlagen, der freiwillig oder unfreiwillig nicht als Kredit vergeben wird) und die Bargeldhaltung der Nichtbanken (also der Anteil des Bargeldes an ihrem Buchgeldbestand). Für die Herleitung der Formel wird die Geldmenge als ausgedrückt, wobei der Buchgeldbestand (Guthaben auf Girokonten) der Nichtbanken und deren Bargeldbestand seien, und das Zentralbankgeld als die Summe der Reserve und des Bargeldbestands: . Daraus folgt
.
Wirtschaftliche Aspekte Das Konzept des Geldschöpfungsmultiplikators ist mechanisch, weil es auf starren Verhaltensannahmen beruht. Die Bargeldquote wird als dauerhaft konstant angenommen, tatsächlich schwankt sie im Jahresverlauf jedoch beträchtlich (Urlaubssaison). Ferner wird davon ausgegangen, dass die einzelne Geschäftsbank maximal bis zur Höhe ihrer Überschussreserve Geldschöpfung betreiben kann. Es ist tatsächlich aber denkbar, dass sie die Überschussreserve nicht voll zur Kreditgewährung ausschöpft oder sie sogar überschreitet, wenn eine Geschäftsbank über anderweitige Zentralbankgelder verfügt. Schließlich ist unsicher, ob in Höhe der Überschussreserve stets Kreditnachfrage besteht.Thomas M. Dewner/Jürgen Krumnow/Thomas A. Lange/Ludwig Gramlich (Hrsg.), Gabler Bank-Lexikon: Bank - Börse – Finanzierung, 2000, S. 580 f.
Die Zentralbank besitzt das Monopol zur Schaffung von Zentralbankgeld, das sie durch Ankauf von Devisen (bei einer Devisenmarktintervention) oder Wertpapieren (Offenmarktpolitik oder Wertpapierkaufprogramme des Eurosystems) wahrnimmt. Durch diese Geschäfte wirkt auch die Zentralbank an der aktiven Geldschöpfung mit, denn die Geldschöpfung entspricht der Zunahme der Geldbasis.Olivier Blanchard/Gerhard Illing, Makroökonomie, 2009, S. 174 Geschäftsbanken können sich auch begrenzt durch Lombardkredit (Spitzenrefinanzierungsfazilität, Wertpapierpensionsgeschäfte) bei der Zentralbank Zentralbankgeld beschaffen, so dass die Überschussreserve nicht die Obergrenze für die aktive Giralgeldschöpfung darstellt.Otmar Issing, Einführung in die Geldtheorie, 2011, S. 60 Die aktive Giralgeldschöpfung erhöht das bestehende Kreditangebot des BankensystemsHeinz-Josef Bontrup, Volkswirtschaftslehre: Grundlagen der Mikro- und Makroökonomie, 2004, S. 462 f. auf dem Kreditmarkt. Deshalb führt eine expansive Geldpolitik der Zentralbank zur Erhöhung des Kreditangebots, eine restriktive ermäßigt es. Erhöht sie den Leitzins, sinkt das optimale Kreditangebot, weil sich die Refinanzierungskosten für Zentralbankgeld erhöhen und umgekehrt.Wolfgang Cezanne, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, 2005, S. 414 Gleichzeitig dürfte die Kreditnachfrage sinken.
Die Geldschöpfung erhöht – ceteris paribus – die Geldmenge in einer Volkswirtschaft bei unverändert bleibendem Güterangebot und ist damit eine Inflationsursache.Ricarda Kampmann/Johann Walter, Makroökonomie, 2013, S. 62Michael Burda/Charles Wyplosz, Makroökonomie, 2018, S. 432 Um diese geldmengenbedingte Inflation zu bekämpfen, wenden Zentralbanken innerhalb ihrer Geldpolitik das Instrument der Mindestreserve an, deren Erhöhung – als restriktiver Teil des Geldschöpfungsmultiplikators berücksichtigt – die maximale Geldschöpfung der Geschäftsbanken einschränkt. Daneben können Zentralbanken auch weitere Instrumente einsetzen.
Kritik