mini|Paul Kane: Selbstporträt, um 1845 Paul Kane (* 3. September 1810 in Mallow, Grafschaft Cork, Irland; † 20. Februar 1871 in Toronto, Kanada) war ein einflussreicher kanadischer Maler irischer Herkunft. Berühmt wurde Kane für seine Gemälde, die das Leben der nordamerikanischen Indianer darstellen. Bis heute sind seine Gemälde und insbesondere seine Zeichnungen eine wichtige Quelle für Ethnologen. Kane gilt als einer der ersten kanadischen Künstler, die von ihrer Kunst leben konnten.
Der in Toronto aufgewachsene Kane erwarb seine malerischen Kenntnisse vor allem während einer Studienreise nach Europa, bei der er Gemälde europäischer Meister kopierte. Zwei Reisen führten ihn in das damals noch weitgehend unerschlossene Gebiet des kanadischen Westens. Die erste unternahm er 1845. Sie führte ihn von Toronto nach Sault Ste. Marie und zurück. Die zweite Reise, die er mit Unterstützung der Hudson’s Bay Company unternahm, währte von 1846 bis 1848. Sie führte ihn von Toronto über die Rocky Mountains nach Fort Vancouver und Fort Victoria in das Oregon-Territorium und wieder zurück nach Toronto. Auf beiden Reisen zeichnete und malte Kane nordamerikanische Indianer und dokumentierte auf diesem Weg ihren Lebensstil. Die 120 Ölgemälde, die er im Anschluss an seine Reisen nach seinen Zeichnungen und Skizzen malte, zählen heute zum kanadischen Kulturerbe.
Kane veröffentlichte 1859 ein Buch über die Indianer mit dem Titel Wanderungen eines Künstlers unter den Indianern Nordamerikas (Wanderings of an Artist among the Indians of North America), das er mit seinen Gemälden illustrierte. Dieses Werk war ein großer Erfolg und wurde auch in deutscher, französischer und dänischer Übersetzung veröffentlicht.
Leben Die frühen Jahre hochkant=0.7|mini|Porträt Mrs. Eliza Clarke Cory Clench, um 1834–1836, Paul Kane zugeschrieben mini|links|hochkant=0.9|Porträt George Gurnetts, um 1845 Kane wurde in Mallow, einer Stadt in der irischen Grafschaft Cork, als fünftes der acht Kinder von Michael Kane und Frances Loach geboren. Sein Vater war ein Angehöriger des britischen Militärs, der aus dem englischen Preston, Lancashire stammte. Nach dem Ende seines Dienstes in der Royal Horse Artillery ließ er sich in Irland nieder. Zwischen 1819 und 1822 (der genaue Zeitpunkt ist unbekannt) emigrierte die Familie nach Kanada und ließ sich in Toronto nieder, das damals noch den Namen York trug. Dort eröffnete der Vater eine Wein- und Spirituosenhandlung.
Über Paul Kanes Jugend in York, das damals nur wenige tausend Einwohner zählte, ist wenig bekannt. Er besuchte ab 1830 das Upper Canada College, wo er Zeichen- und Malunterricht durch den Kunstlehrer Thomas Drury erhielt. Im Juli 1835 stellte Kane einige seiner Gemälde in der ersten und einzigen Ausstellung der Society of Artists and Amateurs in Toronto aus. In der Lokalzeitung wurden seine Gemälde wohlwollend besprochen.
Kane begann seine künstlerische Karriere als Schilder- und Möbelmaler in Toronto. 1834 zog er um nach Cobourg und arbeitete dort in der Möbelfabrik von Freeman Schermerhorn Clench. In dieser Zeit entstanden auch einige Porträts von lokalen Größen wie dem örtlichen Sheriff und der Frau seines Arbeitgebers, Mrs. Eliza Clarke Cory Clench.
Bereits in Toronto hatte Kane den amerikanischen Maler James Bowman kennengelernt, und 1836 verließ er Cobourg und besuchte diesen in Detroit. Zusammen mit Bowman hatte Kane eine Studienreise nach Europa geplant. Fürs Erste musste Kane diesen Plan jedoch fallen lassen, denn Bowman hatte inzwischen geheiratet und wollte seine Ehefrau nicht allein zurücklassen, und für eine Reise auf eigene Faust fehlte Kane das Geld. Während der nächsten fünf Jahre bereiste Kane den amerikanischen Mittleren Westen und verdiente seinen Lebensunterhalt als umherziehender Porträtmaler.
Im Juni 1841 verfügte Kane über ausreichende finanzielle Mittel, um die lang geplante Europareise zu unternehmen. Nach der Überfahrt von New Orleans nach Marseille bereiste er zwei Jahre lang Europa und studierte in Museen die Technik der europäischen Maler. Ein formelles Studium an einer Kunstakademie konnte er sich finanziell nicht leisten.
Bis zum Herbst 1842 hielt er sich in Genua, Mailand, Rom, Neapel, Florenz, Verona und Venedig auf,Lawrence J. Burpee: Introduction. In: Paul Kane. Wanderings of an Artist Among the Indians of North America. Courier Corporation, 1996, S. xi–xxxvii, hier: S. xvii. bevor er zu Fuß den Großen-Sankt-Bernhard-Pass überquerte, um nach Paris zu wandern und von dort aus nach London weiterzureisen. In London lernte er George Catlin kennen, einen amerikanischen Maler, der eine Zeit lang unter nordamerikanischen Prärie-Indianern gelebt und deren Leben in seinen Gemälden und Zeichnungen festgehalten hatte. Catlin war in London, um für sein Buch Letters and Notes on the Manners, Customs und Conditions of the North American Indians zu werben und hielt Vorlesungen in der Egyptian Hall am Piccadilly, wo er auch einige seiner Gemälde ausgestellt hatte. In seinem Buch wies Catlin unter anderem darauf hin, dass die Kultur der nordamerikanischen Indianer im Untergang begriffen sei und dass Anstrengungen unternommen werden sollten, ihre Lebensweise für die Nachwelt zu dokumentieren. Für Kanes weiteren Lebensweg war diese Begegnung entscheidend: Wie Catlin wollte er das Leben und die Kultur der kanadischen Indianerstämme dokumentieren.
Kane kehrte Anfang 1843 nach Nordamerika zurück und ließ sich in Mobile (Alabama) nieder. Er eröffnete ein Atelier und arbeitete erneut als Porträtmaler, bis er ausreichend Geld verdient hatte, um seine für die Reise nach Europa aufgenommenen Schulden zurückzuzahlen. Ende 1844 oder Anfang 1845 kehrte er nach Toronto zurück und begann sofort damit, eine Reise in den Westen Kanadas vorzubereiten.
Die erste Reise in den mittleren Westen Kanadas mini|Ojibwa Camp am Ufer des Huronsees (eine typische Reiseskizze Kanes), 1845 mini|Dorf der Ojibwa bei Sault Sainte Marie 1846, Gemälde Am 18. Juni 1845 brach Kane zu seiner Reise in den mittleren Westen Kanadas auf. Sein Weg führte ihn an den nördlichen Ufern der Großen Seen entlang, und er besuchte das Reservat der Saugeen. Nachdem er dort mehrere Wochen mit der Anfertigung von Skizzen verbracht hatte, reiste er im Sommer 1845 nach Sault Ste. Marie weiter. Sein Plan sah vor, von dort aus nach Westen weiterzureisen, doch John Ballenden, ein erfahrener Vertreter der Hudson’s Bay Company, warnte ihn vor den Gefahren, denen er als Alleinreisender im Westen Kanadas ausgesetzt sei. Nach Ballendens Meinung war eine solche Reise nur mit Unterstützung der Hudson’s Bay Company möglich, da das Handelshaus in dem weitgehend unerschlossenen Gebiet über zahlreiche Handelsposten verfügte und über ein Fellhandelsmonopol die Verwaltungshoheit über den gesamten Westen des heutigen Kanada mit Ausnahme British Columbias ausübte. Ballenden empfahl ihm weiterhin, sich mit der Bitte um Unterstützung an George Simpson, den Governor of Rupert’s Land der Hudson’s Bay Company, zu wenden.
Kane kehrte nach Toronto zurück, bevor der Winter einsetzte. Die nächsten Monate nutzte er, um einige seiner Skizzen zu Ölgemälden zu verarbeiten. Im Frühjahr 1846 wandte er sich an die Hauptverwaltung der Hudson’s Bay Company in Lachine, um Simpson um Unterstützung für seine Reisepläne zu bitten. Dieser war von den künstlerischen Fähigkeiten Kanes angetan, bezweifelte allerdings, dass Kane über ausreichendes Durchhaltevermögen für eine gemeinsame Reise mit den Pelzhändlern des Handelshauses verfüge. Er erlaubte Kane schließlich, sich bei einer Kanureise bis zum Lake Winnipeg zu bewähren, bevor über eine Weiterreise entschieden würde. Immerhin beauftragte Simpson Kane mit der Anfertigung einiger Gemälde über das Leben der kanadischen Indianer.
Zweite Reise nach Westen: bis Victoria und Tacoma mini|Métis auf Büffeljagd, 1846 Am 9. Mai 1846 verließ Kane Toronto mit einem Dampfschiff in Richtung Sault Ste. Marie, wo er sich einer Gruppe von Fallenstellern anschließen wollte, die von Lachine in den Westen unterwegs waren. Die Reise dahin war von einigen Missgeschicken geprägt: Nach einem Halt über Nacht verpasste Kane die Abfahrt seines Dampfschiffes, das früher als angekündigt vom Ankerplatz ablegte. Mit einem Kanu fuhr er dem Dampfschiff hinterher. Als er einen Tag nach dem Dampfer in Sault Ste. Marie ankam, hatten die Trapper den Ort jedoch schon wieder verlassen. An Bord eines Frachtschoners reiste er ihnen nach Fort William hinterher. Dort lieh er sich erneut ein Kanu und schaffte es schließlich, die Fallensteller nach weiteren 35 Meilen auf dem Kaministiquia River einzuholen.
Am 4. Juni erreichte Kane Fort Frances, wo bereits Simpsons Erlaubnis für die Weiterreise gen Westen hinterlegt war. Sein nächster Halt war das Red River Settlement, eine Niederlassung nahe dem heutigen Winnipeg. Von dort aus unternahm er eine dreitägige Expedition, um eine große Gruppe von Métis zu begleiten, die auf Büffeljagd in den Sioux-Gebieten in Dakota ging. Am 26. Juni 1846 nahm Kane so an einer der letzten großen Büffeljagden teil. In den 1880ern war die Population dieser Tiere bereits so dezimiert, dass sie dem Aussterben nahe waren. Nach seiner Rückkehr reiste er mit Kanus und Segelbooten weiter nach Norway House, Grand Rapids und von dort aus den Saskatchewan River hinauf in Richtung Fort Carlton. Von Fort Carlton aus reiste er zu Pferd nach Fort Edmonton und war unterwegs Zeuge einer großen Büffeljagd der Cree.
Am 6. Oktober 1846 ließ Kane Edmonton hinter sich, um in Richtung Fort Assiniboine weiterzureisen. Im November überquerte sein Trupp den tiefverschneiten Athabasca Pass in den Rocky Mountains, wonach sie wieder mit Kanus den Columbia River abwärts reisten.
mini|Innenansicht einer Zeremonialhütte, Skizze 1846 Den Winter verbrachte Kane in Fort Vancouver, dem Hauptquartier der Hudson’s Bay Company im Oregon-Territorium, das er am 8. Dezember erreicht hatte. Dort fertigte er Skizzen an und versuchte in mehreren Exkursionen, die Chinook und andere Stämme der Umgebung näher kennenzulernen. Die längste führte ihn für drei Wochen durch das Willamette Valley. Ansonsten nahm er am gesellschaftlichen Leben in Fort Vancouver teil, in dessen Hafen zu dieser Zeit das britische Schiff Modeste lag, und freundete sich mit dem Fallensteller und Forschungsreisenden Peter Skene Ogden an.
Am 25. März 1847 brach Kane mit dem Kanu nach Fort Victoria (im heutigen Victoria) auf. Fort Victoria war kurz zuvor gegründet worden und sollte das neue Hauptquartier der Hudson’s Bay Company werden, da der Oregon-Kompromiss von 1846 die Schließung des Postens Fort Vancouver vorsah. Kane reiste den Cowlitz River hinauf und blieb für eine Woche unter den indianischen Völkern, die in der Nähe von Mount St. Helens lebten, bevor er zu Pferde nach Nisqually, dem heutigen Tacoma weiterreiste. Von Tacoma aus reiste er mit dem Kanu nach Fort Victoria weiter.
In der Umgebung von Fort Victoria blieb er weitere zwei Monate, um gemeinsam mit Indianern Vancouver Island, die Juan-de-Fuca-Straße und die Straße von Georgia zu bereisen. Mitte Juni kehrte er nach Fort Vancouver zurück und begann seine Rückreise in den Osten Kanadas am 1. Juli 1847.
Die zweite Überquerung der Rocky Mountains mini|Winterlandschaft in den Rocky Mountains, 1847