Das Göttinger Institut für Demokratieforschung ist eine Forschungseinrichtung an der Georg-August-Universität Göttingen. Das Institut widmet sich der Analyse der politischen Kultur, der Erforschung des Wandels von Parteien und Parteiensystemen sowie der Erforschung von politischen Bewegungen in Niedersachsen, in Deutschland und im internationalen Vergleich. Erklärtes Ziel des Göttinger Instituts für Demokratieforschung ist die Verknüpfung von wissenschaftlicher Analyse, öffentliche Vermittlung und Beratung. Das Institut fungiert damit als Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Wissenschaft. Angesiedelt am Institut sind mehrere geförderte Forschungsprojekte, die Professur für Demokratieforschung mit Schwerpunkten in der Parteien- und Politischen Kulturforschung sowie die Juniorprofessur für Demokratieforschung. Sitz des Instituts ist die Villa Stich in der Weender Landstraße 14. mini|Methodische Ausrichtung des Instituts

Geschichte des Instituts Das Göttinger Institut für Demokratieforschung wurde 2010 aus der Arbeitsgruppe für Parteienforschung am dortigen Politikwissenschaftlichen Institut heraus gegründet und dient insbesondere der Kommunikation von sozialwissenschaftlichen Befunden zwischen Politik und Gesellschaft. Das Institut ist in die politikwissenschaftliche Lehre der Sozialwissenschaftlichen Fakultät eingebunden.

Erster Direktor und Gründer des Institutes war der Politikwissenschaftler Franz Walter (Professor und Herausgeber von INDES – Zeitschrift für Politik und Gesellschaft). Er prägte die wissenschaftliche Ausrichtung des Instituts maßgeblich und verhalf dem Institut zu gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. Krankheitsbedingt musste Franz Walter im September 2017 als Direktor des Instituts zurücktreten und ging vorzeitig in den Ruhestand. Die Leitung des Instituts und der Professur wurde im Wintersemester 2017/2018 kommissarisch von der Geschäftsführerin Stine Marg übernommen.

Im Zuge der Neubesetzung der Professur und der Institutsleitung entbrannte eine Debatte über die zukünftige Ausrichtung des Instituts. Medienberichten zufolge gab es Pläne eine Alexander-von-Humboldt-Professur mit dem Schwerpunkt Geschichte des 19. Jahrhunderts an das Institut zu holen, wodurch sich der Arbeitsschwerpunkt weg vom aktuellen (real)politischen Geschehen verlagert hätte. Ebenso führte die Aussage, dass keine neuen Forschungsaufträge angenommen und keine Arbeitsverträge verlängert werden, zu Verunsicherung bei den damals ca. 60 Mitarbeitenden.

Im April 2021 folgte Simon T. Franzmann dem Ruf nach Göttingen und übernahm die Professur für Demokratieforschung sowie die Leitung des Instituts für Demokratieforschung. Das wissenschaftliche Forschungsprofil wurde größtenteils beibehalten und um Projekte in der Grundlagenforschung weiterentwickelt. Seit Mai 2024 ist zusätzlich die Juniorprofessur für Empirische Demokratieforschung, besetzt durch Theres Matthieß, dem Institut zugeordnet. Im Wintersemester 2024/2025 beschäftigt das Institut ca. 38 Mitarbeitende (inklusive studentischer Hilfskräfte).

Die Villa Stich mini|Die Villa Stich (Seitenansicht)

Im Oktober 2010 zog das Institut für Demokratieforschung in die frisch renovierte Villa Stich. Erbaut wurde die Villa Stich 1852 vom Göttinger Professor für Privatrecht Wilhelm Theodor Kraut als repräsentative Professoren-Residenz. Beeinflusst vom Rundbogenstil handelt es sich um einen verputzten kubischen Baukörper mit feinteiliger Werksteingliederung und dekorativem Zinnenkranz auf einem niedrigen Kellersockel. Die Villa ist eines der ältesten Gebäude auf dem Zentralcampus und ist nach § 3 (2) NDSchG als Einzeldenkmal geschützt.

Benannt ist die Villa seit ca. 1915 nach dem Göttinger Mediziner Rudolf Stich (1875–1960), der von 1911 bis 1945 als Direktor der Klinik für Chirurgie an der Universität Göttingen wirkte. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts haben die Geschichte Rudolf Stichs und der Villa Stich selbst in dem Buch „Weißkittel und Braunhemden“ kritisch aufgearbeitet. Eine Gedenktafel, welche an Stich erinnern sollte, wurde nach der Renovierung des Gebäudes im Jahr 2012 aufgrund seiner NS-Vergangenheit nicht wieder angebracht.

Laufende Forschungsprojekte mini|Logo der Forschungs- und Dokumentationsstelle zur Analyse politischer und religiöser Extremismen in Niedersachsen (FoDEx)

Die Forschungs- und Dokumentationsstelle zur Analyse politischer und religiöser Extremismen in Niedersachsen (FoDEx) Die Forschungs- und Dokumentationsstelle zur Analyse politischer und religiöser Extremismen in Niedersachsen (FoDEx) untersucht aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Rechtsradikalismus, Linker Radikalismus, radikale Islam-Auslegung, und politischen Kultur im digitalen Raum. Zudem beschäftigt sich FoDEx mit der historischen Aufarbeitung der Geschichte des Niedersächsischen Verfassungsschutzes. Ziel ist es, langfristige politische Entwicklungen frühzeitig aufzuspüren und im Zeitverlauf nachzuvollziehen. Die Erkenntnisse sollen zwischen Politik, Öffentlichkeit, sowie Wissenschaft und Forschung vermitteln. Seit 2016 wird das Projekt vom Niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport mit bis zu 800.000 € gefördert.

Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek übernimmt die Sammlung und fachgerechte Archivierung offener Materialien des niedersächsischen Verfassungsschutzes. Es handelt sich dabei um im niedersächsischen Verfassungsschutz gesammeltes Material von und über extremistische Strömungen, wie Zeitungen, Magazine, Bücher, CDs und Propagandamaterial. Diese werden der Öffentlichkeit über die FoDEx-Dokumentationsstelle zur Verfügung gestellt.

FoDEx veröffentlicht zudem seit 2019 den Niedersächsischen Demokratie-Monitor, in dem die Systemunterstützung und das Vertrauen der niedersächsischen Bevölkerung in politische Institutionen, Akteure und Prozesse quantitativ und qualitativ untersucht werden. mini|Logo Manifesto Project

Manifesto-Projekt Das Manifesto-Projekt beschäftigt sich mit der weltweiten Sammlung und Analyse von Wahlprogrammen repräsentativer Demokratien. Die gesammelten Daten und Analysen werden in der Manifesto Projekt Database (MPD) der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Ursprünglich beheimatet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) ist seit November 2022 das Institut für Demokratieforschung am Projekt als Kooperationspartner beteiligt. Gefördert wird das Manifesto-Projekt seit Oktober 2009 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. mini|Forschungsskizze UNEQUALMAND

Ungleiche Mandatsresponsivität (UNEQUALMAND) Das Forschungsprojekt „Ungleiche Mandatsresponsivität (UNEQUALMAND)“ untersucht politische (Un-)Gleichheiten auf den verschiedenen Ebenen des politischen Entscheidungsprozesses vergleichend für Deutschland und Frankreich. Das Projekt betrachtet die Angebots- und die Nachfrageseite des politischen Wettbewerbs. Auf der Angebotsseite wird argumentiert, dass für soziale Gruppen mit hohen Mobilisierungsressourcen und einem positiven gesellschaftlichen Bild überproportional oft Wahlversprechen formuliert werden und für diese Gruppen im Wahlkampf formulierte Versprechen nach der Wahl auch häufiger umgesetzt werden.

UNEQUALMAND ist eine Kooperation des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, dem Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft der Universität Konstanz und dem französischen Centre for European Studies and Comparative Politics. Das Projekt hat eine angestrebte Laufzeit von drei Jahren, von Juli 2022 bis März 2026 und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Agence Nationale de la recherche (ANR) gefördert.

Abgeschlossene Forschungsprojekte mini|Logo der Bundesfachstelle Linke Militanz

Bundesfachstelle Linke Militanz Von Juli 2017 bis Dezember 2024 förderte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Rahmen des Bundesprogramms »Demokratie leben! Demokratie fördern – Vielfalt gestalten – Extremismus vorbeugen«, die Bundesfachstelle „Linke Militanz“. Zusammen mit anderen Modellprojekten untersuchte die Bundesfachstelle (1) die Ursachen und Ausdrucksformen von Linkem Extremismus, leistet (2) historisch-politische Bildungsarbeit zum Linkem Extremismus, entwickelte (3) Argumentationshilfen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus Schule und (Jugend-)Sozialarbeit, sowie (4) Bildungskonzepte für die Arbeit an Schulen und Jugendeinrichtungen. Die am Institut für Demokratieforschung angesiedelte Bundesfachstelle konzentrierte sich auf sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung, die politische Bildung und die Vernetzung mit den anderen bundesweit verteilten Modellprojekten des Phänomenbereichs. Im Rahmen ihrer Arbeit veröffentlichte die Bundesfachstelle mehrere Studien zu linken (militanten) Gruppen und Themen, sowie Handreichungen für Planspiele und Workshops zu Bildungszwecken.

mini|Logo des Projekts DemoKon

DemoKon Von August 2019 bis Dezember 2022 war das Institut für Demokratieforschung Teil des Forschungsprojekts „DemoKon. Eine Demokratische Konfliktkultur für die Energiewende“. Zusammen mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der Universität Siegen, dem Institut Raum & Energie, der Stiftung Mercator und dem Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) wurden sowohl Einstellungen, Deutungsmuster und Konfliktdynamiken im Rahmen der Energiewende als auch Konfliktlösungsstrategien entwickelt und erprobt. Diese sollten die lokale Polarisierungen möglichst vermeiden und eine demokratische Streit- und Aushandlungskultur stärken. Der Untersuchungsschwerpunkt des Göttinger Instituts für Demokratieforschung lag auf der Haltung und Rolle der betroffenen, aber nicht aktiven Bevölkerung („schweigenden Mehrheit“).

Im Ergebnis konnte festgestellt werden, dass sowohl aktive als auch unbeteiligte der Energiewende grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Dennoch zeigen sich populistische Logiken in der Art und Weise, wie über den Klimawandel und die Energiewende gesprochen wird. „Die Populistische Erzählung von einer „schweigenden Mehrheit“, die gegen die Energiewende sei, entbehrt damit nach wie vor jeder Grundlage“.

mini|Logo Kinderdemokratie

Kinderdemokratie Von 2012 bis 2018 war das Institut für Demokratieforschung mehrfach an dem von der Friede-Springer-Stiftung, der Stadt Hannover und dem Niedersächsischem Kultusministerium geförderten Projekt Kinderdemokratie beteiligt. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Instituts entwarfen mehrere Arbeitsblätter und Planspiele anhand derer Grundschulkinder wesentliche demokratische Werte wie Meinungspluralismus, Wahlen, Inklusion, Partizipation und demokratischer Umgang mit Unterschieden und Konflikten vermittelt wurden.

Pegida Von 2015 bis ca. 2018 erforschte das Institut für Demokratieforschung das Aufkommen und den Verlauf der PEGIDA Bewegung sowie die gesellschaftlichen Reaktionen auf diese. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Instituts verfasste mehrere Studien, welche sich mit der Zusammensetzung, den politischen Inhalten, den Motiven und historischen Hintergründen der Pegida Bewegung sowie ihrer Gegenbewegung (NoPegida) befassen. Zusätzlich wurde der Einfluss der Proteste auf die Vorstellungen, Wünsche, Ängste und Gedanken zur demokratischen Einwanderungsgesellschaft jugendlicher untersucht. Dafür wurden mehrere teilnehmende Beobachtungen, Umfragen, Interviews und Diskursanalysen durchgeführt.

Kontroversen und Mediale Aufmerksamkeit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Demokratieforschung werden des Öfteren von Medien als Experten und Expertinnen zu sozialen Bewegungen, der AfD, Links(extremen) Gruppierungen und Wahlverhalten herangezogen.