Die Wirtschaft Indiens liegt in Bezug auf das nominale Bruttonationaleinkommen mit über 4.000 Mrd. US-Dollar im Jahr 2025 an weltweit vierter Stelle. In Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach Kaufkraftparität (KKP) lag Indien nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds im Jahr 2019 an dritter Stelle weltweit, nach den Vereinigten Staaten, und der Volksrepublik China. Indien ist eine gelenkte Volkswirtschaft. Die weitgehenden staatlichen Regulierungen der Binnenwirtschaft und der umfassende Schutz der Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz wurden jedoch insbesondere seit Anfang der 1990er Jahre schrittweise verringert. Das Wirtschaftswachstum beschleunigte sich im Durchschnitt der Jahre 1995 bis 2005 auf 6,4 %. In der Dekade zwischen 2005 und 2015 lag die Wachstumsrate noch höher. Im Jahr 2017 war Indien mit 7,2 % die am viertschnellsten wachsende Wirtschaft der Welt. Vor Indien lagen nur die vergleichsweise kleinen Volkswirtschaften von Äthiopien, Usbekistan und Nepal.
Im Global Competitiveness Index, der die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes misst, belegt Indien Platz 40 von 137 Ländern (Stand 2017–2018). Im Index für wirtschaftliche Freiheit belegte das Land 2017 Platz 143 von 180 Ländern.
Geschichtliche Entwicklung Britische Kolonialzeit In der vorkolonialen Zeit prägte ein hoch entwickeltes Handwerk die Wirtschaft der Städte. Es bestand ein gut ausgebautes Handelsnetz (Indienhandel), das den Export hochwertiger Waren (z. B. Gewürze, Stoffe) nach Ostasien, Ostafrika, Europa und in den Nahen Osten ermöglichte. Die große Mehrheit der Bevölkerung hatte jedoch in der Landwirtschaft ihr Auskommen.
Die Engländer fassten im 17. Jahrhundert in den Küstengebieten Nord-Indiens Fuß. Für die mit weitreichenden Handelsvorrechten ausgestattete Britische Ostindien-Kompanie erwies sich der Tuchhandel als besonders einträglich. In Webereien, vor allem in Bengalen, ließ sie Textilien für die Ausfuhr nach England fertigen. Im frühen 18. Jahrhundert kontrollierte die Kompanie fast den gesamten Warenaustausch ihres Mutterlandes mit Indien. Ab 1765 übertrug ihr der praktisch machtlose Großmogul Shah Alam II. auch das Recht, in der Provinz Bengalen Steuern erheben zu dürfen. Durch die Industrielle Revolution in England gegen Ende des 18. Jahrhunderts ersetzten industriell hergestellte britische Textilien die Handwerksproduktion in Indien. Die Folgen waren Massenarbeitslosigkeit und die Verarmung der indischen Weberkasten. Im 19. Jahrhundert strömten immer mehr Industriegüter auf den indischen Markt und verdrängten handwerklich hergestellte einheimische Waren. Das Handwerk beschränkte sich bald nur noch auf geringwertige Erzeugnisse, welche die hohen Transportkosten von Großbritannien nach Indien nicht rechtfertigten, sowie wenige einheimische Luxusgüter wie Schmuck und Seide.
An einer Industrialisierung Indiens zeigten die Briten angesichts der gewaltigen Absatzmöglichkeiten für ihre eigenen Erzeugnisse kein Interesse. So konnte sich in Indien nur langsam eine einheimische Industrie entwickeln. Ihre Anfänge lagen in Bombay, dem Zentrum des Baumwollhandels. 1854 wurde dort die erste Spinnerei gegründet. Die junge Baumwollindustrie sah sich einem enormen Wettbewerbsdruck durch britische Massenware ausgesetzt, sodass sie nur zu überleben vermochte, indem sie grobes Tuch für die ärmere Bevölkerung herstellte zu Preisen, die britische Anbieter wegen des langen Transportweges nicht unterbieten konnten. Im späten 19. Jahrhundert breitete sich die industrielle Tuchherstellung auch in das Hinterland Bombays und das heutige Gujarat aus. Bis zum Ersten Weltkrieg war Indiens Baumwollindustrie zur viertgrößten der Welt herangewachsen. Die britische Konkurrenz konnte sie aber erst nach dem Krieg vollends verdrängen.
Etwa gleichzeitig zur Baumwollindustrie entwickelte sich in Bengalen die Juteindustrie. Ein Brite richtete 1855 die erste Jutespinnerei in Kalkutta ein. Ab den 1880er Jahren erlebte der Industriezweig einen Aufschwung. Nach dem Ersten Weltkrieg überstiegen die Ausfuhren industriell verarbeiteter Jute zum ersten Mal die von Rohjute. Allerdings versetzte die Teilung Britisch-Indiens in Indien und Pakistan der Juteindustrie einen Rückschlag, da die Hauptanbaugebiete in Ostpakistan (heute Bangladesch) lagen, während die Verarbeitung fast ausschließlich auf den Großraum Kalkutta im indischen Teil Bengalens beschränkt war.
Neben der Textilindustrie, die mehr als die Hälfte aller Industriearbeiter beschäftigte, gelangte lediglich die Stahlproduktion schon vor der Unabhängigkeit zu größerer Bedeutung. Jamshedji Tata gründete 1907 das erste und bis in die 1950er Jahre einzige indische Stahlwerk in Sakchi, später ihm zu Ehren in Jamshedpur umbenannt, das Schienen für den Eisenbahnbau herstellte. Der Erste Weltkrieg führte, wie schon im Falle der Textilindustrie, zur Unterbrechung der britischen Wareneinfuhren und verhalf dem Stahlwerk damit zum Auftrieb. Nach dem Krieg erlangte es auf dem Stahlmarkt Indiens eine beherrschende Stellung.
Als die Briten Indien 1947 in die Unabhängigkeit entließen, war das Land ein kaum industrialisierter Agrarstaat. Das traditionelle Handwerk hatte der überlegenen britischen Industrie nicht standhalten können. Nur in wenigen Metropolen hatte sich eine nennenswerte Industrie entwickelt. Die Landwirtschaft war für die Briten nur als Steuerquelle von Bedeutung gewesen und blieb unterentwickelt, unwirtschaftlich und überbesetzt. Andererseits schufen die Kolonialherren ein recht gut ausgebautes Eisenbahnnetz und moderne Verwaltungsstrukturen.
Sozialistische Ausrichtung 1947 bis 1991 Förderung der Schwerindustrie mini|Jawaharlal Nehru mini|Nehru bei einer Ansprache auf der Baustelle der Bhakra-Talsperre 1953. Kennzeichnend für die indische Wirtschaftspolitik der 1950er Jahre waren industrielle Großprojekte in staatlicher Regie nach sowjetischem Muster. mini|Nehru bei der Besichtigung des Nangal-Hydel-Kanal im Punjab (1953) Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1947 bauten Jawaharlal Nehru und Prasanta Chandra Mahalanobis eine sozialistische Planwirtschaft mit marktwirtschaftlichen Elementen auf. Das Konzept dazu war schon vor der Unabhängigkeit zusammen mit den Großindustriellen Jehangir Ratanji Dadabhoy Tata und Kumar Birla ausgearbeitet und 1944 im Bombay Plan niedergelegt worden. Mit dem Ziel, die weit verbreitete Armut zu überwinden, sollte der Staat die Grundlage für ein gleichmäßiges Wachstum schaffen. Die einheimische Industrie sollte gegen ausländische Konkurrenz geschützt werden und die Schwerindustrie besonders gefördert werden. Die Schaffung von Arbeitsplätzen war jedoch nicht nur in der Großindustrie vorgesehen, sondern vor allem in Kleinbetrieben, die daher besonders gefördert wurden. Seit 1951 werden die wirtschaftlichen Ziele in Fünfjahresplänen unter Aufsicht einer Plankommission festgelegt. Das Hauptaugenmerk der Wirtschaftspolitik Nehrus richtete sich auf den Ausbau der Industrie. Zu diesem Zweck gliederte die Industrial Policy Resolution von 1956 alle Wirtschaftszweige in drei Kategorien auf. Zur ersten Kategorie (Schedule A) gehörten 17 Schlüsselindustrien, die ausschließlich dem Staat vorbehalten bleiben sollten. Diese sind: Rüstung (Waffen und Munition) Kernenergie Eisen und Stahl Schwere Guss- und Schmiedeteile aus Eisen und Stahl Schwerindustrieanlagen und Maschinen für die Bereiche Eisen und Stahl, Bergbau, Werkzeugmaschinenbau und andere Schlüsselindustrien Schwere Elektrizitätsanlagen einschließlich großer Wasser- und Dampfturbinen Stein- und Braunkohleförderung Mineralölgewinnung Eisenerz-, Manganerz-, Chromerz-, Gips-, Schwefel-, Gold- und Diamantenförderung Förderung und Verarbeitung von Kupfer, Blei, Zink, Zinn, Molybdän und Wolfram Mineralien, die der Erzeugung und Nutzung von Kernenergie dienen Luftfahrtindustrie Luftverkehr Schienenverkehr Schiffbau Telefone und Telefonkabel, Telegrafie und Funktechnik (mit Ausnahme von Rundfunkempfangsgeräten) Stromerzeugung und -verteilung
In diesen Bereichen durften Privatunternehmen keine neuen Betriebe errichten, bereits bestehende Privatbetriebe blieben aber bestehen.
In den Industrien der zweiten Kategorie (Schedule B) – darunter pharmazeutische und Teile der chemischen Industrie, alle Industrien, die Metalle außer denen der Kategorie A verarbeiteten (zum Beispiel Aluminium), sowie Straßen- und Seeverkehr – durften sich sowohl der Staat als auch Privatunternehmen betätigen. Die Hauptrolle war zunächst dem privaten Sektor zugedacht, allerdings sollte hier langfristig der Staat die Kontrolle übernehmen.
Die dritte Gruppe (Schedule C) umfasste alle Wirtschaftszweige, die der Privatwirtschaft offenstehen sollten. Dazu gehörten neben Landwirtschaft und Handwerk die weiterverarbeitende Industrie (Kraftfahrzeuge usw.) und die Konsumgüterindustrie (Textil-, Lebens- und Genussmittelindustrie usw.). Auch hier behielt sich der Staat aber das Recht auf wirtschaftliche Betätigung vor.
Indien wurde damit zu einer „Mischwirtschaft“, in der zentralverwaltungswirtschaftliche Elemente nach dem Vorbild der Sowjetunion neben marktwirtschaftlichen Merkmalen bestehen. +Indische FünfjahrespläneNr. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Zeitraum 1951–1956 1956–1961 1961–1966 1969–1974 1974–1979 1980–1985 1985–1990 1992–1997 1997–2002 2002–2007 2007–2012 2012–2017 Wirtschaftswachstum 1951 bis 1990 nach Planperioden Planperiode Durchschnittliche jährliche Wachstumsrate Bruttoinlandsprodukt Primärsektor1 Industrie 1951–1956 3,6 % 2,9 % 6,1 % 1956–1961 4,3 % 3,4 % 6,5 % 1961–1966 2,8 % −0,1 % 6,9 % 1966–1969 3,9 % 4,4 % 3,6 % 1969–1974 3,4 % 2,7 % 3,9 % 1974–1979 4,9 % 3,6 % 6,4 % 1979–1980 −5,2 % −12,3 % −3,3 % 1980–1985 5,7 % 5,8 % 6,1 % 1985–1990 5,6 % 3,6 % 6,5 % 1951–1990 4,0 % 2,8 % 5,6 % 1990–1992 3,4 % k. A. k. A. 1992–1997 6,3 % k. A. k. A. 1997–2002 5,6 % k. A. k. A. 2002–2007 8,7 % k. A. k. A. 2007–2012 7,1 % k. A. k. A. 1991–2012 6,6 % k. A. k. A. 1 beinhaltet Land-, Forst-, Vieh-, Fischereiwirtschaft, Bergbau Quelle für die Jahre 1950–90: Bronger (1996), S. 183,für die Jahre seit 1990: Indische Planungskommission
Einen weiteren Wesenszug des Wirtschaftssystems im unabhängigen Indien vor 1991 stellten die umfangreichen Lizenzbestimmungen dar, die als Instrument der staatlichen Einflussnahme auf die Privatwirtschaft geschaffen worden waren. Private Unternehmen durften Betriebsneugründungen oder -erweiterungen erst nach der Erteilung einer staatlichen Lizenz, nicht selten in Verbindung mit umfangreichen Auflagen, vornehmen. Zudem behielt sich die Regierung verschiedene Kontrollmechanismen vor, beispielsweise Preiskontrollen. Bei Zuwiderhandlungen gegen die geltenden Bestimmungen konnten private Betriebe verstaatlicht werden. Der Politiker C. Rajagopalachari prägte für das stark regulatorische Lizenzsystem den Spottnamen Licence Raj („Lizenzherrschaft“) in Anspielung auf die britische Kolonialherrschaft (British Raj).
Um die Entwicklung der einheimischen Industrie zu fördern, erschwerte man den Zugang ausländischer Erzeugnisse und Investoren zum indischen Binnenmarkt. Es wurden Schutzzölle eingeführt und sogar Einfuhrverbote verhängt. Mit dieser Strategie (Importsubstitution) sollten ausländische Erzeugnisse durch Güter aus eigener Herstellung ersetzt werden. Damit wollte man Devisen sparen und Arbeitsplätze für die eigene Bevölkerung schaffen. 1973 trat eine Bestimmung in Kraft, wonach ausländische Investoren nur noch in Gemeinschaftsunternehmen mit indischer Mehrheitsbeteiligung operieren durften.
Bereits zu Beginn der 1960er Jahre wurde das System als nicht offen und marktwirtschaftlich genug kritisiert. Man störte sich vor allem am mangelnden technischen Fortschritt und am fehlenden ausländischen Kapital. Dennoch schritt die Industrialisierung Indiens voran. So wurden etwa in den 1950er Jahren drei große Stahlwerke in Durgapur, Bhilai und Rourkela in Betrieb genommen.
„Grüne Revolution“