Der Begriff Schauspielstil bezeichnet eine Ansammlung verschiedener Beschreibungsmöglichkeiten für unterschiedliche Qualitäten schauspielerischen Handelns.Vgl.: Kotte, Andreas: Theaterwissenschaft. Eine Einführung. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag, 2005. S. 169. Ein Schauspielstil ist immer gekoppelt an ein bestimmtes Verhältnis zwischen Mensch und Schauspieler, sowie an verschiedene kulturelle Praktiken und historische Rahmungen.

Schauspielreformen Der Schauspiel-Diskurs durchschritt während der letzten zwei Jahrhunderte verschiedene Phasen der Reformierung. Neben Poetiken, Werken über Rhetorik, Reiseberichten, Biographien und Prologen lassen sich historische Aussagen zur Schauspielerei auch in der gesamten Literatur zur Ablehnung finden. Es handelte sich dabei um regelrechte Kampfschriften, die Reformvorschläge für die Arbeit des Schauspielers diskutierten, wie beispielsweise von Francesco Riccoboni, der den veristischen Stil in L’Art du théâtreFrancesco Riccoboni: Die Schauspielkunst. Berlin: Henschel Verlag, 1954. kommentiert.Vgl.: Kotte(2005). S. 170

Ein weiterer Reformer war Denis Diderot, der in seinem Werk Paradoxe sur le ComédienDenis Diderot: Das Paradox über den Schauspieler. Insel Verlag, Berlin 1964. die Schaffung einer neuen Tragödie fordert, in der die Pantomime – das Mittel des Schauspielers – mit der Handlung gekoppelt wird, die der Schauspieler durch eine Rede vorträgt. Er forderte Distanz zur Rolle und das Zeigen einer Figur. „Das Paradox besteht nun darin, dass der Schauspieler der Kunstfigur frei und schöpferisch als Subjekt gegenüber tritt und ohne Einfühlung produziert, zugleich aber den Zuschauer täuscht, ihm eine Illusion des Wirklichen verschafft.“Kotte (2005), S. 170. Die Distanzierung des Schauspielers zu seiner Rolle liegt im krassen Gegensatz zu den Forderungen von Konstantin S. Stanislawski, der sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts für wahre Gefühle und das echte Empfinden auf der Bühne ausspricht.Vgl.: Kotte(2005). S. 171

Schauspieltheorien und -praxen Demnach wurden ab dem 18. Jahrhundert schauspielerische Praktiken innerhalb theoretischer Abhandlungen kritisiert – wenn auch in einer etwas einseitigen Sichtweise – da all jene, die zeitlich früher zu verorten sind, im Dunklen gelassen wurden. Der historische Kontext sowie das vorliegende Menschenbild trugen dabei eine wesentliche Rolle, sowie der Rückgriff auf alte Praktiken wie beispielsweise der griechischen Tragödie. Es kam zu neuerlichen Begriffsbildungen sowie begrifflichen Erweiterungen. So ist es bis Mitte des 18. Jahrhunderts der Komödiant, der eine Figur oder auch Person vorstellt und ab Ende dieses Jahrhunderts bereits der Schauspieler oder auch Menschendarsteller, der einen Charakter darstellt. Ab dem 20. Jahrhundert wird wieder auf den Begriff der Figur zurückgegriffen.Vgl.: Kotte(2005). S. 181 Die Grundprinzipien der Nachahmung und Darstellung wurden dabei jedoch nicht angetastet. Es kam lediglich zu einer Veränderung der Fachtermini. Der Schauspieler, dessen Tätigkeit als reproduzierende gesehen wird, ist auch heute noch – trotz vieler Gegenstimmen – eine allgemein gültige Definition.Vgl.: Baumbach, Gerda: Schauspieler. Historische Anthropologie des Akteurs. Band 1. Schauspielstile. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2012. S. 19–22. „[…] die Auffassung, […] Schauspielen habe in all seinen Spielarten mit Nachahmung und Verkörperung zu tun.“ (Baumbach 2012:23) wurde weiterhin geteilt. Der Schauspieler steht also in zwingender Verbindung mit seiner Rolle und Figur und kann „trotz seiner Verwandlungsfähigkeit nicht aus seiner Haut.“Baumbach(2012). S. 23

Deswegen währt die Vorstellung des bürgerlichen Schauspiels, dessen Einflussnahme nicht nur den Blick auf Konzepte und Praxen im 20. Jahrhundert verstelle, sondern auch unzureichende Befunde für Praxen der Gegenwart ermögliche.Vgl.: Baumbach(2012). S. 27

Demgegenüber gibt es natürlich moderne Ausprägungen wie beispielsweise die Performance, in der mit den Grenzen zwischen Selbst-, Re- und Präsentation gespielt und das klassische Prinzip der Nachahmung gebrochen wird.

Schauspielstile Um die aus den verschiedenen Reformschriften hervorgehenden Prinzipien und Praktiken des Schauspiels einteilen zu können, wurde die Definition dreier Schauspielstile gebildet: „Diese Einteilung beinhaltet nicht nur die in der theoretischen Tradition stehenden Varianten des Rhetorischen und Veristischen Stils, sondern auch den von Gerda Baumbach entwickelten Comoediantischen Stil, […] der eine im Grunde ahistorische Theaterpraxis beschreibt, nicht auf Natur-Konstrukte bezogen. Zu den Verfahrensweisen dieser Praxis gehören Tausch, Verdoppelung, Verkehrung, Vervielfachung und Zerstückelung.“Kotte (2005). S. 178 Es handelt sich bei dieser Einteilung um ein rein theoretisches Konstrukt oder Modell, dessen Ziel darin besteht, diverse Schauspielpraxen zu untersuchen und analysieren.

Von der Spätrenaissance bis weit ins 18. Jahrhundert wurden alle drei Stile parallel praktiziert, teilweise sogar in Symbiose. Seit dem 20. Jahrhundert werden diese Stile auch in gemischter Form angewendet. „In Kombination verschiedener Verfahren der Präsentation, Repräsentation und von Darstellung/Ausdruck erweist sich Schauspielen […] als Einnehmen einer Haltung zur menschlichen Existenz wie auch als besonderer Modus menschlichen Verhaltens selbst.“Kotte zitiert nach Baumbach (2005) S. 179 Demnach kann man die nach Stilen eingeteilten Varianten von Schauspiel auch als dementsprechende Varianten der Kommunikation sehen. Theaterspielen ist demnach ein Grundmodell, das sich aus verschiedenen Wirklichkeiten zusammensetzt und sich kulturell und historisch verändern kann, vor allem durch Menschen, die daran beteiligt sind – wie etwa die Schauspieler selbst und das Publikum. Daher kann man nicht von einer kontinuierlich-linearen Entwicklung der Schauspieltechnik sprechen. Es besteht im Weiteren die Frage, die Schauspielstile um einen vierten zu ergänzen – den Medialen Stil – da sich die moderne Theaterpraxis durch den Einsatz audiovisueller Medien grundlegend von früheren Modellen unterscheidet.Vgl.: Kotte (2005). S. 179

Generell verfügen alle Stile über eine spezielle historische Rahmung, sind aber dennoch als begriffliche Werkzeuge zu sehen, mit deren Hilfe man Schauspielformen zu charakterisieren versucht.

Comoediantischer Stil

Im Comoediantischen Stil, auch Comödien-Stil genannt, tritt der Akteur als Maske oder als Typus auf und kann sich sowohl in ein Objekt, als auch in ein Subjekt verwandeln. Seinen Körper setzt er als artistisch beherrschtes Instrument als Spielball ein. Dieser Stil zeichnet sich durch einen übertriebenen, grotesken und akrobatischen Körpergebrauch aus.

Begriffsursprung Ursprünglich bezeichnete der Comödiant bis ins 18. Jahrhundert nicht das, was heute allgemeinhin mit der Gattungsbezeichnung Komödie verbindet. Es bezeichnete den Schauspieler, nicht jedoch den Komödianten. Auch die Comödie bezeichnet Theaterspiel im Allgemeinen ohne eine konkrete Genrebezeichnung. Diese Begriffe haben jedoch eine Veränderung und auch eine Einschränkung im Laufe der Zeit erfahren. Denn ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird der Begriff des Comödianten immer stärker differenziert und auch mit Abwertung und Geringschätzung belagert. Aber auch innerhalb des Comödiantischen kam es vermehrt zu einer Ausdifferenzierung verschiedener Ausprägungen. Es prägten sich die Begriffe des „Hochkomischen“ und des „Niedrigkomischen“ aus. Der komödiantische Stil entstand aus der Praxis der mittelalterlichen Gaukler und Spielleute. Die ursprüngliche etymologische Bezeichnung von Gaukler ist die Bewegung, da das Wort auf die Grundform: „gaug-, gug-, geug- ‚sich auffällig, spielerische hin und her bewegen’ zurückzuführen“ ist. Und auch die Tradition des Comödien-Stils ist der Bewegung zuzuschreiben, da sie artistisch geprägt ist und das Erzählen mit dem ganzen Körper in Form von Leibesbewegungen beinhaltet.

Die Variabilität in der Fiktionsschranke/Doppelbödigkeit Im Zentrum des Comödien-Stils steht neben der Körperlichkeit die Verwandlung, da innerhalb dieses Darstellungscodes der Schauspieler sich sowohl in ein Subjekt, als auch in ein Objekt verwandeln kann. Zusätzlich kann er auch mehrere Figuren oder Objekte darstellen. Für den Wandel zwischen den Rollen, können ein Requisit, aber auch bestimmte Körperhaltungen, Gesten oder eine bestimmte Mimik dienen. Ausschlaggebend für diese enorme Wandelfähigkeit ist die Flexibilität innerhalb bzw. mit der Fiktionsschranke. Denn diese Schranke wird – anders als in den anderen Darstellungscodes – überschritten, durchbrochen oder zwischen realer und fiktiver Ebene im „fliegenden Wechsel“ hin und her gesprungen. Besonders diese Öffnung/Überschreitung oder Nicht-Öffnung/Überschreitung ist Stilentscheidend, wie sich in der Darstellung, der im Weiteren, beschriebenen rhetorischen und veristischen Stils zeigen wird. Generell wird von einem Schauspieler A die Rolle B vor dem Zuschauer C verkörpert. Im komödiantischen Stil wird jedoch auch noch eine Kunstfigur zwischen Schauspieler und der Rolle geschaltet, welche den Wechsel ermöglicht.

Der Akteur und die Rolle Aufgrund der Wechselmöglichkeit zwischen den Ebenen, ist der Akteur nie klar von seiner Rolle getrennt, aber auch nie komplett mit seiner Rolle verschmolzen, so wie das im veristischen Stil den Anschein macht. Es besteht immer eine Art Diskrepanz zwischen Rolle und Kunstfigur. Der Zuschauer kann teilweise, wenn der Wechsel der Ebenen perfekt verläuft, nicht mehr nachvollziehen, ob er den Schauspieler oder die Kunstfigur sieht, obwohl die Verwandlung nicht vertuscht wird, sondern offen vollzogen wird. Ein Beispiel hierfür ist eine Sequenz aus „Kinder des Olymp“ (Les enfants du paradis). In tänzerischen Grundschritten legt der Clown die verschiedenen Rollen an, die als Basis für das Verwandlungsprinzip angelegt werden. Der Stil durchbricht auch unsere Alltagslogik und zeichnet sich durch groteskes, teils irrationales und verrücktes Handeln aus. Durch diese Beziehung zwischen dem Rollenwechsel und dem Ebenenwechsel entstehen unterschiedliche Perspektiven, die zu einer ständigen Täuschung und Manipulation der Rezipienten führt.

Der Leib und der Körpergebrauch im Comödien-Stil Einen möglichen Zugang zur körperlich-leibliche Grundlage des Comödien-Stils bieten die zahlreichen Kupferstiche von Jacques Callot. Dabei ist festzustellen, dass die Körperlichkeit in diesem Stil in den Mittelpunkt rückt und jegliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der Körperschwerpunkt liegt auf dem Becken, von dem aus die Extremitäten tänzerisch, allerdings nicht realitätsbezogenen, bewegt werden. Stilgebend sind die Bewegungen des Schauspieler-Comödianten, welche in den Raum nach außen führen. Die starke Körperbezogenheit bringt auch die Dominanz einer teils ziemlich derben Ausdrucksweise mit sich, die sich durch Betonung des Körpers, der Körperöffnungen und der existenziellen Bedürfnisse äußert. Klar ersichtlich wird, dass dieser Stil artistisch geprägt ein starkes Körperbewusstsein und ein vielseitiges Körpertraining abverlangt. Besonders auch deshalb, weil durch die vielschichtige und vielseitige Rollenveränderung immer wieder neue erzählfähige Körperlichkeiten für diverse Rollen angelegt werden müssen, um einen offenen Rollenwechsel auf der Bühne zu ermöglichen.

Das Kostüm