Brava (auch Ilha Brava, dt. ,unzähmbare Insel‘) ist die kleinste der bewohnten kapverdischen Inseln im Atlantik. Am südwestlichen Rand des Archipels gelegen, teilt sie mit der ebenso vulkanisch entstandenen und geologisch auf demselben Sockel befindlichen Nachbarinsel Fogo die für Landwirtschaft günstige Vegetation. Schwer erreichbar durch die steil abfallenden Felsküsten, wurde die Insel – hauptsächlich ab dem Ende des 17. Jahrhunderts – spät besiedelt und hat eine eigene Varietät des kapverdischen Kreols entwickelt. Bis ins 20. Jahrhundert war Brava ein Stützpunkt des transatlantischen Walfangs, was zu einer steten Auswanderung vor allem nach Neuengland führte, die bis heute durch Geldzahlungen aus der und Netzwerke in die Diaspora sozial und finanziell die Insel prägt. Die aus dieser Erfahrung gespeisten Mornas, Gedichte und Lieder des Abschieds und der Trauer, haben durch den auf Brava geborenen Eugénio Tavares den Grund der kapverdischen Literatur und Musik gelegt. Bis heute spielt der Tourismus auf der abgeschiedenen Insel eine Nebenrolle.

Geographie Brava ist nahezu kreisrund mit einem Durchmesser von bis zu 11 Kilometern und einer Fläche von 67 Quadratkilometern. Die mittelgebirgige Insel ist die westlichste der Ilhas de Sotavento (dt. ,Inseln unter dem Wind‘) und liegt westlich der Insel Fogo. Bravas Höhe reicht kaum aus, um Niederschlag aus den Passatwolken zu erhalten. Da sie jedoch im Windschatten des Vulkankegels von Fogo liegt, ist die Insel häufig von Lee-Wolken bedeckt, sodass die Verdunstung geringer ist und die Vegetation etwas reicher. Der kapverdische Literat João Rodrigues charakterisierte Brava als „gebadet in Grün und gefüllt mit Blumen“ und darin Madeira vergleichbar im Gegensatz zu vielen kargeren Inseln des Archipels.Im Original: „bathed in green and filled with flowers“. Donald Burness: Interview with João Rodrigues. In: Luso-Brazilian Review. , Bd. 33, 1996, Nr. 2, Sonderheft: Luso-African Literatures, S. 103–107, hier S. 103 f. Die Bedingungen für Landwirtschaft sind daher zusammen mit denen Fogos besser als auf den anderen Inseln des Sotavento.Heike Drotbohm: Kreolische Konfigurationen der Rückkehr zwischen Zwang und Zuflucht. Die Bedeutung von Heimatbesuchen in Kap Verde. In: Zeitschrift für Ethnologie. Bd. 136 (2011), Heft 2: Afroatlantische Allianzen / Afro-Atlantic Alliances, S. 311–330, hier S. 316.

300px|thumb|left|Die Hafenstadt Furna im Nordosten von Brava Die Insel erhebt sich mit steil aufragenden Felsen zu einem breiten Plateau, das tief durch Erosionstäler eingeschnitten ist.Bruno Faria, João F. B. D. Fonseca: Investigating Volcanic Hazard in Cape Verde Islands through Geophysical Monitoring. Network Description and First Results. In: Natural Hazards and Earth System Sciences Bd. 14, 2014, S. 485–499, (PDF), hier S. 487.

Die Insel ist in den höheren Lagen dichter besiedelt. Hier finden sich auch die Inselhauptstadt Vila Nova Sintra und der Wallfahrtsort Nossa Senhora do Monte. An der Ostküste liegt der einzige dauerhafte Hafen der Insel im Ort Furna. In Vinagre entspringt eine essigsaure Mineralquelle, die früher zu Kurzwecken genutzt wurde.

Etwa sechs Kilometer nördlich der Insel liegen die unbewohnten Ilhéus do Rombo, 20 Kilometer südwestlich schließt der unterseeische Cadamosto-Seamount den Archipel westlich ab.

Geologie Ursprünglich ein Tiefseeberg vulkanischen Ursprungs, wurde die Insel im Laufe der Zeit über den Meeresspiegel gehoben. Heute gibt es auf der Insel anders als auf Fogo keine nennenswerte vulkanische Aktivität mehr, aber deutlich stärkere seismische Aktivität als auf Fogo.João F. B. D. Fonseca u. a.: Multiparameter Monitoring of Fogo Island, Cape Verde, for Volcanic Risk Mitigation. In: Journal of Volcanology and Geothermal Research. Bd. 125, 2003, S. 39–56, (), hier S. 46. Die geologische Entwicklung Bravas lässt sich in drei vulkanostratigraphische Einheiten unterteilen (von jung nach alt)José Madeira u. a.: Volcano-Statigraphic and Structural Evolution of Brava Island (Cape Verde) Based on 39Ar/ 40Ar, U–Th and Field Constraints. In: Journal of Volcanology and Geothermal Research. , Bd. 196, 2010, Nr. 3, S. 219–235, .:

Obere Einheit Mittlere Einheit Untere Einheit

Die Untere Einheit besteht aus einer 3 bis 2 Millionen Jahre BP entstandenen submarinen, vulkanischen Abfolge des Pliozäns (Piacenzium bis Gelasium). In dieser Zeit befand sich Brava im Seamountstadium; dieser Teil besteht aus Hyaloklastiten und Kissenlaven, die von unzähligen kogenetischen Gangscharen durchzogen sind. Geochemisch handelt es sich hierbei um Ankaramite und Nephelinite. Die Untere Einheit wurde im Altpleistozän (1,8 bis 1,3 Millionen Jahre BP) von einem plutonischen Alkaligestein/Karbonatitkomplex der Mittleren Einheit intrudiert, bestehend aus Pyroxeniten, Ijolithen, Nephelinsyeniten und Karbonatiten (Söviten). Zwischen 1,3 und 0,25 Millionen Jahren BP waren diese beiden Einheiten starker Erosion ausgesetzt; es bildete sich zur nachfolgenden Oberen Einheit eine Erosionsdiskordanz. Im oberen Mittelpleistozän vor 250.000 Jahren setzte dann nach langer Ruhepause erneut Vulkanismus ein, welcher vorwiegend phonolithische Gesteine zu Tage förderte. Er ist durch explosive, phreatomagmatische und magmatische Auswurfmassen gekennzeichnet. Es bildeten sich pyroklastische Ströme (Block- und Aschenströme), pyroklastische Decken mit Surge-Erscheinungen und zahllose durch phreatische Eruptionen entstandene Krater. Effusiv wurden Lavaströme und Lavadome gebildet.

Eine Besonderheit Bravas ist das Auftreten von intrusiven wie extrusiven Karbonatiten. Intrusiv sind die Karbonatite in der plutonischen Mittleren Einheit anzutreffen; sie besitzen ein jüngeres Alter als vergleichbare Vorkommen auf den benachbarten Inseln Fogo, Santiago und Maio. Extrusiv finden sich jungpleistozäne bis holozäne Karbonatite in der Oberen Einheit und sind für die Kapverden einzigartig.

Es ist davon auszugehen, dass sich die Insel seit dem Seamountstadium aus dem Meer herausgehoben hat, weil sich untermeerisch abgelagerte Hyaloklastiten und Kissenlaven sowie angehobene Strände in bis zu 400 Meter Höhe über dem Meeresspiegel finden. Schätzungen ergeben eine Hebungsrate von 0,2 bis 0,4 Millimeter/Jahr.

Brava wird von vielen Verwerfungen, Seitenverschiebungen und vulkanisch/tektonischen Lineamenten durchzogen, welche die Entwicklung der Insel maßgebend prägten. Die Intrusivgänge der Unteren Einheit sind orthogonal organisiert mit einer vorherrschenden Ost-West-Ausrichtung. Störungen in den beiden oberen Einheiten folgen vorwiegend der Nordnordwest- bis Nordwest-Richtung.

Die räumliche Anordnung der Störungen entspricht mehr oder weniger dem auf der benachbarten Insel Fogo angetroffenen Spannungsfeld. Beide Inseln sowie der Cadamosto-Seamount und die Ilhéus do Rombo sitzen auf demselben Unterbau, der in einer Tiefe von rund 4000 Metern zwischen 500 und 1000 Meter mächtigen marinen Sedimenten aufsitzt. Die Sedimente überlagern ihrerseits ozeanische Kruste aus der Unterkreide, welche bei zirka 5300 Meter Tiefe einsetzt und bis 13 Kilometer Tiefe reicht.

Geschichte Ob Brava vor der Entdeckung durch Europäer von Afrikanern betreten und besiedelt wurde, ist unbekannt, gilt aber als unwahrscheinlich.Luís Batalha: The Cape Verdean Diaspora in Portugal. Colonial Subjects in a Postcolonial World. Lexington Books, Oxford 2004, S. 18. Brava wurde 1462 von Portugiesen erstmals betreten, 1573 ließen sich die ersten Siedler dauerhaft nieder. Zu dieser Zeit war der Höhepunkt des Sklavenhandels in Ribeira Grande (auf der kapverdische Insel Santiago) bereits überschritten, so dass die aus Madeira und dem Minho (Nord-Portugal) stammenden, auf Brava siedelnden Kleinbauern sich nicht mehr daran beteiligten. 1578 landete der englische Seefahrer Francis Drake auf Brava, um eine letzte Station vor der Atlantiküberquerung bei seiner Weltumseglung zu machen, nachdem er auf den anderen kapverdischen Inseln nicht hatte landen können. Sein mitfahrender Neffe Francis Fletcher beschrieb „eine überaus süße und angenehme Insel“, die deshalb „tapfer“ (‚brave‘) genannt werde, weil sie Früchte aller Arten zu jeder Zeit bereithalte, aber keinen Ankerplatz für Schiffe biete. Der einzige Einwohner, den Drake vorfand, war ein Eremit, weshalb er die Insel (fälschlicherweise) für sonst unbewohnt hielt.„a most sweet and pleasant Iland, the trees thereof are alwayes greene and faire to looke on, the soile almost full set with trees, in respect whereof its named the Braue Iland, being a store house of many fruits and commodities, as figges alwayes ripe, cocos, plantons, orenges, limons, cotton, etc. From the bancks into the sea do run in many places the siluer streames of sweet and wholsome water …. But there is no conuenient place or roade for ships, neither any anchoring at all …. The onely inhabitant of this Iland is an Heremit, as we suppose, for we found no other houses but one“. William Sandys Wright Vaux (Hrsg.): The World Encompassed by Sir Francis Drake. Being his next Voyage to that to Nombre de Dios. Hakluyt Society, London 1854, S. 26.

1680 flohen die Bewohner der Nachbarinsel Fogo vor den Lavaströmen des ausbrechenden Vulkans nach Brava und sorgten für eine erstmals umfangreiche Besiedlung der Insel, auf die Großgrundbesitzerfamilien Fogos ihr System der Plantagen exportierten. Diese Familien behielten – teils von Fogo aus mittels feitores steuernd – die Wirtschaft Bravas bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts in der Hand. Trotzdem setzte sich auf Brava auf Dauer nicht die Großbetriebslandwirtschaft einer weißen Elite durch, sondern die Bevölkerung war relativ gemischt und setzte sich vor allem aus Kleinbauern, Hirten, Fischern und Handwerkern zusammen.Luís Batalha: The Cape Verdean Diaspora in Portugal. Colonial Subjects in a Postcolonial World. Lexington Books, Oxford 2004, S. 59 und S. 42, Endnote 21. Im Jahr 1847 wurde auf Brava die erste öffentliche Elementarschule des Archipels eingerichtet, aber auch weiterhin beließ die Kolonialverwaltung die Bildung weitgehend der lokalen Privatinitiative.Luís Batalha: The Cape Verdean Diaspora in Portugal. Colonial Subjects in a Postcolonial World. Lexington Books, Oxford 2004, S. 76.

Die im 17. und 18. Jh. häufig in den Buchten von Brava ankernden Piraten (unter ihnen auch Emanuel Wynne, der als Erster den Jolly Roger gehisst haben soll) wurden im frühen 19. Jh. von Walfangschiffen aus Europa und den USA abgelöst, die in Brava Halt machten und sich mit Wasser und Nahrung versorgten. Bei den noch unter Segeln fahrenden Walschonern der USA heuerten junge Männer aus Brava insbesondere als Harpuniere an und bildeten dadurch die Speerspitze einer fast zwei Jahrhunderte anhaltenden Emigration an die amerikanische Ostküste, insbesondere in die alten Walfanghäfen Boston, Providence und New Bedford. Der erste US-Emigrant Kapverdes war ein José da Silva, der 1794 in Brava geboren und 1824 amerikanischer Staatsbürger wurde.Luís Batalha: The Cape Verdean Diaspora in Portugal. Colonial Subjects in a Postcolonial World. Lexington Books, Oxford 2004, S. 36. Die kapverdischen Einwanderer in Neuengland wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch „Bravas“ genannt;Deirdre Meintel: Cape Verdean Transnationalism, Old and New. In: Anthropologica. , Bd. 44, 2002, S. 25–42, hier S. 30. bis heute stammen die meisten Mitglieder der kapverdischen Diaspora in den Vereinigten Staaten aus Brava und Fogo, während die Emigranten der anderen Inseln eher andere Zielländer aufgesucht haben. Ein Bericht der portugiesischen Verwaltung von 1876 spricht von hundert Personen, die Brava jedes Jahr in Richtung USA verließen.Luís Batalha: The Cape Verdean Diaspora in Portugal. Colonial Subjects in a Postcolonial World. Lexington Books, Oxford 2004, S. 39.